Rennen Sie auch immer wieder gegen die gleiche Mauer?
Von Ralf Senftleben • 7 Kommentare
Ab und zu haben wir sie alle, diese wachen und erkenntnisreichen Momente. In diesen kurzen Augenblicken sehen wir die Welt klarer und erkennen die großen Zusammenhänge. Wir kommen in Kontakt mit tieferliegenden Bedürfnissen und Sehnsüchten. Und wir verstehen plötzlich, an welchen Stellen unser Leben nicht funktioniert und was dringend geändert werden muss.
Manchmal erleben wir diese Momente, wenn wir ein außergewöhnliches Buch lesen oder einen inspirierenden Film schauen. Oder im entspannten Gespräch mit einem guten Freund. Oder im Urlaub, wenn wir unserem Kopf erlauben, mal andere Gedanken zu denken. In diesen Momenten fahren wir unsere Schutzmauern herunter und wir kommen in Kontakt mit unserer inneren Stimme. Wir verstehen dann, wo wir uns das Leben selbst schwer machen und wo wir immer wieder in die gleichen, schlechten Muster reinrutschen. Oft erkennen wir sogar einen Weg, der uns aus unseren Problemen herausführt.
Diese Momente der Klarheit gehören zu den wertvollsten Dingen im Leben, denn sie bescheren uns wichtige Erkenntnisse, wie wir unser Leben besser machen können. Dumm ist nur, dass diese Erkenntnisse oft genauso schnell wieder aus unserem Bewusstsein verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.
Sobald unser Alltag wieder da ist, müssen wir wieder funktionieren. Dann brechen wir den Kontakt nach innen ab und fahren die Schutzmauern hoch. Es ist dann beinahe so, als hätten wir die wichtigen Einsichten aus unserem wachen Moment nie gehabt. Zumindest bis zum nächsten wachen Augenblick. Und dann sind wir ganz erstaunt, wie wir diese wichtigen Einsichten aus den Augen verlieren konnten.
Das Ganze liegt wahrscheinlich daran, dass die meisten von uns im Alltag zu oft auf Autopilot sind. Wir tun jeden Tag die gleichen Dinge, die wir auch gestern und vorgestern getan haben, und zwar ohne groß darüber nachzudenken. Das Gleiche gilt für unsere Gedanken: Es sind zum Großteil immer wieder die gleichen Dinge, die uns durch den Kopf gehen, wieder und wieder, wieder und wieder.
Wir sind im Alltag nicht so wach, wie wir glauben. Oft schlafwandeln wir eher durch unser Leben, ein bisschen wie Roboter, die jeden Tag das gleiche Programm abspulen. Neue Erkenntnisse und wichtigen Einsichten aus unseren wachen Momenten sind (noch) nicht Teil unseres automatischen Programms und deswegen gehen Sie im Wust unseres Alltags unter. Sie verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Und das führt dazu, dass wir uns im Leben oft im Kreis drehen, immer wieder die gleichen Probleme erleben, uns immer wieder den Kopf an der gleichen Mauer stoßen.
Aber es gibt einen Weg aus dieser Misere. Dieser Weg besteht darin, dass Sie bewusst und systematisch verhindern, dass wichtige Erkenntnisse, Einsichten oder Vorsätze im Alltag untergehen.
Der einfachste Weg dazu, ist ein tägliches Ritual zu entwickeln und sich täglich selbst an das zu erinnern, was wichtig für einen ist. Sie können sich zum Beispiel Ihre wichtigen Einsichten, Ihre Entscheidungen und Vorsätze aufschreiben und jeden Tag ritualmäßig durchlesen und diese verinnerlichen. So bleiben Sie in Kontakt mit Ihren Einsichten und verhindern, dass der Alltag sie verschluckt.
Dabei ist es wichtig, dass Sie Ihre Erkenntnisse so ausführlich wie möglich aufschreiben, so dass Sie Ihre Gedanken auch Tage später noch nachvollziehen können. Wenn Sie eine Erkenntnis haben, dann kommt es Ihnen in diesem Augenblick vollkommen einleuchtend und selbsterklärend vor. Mehrere Tage später wissen Sie aber wahrscheinlich gar nicht mehr, was Sie damit eigentlich gemeint haben.
Wenn Sie eine Einsicht notieren, gehen Sie dabei am besten richtig ins Detail.
- Worum genau geht es hier?
- Welchen Zusammenhang habe ich erkannt?
- Warum ist das so?
- Wie fühle ich mich bei dieser Erkenntnis?
- Warum ist es wichtig, dass ich das im Bewusstsein behalte?
- Was passiert, wenn ich es wieder vergesse / verdränge?
- Welchen Handlungsbedarf gibt es ausgehend von dieser Einsicht?
- Was muss sich ändern?
- Was muss ich ändern?
- Was passiert, wenn ich es nicht ändere?
- Was könnten die nächsten Schritte sein, um etwas zu unternehmen?
Beschreiben Sie Ihre Erkenntnis bildhaft und mit viel Gefühl. Werden Sie emotional und dramatisch. Gefühle erlauben es unserem Gehirn, Einsichten besser abzuspeichern und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkenntnis wach in unserem Bewusstsein bleibt.
Ich selbst habe auch so einen Zettel mit für mich wichtigen Einsichten. Diesen Zettel sichte ich jeden Morgen und verinnerliche meine Ziele und für mich wichtige Einsichten. Ich nenne diesen Zettel meinen Anker oder meinen Kompass, weil ich damit meine Prioritäten in meinem Leben verankere, und weil mir meine Einsichten wie ein Kompass jeden Tag die genaue Richtung vorgeben.
Die Herausforderung dabei ist, ein dauerhaftes Ritual aus dem Verinnerlichen Ihrer Einsichten zu machen. Sie setzen sich morgens für 5-10 Minuten hin und erinnern sich selbst an die wichtigen Dinge in Ihrem Leben. Und Sie wiederholen das so lange, bis eine feste Gewohnheit daraus geworden ist. Das dauert wahrscheinlich zwischen 3 Wochen und 2 Monaten. Wie lange es dauert, ist je nach Mensch und Situation unterschiedlich. In dieser Zeit ist es dann Ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass Sie Ihr neues Ritual weder vergessen noch verdrängen und Sie müssen vielleicht auch mal Unlust und Zweifel überwinden. Der wirkliche Charme eines solchen Ankers zeigt sich erst nach einigen Wochen. Deswegen ist es so wichtig, die Anfangswiderstände zu überwinden.
Ich möchte Sie hier dazu ermuntern, sich jeden Tag für einige Minuten hinzusetzen, um sich an die Dinge zu erinnern, die wirklich wichtig für Sie sind, damit diese nicht vom Alltag verschluckt werden.






was ein interessanter artikel!
erst gestern habe ich mich mit jemandem genau über dieses problem unterhalten.
interessanter weise hat sie genau die gleichen worte benutzt:"es fühlt sich an,als ob ich immer wieder gegen die gleiche wand renne"
Ralf,ich danke dir für diese anregung.
ich werde sie weitergeben.
und in mir taucht die frage auf:gibt es tatsächlich soetwas wie die anziehung der gedanken?
warum lese ich ausgerechnet heute diesen artikel?
grüße aus NRW
lilifee
Oder:
Das Wichtigste im Leben ist, dass das Wichtigste das Wichtigste bleibt! ...
;-))
Liebe Grüße und einen sonnigen Tag aus Bonn!
André
Lieber Ralf,
im letzten Jahr habe ich während einer Kur mein Gefühl wieder entdeckt, welches viele Jahre verdeckt war durch mein Funktionieren im Alltag. Ich hatte eine Auszeit von insgesamt vier Monaten und mir selber versprochen, nicht mehr den Kontakt zu mir aufzugeben und dran zu bleiben, an den mir wichtigen Dingen.
Ich merke jedoch, dass es schwierig ist, weiter dran zu bleiben an meinem Gefühl und weiter zu gehen in eine Richtung, die in die Heilung, in das Leben weist. Der Alltag mit Beruf und seinen privaten Herausforderungen nimmt mich häufig wieder "gefangen".
Ich danke dir für deine Anregung und die Erinnerung, dass ich mich bewusst entscheiden darf für mich und mein Leben. 5- 10 Minuten am Morgen darüber reflektieren, was ich möchte ist ein guter Einstieg in den Tag und in das Leben.
Danke
Barbara
Hallo Ralf
Interessanterweise hab ich mich auch schön öfters gefragt, warum ich die spezielle Momente der Erkenntnisse nicht wirklich nutze, um mein Verhalten grundlegend zu ändern.
Zuerst dachte ich, ich sei ein Einzelfall, doch dann stellte ich fest, dass viele Menschen, die speziellen Momente der Erkenntnisse kaum wahrnehmen, weil sie ... Hierfür gibt es wohl viele unterschiedliche Gründe.
Bei mir hab ich festgestellt, dass ich gewisse Ideen, Impulse, Erkenntnisse oft am Morgen nach dem Aufwachen habe. Früher als ich noch freischaffend tätig war, da hatte ich Zeit und Musse, meine Gedanken zu vertiefen, dabei sind dann meine Gedichte oder kreativen Geschichten entstanden.
Heute mache ich mich auf den Weg ins Büro und wenn ich Glück habe, finde ich im Büro Zeit meine Gedanken ggf. in einer Powerpoint festzuhalten, bevor der Business-Alltag das Zepter übernimmt.
Die Idee, gewisse Gewohnheiten durch bewusste Rituale zu ersetzen, hab ich schon mehrmals versucht. Interessanterweise funktioniert dies immer eine gewisse Zeit sehr gut - aber plötzlich nimmt das alte Verhalten wieder oberhand.
Nachträglich ertappte ich mich dann dabei, dass ich mit den Ritualen, wohl eher in meiner "Wohnung" irgendwo Staub gewischt habe, wo es eigentlich schon ziemlich sauber war, anstelle mal unter den Teppich zu schauen, wo die die wahren Problem-Lösungen wohl verborgen liegen.
Durch das spontane Schreiben des letzten Satzes, bin ich wohl spontan zu einer neuen Erkenntis gekommen, die sich zu vertiefen lohnt.
In diesem Sinne
herzliche Grüsse aus der sCHweiz
Franz
Achjaaa...das Thema Erkenntnis ist toll :-)Bei mir lief das folgendermassen ab. Als ich für ein Jahr nach Paris ging (ich bin 20), da war das für mich eine Berührung mit meiner inneren Wahrheit und der Wahrheit im Allgemeinen...es war für mich ein GEfühl der Befreiung, ein neuer Ort, neue MEnschen...es war ein Stück Freiheit..weit weg von den Sorgen in Deutschland zu sein ;-) Ich habe sooo viel begriffen: Ich verstand, wie wichtig Selbstliebe ist. Das ich den grössten Druck mir selber mache und habe mich von diesem befreien können.Meine Anspürche an mich habe ich gesenkt und somit fiel eine Art Last von mir ab und ich fühlte mich wie ein unbeschwertes Kind. Ich habe gelernt loszulassen, die Kontrolle abzugeben, die Dinge mit Humor zu nehmen und mich einfach im Leben fallen zu lassen. Voller Vertauen auf Gott und mit Vertauen in mich selbst, bin ich alles voller Ruhe und Ausgeglichenheit angegangen. Desweiteren habe ich gelernt zu mir zu stehen und zu ALL meinen Gefühle, die ich gezeigt habe und nicht versteckte. Ich blühte geradezu auf. Ich versuchte Gefühle nach aussen zu kehren und mir Bedürfnisse einzugestehen. Etwas, was gelebt werden wollte, was ich aber immer verdrängte.Ich habe zu meinen Schwächen und zu meinen Stärken gestanden. Ich habe mich dem Fluss des Lebens hingegeben; Das heisst: Das Leben und Gott wollen nur das BEste für mich, ich bin getragen und bin geborgen, egal was passiert. Alles hat seinen PLan, seinen Sinn und sein Ziel und für mich eine Bedeutung oder einfach nur eine Erfahrung oder Erweiterung des Horizontes, ganz davon abgesehen ob Negatives oder Postives geschah. Ich liess mich treiben im Lebensfluss und ich konnte das GUTE aufsaugen und das Schlechte abschütteln....es war wie ein Glasdach, welches die Sonnestrahlen durchliess aber mich vor Gewitter schützte..einfach GLÜCK :D Ich liess alles auf mich zukommen, ich hatte keine Angst, sondern war gespannt was kam und wusste, dass es schon okey wird, alles wurde einfach AKZEPTIERT :-)Ich wollte die Verbindung zu meiner inneren Stimme und somit die Anleitung zum Glücklichsein nie unterbrechen, habe dies aber nicht voller Anstrengung erzwungen, sondern habe auch Momente, wo ich mich mal von mir selbst entfernte akzeptiert. DAS ist es worauf es ankommt: Sich selbst zu lieben und zu akzeptieren in JEDEM moment, bei JEDEM GEfühl..und dann ist ENTWICKLUNG möglich...in voller Ruhe und Harmonie.
Natürlcih fällt man immer mal wieder in Löcher wie SELBSTZWEIFEL oder MISSTRAUEN..aber mit Liebe zu sich selbst und zu andern schafft man es wieder heraus und kann seinen Weg gesegnet weiter gehen. :-)
Gott segne euch,
MAgdalena
Ich habe in meinem Tagebuch auf den Umschlagsinnenseiten vorne einen Haufen von Erkenntnissen, Sprüchen und persönlichen Lebensweisheiten gesammelt. Die lese ich ab und zu, wenn ich mal Tagebuch schreibe (was ich meistens tue, wenn es mir nicht so gut geht).
Einen schönen Tag noch,
Floh
Zu diesem Thema ein schönes Zitat aus dem kanadischen Film One Week von Michael McGowan
When you get those rare moments of clarity, those flashes when the universe makes sense, you try desperately to hold on to them. They are the life boats for the darker times, when the vastness of it all, the incomprehensible nature of life is completely illusive. So the question becomes, or should have been all a long... What would you do if you knew you only had one day, or one week, or one month to live. What life boat would you grab on to? What secret would you tell? What band would you see? What person would you declare your love to? What wish would you fulfil? What exotic locale would you fly to for coffee? What book would you write?