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Was tun, wenn ich schüchtern bin?

Von Ralf Senftleben4 Kommentare

schuechternheit

Wenn Sie schüchtern sind und darunter leiden, dann gibt es einiges, was Sie tun können.

Aber lassen Sie mich bitte kurz zuerst klären, was genau ich hier mit „schüchtern“ meine, denn jeder hat wahrscheinlich eine andere Vorstellung. Sie sind in meinen Augen wahrscheinlich schüchtern,

Das alles kann ein Zeichen von Schüchternheit sein.

Die extreme Form der Schüchternheit ist die sogenannte soziale Phobie, bei der Betroffene den Kontakt mit anderen, insbesondere mit unbekannten Menschen, so gut wie es geht, meiden und sich oft gar nicht mehr aus dem Haus trauen.

Dieser Artikel ist für all die, die unter einer leichten Form von Schüchternheit leiden. Um aus einer Sozialphobie herauszukommen, braucht man meistens therapeutische Hilfe. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie oder die Akzeptanz- und Commitment-Therapie haben sich bei sozialen Ängsten sehr bewährt.

Schüchterne Menschen haben es schwer

Schüchterne Menschen haben es in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft nicht einfach.

Als schüchterner Mensch traut man sich das aber oft nicht und hat dementsprechend handfeste Nachteile.

Dabei ist Schüchternheit keine grundlegende und unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft. Schüchterne Menschen können durch gezieltes Selbsttraining zu offenen, kommunikativen und selbstsicheren Menschen werden. Schüchternheit ist kein Schicksal, sondern etwas, aus dem Sie herauswachsen können.

Schüchternheit hat seine Wurzeln oft in einem angekratzten Selbstwertgefühl und in fehlenden sozialen Fähigkeiten. Und an beidem kann man arbeiten. Es gibt vieles, was Sie tun können, um Ihr Selbstwertgefühl zu verbessern. Und auch zwischenmenschliche Fähigkeiten (z. B. jemanden ansprechen, seine Meinung äußern, Smalltalk) sind etwas, was Sie gezielt trainieren können.

Wie genau das geht, dazu finden Sie hier 3 Ideen.

Tipp 1: Akzeptieren Sie, dass Sie (im Augenblick noch) schüchtern sind

Der erste und wichtigste Schritt ist, dass Sie anfangen, die Angelegenheit mit Ihrer Schüchternheit sachlich zu sehen.

Bei allen Nachteilen ist Schüchternheit etwas ganz Normales und Erklärliches. Erstaunlich viele Menschen leiden darunter, dass sie schüchtern sind. Sie haben vielleicht manchmal das Gefühl, Sie wären der Einzige, aber das stimmt nicht. Je nachdem, welche Studie Sie bemühen, leiden ca. 2–10 % aller Menschen in Deutschland irgendwann in ihrem Leben unter sozialen Ängsten. Das sind bei einer Bevölkerung von 80 Millionen in Deutschland mindestens 1,6 Millionen Leute. Sie sind also ganz sicher nicht alleine. Es geht vielen Menschen so.

Schüchternheit ist anstrengend und bringt Nachteile mit sich. Aber Sie sind deswegen kein schlechter oder minderwertiger Mensch, auch wenn Ihnen Ihr Gefühl manchmal eine andere Geschichte erzählt.

Sie SIND auch nicht schüchtern. Damit will ich sagen, dass die Schüchternheit kein eingebauter und unveränderlicher Wesenszug bei Ihnen ist. Sie haben in der Vergangenheit einfach nur gelernt, schüchterne Gedanken zu denken und sich wie ein schüchterner Mensch zu verhalten.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn an unserem Wesenskern können wir nur wenig ändern; Ihre Gedanken und Ihr Verhalten dagegen schon.

Der erste Schritt dazu ist, dass Sie aufhören, sich allein schon deswegen schlecht zu fühlen, weil Sie sich für schüchtern halten.

Verinnerlichen Sie bitte folgende Sätze:

„Ja, ich verhalte mich im Augenblick noch wie ein schüchterner Mensch. Es ist, wie es ist. Wenn ich dagegen kämpfe und mich deswegen schlecht fühle, dann mache ich mir das Leben noch schwerer.

Ich arbeite schließlich in kleinen Schritten daran, offener, kommunikativer und selbstsicherer zu werden. Mehr kann ich nicht tun. Ich bin auf dem Weg. Ich tue etwas, um die Sache zu ändern. Und darauf kann ich stolz sein.“

Machen Sie Ihren Frieden damit, dass Sie im Augenblick noch nicht so selbstsicher sind, wie Sie sich das wünschen würden. Der erste Schritt dazu ist, Ihre augenblickliche Situation sachlich und nüchtern zu betrachten und so anzunehmen, wie sie ist. Der erste Schritt ist aufzuhören, mit sich selbst zu kämpfen.

Wenn Sie den inneren Kampf gegen sich selbst beenden, dann werden plötzlich eine Menge innere Kräfte frei, die Sie dazu nutzen können, um Ihre alten Muster zu verändern und umzutrainieren.

Deswegen sagen Sie sich bitte:

„Ja, ich verhalte mich im Augenblick schüchtern. Es ist, wie es ist. Und in 2 oder 3 Jahren werde ich auf meine heutige Situation zurückschauen und ich werde zu mir sagen: ‚Erstaunlich, dass Schüchternheit heute überhaupt kein Thema mehr für mich ist. Und angefangen hat meine Reise damit, dass ich akzeptiert habe, dass es ist, wie es ist.‘“

Tipp 2: Beobachten und ändern Sie Ihr Denken

Schüchterne Menschen denken oft schüchterne Gedanken. Zum Beispiel:

Tatsächlich haben schüchterne Menschen oft eine ganz milde Form der Paranoia, d. h., sie beziehen alles, was um sie herum passiert, auf sich selbst. Zum einen halten sie sich selbst oft für nicht so wichtig, manchmal sogar für minderwertig. Auf der anderen Seite glauben sie, alle Menschen würden sie ständig mit einem kritischen Auge betrachten und bewerten. Damit unterschätzen und überschätzen sie die eigene Bedeutung gleichzeitig.

Ein Weg aus diesem Dilemma ist es, achtsamer mit dem eigenen Denken und Fühlen zu werden.

Beobachten Sie Ihr eigenes Denken ruhig einmal eine Weile ganz bewusst. Besonders dann, wenn Sie mit anderen Menschen zusammen sind.

Ihre Aufgabe könnte jetzt sein, sich der Gedanken bewusst zu werden, die Sie denken und die dann letztlich Ihre Schüchternheit mit hervorbringen.

Was sind Ihre „Schüchternheitsgedanken“?

Und sobald Sie Ihren Schüchternheitsgedanken auf die Spur gekommen sind, gilt es, diese Gedanken Schritt für Schritt anzuzweifeln, zu relativieren, aufzuweichen und aufzulösen. Das passiert im Dialog mit sich selbst.

Ursprünglicher Gedanke Innere Antwort darauf
Was, wenn er mich nicht mag? Ja genau, was ist dann? Was ist das Schlimmste, was dann passieren kann? Und woher willst du eigentlich wissen, dass er dich nicht mag? Vielleicht kann er es ja nur nicht zeigen. Vielleicht bist du ihm auch vollkommen egal.
Was, wenn sie mich doof finden und auslachen? Wie oft wurde ich denn schon ausgelacht? Und finde ich nicht auch manchmal Menschen doof? Und fallen diese Menschen dann tot um, oder was? Man stirbt also nicht daran, wenn einen jemand doof findet.
Beobachtet der mich? Ach komm, nimm dich mal selbst nicht so wichtig. Ob er dich beobachtet oder nicht … welche Bedeutung wird das morgen, übermorgen oder in einer Woche haben?
Hoffentlich spricht er mich nicht an. Ja und wenn, dann werde ich auch irgendwie damit umgehen können. Dann stottere ich eben ein bisschen rum. Unsicheres Verhalten ist ja auch sympathisch. Ich muss ja nicht perfekt reagieren. Ist doch nicht schlimm, wenn ich auch mal in eine peinliche Situation gerate. Hinterher kann ich drüber lachen, wenn ich mich selbst nicht so ernst nehme.

Sie sehen das Prinzip? Nehmen Sie Ihre typischen Gedanken, mit denen Sie sich selbst das Leben schwer machen. Dann aktivieren Sie den vernünftigen, erwachsenen und abgeklärten Teil in Ihnen. Aus dieser abgeklärten Perspektive setzen Sie Ihren „Schüchternheitsgedanken“ dann neue, bessere, vernünftige Gedanken entgegen. Springen Sie dabei wiederholt zwischen den alten, „schlechten“ Gedanken und den neuen, „besseren“ Gedanken hin und her. Und irgendwann werden Sie sich dann dabei erwischen, wie Sie automatisch die neuen Gedanken denken, in Situationen, in denen Sie sich selbst vorher gedanklich das Leben schwer gemacht haben.

Es reicht natürlich nicht, das Gedankentraining nur einmal zu machen. Hier ist ein dauerhaftes Selbsttraining notwendig, bei dem Sie Ihre alten Gedanken wieder und wieder anschauen und diese relativieren.

Nach einiger Zeit verlieren Ihre alten Gedanken ihre Macht und Sie wirken dauerhaft gelassener und erwachsener auf andere Menschen. Und Sie werden dadurch entspannter, wenn Sie unter Menschen sind.

Tipp 3: Trainieren Sie soziales Miteinander

Schüchternheit kommt auch oft daher, dass Menschen einfach keine Übung im sozialen Miteinander haben:

Normalerweise lernen wir diese Dinge in unserer Kindheit durch Nachmachen. Aber wenn wir als Kinder keine positiven Vorbilder haben, die wir imitieren können oder wollen, dann haben wir das vielleicht einfach nie gelernt.

Warum einem soziale Fähigkeiten noch fehlen, ist ja eigentlich auch egal. Wichtig ist, dass wir sie auch als Erwachsener noch lernen können.

Wollen Sie selbstsicherer und souveräner im Umgang mit Menschen werden, ist es tatsächlich Ihre Aufgabe, typisches zwischenmenschliches Verhalten zu lernen und so lange einzuüben, bis es natürlich und automatisch für Sie ist.

Hier müssen Sie sich allerdings selbst ein bisschen überwinden. Schüchternheit ist ja normalerweise eine Haltung und Verhaltensweise, um Stressgefühle zu vermeiden. Sie vermeiden zum Beispiel Blickkontakt, weil es Ihnen unangenehm ist, weil der direkte Blickkontakt eben Stressgefühle auslöst.

Neues Verhalten zu trainieren, wird dieser Stressvermeidungshaltung zuwiderlaufen und zumindest am Anfang Stressgefühle auslösen. Denn immer, wenn wir uns in Neuland vorwagen, setzt uns das ein bisschen unter Druck. Es ist wichtig, das beim Training zu beachten und dem Impuls zu widerstehen, dem Lernstress auszuweichen, indem man wieder in sein altes, schüchternes Verhalten zurückfällt.

Wenn Sie neues Verhalten trainieren möchten, dann ist es normal, wenn Sie dabei ein bisschen zittern, wenn Sie sich unwohl fühlen, Zweifel haben und am liebsten weglaufen möchten. Bitte geben Sie diesen Impulsen nicht nach, sondern üben Sie trotzdem.

Stress, Unwohlsein und Fluchtreflexe sind in gewissem Maß natürlich und notwendig. Lernen Sie bitte, sich diese Gefühle zu erlauben, diese wahrzunehmen, sie aber nicht überzubewerten. Nehmen Sie diese Gefühle als notwendige und nicht vermeidbaren Konsequenz, wenn Sie neues Verhalten üben.

Wie kann man nun genau üben? Wie könnte ein Trainingsprogramm für soziales Verhalten aussehen? Hier einige Ideen dazu:

All diese neuen Verhaltensweisen können Sie auf drei verschiedene Arten üben:

Ja, schüchterne Menschen haben es ganz praktisch gesehen schwerer als andere in unserer Zeit. Und wenn Ihnen die Nachteile des „Schüchternseins“ auf die Nerven gehen, dann können Sie:

Und irgendwann in gar nicht so langer Zeit werden Sie dann vielleicht zurückschauen und sich darüber freuen, was man erreichen kann, wenn man systematisch an sich arbeitet.

  1. Alex Rubenbauer schreibt am 15. März 2011 um 13:46

    Sehr schöner Artikel. Es freut mich, dass die Probleme von Schüchternen und Menschen mit Sozialen Ängsten hier auch vorgestellt werden.

  2. Katrin Aldag schreibt am 20. März 2011 um 10:17

    Finde ich auch - sehr guter einfühlsamer Artikel. Vor allem die Beispiele für innere Antworten finde ich sehr hilfreich. Und den Gedanken: Du bist eben so, nimm dich so an, du kannst es ja ändern.

    Ich hatte leider diesbezüglich auch keine so guten Vorbilder als Kind und wurde im Gegenteil mit Ermahnungen wie "Sei still, wenn Erwachsene reden", "Rede nur, wenn du gefragt bist" oder "Was sollen nur die anderen von dir denken" immer wieder eingeschüchtert. Nun, im "mitteleren" Alter, habe ich meine Schüchternheit zum großen Teil überwunden, aber einige Botschaften kommen immer wieder hoch. Vor allem dieses "Was denkt er/sie jetzt über mich"...

    Mir hilft in der Tat nur offensives Vorgehen. Z.B. Andere von mir aus ansprechen, wenn ich das Gefühl habe, es würde mir jetzt Stress bereiten, wenn der Andere mich anspricht. Kleine lockere Kommentare machen zum Wetter, zum Kantinenessen... egal - etwas, was die meisten Menschen bewegt, aber unverfänglich ist. Ich habe mir dabei in der Vergangenheit immer wieder genau angeschaut, wie das Menschen tun, denen es anscheinend total leicht fällt, auf andere Menschen zuzugehen und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Denen passieren genauso häufig "peinliche" Sachen, sie sagen etwas Falsches, Abwägiges oder weniger Interessantes, auch sie sind mal schlecht drauf, haben Rückenschmerzen, können eine Frage nicht beantworten, stolpern mal, stoßen sich, verschütten ihren Kaffee und bröckeln ihren Kuchen unter den Schreibtisch. Im Unterschied zu mir wird das aber nicht weiter analysiert. Sie halten sich dabei auf. Oder sie kommentieren sich selbst auf witzige Art und Weise, ziehen sich durch den Kakao und schütten sich aus vor Lachen, als hätten sie gerade einen ganz besonders lustigen Witz gehört. Das verbindet ungemein, denn sich als "Trottel" oder "Tollpatsch" zu outen erleichtert die Menschen, denen selbst vieles an sich peinlich ist. :-)))
    Aber dann ist auch wieder gut - nächstes Thema!

    Und wie sie versuche ich das auch immer wieder - im Fahrstuhl, im Wald, beim Einkaufen und im Meeting: Anlächeln, grüßen, etwas Banales sagen. Es gibt kaum jemanden, der nicht dankbar zurück lächelt und grüßt und sich gern in ein kleines Gespräch hineinziehen lässt! Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Ich stelle immer wieder fest, dass ich scheinbar nicht allein bin mit meinem Problem - es gibt sehr viele Menschen, die sich vor lauter Schüchternheit lieber zurückziehen und eine Mauer um sich herum tragen.

    Immer mal wieder zurück zu schauen bringt mir auch sehr viel. Mit Mitte 20 habe ich mich nicht aus meinem Büro heraus getraut, um wegen einer Frage in ein anderes Büro zu gehen. Ich habe immer ewig gebraucht, den Telefonhörer abzunehmen, um jemanden anzurufen! Ich bin glücklicherweise schon weit gekommen.

    Dankeschön für den Artikel!!

  3. Klara schreibt am 22. März 2011 um 19:09

    Danke für den inspirierenden Artikel!

  4. Steffen schreibt am 24. März 2011 um 19:04

    sehr gut geschriebener Artikel, aber ich könnte das Thema noch etwas auf die Spitze treiben. Die Ratschläge und Analysen hören sich ja immer so "einfach" und logisch an, aber die Umsetzung ist das fast unmögliche.

    Ohne H. Senftleben zu nahe treten zu wollen, aber wie würde der Autor reagieren wenn er an einer Supermarktkasse mit einer langen Schlage steht und dann, wenn er bei der Kassiererin angekommen ist, was "schief" läuft, z.B. Ihm etwas runter fällt. Das Gesicht von H. Senftleben verfärbt sich schlagartig in Rot und er läuft für alle gut sichtbar wie ein Leuchtturm umher.

    Absurd oder? Der Knaller ist dann aber, wenn noch jemand laut sagt, wieso wirst du denn jetzt so Rot?

    Mir ist erst spät im Leben aufgefallen was für ein Experte von Vermeidungs-strategien ich geworden bin. Aber mit diesem Stress klar zukommen ist sehr schwierig.

    Das was Katrin Aldag schreibt, mit den Vorbildern in der Kindheit, ist der springende Punkt, die Programmierung sozusagen für später....