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Gar nicht erst probieren?

Von Tania Konnerth9 Kommentare

Ich beobachte mich immer wieder selbst gerne aus einem gewissen Abstand heraus und da fällt mir hin und wieder höchst Interessantes auf. So habe ich z.B. erkannt, dass ich auf Anregungen von außen manchmal wie folgt reagiere: Ich finde hundert gute Gründe, warum genau dieser Vorschlag überhaupt nicht funktionieren kann, für mich nicht und überhaupt. Ich investiere also viel Energie darin, die Idee weit, weit von mir zu weisen und sie so unattraktiv zu machen, dass ich sie auf keinen Fall ausprobieren werde und möglichst auch noch erreiche, dass die Person das nie wieder vorschlägt.

Spannend, oder?

Was könnte dahinter stecken? Habe ich wirklich vom Erzählen erfassen können, dass der Vorschlag auf keinen Fall etwas für mich sein kann? Oder könnten hier vielleicht perfidere Mechanismen arbeiten? Könnte es z.B. sein, dass ich vor allem auf solche Vorschläge so reagiere, die für mich besonders geeignet wären? Dass sie gerade durch ihr Wirkungspotential so bedrohlich sind, dass ich sie im Vorfeld vernichten muss?

Auch wenn wir vom Kopf her sagen, dass wir uns verändern möchten, so arbeiten in uns viele Prozesse gegen Veränderungen. Das System so zu erhalten, wie es ist, bedeutet Sicherheit, selbst dann, wenn es uns gar nicht gut tut wie wir sind. Das ist paradox und auch recht schwer zu begreifen, denn eigentlich sollte man annehmen, dass wir genau nach dem, was uns verändern – sprich: helfen! – könnte, greifen. Aber, wie so oft, ist es in der Praxis häufig genau anders herum.

Ich bin inzwischen sehr hellhörig geworden, wenn ich mich dabei erwische, wie ich voller Energie gegen einen Vorschlag oder eine Anregung anrede. Ich mache mir dann eine innere Notiz, um später noch einmal ganz in Ruhe über die Sache nachzudenken.

  1. Andrea schreibt am 22. Februar 2009 um 10:51

    Hallo!
    Ich kenne diesen Mechanismus lieber in sicherem Terrain zu bleiben auch sehr gut.
    Ich bin schon fast Meisterin darin, alles abzublocken, was mich aus meinem bewährten Sicherheits-System locken könnte.
    Bei mir läuft der Mechanismus meist so ab: anfangs reagiere ich gar nicht so ablehnend auf einen neuen Impuls oder ziehe viele Möglichkeiten in Betracht, wie ich mit einer Situation oder Sache umgehen könnte.
    Ich denke: "Ja, das probierst du jetzt endlich mal aus!" Im nächsten Schritt überwiegen aber folgende Gedanken: "Das schaffst du doch nicht, das kannst du nicht durchhalten, das ist nichts für dich, dazu bist du viel zu ängstlich/zu ungeübt/zu unbegabt..."
    Die Angst ist meist größer als die Motivation zum Handeln oder die Sehnsucht nach Veränderung oder als der Glaube, dass ich etwas schaffen kann.
    Mein System will einen Beweis oder eine Bestätigung dafür haben, dass ein neuer Impuls oder eine neue Handlung bei mir nicht funtkionieren kann.
    Mit meinem Denken schaffe ich das dann auch.
    Ich weiss mittlerweile, dass der Haken an der Schwelle zwischen Denken und Handeln liegt.
    Aber obwohl mir das bewusst ist, komme ich aus dieser Spirale einfach nicht heraus.
    Daher schlägt auch mein Versuch fehl, bei eurer Switch-Aktion mitzumachen.
    Mir fehlen der Glaube und die Willenskraft meinen Verstand überzeugen zu können, meine negative Gedankenspirale durchbrechen zu können!
    Zuguterletzt bin ich immer sehr gefrustet über mein Jammern und mein Verhalten. Es muss ganz schlimm werden, bis ich wirklich etwas unternehme.
    Mein größter Wunsch wäre, die Kraft zu entwickeln, das Fühlen der Angst aushalten zu können und trotzdem Schritte zu gehen und die enorme Kraft der Gedankenspirale eines Tages durchbrechen zu können.

  2. Griet schreibt am 22. Februar 2009 um 12:20

    Ja, das kenne ich auch genauso! Es ist fast wie eine Trotzreaktion. Ich konnte im Moment des Vorschlags ja noch gar nicht ausreichend drüber nachdenken, finde aber tausend ABERs. Ich glaube, das hängt auch ein bisschen mit dem Thema "Auch Ratschläge sind Schläge". Ich reagiere nämlich meistens so, wenn die Anregung ungefragt kommt. Wenn ich direkt um Tipps oder Hilfe bitte, gehe ich ganz anders mit der Anregung um, erwäge sie viel mehr, mache vielleicht noch die eine oder andere Veränderung daran, wenn sie nicht ganz passt. Aber auf jeden Fall lasse ich mich erstmal darauf ein. Im anderen Fall (ungefragt) fühle ich mich manchmal auch einfach nur bevormundet. Und die Angst vor der Veränderung ist tatsächlich auch nicht zu vernachlässigen...

  3. Günther schreibt am 23. Februar 2009 um 09:57

    Hallo!
    Auf Anregungen von außen reagiere ich oft erstmal so, dass ich Nein sage.
    Im Laufe der Zeit habe ich jedoch herausgefunden, dass ich nicht wirklich Nein meine, sondern dass ich mir damit etwas "Luft"=Zeit verschaffen will, um in Ruhe darüber nachdenken zu können. Und das Ergebnis ist sehr oft so, dass ich dann Ja sage. Dass ich mit meinem Verhalten (erst Nein, dann vielleicht doch Ja) nicht immer auf Zustimmung stoße, ist mir auch klar. Leider ist es aber so, dass ich - trotz besseren Wissens - jetzt (statt mit Nein) immer anders reagiere, nämlich mich zunächst für die Anregung bedanke und um Bedenkzeit bitte. Damit würde ich den anderen anerkennen, seine Anregung wertschätzen und könnte dann später immer noch Nein sagen, wenn ich es dann wirklich auch so meine. Doch ich lerne weiter... und es klappt immer öfters (lächeln).

  4. Sabyne schreibt am 24. Februar 2009 um 12:50

    Hallo zusammen
    Mir geht es leider genauso wie Euch. Die Angst, zu versagen und sich lächerlich zu machen, überwiegt, so daß ich auch von vorne herein abblocke. Bei mir kommt auch eine gewisse Trotzreaktion ins Spiel. Meine Familie ist sehr dominant und ich fühle mich auch jedesmal bevormundet, wenn mir jemand ungefragt einen Tipp gib. Es ist schwer, daß abzustellen. Wir werden wohl unser ganzes Leben daran arbeiten müssen. Doch die Mail von Günther macht mir Mut, es auch zu schaffen. Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel.

  5. Marion schreibt am 24. Februar 2009 um 14:34

    Hallo,
    also ich muss gestehen, dass ich dieses Verhalten von mir auch kenne.
    Ich glaube, dass liegt daran, weil solche Anregungnen oft als verseckte Kritik wargenommen werden (zumindest ist das bei mir so). Wenn eine Freundin mir Vorschlägt mit ihr zum Wasserradfahren zu gehen, denke ich sofort "Ja toll, jetzt glaubt sogar die schon, dass ich wieder zugenommen habe".
    Also habe ich sofort abgelehnt um zu siganlisieren, dass ich zufrieden bin so wie ich bin (was ehrlich gesagt vielleicht nicht ganz so stimmt).
    Weiss aber auch nicht, wie ich aus diesem Verhaltensmuster rauskommen soll.

  6. Achim schreibt am 26. Februar 2009 um 01:43

    Hallo,

    als ich Guenther's Kommentar las, habe ich mich im Spiegel gesehen. Oft sage ich zuerst nein, obwohl ich Sekundenbruchteile spaeter mir zugestehen muss, dass ein Ja eigentlich faellig gewesen waere. Umgehen mit der Angst - fuer mich taeglich immer wieder eine neue Herausforderung. Danke fuer Eure Kommentare und danke an die Redaktion fuer dieses Thema.

  7. Christiane schreibt am 26. Februar 2009 um 09:36

    Mir geht es nicht so - vermutlich, weil ich Vorschläge grundsätzlich erstmal anhöre, nachfrage, und mir dabei bewusst bin, dass ich sowieso nicht gefordert bin, alles gleich zu entscheiden. Erstmal drüber nachdenken, wenn es was Wichtiges ist, drüber schlafen - das ist mir so selbstverständlich, dass mich Vorschläge gar nicht in die Defensive bringen.

  8. Michael M. schreibt am 27. Februar 2009 um 02:28

    Das stimmt! Der Status Quo wird so gut es geht erhalten, auch wenn er uns mehr schadet als hilft. Doch geschieht es alles in unserem Kopf - also können wir diese Gedankengänge auch erkennen und gegensteuern, was gar nicht so schwer ist.

    Dabei hilft die Taktik von Christiane über mir auch ungemein! Wenn wir Abstand nehmen und ohne Zeitdruck darüber nachdenken, wie wir vorgehen wollen, erblicken wir in den Vorschlägen oft "versteckte" Möglichkeiten oder neue Facetten.

  9. Pressebiene schreibt am 18. März 2009 um 15:22

    Hallo,

    also ich kenne diesen Mechanismus auch sehr gut. So sehr gut, dass ich auch erkannt habe, dass er mir so viele tausende Sachen und Momente im meinem Leben verdorben oder gar nicht erst erlaubt hat. Und als mir das vor Kurzem einmal so richtig bewusst wurde, was da genau passiert, da war ich so wütend ... über mich, über diesen Angst-Kaputtmacher-Mechanismus ...
    ... und das habe ich mir und ihm versprochen: Den Kampf kann ich dir wohl nicht ansagen, weil du ja so ein fieses penetrantes Etwas bist ... wie Kaugummi an der Schuhsohle (oh ja, ich war richtig gemein, nicht so sanftmütig, wie es einem immer empfohlen wird!!!) ...
    ... dann umgehe ich dich einfach, frage dich nicht mehr, beachte dich nicht mehr, lasse dich links liegen ... und gucke um dich herum, an dir vorbei und hinter dir scheint die Sonne ...
    Okay, das war ein reines Einzelgespräch mit mir über mich und völlig alleine. Ich musste dabei richtig laut selbst über mich lachen ...
    Und soll ich euch mal etwas sagen??? Noch verrückter ist, dass genau DAS funktioniert hat. Irre, einfach klasse.
    Über Jahre hat mich diese Angst, Abwehr wie man es auch nennen mag quasi einkaserniert und dann poltere ich in meiner Verzweiflung in einer lächerlichen Form und Weise ... mit dem Problem ...
    Natürlich war dieses lasche Jux-Selbsttgespräch ein Anfang von vielen rebellischen Gedanken, die ich mir dann über mich machen musste. Und natürlich ist es ein großer Prozess, an dem man eigentlich ständig arbeiten kann, aber ganz ehrlich: Das war der Wahnsinns-Auslöser für einen ganz neuen Abschnitt für mich.
    Ein wunderbares Gefühl, leider aus der Verzweiflung geboren, aber dann ... bergauf, sach ich euch ...:-)
    Lieben Gruß
    Pressebiene
    Okay,