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Enttäuschung vorprogrammiert

Von Tania Konnerth9 Kommentare

Heute geht es um das Thema „Erwartungen“. Und zwar um die Erwartungen, die wir an andere Menschen haben und warum genau diese Erwartungen so oft die Quelle von Enttäuschungen sind.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Sonja hat einen älteren Bruder und so lange sie denken kann, hat sie sich von ihrem Bruder gewünscht, dass er sie gegen andere verteidigt und vor Angriffen schützt. Nun ist es aber so, dass Sonjas Bruder von seiner Persönlichkeit her schüchtern ist. Auf andere Menschen zuzugehen oder etwas zu tun, womit er in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geraten könnte, liegt ihm fern. Deshalb ist er noch nie offen für seine Schwester aktiv geworden. Sie deutet das als mangelnde Liebe, tatsächlich aber ist es schlicht und einfach Unvermögen.

Wenn wir das so lesen, dürfte uns allen klar sein, dass Sonja gleichsam Unmögliches von ihrem Bruder verlangt und dass hier Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Aber können wir das auch so klar bei uns selbst sehen?

Wie sieht es z.B. aus, wenn Sie sich von Ihrer Mutter wünschen, dass sie mehr Interesse für Ihre Arbeit zeigen würde? Haben Sie sich einmal gefragt, ob sie das überhaupt kann? Wenn Sie z.B. in einem sehr technischen Beruf arbeiten und Ihre Mutter davon keine Ahnung hat, kann sie schlicht und einfach kein großes Interesse entwickeln.

Wird deutlich, was ich meine?

Gerade von unseren Familienangehörigen erwarten wir oft Unmögliches. Wir gehen vollkommen selbstverständlich davon aus, dass ihre Liebe allein reichen müsste, um uns zu geben, was wir uns wünschen. Aber das ist eben oft nicht der Fall.

Ich halte es deshalb für sehr sinnvoll, einmal unsere eigenen Erwartungen genauer zu betrachten. Und genau dafür habe ich eine Übung für Sie:

Nehmen Sie ein großes Blatt Papier (DinA2 oder DinA1) und notieren Sie darauf die Namen der Menschen, von denen Sie ein bisschen oder auch sehr enttäuscht sind.

Schreiben Sie nun zu jedem Namen auf,

  1. was Sie zu geben bereit sind und
  2. was Sie realistischerweise erwarten können.

Versuchen Sie, dabei möglichst rational vorzugehen. Diese Übung schriftlich auszuführen, hilft dabei, denn schwarz auf weiß wird uns vieles klarer.

Wenn z.B. bei Ihrem Vater „Mehr Gefühle für mich zeigen“ steht und Sie aus dem Abstand betrachtet erkennen, dass Ihr Vater grundsätzlich keine Gefühle zeigt, wird es Ihnen deutlich leichter fallen, Ihre Erwartungen an ihn zu reduzieren oder vielleicht sogar loszulassen. Wenn Ihnen dann stattdessen etwas einfällt, was Sie tatsächlich bekommen oder bekommen könnten, wie z.B. „Finanzielle Unterstützung, wenn ich in Not gerate“ oder „Horizonterweiternde Gespräche über Politik“, kann das dazu führen, dass Sie Ihren Vater ein Stück neu sehen lernen. Darüber hinaus führt die Frage danach, was wir selbst eigentlich bereit sind, dieser Person zu geben, ebenfalls oft zu einer Relativierung unserer Ansprüche. Wenn Sie z.B. Ihre Großeltern nur zweimal im Jahr besuchen, können Sie kaum erwarten, die Innigkeit zu erleben, die Sie von früher kennen, wo Sie jede Woche bei ihnen waren.

Probieren Sie diese Übung einfach selbst aus. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit dafür und planen Sie auch mehrere Durchgänge ein. Die Übung ist sehr wirkungsvoll, wenn es darum geht, die eigenen Erwartungen zu relativieren, denn wir erkennen mit ihr, wo wir zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Und das gibt uns viele Ansätze, genau das zu ändern.

  1. zofferl schreibt am 12. Oktober 2007 um 15:39

    Diese Übung mache ich schon seit längerer Zeit. Nicht schwarz auf weiß, aber ich habe unerfüllte Erwartungen auch nur an einen Menschen. Jetzt, da ich fast alle Erwartungen losgelassen habe, ist da nichts mehr. Diese Erkenntnis hatte ich gerade beim Lesen. Ist nicht schlecht, auf dieses Weise etwas zu Ende bringen zu können, dass man selbst nur noch mit Hoffnungen genährt hat, die nur zum scheitern verurteilt sein konnten. War für mich sehr hilfreich.

  2. Hubert schreibt am 13. Oktober 2007 um 23:22

    Die Sachverhalte sind nachvollziehbar. Deshalb sollte es uns auch leichter fallen unserem Gegenüber öfter mal zu sagen. Sei nicht enttäuscht, aber Deine Erfwartungshaltung wird nicht erfüllt, weil ich sie gar nicht erfüllen kann. Das ist nun leider mal so.

  3. Yvonne van Dyck schreibt am 14. Oktober 2007 um 08:05

    oh ja danke Ralf, "Enttäuschung bedarf der sorgsamen Planung" das konnte ich lange Zeit sehr gut - speziell was meine Eltern anbelangt - war auch ich eine, die ihnen unmögliches abverlangte - bis ich bemerkte, dass ich mich nur dann über meine Eltern "beschweren" kann, wenn ich mit mir selbst nicht zufrieden bin.

    denn wenn ich mit mir zufrieden bin sind meine eltern mit all ihren macken absolut die richtigen dafür, dass ich so bin wie ich bin mit all meinen macken und ich bin dankbar dafür meine id´ealen Eltern zu haben :)

    alles liebe und gratulation zum 400tsten newsletter

    Yvonne

  4. Heide schreibt am 14. Oktober 2007 um 08:13

    Hallo Yvonne,

    du hast einen neuen Gedanken gebracht, den ich interessant und wichtig finde.

    Das ist realistisch ausgedrückt das, was manche Esoteriker so forumlieren: Jeder sucht sich vor seiner Geburt die Eltern aus, die er braucht.

    Deine Version spricht mich mehr an. Danke!
    Heide

  5. Lyselle schreibt am 14. Oktober 2007 um 09:40

    Hallo & einen guten Sonntag,

    Das Thema heute hat sich in den letzten Jahren immer mehr dahinghend verändert, dass wir eben nicht
    zwangsläufig davon ausgehen können, "passgenau" mit unserem Gegenüber zusammenarbeiten zu können, wenn nicht zuvor die Präferenzen aller Beteiligten abgeglichen werden.
    Was mir auffällt, ist das nach der Enttäuschung oftmals eine latente Form assistiven bzw. sogar aggresiven Verhaltens entsteht, was letztlich dazu führt, dass sich Menschen nicht mehr zuhören und verstehen.
    Meines Erachtens hilft nur die Rückkehr zur Ehrlichkeit, dann ist Enttäuschung wahrscheinlich weniger, wie heute "Normalität",(und vorprogrammiert) sondern die Ausnahme.
    Alle Guten Wünsche an das Zeit zu leben Team, Gratulation!
    Liebe Grüße an alle!
    Lyselle

  6. Dagmard schreibt am 15. Oktober 2007 um 05:31

    Ein Ent-Täuschung kann, so denke ich,
    positiv gesehen werden.
    Ich habe mich selbst getäuscht mit einer Erwartung,
    mit einer Forderung an andere Menschen,
    an das Leben, was auch immer -
    und diese Täuschung wurde aufgedeckt:
    ent-täuscht.
    Deshalb ist für mich Ent-Täuschung nichts Trauriges,
    schon gar kein Grund aggressiv zu werden,
    sondern ein wichtiger Lernpunkt auf meinem Weg.

    Ich bedanke jetzt (endlich!) einmal für die
    vielen Denkanstöße, die ich durch den newsletter erhalte -
    danke!

    Herzliche Grüßlis -
    Dagmar

  7. Heike schreibt am 15. Oktober 2007 um 05:58

    Hallo Dagmar,
    eine Enttäuschung als Ent-Täuschung zu sehen, ist echt genial.
    Wie bei so vielen Dingen: Es ist so offensichtlich, aber man erkennt es nicht, man muss drauf gestoßen werden.
    Meine größte Ent-Täuschung muss ich jetzt nur noch lernen loszulassen und mich davon verabschieden. Wahrscheinlich habe ich mich täuschen wollen, habe mir was schön geredet, damit ich kriege, was ich haben will. Und jetzt will ich mich nicht mehr täuschen, weil ich merke, wie es an mir zehrt und zerrt.
    Danke für diese heutige Erkenntnis.

    Liebe Grüße
    Heike

  8. Norbert schreibt am 5. November 2007 um 19:09

    Dagmar :-)

  9. Rita schreibt am 14. November 2007 um 10:34

    Ja, das ist ein interessantes Thema, an dem ich immer wieder an mir zu arbeiten habe. Die eigenen Erwartungen an andere sind oft hoch, ohne es selbst zu merken. Aber auch die anderer an mich. ein lebenslanges Thema