Ich doch nicht!
Von Tania Konnerth • 9 Kommentare
Sehr häufig sagen wir Sätze wie z.B.
- “Nicht dass ich etwas gegen Frau Ludwig habe…” oder
- “Ich will ja gar nichts gegen die Partei xyz sagen…” oder
- “Ich bin ja auch gar nicht sauer, weil…”
Diese “Ich doch nicht”-Sätze sind sehr spannend! Da wird ganz ausdrücklich etwas weit von sich gewiesen – man hat wirklich gar nichts gegen eine bestimmte Person, gegen eine Gruppe, gegen Ausländer oder gegen Frauen am Steuer und man ist auf gar keinen Fall sauer, verletzt, beleidigt usw…
Ich bin inzwischen sehr hellhörig geworden was solche Aussagen bei anderen, aber vor allem auch bei mir selbst angeht. Sehr häufig scheint nämlich genau das, was wir mit einer großen Geste von uns weisen, exakt auf uns zuzutreffen.
“Ich will mich ja nicht beschweren, aber Ihre Kinder sind ganz schön laut.” – Ist das nicht ein Satz, der eigentlich sehr deutlich macht, dass es dieser Person genau darum, geht, sich über die Kinder zu beschweren?
“Nicht dass ich dir Schuldgefühle machen möchte, aber du bist ja gar nicht mehr Zuhause.” – Dient diese Aussage nicht gerade dazu, dem anderen ein schlechtes Gewissen zu machen – und mehr noch: ist das nicht vielleicht genau die Absicht des Gesagten?
Obwohl wir das alle natürlich gar nicht nötig haben, könnte jeder unserer “Ich doch nicht…”-Sätze ab sofort eine gute Möglichkeit sein, sich selbst immer besser kennen zu lernen.
Achten Sie doch einfach mal darauf, wenn Sie das nächste Mal wieder etwas ganz weit von sich weisen – trifft genau das nicht vielleicht gerade den Nagel auf den Kopf?





Es ist schon merkwürdig, wie Dinge tagtäglich sprachlich formuliert werden, obwohl wir etwas anderes als das Gesagte meinen bzw. unterschwellig damit ausdrücken wollen.
Der Umgang mit Sprache ist heute derart gestaltet, das Direktheit möglichst vermieden wird.
Was mögen das für Gründe sein, die das scheinbar Einfache durch wortreiche Formulierungen versuchen zu relativieren bzw. zu negieren?
Befürchten wir, unhöflich oder nicht verständnisvoll zu sein?
Wenn ein Kind zu laut ist, ist es zu laut. Mann sollte es auch so benennen, denn auch Kinder stehen sozusagen nicht unter Naturschutz.
Oder fürchtet man unberechtigte Forderungen zu stellen?
Wenn jemand immer weniger Zuhause ist, ist das ein dringendes Gesprächsthema und man sollte dabei nicht mit Schuldgefühlen operieren, sondern deutlich machen welche Konsequenzen dieses Verhalten nach sich zieht.
Öffentlich etwas gegen Ausländer zu sagen ist schwierig. Dabei sind manche Ausländer genau sowenig Engel, wie andere Mitbürger auch. Warum nicht die Dinge beim Namen nennen?
Eine gewisse Direktheit mag Menschen zunächst irritieren oder verblüffen, sie hat aber den Vorteil Missverständnissen vorzubeugen.
Viele Verstimmungen resultieren daraus, dass das was Menschen sagen, von anderen falsch gedeutet wird oder gedeutet werden kann. Es wäre sicherlich hilfreich und ein interessantes Experiment einmal das Gesagte eines kompletten Tages aufzuzeichnen und es solche Potentiale hin zu analysieren.
Am misstrauischten werde ich wenn ein Schweizer zu mir sagt "ich will dir ja nur helfen". Ich bekomme da richtig schweissnasse Hände. Weil ich weiss das bedeutet "ich will dich vernichten". Ich gehe da auch in der Untersuchung der Kommunikation viel weiter. Wenn ich bei einer Aussage ein kommisches Gefühl habe, verkehre ich sie gedanklich ins Gegenteil. Also "ich meine es nicht böse" in "ich meine es
böse" "du kannst es mir ruhig sagen wenn dich was stört" in "wage es ja nicht". Richtig lachen muss ich aber wenn ein Vorgesetzter sagt das man ihn ruhig kritisieren soll. Als Vorgesetzte ist Kritik durch Mitarbeiter anzunehmen mein Job und selbstverständlich, nur allein das ich es erwähne sagt schon aus das ich damit ein Problem habe.
Nur so nebenbei ich lebe in Zürich...
Viel Spass beim Sachen verdrehen
Liebe Frau Konnerth, vielen Dank für Ihren Artikel. Wenn ich das lesen, wird mir wieder klar, wie neurotisch unsere Zeit doch ist!
Ich will es ja nicht übertreiben ... - aber eigentlich ist es schon ein kleines Wunder, dass sich manche Menschen überhaupt noch verstehen.
Hallo ihr lieben alle,
ich wünsche euch bunte Ostertage!
zu dem Thema sage ich nur: Hüte deinen Wortschatz!
herzlich Monika
Das ist genua richtig! Stimme ich zu.
Was auch witzig ist: eine Kollegin (wie andere auch) sagt manchmal "$Aussage$, da bin ich ganz ehrlich" Also besipielsweise "Ich kann mit dem nichts anfangen, da bin ich ganz ehrlich"
Hmm - entweder gelogen oder sie lügt sonst immer :-)warum muss man sonst betonen, das man nun ehrlich sei??
@Harald:
Vielleicht weil sie sonst immer lügt :0)
Mein ehemaliger Kollege aus England sagte manchmal, wenn er richtig sauer war: O. K., Gerd, to be honest, ...
Ich fragte dann, ob er sonst nicht "honest" ist. Dann kam er erst richtig in Fahrt ... - aber ab dann wurde es ehrlich.
Geht doch :o))
Schönen Ostermontag.
BINGO. Ich will mich ja nicht beschweren... aber ... und schon tut man genau das. Der Einleitungssatz signalisiert wahrscheinlich: ich vermute, dass es politisch unkorrekt ist, sich zu beschweren oder dass es negative Folgen für mich hat. DAS will ich nicht. Aber beschweren möchte ich mich trotzdem... Vertrackte Sache.
Genau hinhören und mal überlegen oder nachfragen, warum sich Leute diese Einleitungssätze benutzen. Kann sehr leicht in Streit ausufern, aber es birgt die Chance, einer ehrlichen Kommunikation näher zu kommen...
Ich kann allen das Buch "Gewaltfreie Kommunikation" von Rosenberg empfehlen. Das dürfte Dingen wie "Ich-doch-nicht-Sätzen" abhelfen.