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Nicht immer gut drauf!

Von Tania Konnerth8 Kommentare

Die meisten von uns versuchen immer gelaunt sein, fröhlich, locker, gelassen und entspannt – eben einfach “gut drauf”. Wenn wir uns anders fühlen, z.B. traurig oder unzufrieden, kämpfen die meisten von uns dagegen an. Wir schimpfen mit uns, unterdrücken die anderen Gefühle und nehmen es uns selbst übel, wenn wir es nicht schaffen, wieder ok zu sein. Wir versuchen dann angestrengt, unser Gesicht zu wahren – es soll schließlich keiner merken, wie wir uns wirklich fühlen!

Ich kenne das auch gut von mir selbst: Manchmal bin ich unerklärlich gereizt. Ich motze dann schnell, krittele an anderen rum und bin einfach sehr angespannt. Mein Mann kennt das inzwischen schon gut. Während er sich früher dann verständlicherweise angegriffen fühlte, fragt er mich heute: “Geht es dir heute nicht so gut?”

Zuerst reagierte ich auf diese Frage auch meist unwirsch. Wieso soll es mir nicht gut gehen? Alles in bester Ordnung!

Ich wollte nicht zulassen, dass mit jemand hinter meinen Vorhang schaut, auf dem ich doch so mühsam mein “Gute-Laune-Gesicht” zu malen versuchte. Durchschaut zu werden, war so bedrohlich, dass ich angriff.

Inzwischen bringt mich seine liebevolle Frage dazu, innezuhalten und mich selbst zu fragen, wie es mir denn tatsächlich geht. Und ja, an manchen Tagen geht es mir nicht gut. Dann bin ich endlos traurig, ohne zu wissen warum. Melancholisch. Im Kontakt mit meinem Schmerz.

Warum genau ich mich so fühle, ist meist unwichtig – wichtig ist, mir zu erlauben, dass es so ist.

Wenn ich aufhöre dagegen zu kämpfen, wenn ich mir erlaube, diese Gefühle zuzulassen, wenn ich ihnen Raum gebe, indem ich z.B. passende Musik höre und einfach mal nur fühle, dann geht es mir schon in dem Zulassen besser. Die Traurigkeit und der Schmerz verschwinden dann nicht auf Knopfdruck, sie begleiten mich oft über den Tag. Aber ich bin nicht mehr gereizt, nicht aggressiv. Ich versuche dann nicht mehr, auf gute Laune zu machen, sondern ich darf sein, wie ich bin.

Und das tut gut, so gut. Denn es ist Ordnung, dass auch mal nicht alles in Ordnung ist.

  1. H.U. Wyss schreibt am 3. August 2010 um 17:59

    Es ist genau so!

    Ich finde es Wahnsinn, wie uns all die Motivationscoaches eintrichtern wollen, dass man es schaffen könne, immer gut drauf zu sein. Das ist doch Unsinn! Wir sind Menschen und wir fühlen uns eben nicht immer super.

    Aber wir müssen uns gar nicht immer super fühlen um glücklich zu sein!

    Das scheinen die Motivationscoaches entweder nicht zu merken oder sie denken, dass niemand mehr ihr Zeugs kauft, wenn sie etwas anderes erzählen.

  2. KatjaS schreibt am 8. August 2010 um 08:43

    Ich habe am vergangenen Freitag genau das erlebt.

    Ich habe eine Präsentation vor Kollegen gehalten, deren Inhalte für mich überraschend stark kontrovers diskutiert wurden. Inhaltlich bin ich nicht der Experte, so dass ich mich sehr unwohl fühlte, zumal ich eigentlich nur einen Überblick geben sollte.

    Abends war noch eine Feier geplant und ich fühlte mich zu unwohl, um dort hinzugehen. Erst als ich mir eingestand, dass ich nicht alles im Griff haben muß und die strahlende Repräsentantin spielen muß, konnte ich hingehen und es war dann ein schöner Abend.

  3. Alfred schreibt am 8. August 2010 um 10:54

    Ich halte es da mit der Aussage: Nur der Dorfdepp grinst immer!
    Auch schlechte Tage, negative Erlebnisse gehören zum Leben und je besser ich es akzeptieren kann, dass ich da keine Ausnahme darstelle, um so besser geht es mir

  4. Bianca schreibt am 8. August 2010 um 16:21

    Mir geht es auch oft so, dass ich schlecht drauf bin und nicht weiß, wieso. Ich stehe mir selbst im Weg, bin mies drauf und irgendwie lebe ich es auch. Warum muss man immer gut drauf sein. NUUUUR, der Partner, der kommt damit nicht klar. Er sieht, mir geht es nicht gut und fragt, ob alles ok ist. Wenn ich sage ja, sagt er, dass er sieht, dass es nicht so ist. Dann "versuche" ich es zu erklären, aber das wird dann leider nicht verstanden. Zur Antwort kam dann: du musst doch wissen, warum du schlecht drauf bist.
    Das ich mir selbst im Weg stehe usw...

    Ich weiß nicht, am Ende war dann Streit angesagt. Ich solle meine schlechte Laune doch nicht an ihn auslassen. Dabei wollte ich doch nur erklären. Jeder hat seine Wohnung, so bin ich dann heulender Weise nach Hause gefahren und er hat es stumpf hingenommen.

    Die Erfahrung ist ganz frisch. Sie ist von heute.

    Nun stelle ich mir die Frage (vielleicht auch bald ein Thema auf dieser Seite?!?), ob ich nachher klein begeben soll und wieder zu ihm fahre, oder ob ich gar nichts mache und warte, bis er sich meldet. Denn: aus meiner Laune ist letztlich ein Streit geworden. Er wollte wissen, was los ist. Ich habe es erklärt, dann die Aussage, dass ich doch zu mir fahren könnte, sonst wäre der Abend eh gelaufen!.

    Ja und damit ist der Streit da gewesen.

    Zu Hause, habe ich meine Gefühle laufen lassen und dann später meine Mails abgerufen und habe dieses Thema gelesen.

    Es ist zwar logisch, dass immer einer von beiden nachgeben muss. Aber muss ich es sein? Warum soll es immer so laufen, wie er es sich denkt?

    Nun habe ich noch etwas Zeit zum Nachdenken, ob ich vielleicht doch nachgebe und hinfahre.

    NUR: meine Laune ist nicht wirklich besser, weil mich dieser Streit (der hinzu gekommen ist) ärgert.

    Ich wünsche allen Lesern noch einen schönen Abend und weiterhin viel Spaß auf dieser Homepage!

    In einigen Dingen konnte ich gut Hilfe finden, oder aber eben auch sagen, ja stimmt, was die beiden schreiben :-)
    An dieser Stelle ein großes Lob an euch zwei. Weiter so !!!

    viele Grüße,
    Bianca

  5. Günter schreibt am 9. August 2010 um 13:32

    So ist es!
    Wir leben in einer Zeit wo nicht nur Coaches rüber bringen, dass wir immer gut drauf sein müssen, sondern die ganze Medienwelt. Immer lächelde Gesichter von Plakaten, im Fernsehen usw. Gibt es eigentlich noch traurige Menschen, die nicht gleich an Depressionen leiden???

    Ich finde es schön, dass es hier einfach mal wieder als ganz "NORMAL" dargestellt wird, auch mal traurig zu sein...
    Wir brauchen doch auch mal Zeit um inne zu halten

  6. Kerstin schreibt am 10. August 2010 um 08:33

    Die von Bianca beschriebene Situation kenne ich sehr gut. Ehrlich und offenen mit seinen Gefühlen umgehen zu dürfen, kann für den Partner eine grosse Zumutung sein.
    Die sich daraus offenbarenden eigenen Entwicklungsschritte sind wirklich kein Pappenstil. Verständnis und Mitgefühl des Gegenübers sind ausserordentlich hilfreich, die innere eigene Verspannung lösen zu können. Und schon der Dalai Lama weist darauf hin, dass die Entwicklung von Mitgefühl der Schlüssel zum Glück sei. Was ich seit längerer Zeit und manchmal auch sehr schmerzhaft lernen muss/darf ist, Mitgefühl für sich zu entwickeln. Vielleicht kann der Partner später folgen. Vielleicht stellt man auch fest, dass der Partner mir eigentlich keine Zuwendung geben kann oder will. Dann stellt sich einfach irgendwann die Frage: Kann und will ich damit leben oder nicht? Bianca, alles Gute.

  7. Jutta schreibt am 14. August 2010 um 10:07

    hallo bianca,
    wollte dir mal etwas zu deinem erlebnis mit deinem freund schreiben.
    ich glaube bis zu der Stelle:
    Zur Antwort kam dann: "du musst doch wissen, warum du schlecht drauf bist."
    wäre der streit noch zu vermeiden gewesen. ich selbst reagiere auf bestimmte worte: zb : du musst..... sehr empfindlich. ich habe das gefühl, dass druck auf mich ausgeübt wird, und automatisch reagiere ich aggressiv und beleidigt. so ähnlich hast du vielleicht auch empfunden und der Streit nahm seinen lauf.
    ich habe grad das buch: "ab heute kränkt mich niemand mehr" durchgearbeitet und alternativen gefunden, mit situationen umzugehen, in denen ich gekränkt bin. es bringt nichts, andere anzugreifen. man kann dem anderen aber sagen, dass man sich eben grade etwas traurig fühlt und eigentlich gar nicht richtig weiss, warum . und wenn man fühlt, was das beste für einen in dieser traurigen stimmung ist, zb, mal allein eine runde spazieren gehen, dem anderen sagen: du , ich glaube das beste für mich ist, mal dies oder das zu tun, mal eine weile allein zu sein, um nachzudenken- dies dem freund zu sagen. so kann er sich etwas einfühlen. wenn er deinen wunsch aber nicht akzteptiert, ist es an dir, für dich zu sorgen und etwas für dein wohlbefinden zu tun, denn jeder mensch ist für sich selbst verantwortlich.
    ich hoffe, du empfindest das ganze nicht als belehrung, ich fühle einfach nur mit dir und möcht gern meine erfahrungen weitergeben.
    lg von jutta

  8. Aurikel schreibt am 18. August 2010 um 10:35

    Hallo Bianca und alle zusammen,
    das ist so ein spannendes Thema! Wie kann ich Mitgefühl leben ohne den anderen zu bedrängen oder ohne mich für den anderen verantwortlich zu fühlen. Ich schreib ein paar von meinen wichtigsten befreienden Gedanken auf, die sich bei mir entwickelten, nachdem ich anderen keine Schuldzuweisungen mehr geben musste für meinen "miesen" Gefühlszustand, der sich im Bereich des Mangels verorten lässt:
    Ja, ich habe schlechte Laune!! Bitte lass den Schmerz und die schlechte Laune bei mir, denn genau für mich ist mein Gefühl eine kostbare Botschaft! Fühl dich bitte auch nicht für meine Laune verantwortlich, denn wenn ich mich entscheide mich zu ärgern oder traurig zu sein, dann bin ich die einzig Verantwortliche!
    Lieb, dass du dich erkundigst, ich kann jetzt gut gebrauchen dass du - ...mir Zeit lässt - ...nicht nachbohrst - ...mir einfach mal eine halbe Stunde zuhörst, ohne mich zu unterbrechen und mich zu bewerten - ...

    Für die Klärung mit mir selbst, versuche ich dann eigentlich sehr in den Schmerz hineinzuhorchen und zu schauen, wo im Körper strahlt der Schmerz hin und welche Gedanken und Gefühle kommen noch hoch.Tränen zulassen, Trauer zulassen, Wut zulassen und manchmal gelingt mir dann die Wende, wenn ich mich frage: Wenn du das alles hättest, was du gerade bemängelt, betrauert hast. Wenn du das hättest, was dir jetzt fehlt, was für ein Gefühl stellt sich dann ein?
    Über das neue Fülle-Gefühl komme ich dann (wenn es gut läuft) zu neuer Kraft und kann auf das ursprüngliche Problem anders schauen und anders damit umgehen.
    Das alles braucht etwas Zeit und Übung und vielleicht auch eine/n gute/n Freund/in, lohnt aber den Aufwand, denn es fühlt sich so wunderbar an, wenn ich spüre, dass in mir die positive lebenslustige Antwort auf Niedergeschlagenheit auch lebendig ist!
    Alles Gute und viel Kraft und Freude beim Gründeln in Fülle und Mangel-Gefühlen ;-)
    Aurikel