Ja zu sich zu sagen und sich weiter zu entwickeln ist kein Widerspruch

Tania hat vor zwei Wochen einen wunderbaren Text zum Thema “Sich selbst annehmen” geschrieben. In diesem Text ging es darum, dass “sich ändern” oft nicht die Lösung für unsere Probleme ist und dass es oft viel heilsamer sein kann, sich selbst anzunehmen, wie man ist und sich selbst besser zu verstehen.

Und ich stimme Tania da voll zu. Sich selbst so anzunehmen, wie man ist, das ist auch für mich einer der wichtigsten Schritte auf meinem Entwicklungsweg.

Oder wie mein Comic-Freund Popeye immer so schön gesagt hat:

“Ich bin, was ich bin und das ist es, was ich bin”

Eine große Frage, die beim Thema “sich selbst annehmen” aber immer in der Luft liegt, ist:

“Wenn ich mich selbst annehme, höre ich dann nicht auf mich weiterzuentwickeln?” oder “Brauche ich nicht eine gewisse Unzufriedenheit mit mir selbst, um als Mensch zu wachsen?”

Steht aber wirklich auf der einen Seite das “Sich selbst annehmen” und auf der anderen Lernen, Wachstum und Weiterentwicklung? Ist das ein Entweder-Oder? Ist das ein Widerspruch?

Meine Meinung dazu: ganz klar “Nein”. Zum einen, weil durch das “Sich annehmen” und die damit verbundene innere Heilung selbst schon persönliches Wachstum stattfindet. Zum anderen, weil wir durch das “Uns selbst annehmen” mit dem inneren Krieg aufhören, der viel unserer Kraft frisst. Und diese Energie wird dann plötzlich frei und wir können diese Kraft nutzen, um uns weiter zu entwickeln und als Menschen zu wachsen. Nicht weil wir denken, wir müssten oder wir sollten. Sondern weil wir es wollen.

Ich persönlich habe in den letzten 15 Jahren viel und hart an mir gearbeitet, um mich selbst Schritt für Schritt besser anzunehmen. Und heute kann ich immer öfter zu mir sagen:

“Weißt du Ralf, du bist bestimmt nicht perfekt. Du hast Schwächen und Stärken wie jeder andere auch, aber du bist auf deine ganz eigene Art und Weise genau so richtig, wie du bist.”

Und ich bin aber auch jemand, der Spaß daran hat, sich Ziele zu setzen und diese zu verfolgen. Ich möchte gerne ein schönes Leben führen, mir selbst aussuchen, wann und mit wem ich arbeite und selbst bestimmen, wie ich meine Zeit nutze. Deswegen setze ich mir Ziele und arbeite daran, diese Ziele zu verwirklichen.

Auf dem Weg zu einem Ziel finde ich natürlich manchmal Engpässe, die im eigenen Verhalten, den eigenen Glaubenssätzen oder den eigenen Gefühlsmustern liegen. Und wenn ich das Ziel erreichen will, ist es notwendig, diese Engpässe zu überwinden und an mir zu arbeiten.

Ich sehe das dann aber eher neutral und wertfrei. Wenn ich mein Ziel erreichen will, dann ist es einfach notwendig, dass ich als Mensch über mich hinauswachse und mich entwickele. Das hat nichts mit meinem Wert als Mensch zu tun. Ich bin deswegen nicht ungenügend oder falsch. Ich kann einfach etwas Bestimmtes noch nicht. Oder meine alten Verhaltens- oder Denkweisen sind einfach nicht nützlich, wenn ich das Ziel erreichen will. Und dann kann ich mich entscheiden, ob mir es das Ziel wert ist, mich selbst deswegen zu ändern.

An dieser Stelle hilft es mir, dass ich mich selbst so nehmen kann, wie ich bin. Die Selbstannahme ist nicht nur in sich schon persönliches Wachstum, sondern sie legt auch ein Fundament für Weiterentwicklung, ohne sich dabei selbst ständig fertig zu machen.

Ja zu sich zu sagen und sich weiterzuentwickeln muss also kein Widerspruch sein. Aber Weiterentwicklung wird viel einfacher, wenn Sie es gelernt haben, sich zu akzeptieren, wie Sie sind. Deswegen macht es für mich viel Sinn zu lernen, immer öfter und öfter Ja zu sich selbst und zur eigenen Unvollkommenheit zu sagen.

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Kommentare

Julia schreibt am 15. Juni 2008

Für mich persönlich heißt es:

“sich annehmen, um sich weiterentwickeln zu können”

Seitdem ich zu dieser Einsicht gekommen bin, passieren viele Dinge viel einfacher und leichter – und mir geht es besser damit. Der Kampf und die Selbstabwertung fehlen mir nicht…

Dazu fällt mir auch dieser Spruch ein:

“Erkennen, nicht tadeln, ändern.”

AYYA Khema

Viele Grüße!

Susanne schreibt am 15. Juni 2008

Ich empfinde genau das als eine der größten Herausforderungen: zu wissen, wo es für mich hilfreich ist, mich anzunehmen und wo es hilfreich ist, etwas zu verändern.

Hilfreich und notwendig ist es, mich als Person anzunehmen – mit allen Stärken und Schwächen. Viele “Probleme” entstehen nicht deshalb, weil ich so bin wie ich bin, sondern aufgrund meiner Einstellung gegenüber den Dingen, aus meinen Bewertungen und Interpretationen. Hier wiederum ist es hilfreich, die eigene Sichtweise gegenüber den Dingen/Situationen zu verändern. Das wiederum funktioniert nur, wenn ich mich selbst annehme, also mich “o.k.” finde.

Manchmal kann man dabei schon ganz schön durcheinander kommen… ;-)

Schöne Grüße

Gabi schreibt am 15. Juni 2008

Für mich zählt der Spruch von Cecilie Unterkirchner seit längerem:

“Glaube ab Wunder, Liebe und Glück schaue nach vorne und nicht zurück tu das was Du willst und steh dazu debb dieses Leben lebst nur Du.”

Niko schreibt am 15. Juni 2008

Immer wieder stolpere ich über die Aussage, daß man/frau sich zuerst lieben müsse bzw. zu lieben lernen müsse, um andere lieben zu können. Und mich selbst lieben zu lernen, geht ja in die gleiche Richtung!

Niko schreibt am 15. Juni 2008

PS: Bei der Selbstliebe entdecke ich auch, daß das Hinterlegen der eigenen Website dem Leser anscheinend nicht mehr angezeigt wird, bzw. der Name nicht mehr unterlegt, also nicht mehr verlinkt ist. So, so, Ralf filtert :-)

freundin schreibt am 16. Juni 2008

Hallo,
ich finde den Text von Ralf Sanftleben hat das Thema voll auf den Punkt getroffen.
Dem habe ich nichts weiter hinzuzufügen.
Gruß und eine schöne Woche.

Bianca schreibt am 16. Juni 2008

Hallo,

das Thema kam genau zur rechten Zeit.
Kurz bevor Tanja darüber schrieb, hatte ich mich gefragt, warum ich so unzufrienden und hatte gleich die Antwort. Sich selbst akzeptieren, sich annehmen. Als ich dann ihren Bericht gelesen hatte, fühlte ich mich gleich bestätigt. Vieles wird hier geschrieben, auch von Ralf, … ihr beide sprecht mir sehr häufig aus der Seele.

Ich bin dabei an mir zu arbeiten, damit ich endlich mal zufrieden durchs Leben gehen kann.

Macht weiter so.
Ich glaube, ihr helft wirklich sehr vielen Menschen mit euren Beiträgen.

Viele Grüße
Bianca

Thomas schreibt am 16. Juni 2008

Ich finde die Beiträge von zeitzuleben sehr hilfreich. Besonders die Möglichkeit der Kommentierung, Fragen stellen und eigne Erfahrungen mit einbringen, runden das ganze sehr gut ab.

Thomas

Karl-Heinz schreibt am 16. Juni 2008

Ja, sich selbst annehmen ist für mich der Grundstein für mein Leben geworden. Lange Zeit habe ich mit mir, meinem Aussehen, meinen Neigungen, meinen Wünschen und sosein gehadert und hatte oft Scham- und Schuldgefühle.
Seit ich aber von der unendlichen Liebe Gottes zu Seinen Kindern gehört habe und angefangen habe, daran zu glauben und mein Herz dafür zu öffnen, hat sich mein Leben und meine Einstellung zum Leben und zu mir selbst und meinen Mitmenschen allmählich immer mehr zum Positiven gewandelt.

Und es wandelt sich täglich weiter und weiter, indem ich mich darin übe, immer wieder positive, lichte, liebevolle und aufbauende Gedanken zu denken und wachsam zu sein, um alte, negative Gedankenmuster zu erkennen und sie einfach Gott zur Umwandlung zu übergeben. Und das funktioniert immer besser und immer leichter.

So möchte ich jedem Mut machen, es einfach mal mit Gott in einem einfachen, innigen Gebet auszuprobieren, und Ihn zu bitten, dass Er in unser Leben kommen möge und uns Seine tiefe Liebe für uns spüren läßt und uns zeigt, wie wir liebende Wesen werden können.

Hier noch ein Gedicht, das mir immer wieder in den Sinn kommt, und mir den Weg aufzeigt:

Sag ja zu dir, so wie du bist

Sag ja zu, so wie du bist.
Nur wer barmherzig ist mit sich,
ist’s auch zum andern neben sich.
Gott will, dass du Ihn liebst wie dich.

Sei gut zu dir und nimm dich an.
Nur wer sich selber lieben kann,
liebt auch den andern neben sich.
Gott will, dass du Ihn liebst wie dich.

Erkenne dich und deinen Wert.
Nur wer die eignen Gaben ehrt,
ehrt auch den anderen neben sich.
Gott will, dass du Ihn liebst wie dich.

Vergib dir Fehler und Fragment.
Nur wer die eignen Schwächen kennt,
vergibt dem andern neben sich.
Gott will, dass du Ihn liebst wie dich.

Gott nimmt dich an und ist dir gut.
Gib weiter, was er Gutes tut,
an deinen Nächsten neben dir.
Dann wird aus Ich und Du ein Wir.

Eva schreibt am 16. Juni 2008

Genau das ist es:
Erst als ich mich selbst akzeptieren konnte mit allen meinen Facetten, konnte ich mich auch weiter entwickeln.
Mich selbst akzeptieren heißt für mich auch, mit mir selbst achtsam umgehen.
Erst letzte Woche sagte meine Freundin zu mir:
“Du hast dich im letzten halben Jahr sehr verändert und eine ganz neue Ausstrahlung.”
Ich gebe ihr recht. Ich fühle mich jetzt viel freier und was mir auch sehr wichtig ist, ich kann die Menschen im meinem Umfeld viel besser akzeptieren und bin viel toleranter als früher.
Natürlich war das keine Entwicklung von heute auf morgen und auch nicht von einem halben Jahr. Aber dieses letzte halbe Jahr habe ich noch einige größere Schritte vollzogen, die sich schon seit längerem angebahnt hatten.
Mein Lebensmotto lautet:
Ich will meine eigenen Fußspuren hinterlassen

In diesem Sinne Ralf und Tania, macht bitte weiter so, ihr beide seid eine unerschöpfliche Quelle und dafür vielen herzlichen Dank
Evi

Niko schreibt am 17. Juni 2008

In dem Buch: Die 7 AHAs erleuchteter Menschen von Mike George lautet der Punkt 5 folgendermaßen, in Stichworten zusammengefasst:
alles akzeptieren, auch mich selbst. Leisten Sie niemals Widerstand, weil das, wogegen sie sich auflehnen, dadurch nur stärker wird und der Kampf umso länger dauert. Akzeptanz. Ich bin identisch mit meinen Gewohnheiten; dadurch kann ich neue positive Denk- und Verhaltensmuster aufbauen. Gefühle beobachten, Studium der alten Meister und Meditation.

Passt ganz schön in diesen Kontext.
Gruß aus München,
Niko

Esther Verhouc schreibt am 17. Juni 2008

Ich bin immer wieder überrascht, wie die Themen mich ganz aktuell betreffen. Ich habe eigentlich erst die letzten Monate wirkllich realisiert, dass ich nicht JA zu mir selbst sage und was diese Worte für eine eigentliceh Bedeutung haben. So abgeschnitten war ich. Dieses sich selbst-ständig-fertig-machen kenne ich nur allzugut. Immer muss alles perfekt sein, ich musste perfekt sein. In ganz kleinen Schritten bewege ich mich seitdem darauf zu, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Und es entwickeln sich erstaunliche Dinge. Ich freue mich jede Woche aufs Neue auf den tollen Newsletter. Er bereichert mich jedes Mal und hebt meinen Energielevel auf angenehme und inspirierende Weise an.
DANKE DAFÜR!!

mahnaz khodakarami schreibt am 17. Juni 2008

Hallo , ich finde den Text von Ralf hervorragend und ich glaube auch , wenn man sich liebt , dann kann man die anderen auch lieben .und wie Schröder sagte :”Nur ohne Liebe wäre die Welt gering ” .
Vielen Dank und schöne Grüße
aus Iran – Teheran

lilifee schreibt am 1. September 2008

ich möchte zu diesem artikel einen text von Virginia Satir
zitieren.
er ist etwas länger,aber es lohnt sich ,sich die mühe zu machen ihn zu lesen.

Ich bin ich
Auf der ganzen Welt gibt es niemanden wie mich.
Es gibt Menschen, die mir in vielem gleichen,
aber niemand gleicht mir aufs Haar.
Deshalb ist alles, was von mir kommt,
mein Eigenes,
weil ich mich dazu entschlossen habe.
Alles, was mit mir zu tun hat, gehört zu mir.
Mein Körper, mit allem was er tut,
mein Kopf, mit allen Gedanken und Ideen,
meine Augen, mit allen Bildern, die sie erblicken,
meine Gefühle, gleich welcher Art –
Ärger, Freude, Frustration, Liebe, Enttäuschung,
Begeisterung.
Mein Mund und alle Worte, die aus ihm kommen,
höflich, lieb oder schroff, richtig oder falsch.
Meine Stimme, laut oder leise,
und alles, was ich mir selbst oder anderen tue.
Mir gehören meine Phantasien,
meine Träume, meine Hoffnungen, meine Befürchtungen,
mir gehören all meine Siege und Erfolge
und all meine Niederlagen und Fehler.
Weil ich mir ganz gehöre,
kann ich mich näher mit mir vertraut machen.
Dadurch kann ich mich lieben
und alles, was zu mir gehört, freundlich betrachten.
Damit ist es mir möglich,
mich voll zu entfalten.
Ich weiß, daß es einiges an mir gibt,
das mich verwirrt, und manches,
das ich noch gar nicht kenne.
Aber solange ich freundlich und liebevoll mit mir umgehe,
kann ich mutig und hoffnungsvoll
nach Lösungen für Unklarheiten schauen
und Wege suchen,
mehr über mich selbst zu erfahren.
Wie auch immer ich aussehe und mich anhöre,
was ich sage und tue,
was ich denke und fühle,
immer bin ich es.
Es hat seine Berechtigung,
weil es ein Ausdruck dessen ist,
wie es mir im Moment gerade geht.
Wenn ich später zurückschaue,
wie ich ausgesehen und mich angehört habe,
was ich gesagt und getan habe,
wie ich gedacht und gefühlt habe,
kann es sein,
daß sich einiges davon als unpassend herausstellt.
Ich kann das, was unpassend ist, ablegen
und das, was sich als passend erwiesen hat, beibehalten
und etwas Neues erfinden für das,
was ich abgelegt habe.
Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, sprechen und
handeln.
Ich besitze die Werkzeuge, die ich zum Überleben
brauche,
mit denen ich Nähe zu anderen herstellen
und mich schöpferisch ausdrücken kann,
und die mir helfen,
einen Sinn und eine Ordnung
in der Welt der Menschen und der Dinge
um mich herum zu finden.
Ich gehöre mir
und deshalb kann ich aus mir etwas machen.
Ich bin ich
und so, wie ich bin, bin ich ganz in Ordnung.

Tanja schreibt am 10. Februar 2009

“Wenn ich mich selbst annehme, höre ich dann nicht auf mich weiterzuentwickeln?” oder “Brauche ich nicht eine gewisse Unzufriedenheit mit mir selbst, um als Mensch zu wachsen?”

Ich denke, was es braucht ist eine spiegelnde Umwelt und eine realistische Sicht auf sich selbst. Wenn ich an mir Schwächen entdecke, dann ist es ein Zeichen der Reife, damit ohne Bewertung umzugehen, es anzunehmen und daran zu arbeiten. Sich selbst zu verurteilen, sich quasi selbst zu bestrafen, ist auf dem Weg gar nicht angemessen.

Warum Selbstkritik, sich selbst Abwerten oder Aberkennen so tief in uns verwurzelt ist, liegt zum einen an unserer Gesellschaft, in der es immernoch moralisch nicht in Ordnung ist, seine eigenen Leistungen selbst anzuerkennen (Eigenlob stinkt). Zum anderen kommen diese Verhaltensweisen aus dem nächsten Umfeld. Eltern, die wenig loben und anerkennen oder z.B. Geschwister, die bevorzugt werden, schwächen das positive Selbstbild.

Dehalb ist persönliches Wachstum ganz eng verknüpft mit Selbstakzeptanz. Wenn ich mich selbst als das annehme, was ich bin, Schwächen als Schwächen erkenne und sie als Potential zum Wachstum ansehen kann, bin ich auf einem guten Weg. Aber das geht kaum ohne eine Umwelt, die mir dabei hilft, mich realistisch zu erkennen.