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Gebrabbel in der Birne

Von Ralf Senftleben4 Kommentare

Es ist selten still in unserem Kopf. Der Raum zwischen unseren Ohren produziert ständig Gedanken, Meinungen, Fragen, Bewertungen, Voraussagen oder Ursachen-Analysen.

Unser Kopf brabbelt ständig vor sich hin. Ist ja auch richtig so, denn Denken ist ja schließlich seine Aufgabe. Und ohne unsere Fähigkeit zu denken, würden wir als Spezies wahrscheinlich immer noch auf den Bäumen hocken und hätten keine Aspirin und kein Internet.

Unser Denken ist also eine wunderbare und nützliche Sache, … zumindest so lange man seine Gedanken nicht mit der Wirklichkeit verwechselt.

Was meine ich damit? Dazu ein Beispiel:

Wenn ich heute meinen Job verliere, dann denke ich vielleicht: “So eine Sch*! Das ist die absolute Katastrophe, das ist das Ende.” Und wenn ich 3 Monate später einen neuen, viel besseren Job finde, dann denke ich vielleicht: “War das ein Glück, dass die mir gekündigt haben!” Dann ist aus der Katastrophe von vor zwei Monaten ein Glücksfall geworden, weil ich mich sonst nie für meinen Traumjob beworben hätte.

Heute denke ich “Katastrophe!”, morgen denke ich “Glücksfall!”. Und wenn sich der Traumjob nach 6 Monaten als fade rausstellt, denke ich wieder etwas anderes, vielleicht: “Toll, durch die Kündigung bin ich vom Regen in die Traufe gekommen.”

Zu 3 verschiedenen Zeitpunkten denke ich 3 verschiedene Dinge über meine Kündigung. Und keine der 3 Möglichkeiten ist wirklicher als die andere. Und doch tun wir im jeweiligen Augenblick oft so, als ob unsere Gedanken tatsächlich unwiderruflich wahr wären.

Das schafft eine Menge Probleme. Und ich rede hier noch nicht einmal von den Extremfällen, wie zum Beispiel, wenn jemand aus Fanatismus Menschen umbringt, weil er es für wahr hält, dass er der Gute und die anderen die Bösen sind. Oder wenn jemand wirklich daran glaubt, dass sein Leben sinnlos ist und von der Brücke springt.

Die Probleme mit unserem Denken sind viel alltäglicher. Kommen wir noch mal zu unserem Beispiel zurück: Ich verliere also meinen Job und denke: “Katastrophe! Das ist das Ende, ich finde nie wieder einen neuen Job.”

Wenn ich diese Gedanken für die Wirklichkeit halte, dann wird mich der Jobverlust wahrscheinlich gefühlsmäßig aus der Bahn werfen. Schließlich ist es eine “Katastrophe” und “das Ende”. Ich hadere mit dem Schicksal, grübele den ganzen Tag, warum so etwas immer mir passiert und was ich denn bloß getan habe, um das zu verdienen. Meine Energie und Motivation geht in den Keller und ich habe einfach keine Kraft, um mir einen neuen Job zu suchen, mich weiterzubilden, umzuschulen oder mein Problem irgendwie aktiv und selbstbestimmt anzugehen.

Aber niemand kann in die Zukunft schauen, deswegen weiß ich nicht, ob mein Jobverlust wirklich langfristig eine Katastrophe ist. Aber wenn mein Denken mir genau das erzählt und ich meinem Denken das abkaufe, dann rutsche ich schnell in einen Teufelskreis hinein und aus meinen Gedanken wird dann die Realität. Eine klassische selbsterfüllende Prophezeiung eben.

Stellen Sie sich vor, mein Denken erzählt mir:

“Ich habe meinen Job verloren, das ist eine Katastrophe.”

Ich erwidere darauf:

“Danke für die Meinung, lieber Kopf. Ja, ich spüre jetzt tatsächlich Gefühle wie Stress und Zukunftsangst. Aber mal schauen, was aus der Situation wird. Vielleicht ist das ja sogar ein Geschenk in Verkleidung. Wir werden sehen. Ich lecke mir jetzt ein paar Tage meine Wunden und dann überlege ich ganz gezielt, was ich tun kann.”

So eine innere Reaktion erzeugt doch gleich eine andere Grundstimmung und ja, sogar so etwas wie Gelassenheit. Es geht hier darum, dem eigenen Denken nicht alles widerspruchslos abzukaufen. Denn unser Kopf erzählt uns viel, wenn der Tag lang ist. Manches davon ist nützlich, manches ist einfach nur Blödsinn, der uns das Leben schwer macht.

Ich für meinen Teil habe aufgehört, meinem Kopf alles zu glauben, was er so an Gedanken ausspuckt. Nicht falsch verstehen: Ich liebe meinen Kopf. Er hilft mir täglich weiter, indem er Probleme analysiert, Ideen erzeugt oder Muster erkennt. Das kann er richtig gut. Aber manchmal, wenn man ihn unbeaufsichtigt lässt, dann wird im langweilig. Und dann stellt er Blödsinn an. Aber das ist auch nicht so schlimm, denn ich habe gelernt mit etwas Abstand auf meine Gedanken zu schauen. Manchmal muss ich sogar über meine Gedanken lachen, weil sie so absurd sind.

Ja, es ist selten still in unserem Kopf. Unsere Geist produziert ständig Gedanken, Meinungen, Fragen, Bewertungen, Voraussagen oder Ursachen-Analysen. Und der Trick ist zuzuhören, weise zu lächeln und unsere Gedanken als das zu nehmen, was sie sind: Geschichten, die wahr sein können oder eben nicht.

  1. Angelika Sylle schreibt am 10. März 2010 um 15:30

    Gebrabbel in der Birne - es ist so wahr und ich erlebe es genauso. Manchmal ist es sogar so heftik, dass es mir den Schlaf raubt. Das Gebrabbel scheint sich zu verselbstständigen. Es ist so laut und unverschämt, dass es mich wirklich Kraft kostet, dagegen zu halten. Aber: Je weniger ich mich dagegen wehre, je weniger ich diese negativen Gedanken ins rechte Licht setze, desto höher wird die "Phonzahl", desto mehr dreht das Gebrabbel auf.
    (Da fällt mir spontan der Spruch "Wehret den Anfängen." ein. Ja, auch hier scheint er wieder mal seine Bedeutung zu bekommen.)

    Ich werde diesem Gebrabbel, dass momentan wieder sehr unangenehm ist und mich wirklich aus der Bahn schmeißt, Einhalt gebieten MÜSSEN. Und da ich anscheinend gedanklich nicht "anstinken" kann, werde ich es mit der Schriftlichkeit probieren. Ich habe mir ein ganz nettes Notizbuch DIN A5 gekauft und werde diese unguten Gedanken aus dem Kopf aufs Papier bringen, das Geschriebene lesen und damit dann versuchen, diese Geschichten nüchtern zu betrachten. Und das muss natürlich auch schriftlich festgehalten werden. Wir werden ja sehen, ob es klappt.

    Jörg Knoblauch sagte mal: "Schriftlichkeit verhilft zur Klarheit." Na dann, auf zur Anti-Gebrabbel-Strategie.

    Herzliche Grüße
    Angelika Sylle

  2. Fritz Horsthemke schreibt am 11. März 2010 um 21:07

    Meine Strategien sind:
    1. Mir hilft es aufzuschreiben z.B. mit einem Mindmap.
    2. Oder zuzuhören.
    3. Meine Vorhaben für den Tag durchzugehen.

  3. Udo schreibt am 16. März 2010 um 08:44

    Vielen Dank für diese wertvolle Erinnerung " Heute denke ich “Katastrophe!”, morgen denke ich “Glücksfall!”

    Vielen, vielen Dank Herr Senftleben. Danke schön.

  4. Carsten schreibt am 17. März 2010 um 13:00

    Vielen Dank, ein sehr guter Denkanstoß.
    Ja, es stimmt ständig fliegen da Gedanken umher – und nicht alle sind hilfreich. Es braucht schon eine gewisse Disziplin und Übung nicht alle Gedanken für die Wahrheit anzusehen. (wahrnehmen, für wahr nehmen)

    Wenn mir wieder belastende absurde Gedanken kommen, denke ich mich unter Wasser und diese Gedanken steigen auf wie Luftblasen. Blubb blubb blubb und weg. Je öfter ich dies mache, desto besser gelingt es mir, mich von dem Blöd-Sinn zu trennen.

    Liebe Grüße
    Carsten