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Zombie oder Chaot?

Von Ralf Senftleben8 Kommentare

Darf ich Sie zu einem kleinen Gedanken-Experiment einladen? Wenn ja, dann beantworten Sie doch bitte im Kopf die folgende Frage:

Wie wichtig ist Ihnen Sicherheit? Risiko-Vermeidung? Finanzielle Sicherheit? Jobsicherheit? Ein sicheres und geschütztes Zuhause?

Geben Sie sich bitte eine Note, auf einer Skala von 1 – 10.

1 bedeutet, dass Ihnen Sicherheit vollkommen egal ist. Und eine 10 bedeutet, dass Sie ein totaler Sicherheitsfreak sind und absolut nichts tun, was Ihre Sicherheit gefährden würde.

Wo würden Sie sich auf der Skala von 1 – 10 einordnen?

Haben Sie eine Zahl?

Prima.

Jetzt noch eine zweite Frage:

Wie viel Lebendigkeit, Lebensfreude und Spontaneität haben Sie in Ihrem Leben?

Wo stehen Sie hier auf einer Skala von 1 – 10. Wobei eine 1 hier bedeutet, dass Sie wie ein Zombie durch Ihr Leben wanken. Eine 10 bedeutet, dass Sie eine quietschfidele, sorgenfreie und spontane Frohnatur sind.

Haben Sie Ihre Lebendigkeits-Zahl?

Gut!

Ok, wie lauten Ihre beiden Zahlen? Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gross, dass die beiden Zahlen relativ weit auseinanderliegen. Ist das bei Ihnen auch so?

Nach meiner Erfahrung gibt es nämlich ein interessantes Spannungsfeld zwischen unserem Sicherheitsstreben und wie viel Lebendigkeit wir im Alltag erleben. Es gibt nicht viele Menschen, die ein gesundes Sicherheitsbewusstsein und ein lebendiges, reiches, erfülltes und abwechslungsreiches Leben unter einen Hut bekommen. Das hinzubekommen, ist eine Kunst.

Denn je mehr Wert ich auf Sicherheit lege, je mehr ich versuche zu kontrollieren und je mehr ich aus meinen Ängsten und Sorgen heraus agiere, desto mehr schneide ich mich vom Leben und der Lebendigkeit ab.

Wie viele Leute bleiben z.B. aus ihrem Sicherheitsdenken heraus in einem Höllen-Job? Schließlich hat man Verantwortung und man muss schließlich auch noch die Eigentumswohnung abbezahlen. Sicherheit 8 – Lebendigkeit 2.

Auf der anderen Seite gibt es sehr viele spontane, etwas chaotische und lebensfrohe Menschen, die alles mitmachen, die in den Tag hineinleben, die nicht viel nachdenken und die nicht einen Tag in die Zukunft planen. Und dafür zahlt man natürlich auch wieder einen Preis. Denn ein gewisses Maß an Planung und Disziplin hilft zum Beispiel dabei, dass man im Alter nicht ohne Geld dasteht. Und auch andere Risiken lassen sich durch ein wenig Planung abfedern.

Was ist nun besser? Sicherheitsstreben oder Spontaneität und Lebendigkeit?

Für mich liegt – wie nahezu überall – der Weg in der Mitte, in einer gesunden Mischung zwischen beidem.

Wenn Sie sehr zu Sicherheitsdenken neigen, dann könnten Sie versuchen, sich mehr in Richtung Lebendigkeit zu bewegen. Einfach mal etwas Ungewohntes oder etwas Verrücktes tun. Mal ausbrechen aus den gewohnten Mustern. Das kostet natürlich Überwindung. Denn wir kleben meist im Spinnennetz unserer Gewohnheiten fest. Da muss man sich ein bisschen freistrampeln.

Wenn Sie auf der anderen Seite zu den spontanen, freiheitsliebenden Lebendigen gehören, dann könnte für Sie ein kleines bisschen mehr Planung nicht schlecht sein. Überlegen Sie doch mal, wo Sie in der Vergangenheit auf die Nase gefallen sind und wie Sie das in Zukunft verhindern können, den gleichen Fehler noch einmal zu machen. Oder überlegen Sie, wie viel Geld Sie im Alter gerne zur Verfügung haben möchten und planen Sie dementsprechend.

Ich finde dieses Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Lebendigkeit sehr interessant und nützlich. Denn es liefert ein schönes Rahmenwerk, um über das eigene Leben nachzudenken.

Wo stehen Sie also Sachen Lebendigkeit und Sicherheit? Und was könnten Sie tun, um hier ein bisschen mehr Balance hineinzubekommen?

  1. Orschel schreibt am 27. Mai 2010 um 13:19

    Sicherheitsdenken/ -streben und Lebendigkeit werden in dem Beitrag als Gegensätze dargestellt. Das ist in vielen Fällen sicherlich richtig. Übetriebenes Sicherheitsstreben kann ein Hemmschuh sein für Lebendigkeit und Abenteuer, für Aufbrüche und neue Wege.
    Es gibt jedoch auch eine ander Sicht der Dinge. Gerade wenn ich mich in einigen Lebensbereichen sehr sicher fühle: ein Dach über dem Kopf, Geborgenheit in der Familie oder Rückhalt im Freundeskreis, dann fällt es mir leichter in anderen Gebieten mutig voranzuschreiten. Umgekehrt habe ich schon viele Menschen in der heutigen Zeit erlebt, die ohne stabile Beziehungen, ohne Verwurzelung sind, die ständig an irgendwelchen Baustellen ihres Lebens arbeiten, so dass ihnen keine Luft und keine Muse mehr bleibt für Kreativität.
    Ich selbst brauche einen gewissen (geistigen) Freiraum um kreative Gedanken zu entwickeln, neue Ideen auszuprobieren. Die Routine des Alltags sehe ich dabei als Unterstützung an. Sie darf natürlich nicht die Oberhand gewinnen.

  2. Tina schreibt am 28. Mai 2010 um 08:15

    danke orschel für deinen kommentar. das sehe ich ähnlich! erst sicherheit und routine in welcher hinsich auch immer gibt mir die möglichkeit zu kreativität. ohne die ruhe ist es - meiner meinung nach - nicht möglich sich den ideen, seinen träumen hinzugeben und dabei nach möglichkeiten suchen, diese umzusetzen.
    lg tina

  3. evoo schreibt am 29. Mai 2010 um 10:00

    Ich finde auch dass eine gewisse sicherheit sehr wichtig ist, eine familie, freunde, arbeit, usw

    ich habe das experiment gemacht und hatte bei beiden fragen das gleiche ergebnis, ich lege hohen wert auf diese sicherheit, habe aber trotzdem viel lebensenergie und freude im alltag, meistens zumindest ;)

    lg

  4. Flokati schreibt am 30. Mai 2010 um 07:24

    Bei meinen Überlegungen kam 6 für Spontanität und 7 für Sicherheit raus. Die Ergebnisse liegen nah bei einander. In meiner Jugendzeit und als junge Erwachsenen war ich immer sehr spontan, fast wild. Ich war so lebenshungrig...Das ging bis weit nach 30 obwohl ich alleinerziehend und vollzeit berufstätig war. Man das war vielleicht ein riesen Stress. Da habe ich immer gedacht wann werde ich endlich ruhiger? Jetzt plane ich meine Leben. Wende Strategien an. Kann viel mehr Disziplin aufbringen und bin dennoch sehr lebendig und spontan. Habe jetzt erst meinen Job gekündigt ohne was neues zu haben. Sicherheit ist wichtig sollte aber nicht zum Gefängnis werden und Spontanität gibt dem Leben Würze und Geschmack aber nur in der richtigen Dosis...

  5. Catherine schreibt am 30. Mai 2010 um 07:58

    Ich finde, man sollte in jungen Jahren so viel Spontaneität ausleben, wie möglich - Stellen und Wohnsitz wechsel usw. - bis man seine eigene Linie gefunden hat. Erst dann, eventuell in Verbindung mit Partnerschaft und Nachwuchs, ist erhöhte Sicherheit anzuraten. Ein Jugendlicher kann und soll schon seine Zusatzversicherungen (Rente, Berufsunfähigkeit) für geringe Beiträge abschließen aber dann gleichzeitig die große Freiheit seiner Unabhängigkeit ausnutzen und geniessen. Nachher ist diese Unbesorgtheit nicht mehr so leicht zu erreichen und man könnte es im späteren Leben bereuen. Natürlich ist ein gesundes Gleichgewicht bei übertriebenen Tendenzen ratsam aber das Verhältnis sollte sich erst mit den Jahren einpendeln.

  6. Anneluise schreibt am 31. Mai 2010 um 05:14

    Auch bei mir kam 2 x das gleich Ergebnis.
    Eine 7 jeweils.
    Ich "brauche" in bestimmten Bereichen Sicherheit (Beziehung,Familie,Finanzen,Wohnung usw.)
    Kann aber in anderen Bereichen auch sehr spontan und lebensfroh sein (Hobbys,Gefühle,Interessen usw.)
    Für mich macht diese Ausgeglichenheit das Leben insgesamt sehr interessant. Ich erfreue mich an der Gegenwart und bin gespannt, was mir die Zukunft bringen mag.
    Bin neugierig, wissbegierig, bereit mich auf Neues-Unbekanntes-Unbestimmtes einzulassen, aber auch darauf bedacht, bestimmte Dinge geregelt zu wissen.

  7. Bianca schreibt am 31. Mai 2010 um 07:52

    Mich stört etwas der scheinbare Gegensatz zwischen Sicherheitstreben und Lebendigkeit. (Meine Zahlen liegen übrigens beide dicht beieinander.) Im eigenen Wachstumsprozess geht es nach meiner Erfahrung darum, alle Facetten der eigenen Gewordenehit anzunehmen und in Balance zu bringen. Ich bin also ein sicherheitsbewusster Mensch (mit Familie und zwei Kindern wäre das Aufgeben des Sicherheitsstrebens vielleicht auch eher leichtsinnig, oder?), der Lebendigkeit und Lebensfreude genießt. Und das geht gleichzeitig.
    Denn auch wenn ich das Maß an Sicherheit wahren oder erreichen möchte, dass ICH in unserem Leben anstrebe, sehe ich die Schönheit dessen, was ist, und das macht mich lebendig und lässt mich mein Leben lebendig erleben und gestalten.
    Ich denke, es geht auch hier wieder darum, weg vom entweder-oder und hin zum sowohl-als auch zu kommen.
    Liebe Grüße, Bianca

  8. Silvia schreibt am 6. Juni 2010 um 21:21

    Sicherheit 3 / Lebendigkeit 7
    d.h. für mich Sicherheit soweit zu schaffen, dass ich das Leben meiner Tochter und meiner Familie nicht gefaehrde, für gesundes Essen sorge, die pflegebedürftige Mutter meines Lebenspartners versorge...
    vor 17 Jahren bin ich mit meinem damaligen Ehemann ins nicht-europaeische Ausland gezogen und habe meinen Job nach 15 Jahren bei Lufthansa - genau einen Tag vor meiner Unkündbarkeit gekündigt. Seitdem lebe ich als Lebensberaterin ohne regelmaessiges Einkommen und feste Anstellung und mein langjaehriger Lebenspartner ist freischaffender Jazzmusiker. Wir wissen nie wieviel wir im laufenden Monat verdienen werden und haben keinerlei Krankenversicherung (da ich Homöopathin bin, kommen wir sehr gut ohne aerztliche Mitarbeit zurecht).
    Das war für mich als Deutsche mit dem typisch deutschen Sicherheitsanspruch ans Leben eine riesige Umstellung!
    Ich kann mich jeden Tag wieder aufs Neue entscheiden, welche Richtung ich meinem Leben gebe, wieviel und mit wem ich arbeiten möchte, welche Situationen mich naehren und was mir Freude macht ... und trotzdem habe ich Freunde seit 30 Jahren, mit denen ich über tausende von Kilometern hinweg immer noch intensive und befriedigende Kontakte pflege. Ich entscheide mich jeden Tag erneut und voller Schmetterlinge im Bauch für die Liebe zu meinem Mann - ohne die vermeintliche Sicherheit eines Trauscheins.
    Spontanitaet hat für mich so etwas wie "raus aus dem normalen Trott"-Beigeschmack, ich bevorzuge den Fluss des Lebens und das staendige Einstimmen auf die entstehenden Situationen, die als Ziel durchaus angestrebt und geplant werden dürfen.
    Ich entscheide mich mit Sicherheit für die Lebendigkeit meines Lebens.
    Liebe Grüsse
    Silvia