Kleine Ode an den Frust
Von Tania Konnerth • 3 Kommentare
Eigentlich sollte ich es inzwischen besser wissen: Frust ist gut für mich!
Ja, Sie lesen richtig: Frust ist gut für mich. Wie jeder andere Mensch auch, habe ich Frustphasen. Momente, in denen ich mich mies fühle, in denen ich hadere und in denen ich das Gefühl habe, alles arbeitet gegen mich. Phasen, in denen ich mich verloren fühle und gegen Windmühlen kämpfe oder auch gegen echte Widrigkeiten. Zeiten, in denen es eben nicht so fließt wie in den guten.
Das Interessante ist, dass mir genau diese Phasen letztlich guttun. Weil sie mich dazu bringen, neue Ideen zu entwickeln und neue Ansätze zu verfolgen. Weil sie mich zu Entscheidungen bringen, die ich, wenn alles gut liefe, nie treffen würde. Weil sie mich wachsen lassen.
Ich brauche Frust, um mich weiterzuentwickeln. In den zufriedenen Phasen neige ich eher zur Trägheit und bleibe bequem auf meinem Hintern sitzen. Unzufriedenheit aber treibt mich an.
Erst in den unbequemen Phasen werde ich aufmerksam und überlege, was ich tun könnte, damit es mir wieder besser geht. Wenn ich frustriert bin, frage ich mich, was mich nervt und was ich ändern kann. Erst in Frustphasen strecke ich mich und wachse.
Und deshalb: Danke, Frust, du tust mir gut!





Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit hörte ich das Audiobook "I know what to do so why don't I do it?" von Dr. Nick Hall. In der Hauptsache geht es dabei um biochemische Vorgänge in unserem Körper, u.a. auch um das Thema Stress. Der interessante Punkt dabei ist, dass Dr. Hall nicht einfach Methoden zur Stressbewältigung nennt, sondern - ganz im Gegenteil zu den meisten anderen mir bekannten Autoren - Stress als schlichte Notwendigkeit bezeichnet. Stress an sich wäre nichts Schlechtes, es käme nur darauf an, dass man sich auch richtig davon erholen könne (im Englischen fällt dazu sehr häufig das Wort "Recovery"). Der Stress könne auch sehr stark sein, wenn es denn eben auch eine entsprechend lange, sich anschließende Erholungsphase gäbe. Muskelaufbau zum Beispiel bedingt Stress (Training), das Wachstum an sich fände aber während der Erholungsphase statt. Es sei also erst der ständige Wechsel von Stress und Erholung, der uns wachsen lasse. Und der uns überhaupt erst Freude an der Erholung bereitet, möchte ich anfügen.
Das lässt sich sehr schön auf diesen Artikel übertragen, finde ich. Ohne den vorangegangenen Frust kann ich die nachfolgende Phase der Zufriedenheit (Idealziel: Einklang) nicht wirklich genießen, weil sie ohne Frustphasen nichts besonderes wäre (Abstumpfung). Die Kunst besteht also darin, die Phasen des Frusts nicht zu sehr bzw. zu lange auszukosten und die Phasen der Zufriedenheit mit sich selbst und der Welt tatsächlich genießen zu können.
Für diesen Artikel, der mir eine völlig neue Sichtweise eröffnet, bin ich entsprechend dankbar. Er hilft mir dabei, mit Frust besser umzugehen und gelassener zu werden.
Grüße,
Martin
Hallo Tania Konnerth,
hallo Ralf Sentfleben,
danke für Euren Denkanstoß.
Ein auf den ersten Blick etwas schräger Ansatz,
aber letzlich folgt er einem Grundprinzip der
Natur, dass ein Reiz eine bestimmte Reaktion
hervorruft.
Wenn ich z.B. einen Baum zurückschneide, oder
Gras mähe, wächst hinterher alles umso besser.
Auf uns Menschen übertragen:
Zufriedenheit macht bequem.
Keinerlei Anreiz für Veränderung. Warum auch ?
Frust kann ein starker Antrieb sein. Viele neue
Denkansätze oder technische Erfindungen sind nur
deshalb entstanden, weil jemand sehr verärgert,
genervt oder unzufrieden war bezüglich eines
vorhandenen Zustands, und sich sagte, "das muss
auch irgendwie anders / besser gehen ..."
Frust ist unbequem, klar.
Aber ohne Antrieb keine Bewegung !
Und ohne Bewegung keine Weiterentwicklung.
Fazit: Lasst uns im positiven Sinne Frust haben.
Freundliche Grüße, :o)
Günther Bässler
Den Gedanken bzgl. actio et reactio bzw. alternierender Phasen kann man auch auf das Leben selbst übertragen: Ohne den Tod bzw. das Bewusstsein, dass das Leben endlich ist, wäre der Antrieb, das Leben tatsächlich zu leben, doch viel geringer und damit freudloser. Wieviel Kraft ziehen unglückliche Menschen aus dem Fakt, dass ihr Leiden von begrenzter Dauer ist? Und wieviel Hoffnung aus dem Glauben, dass es mit dem Tod besser wird? Man stelle sich vor, das Leben wäre endlos und es gäbe quasi keine Aussicht auf Besserung - hätten wir es dann nicht mit einer enorm hohen Zahl an Selbstmorden zu tun?
Kann man daraus ableiten, dass es doch eine Art Wiedergeburt gibt bzw. geben muss? Muss ich weiter drüber nachdenken.
Das Wesen von actio et reactio ist aber, dass die Gegenkraft genauso groß ist wie die Kraft. Und auch bei Reizen ist es so, dass mittelfristig wieder das Potenzial erreicht wird, dass vor dem Reiz vorhanden war. Wenn man natürlich in der Phase der Hyperpolarisation (siehe Wikipedia: Reiz -> Aktionspotenzial) misst, stellt man ein vermeintliches bzw. temporäres Wachstum fest. Und so ist es doch auch bei dem im ersten Kommentar von mir erwähnten Muskelaufbau: Übe ich nur 1x, findet zwar zunächst ein Muskelaufbau statt, dieser verschwindet aber in den Folgetagen wieder, wenn ich nicht weiterübe. Und ähnlich ist es auch mit Günther Bässlers Beispiel: Wenn ich z.B. einen Baum zurückschneide, oder
Gras mähe, wächst hinterher zunächst alles umso besser. Verzichte ich jedoch auf weiteres Mähen, verlangsamt sich das Wachstum, bis das alte Niveau wieder erreicht ist.
Der Schlüssel für dauerhafte Veränderungen liegt also in der Wiederholung. Und auch diese ist nicht gegen Abnahme der reactio mit der Zeit gefeit: Trainiere ich meine Muskeln mit immer derselben Übung, "lernen" die Muskeln und der erzielte Muskelaufbau wird mit der Zeit immer kleiner. Bei Reizen findet mit der Zeit generell eine Abstumpfung statt.
Übertragen auf die Ode an den Frust heißt das, dass ich immer wieder andere Lösungen finden muss, denn die 1x angewendeten Mittel gegen den Frust helfen beim nächsten Mal schon etwas weniger...