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Work-Life-Balance – dem Leben den richtigen Mix geben

Von Judith Wischhof6 Kommentare

work-life-balance

Bei der Eingabe von „Work-Life-Balance“ bei Google erhält man mittlerweile ca. 16.300.000 Beiträge rund um das Thema. Aber was ist Work-Life-Balance denn eigentlich genau und wie kann ich meine „Work-Life-Balance“ verbessern?

Zu dieser Fragestellung haben wir dieses Mal einen echten Profi interviewt. Ralph Goldschmidt ist Vortragsredner und Autor und hat sich – auch mit seinem neuen Buch „Shake your Life“ – vor allem diesem Thema verschrieben.

Work-Life-Balance steht im eigentlichen Sinn für einen Zustand, bei dem Arbeit und Privatleben in Einklang miteinander stehen. Doch ist das ein Widerspruch, Arbeit und Leben? „Ich empfinde die Wortwahl als durchaus kritisch“, so Goldschmidt, „schließlich gehört das Arbeiten zum Leben dazu. Und ohne Arbeit und Aufgaben fehlt uns etwas. Vielmehr geht es bei ‚Work-Life-Balance‘ um einen gelungenen Mix und ein ausgewogenes Verhältnis verschiedener Faktoren, die unser Leben ausmachen. Nicht nur Work und Life, sondern auch Sinn, Werte, Beziehungen, Gesundheit, Finanzen, Freunde, Hobbys, Wohnen und, und, und.“

Ein Patentrezept gibt es nicht

Welchem Lebensbereich man mehr oder weniger Priorität zugesteht, muss hier jeder für sich ganz individuell entscheiden. Vor allem können sich die Prioritäten auch je nach Lebenssituation immer mal ändern.

„An dieser Stelle muss jeder ganz individuell entscheiden, was ihm in seinem Leben wichtig ist. Dennoch gibt es diese Zutaten, wie Gesundheit, Beziehungen, Werte, Finanzen usw., die nicht zu kurz kommen sollten. Klappt es in der Beziehung nicht, nehme ich den Frust mit zur Arbeit. Läuft es bei der Arbeit schlecht und ich bekomme dort nur Druck von allen Seiten, kann das auf die Gesundheit schlagen. So hat es immer Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche, wenn einer dieser Faktoren zu kurz kommt. Natürlich kann es auch sein, dass jemand gerne 80 Stunden in der Woche arbeitet und sich nicht Schöneres vorstellen kann. Aber da kommt früher oder später die Gesundheit zu kurz und die wird ihm in Zukunft einen Strich durch die Rechnung machen. Sei es mit einem Burnout oder gar mit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall.“

Und wir kennen es alle: Man merkt oft erst, dass etwas falsch läuft, wenn es bereits zu spät ist. Dann ist die Beziehung zerbrochen, weil ich mir für meinen Partner zu wenig Zeit genommen habe, oder es rebelliert der Körper, weil ich es mal wieder übertrieben habe.

Eine Möglichkeit zur Vorsorge ist es, regelmäßig eine Bestandsaufnahme zu machen, und sich so bewusst zu machen, in welchem Lebensbereich Handlungsbedarf besteht.

Tipp von Ralph Goldschmidt

Machen Sie sich eine Liste und schreiben Sie auf, was Ihnen wichtig ist. Dabei können Sie sich an den bereits angesprochenen Faktoren wie Gesundheit, Beziehungen, Finanzen, Beruf, Freizeit, persönliche Entwicklung, Wohnsituation etc. orientieren, vielleicht finden Sie aber ja auch noch weitere Lebensbereiche, die für Ihr persönliches Glück wichtig sind.

Machen Sie nun mal eine ganz ehrliche Bestandsaufnahme. Ehrlicher Blick in den Spiegel: Wie sieht’s z. B. mit Ihrer Gesundheit aus: Wie ernähren Sie sich? Wie viel Bewegung haben Sie? Vorsorgeuntersuchungen? Irgendwelche Symptome (Verspannungen, empfindlicher Magen, Ein- oder Durchschlafprobleme? … Wie sieht das Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung zurzeit aus?

Wie steht es um Ihre wichtigsten Beziehungen? Wie läuft’s mit Ihrem Lebensgefährten? Mit Ihren Kindern? Wie oft treffen Sie sich mit Ihren besten FreundInnen? Wie sieht’s im Job aus: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Position, Ihren Aufgaben, den Arbeitszeiten, Ihrem Gehalt, Ihren Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, dem Verhältnis zum Chef und den Kollegen?

So gehen Sie durch alle Lebensbereiche. Damit ist der erste Schritt schon getan. Sie sind sich dessen bewusst geworden, was in welchem Bereich gut läuft … und was in Ihrem Leben zu kurz kommt, wo es ‚Baustellen‘ gibt. Dort gilt es dann zu handeln und sich Freiräume für diese Bereiche zu schaffen. Und falls es mehrere Baustellen gibt: Schritt für Schritt rangehen, bloß nicht alles auf einmal.

Der tägliche Wahnsinn

Mal eine kleine Rechnung, die bei jedem natürlich unterschiedlich ausschaut: Bei einer 40-Stunden-Arbeitswoche, wie sie in Deutschland mittlerweile Durchschnitt ist, ist man täglich 8 Stunden + Pausen bei der Arbeit. Dazu kommt die Anfahrt, die für viele ja auch eine Stunde oder mehr beträgt. Da kommen wir schon auf mindestens 10 Stunden. Jetzt müssen noch Einkäufe und die Hausarbeit erledigt, die Kinder versorgt und das Abendbrot zubereitet werden. Dann sind wir bereits bei mindestens 12–14 Stunden. Am Ende des Tages sollten wir möglichst auch noch 8 Stunden schlafen, um für den nächsten Tag wieder fit zu sein.

Da fragt man sich doch: Wie soll ich mir da noch Freiräume schaffen und gleichzeitig für alle und alles da sein? Ralph Goldschmidt: „Das ist der alltägliche Wahnsinn. Mal erschöpft zu sein und komplett eingenommen zu werden ist auch in Ordnung. Kritisch wird es aber, wenn das ein Dauerzustand wird, wenn ich jeden Abend nur noch aufs Sofa vor den Fernseher oder direkt ins Bett falle und mich nicht mehr ermuntern kann, am Leben teilzuhaben. Hier muss man dann lernen, Prioritäten zu setzen, Grenzen zu setzen, nein zu sagen und Arbeit zu delegieren.“

Tipp von Ralph Goldschmidt

Schreiben Sie sich mal alle Rollen, die Sie ausfüllen, auf: die als Mutter oder Vater, als Lebenspartner, als Arbeitnehmer oder -geber, als Sportler (oder welches Hobby Sie auch immer haben), als Ehrenämtler usw. Und vergessen Sie auch nicht Ihre ‚Ich‘-Rolle (die Sie richtig ausfüllen, wenn Sie sich mal Zeit für sich selbst nehmen und sich um sich selbst kümmern).

Jetzt machen Sie es sich zum Ritual und setzen Sie sich einmal in der Woche hin und stellen Sie sich die Frage, was das Wichtigste ist, das Sie in der nächsten Woche in jeder einzelnen Rolle machen können. Welche Tätigkeit/Aktivität hätte jeweils bedeutsame positive Auswirkungen (und dabei nicht nur auf die kurzfristigen Konsequenzen schauen!)? In Ihrer Rolle als Partner könnte dies zum Beispiel sein, mit Ihrer Liebsten den nächsten Urlaub zu planen und zu buchen. In Ihrer Ich-Rolle gönnen Sie sich vielleicht einen Saunabesuch oder vereinbaren einen Termin für einen Gesundheits-Check. Im Job wollen Sie vielleicht ein klärendes Gespräch mit einem Kollegen oder Ihrem Chef führen. Wichtig ist dann, dass Sie dieses Vorhaben auch in Ihrem Terminkalender fixieren. Denn: Das Erste, was typischerweise nicht stattfindet, ist das, was nicht als Termin in Ihrem Kalender steht. Und das sind meistens die privaten Dinge.

Zu diesem Thema gibt es ein tolles Zitat von Stephen R. Covey, dem Autor von ‚Die 7 Wege zur Effektivität‘: ‚Der Schlüssel liegt nicht darin, Prioritäten für das zu setzen, was auf Ihrem Terminplan steht, sondern darin, Termine für Ihre Prioritäten zu setzen.‘

Selbstverständlich merkt man dann rückblickend, dass vielleicht doch mal trotz des guten Zeitmanagements eine Rolle zu kurz gekommen ist. Aber man merkt es eben, es wird einem bewusst, Woche für Woche. Und es wird einem klar: Jetzt habe ich seit 6 Wochen nichts für meine Partnerschaft (Gesundheit …) getan …es wird Zeit, sonst knallt’s bald!

Neinsagen und Delegieren lernen

Delegieren und Neinsagen sind im privaten Leben schon schwierig genug. Wirklich kniffelig wird es aber, wenn Sie auch auf Ihrer Arbeit mal nein sagen müssen. „Ich halte regelmäßig Vorträge in großen Firmen“, so Goldschmidt. „Oftmals sind sich die Chefs tatsächlich gar nicht dessen bewusst, wie viel auf dem Schreibtisch ihrer Mitarbeiter landet, die stehen ja selbst auch unter Strom. Daher ist es wichtig und richtig, dass Sie Ihren Chef darauf aufmerksam machen, sobald Sie das Gefühl haben, dass es zu viel wird. Und ‚Stopp‘ rufen. Gut argumentiert kann das (fast) jeder Chef verstehen. ‚Chef, Sie möchten, dass ich die Sache X bis übermorgen fertig habe. Außer X müssen auch noch A, B, C und D bis dann und dann erledigt sein. Das schaffe ich beim besten Willen nicht. Entscheiden Sie: Was hat erste Priorität, was kann nach hinten geschoben oder anders/von jemand anderem gemacht werden?‘

In Ausnahmesituationen ist es sicherlich auch mal in Ordnung, Überstunden machen zu müssen, damit tatsächlich alles noch sofort erledigt werden kann, aber es darf nun mal kein Dauerzustand werden. Und solange Sie nicht ‚Stopp‘ rufen, werden Sie immer mehr und mehr Sachen übertragen bekommen. Machen Sie sich bewusst: Die Verantwortung Ihres Chefs liegt auch darin, ein vernünftiges Projekt- und Zeitmanagement hinzubekommen. Und ggf. muss er dann auch mal nach ganz oben ‚Stopp‘ rufen.“

Das alles gilt natürlich nur dann, wenn Sie in Ihrem Job grundsätzlich engagiert zu Werke gehen. Wer als faule Socke gilt, der wird es schwerer haben, seinem Vorgesetzten klarzumachen, dass er „voll ist“ oder „einmal früher gehen möchte, um wichtige private Angelegenheiten zu regeln“.

Tipp von Ralph Goldschmidt

Um bei seinem Vorgesetzten um Freiräume und Freizeit zu bitten, bedarf es Mut.

Mein Tipp ist es daher, sich einfach mal folgende Fragen zu stellen:

  • Welche Konsequenzen hat es, wenn ich es weiterhin nicht schaffe, nein zu sagen?
  • Welchen Stress hatte ich schon mit meinem Partner, weil ich immer so spät und erschöpft nach Hause komme?
  • Welche gesundheitlichen Beschwerden bin ich bereit zu riskieren, nur um bei meinem Chef zu punkten?
  • Was alles kommt noch zu kurz, wenn ich weiterhin so viele Überstunden mache?
  • Wenn ich so weitermache: Wie sieht mein Leben dann in 3, 5 oder 10 Jahren aus?

Kurzum ist das Fazit eigentlich immer: Die Arbeit kann es nicht wert sein, dass ich alle sonstigen Bedürfnisse und Beziehungen dauerhaft zurückstelle. Oder um es einmal extrem überspitzt zu sagen: Was haben Sie davon, wenn Sie umfallen? Einen Strauß Blumen ins Krankenhaus oder einen Kranz aufs Grab? Ihr Arbeitgeber hat übrigens auch nichts davon!

Exkurs: Burnout

Nicht alle gehen achtsam mit sich um, erkennen die Probleme und machen dann auch noch den Schritt, tatsächlich einmal „Stopp, bis hierhin und nicht weiter!“ zu sagen. Viele verschließen lieber die Augen vor dem, was schiefläuft. „‚Et hätt noch immer jot jejange‘, sagt man in Köln dazu“, so Goldschmidt, „und das kann gefährlich enden. Denn oftmals verschließen wir uns einfach gegenüber den Warnzeichen, die wir erhalten. Bevor eine Beziehung in die Brüche geht, gibt es Anzeichen. Und auch ein Burnout kündigt sich standesgemäß an.“ Wenn man darauf aber nicht reagiert, kann man schnell gegen die Wand fahren. „Ein Burnout“, so Goldschmidt, „ist im Prinzip eine gesunde Reaktion des Körpers, der einem damit sagt: Hallo Freundchen, es reicht, Ruhe jetzt und Feierabend. Er legt uns lahm. Auf diese Weise bewahrt er uns noch vor Schlimmerem wie z. B. einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall.“

Selbstverständlich ist ein Burnout auch schlimm, aber er ist nicht lebensbedrohlich. Es ist auch medizinisch gesehen schwierig, Burnout von einer Depression abzugrenzen. Es geht – etwas vereinfacht formuliert – um einen Zustand dauerhafter physischer und seelischer Erschöpfung.

Hinweise und Verstärker für einen Burnout

Tatsächlich war es früher so, dass vor allem die helfenden Berufe besonders gefährdet für einen Burnout waren. Krankenschwestern, Therapeuten, Lehrer, Sozialpädagogen. Das hat sich geändert: Ob Banker, Businessleute, Alleinerziehende oder Studenten, ein Burnout kann jeden treffen und ist nicht zwingend jobbedingt, sondern kann auch Gründe oder Verstärker im privaten Umfeld haben.

„Besonders Menschen, die perfektionistisch veranlagt sind, die überzogene Erwartungen an sich selbst haben (oder an die überzogene Erwartungen gestellt werden) kann es schnell treffen. Sie gestehen sich keine Fehler zu, keine Schwächen. Sie machen sich selbst den meisten Druck. Gerade wer für sein Wohlbefinden viel Anerkennung braucht und sie nicht ausreichend bekommt, strampelt noch mehr und gerät so in einen Teufelskreis, der auch im Burnout enden kann. Vor allem diejenigen mit einem Job im mittleren Management, in einer sogenannten Sandwich-Position, bekommen viel Druck: von oben, von unten, von allen Seiten“, so Ralph Goldschmidt. „Und sie fühlen sich stark fremdbestimmt. Wenn es ihnen dann noch schwerfällt, loszulassen und zu delegieren, ist der Weg in den Burnout oft nicht weit.“

Bemerkenswert ist außerdem, dass ein Burnout oder eine Überarbeitung meist selbst gar nicht wahrgenommen wird. In der Regel ist es das Umfeld, das diese Symptome erkennt. Wenn Sie das Gefühl haben, dass jemand in Ihrem Bekanntenkreis kurz vor dem Burnout steht, dann sprechen Sie mit ihm darüber und empfehlen Sie auch professionelle Hilfe. Genauso raten wir Ihnen im umgekehrten Fall, auch auf Ihr Umfeld zu hören und sich ggf. Rat bei einem Profi zu holen.

Tipp von Ralph Goldschmidt

Diese Anzeichen können, wenn sie dauerhaft auftreten, auf einen Burnout hinweisen:

  • eine dauerhafte Erschöpfung
  • extremes Engagement, pausenloses Arbeiten, ohne sich Urlaub zuzugestehen
  • wenn Misserfolge verdrängt werden
  • verstärkter Alkohol- und Tabak-Konsum
  • extreme Fressattacken oder aber absolute Appetitlosigkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Schlafstörungen
  • Angstzustände
  • Verspannungen
  • nervöse Ticks
  • häufige Kopfschmerzen
  • Magen-Darm-Verstimmungen
  • erhöhte Pulsfrequenz
  • erhöhter Cholesterinspiegel
  • wenn Sie plötzlich zynisch und sarkastisch werden und viel mit Ironie arbeiten

Offen für Veränderungen sein

Vielleicht haben sich einige von Ihnen hier erkannt. Und eventuell wissen Sie, wenn Sie mal ganz auf Ihr Innerstes hören, schon lange, dass es so nicht weitergehen darf. Nun gilt es, auch zu handeln. Mit einem effektiven Zeitmanagement kommen Sie schon weit. Aber manchmal reicht es nicht, zu delegieren, nein zu sagen, sich noch besser zu organisieren.

Dann wird es ernst und es hilft nichts anderes als eine entscheidende Veränderung: Dann muss z. B. ein neues Arbeitsumfeld her. Ralph Goldschmidt: „Das ist natürlich nicht so einfach. Aber ich rate ja auch nicht, sofort zu kündigen und sich anschließend einen neuen Job zu suchen. Nein, die erste Möglichkeit ist es vielmehr, sich neben einem bestehenden Arbeitsverhältnis schon nach Alternativen umzuschauen. Wenn ich dann ein Angebot bekomme, kann ich ja auch immer noch überlegen, ob ich diesen Schritt gehen möchte. Aber ich habe nichts verloren, im Gegenteil. Alternativ dazu können Sie sich nach einem neuen Arbeitsfeld innerhalb des Unternehmens umschauen. Vielleicht gibt es Abteilungen, in denen Sie nicht so überfordert werden. Vielleicht können Sie sich vorstellen, die Position zu wechseln? Oder gibt es vielleicht eine Möglichkeit, die Stunden zu reduzieren? Das klingt schnell so-daher-geredet, aber im Ernst: Es geht um Ihr Leben und was Sie daraus machen.“

Alles hat seinen Preis

Natürlich kostet es Überwindung, von der Position als Abteilungsleiter zurück ins Team „abzusteigen“. Das ist unangenehm, wird leider auch häufig „sanktioniert“ und blöd kommentiert, aber es ist vor allem ein Ego-Problem: Wie stehe ich da, zurück „im Glied“? Was sagen die Kollegen, und vor allem: Was denken sie? Und was tuscheln die Nachbarn, wenn der Dienstwagen wieder eine Nummer kleiner ist?

„Ja, Ihre Kollegen und Nachbarn würden das kommentieren, und zwar nicht nur wohlwollend. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es ganz vielen Menschen gut tun würde, diesen mutigen Schritt zu gehen“, so Goldschmidt. „Und manch einer aus Ihrem Umfeld würde auch staunen über so viel Mut, den er selbst vielleicht auch gerne hätte. Natürlich verdienen Sie auch weniger, wenn Sie die Stunden reduzieren, ganz klar. Aber brauchen Sie dieses Geld wirklich? Sicherlich könnten Sie an anderer Stelle sparen. Vielleicht auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen oder nur noch ein Auto haben, vielleicht müssten Sie Ihren Urlaub etwas anders gestalten als bisher. Sicherlich fällt Ihnen selbst eine Menge Schnickschnack ein, auf den Sie gut verzichten könnten, wenn Sie etwas weniger Geld zur Verfügung hätten. Klar ist: So weitermachen wie bisher hat auch seinen Preis. Und der ist viel höher – er heißt: Mangel an Zeit, Gesundheit, Zufriedenheit, Lebensglück.“

Erschwerende Bedingungen

Alleinerziehende

Wir sprechen hier oft von Berufstätigen und deren Problemen. Von ihren Schwierigkeiten, sich Zeit für sich freizuschaufeln. Aber was ist eigentlich mit Alleinerziehenden? Egal ob sie nebenbei noch arbeiten oder nicht: Alleinerziehende haben es besonders schwer, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Das ganze Leben besteht nur noch daraus, Mutter bzw. Vater zu sein. Das ist ein hartes Los und hier ist es nicht so einfach, kluge Ratschläge zu geben.

Tipp von Ralph Goldschmidt

Ja, alleinerziehend zu sein, ist für die allermeisten sehr hart. Aber auch als Alleinerziehende darf man nicht in die Opferrolle verfallen. Auch wenn es hart klingt: Wer ist der Einzige, der etwas an der Situation ändern kann? Das sind Sie selbst. Also auch hier gilt es, sich zu überlegen, welche Möglichkeiten in seinem Einflussbereich liegen.

Überlegen Sie, sich mit anderen Eltern zusammenzuschließen. Dann könnten Sie sich vielleicht abwechselnd um die Kinder kümmern. Mal nehmen Sie deren Kind bei sich auf, mal andersrum. Oder fragen Sie in der Nachbarschaft, welche älteren Menschen Lust hätten, einige Stunden pro Woche mit Ihren Kindern zu basteln, auf den Spielplatz zu gehen oder vorzulesen. Viele Ruheständler sehnen sich nach einer sinnvollen Tätigkeit und tun das, ohne Geld dafür zu nehmen. So können Sie sich ein paar kleine Zeitinseln schaffen. Resignieren und den ganzen Tag zu bedauern, wie schlecht die Welt ist, hilft hier zumindest nicht weiter.

Helfende Berufe

Da fallen uns noch einige andere Berufsgruppen ein, die so ihre ganz eigenen Schwierigkeiten haben, sich Zeit für sich zu nehmen. Denken Sie zum Beispiel einmal an die helfenden Berufe. Wenn jemand den ganzen Tag mit dem Elend der Welt zu tun hat, dann fällt es auch nach Feierabend schwer, einmal abzuschalten. „Bei diesen Berufsgruppen hat die Arbeit einen hohen idealistischen Wert, der oftmals mit schlechter Bezahlung einhergeht. Und oft genug bekommt man auch von den Menschen, denen man hilft, wenig Anerkennung. Denken Sie mal an Pflegende, die mit demenzerkrankten Menschen arbeiten, oder Sozialarbeiter, die sich um Familien kümmern, in denen es Gewalt und Missbrauch gibt. Hier braucht man natürlich die Fähigkeit mitzufühlen und gleichzeitig muss man sich dann aber auch nach Arbeitsschluss von der Verantwortung freimachen.“

Tipp von Ralph Goldschmidt

Vielleicht finden Sie zunächst ein Ritual, mit dem Sie Ihre Freizeit ganz klar von Ihrer Arbeitszeit abgrenzen können. Nehmen Sie sich nach dem Feierabend z. B. 15 Minuten nur für sich, verbunden mit einem Ritual:

  • Ziehen Sie ganz bewusst andere Kleidung an
  • Vielen hilft es, direkt duschen zu gehen und sich so die Sorgen von der Seele zu waschen
  • Vielleicht hilft es Ihnen, sich das am Tag Erlebte von der Seele zu sprechen. Aber setzen Sie sich dazu ein Zeitlimit von z. B. 15 Minuten. Denn es hilft nicht, wenn Sie sich nach Arbeitsschluss wieder in den Fall reden und sich wieder in die Situationen hineinversetzen.

Und ein sehr interessantes Zitat möchte ich Ihnen hierfür mitgeben:

Nur wenn es Dir gut geht, kannst Du der Welt Dein Bestes geben.

Das ist kein Aufruf zu einem gnadenlos egoistischen Leben. Aber wenn es Ihnen selbst nicht gut geht, hat kein Mensch etwas davon. Wenn Sie sich um sich selbst nicht ausreichend kümmern, dann können Sie Ihren Job auch nicht so gut machen.

Ralph Goldschmidt und seine Work-Life-Balance

Wie so oft hat es auch bei Ralph Goldschmidt autobiographische Gründe, weshalb er sich auf das Thema „Work-Life-Balance“ spezialisiert hat. „Auch ich bin einmal vor die Wand gefahren. Nach Doppelstudium und Stipendium zunächst Unternehmensberatung, dann gleichzeitig Familie und Firma gegründet. Das ist mir zunächst alles irgendwie leicht von der Hand gegangen, aber irgendwann gab’s nur noch die Firma, die war ja sooooo wichtig! Dann kam der Knall: Alles war kaputt, Ehe, Firma und ich. Ich lag tagelang nur noch im Bett, vollkommen fertig.

Und da kamen dann die Fragen: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal etwas mit meinen Freunden unternommen? Wann habe ich mich das letzte Mal richtig intensiv mit meinen Kindern beschäftigt? Und wann habe ich – als Sportwissenschaftler – eigentlich zum letzten Mal Sport getrieben? Ich habe mir alles schöngeredet und erst in dieser Krise wieder zu meinen Prioritäten zurückgefunden, zu dem, was wirklich, wirklich wichtig ist. Ich habe mir eine neue private und berufliche Existenz aufgebaut, passend zu meinen wichtigsten Werten, Neigungen, Talenten und Stärken. Und das klappt prima. Seit diesem Crash vor gut 7 Jahren geht’s mir richtig gut.“

Alles eine Frage der Lebensziele

Wissen Sie, was Menschen sagen, die wissen, dass sie in absehbarer Zeit sterben werden? Bei der Frage, was sie am Ende ihres Lebens bereuen, sagt kaum einer von ihnen, dass er gerne mehr Zeit in seinem Büro verbracht hätte. Vielmehr wünschten sie, mehr Zeit mit ihrer Familie oder ihren Freunden verbracht zu haben und mehr Zeit für sich selbst gehabt zu haben. Und übrigens bedauern sie auch weniger, was sie im Leben getan haben (inklusive der gemachten Fehler), sondern vielmehr das, was sie in ihrem Leben NICHT getan haben.

„Hieran sieht man, dass das ganze Thema Work-Life-Balance vor allem etwas mit Ihren Zielen zu tun hat. Es geht darum, festzustellen, was einem wirklich, wirklich wichtig ist. Es geht um Ihre wahren Prioritäten. Darum, dass wir die kostbare Zeit, die wir Leben nennen, nicht mit Dingen vergeuden, die uns unglücklich machen. Es gibt die Pflichten und es gibt die Kür, und unser aller Leben sollte so gestaltet werden, dass wir am Ende nicht im Sterbebett liegen und feststellen: Schade, jetzt ist es vorbei, ich war zwar auf der Welt, aber ich habe nicht wirklich MEIN Leben gelebt, ich WURDE gelebt.“

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein ausgewogenes Leben, das Sie erfüllt und glücklich und zufrieden macht. IHR Leben eben!

Ralph GoldschmidtRalph Goldschmidt (Jg. 1963) ist Redner und Trainer aus Leidenschaft und Experte für schwierige Balanceakte: für berufliche Leistungsoptimierung UND private Lebensqualität, für Höchstleistungen UND Wohlbefinden.

Der diplomierte Volkswirt und Sportwissenschaftler ist Geschäftsführer der Goldschmidt & Friends GmbH, Dozent an mehreren Hochschulen und Akademien, Professional Member der German Speakers Association (GSA) und gefragter Interviewpartner in den Medien. Zu seinen Kunden zählen die meisten DAX-30-Unternehmen, namhafte Mittelständler und zahlreiche renommierte Global Player.

Soweit die Erfolgsstory. Aber es gab auch die Schattenseiten – die man weniger gerne zeigt, lieber verdrängt, die aber für viele so typisch sind: Stress, psychosomatische Beschwerden, Pleite, Depression, Schuldgefühle, Scheidung, Sinnkrise…Er weiß, wovon er  redet. Heute lebt er „in Balance“ mit seiner Frau und seinen 4 Kindern in Köln.

Im September erschien sein Buch Shake your Life – Der richtige Mix aus Karriere, Liebe, Lebensart

  1. Hermann Thur schreibt am 27. März 2011 um 11:48

    Dieses extrem wichtige Thema ist hier kurz und prägnant vorgestellt worden. Die Tipps von Ralph Goldschmidt passen wie die Faust aufs Auge. Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit dem Thema für sich selbst intensiv auseinander zu setzen. Es lohnt sich auf jedem Fall.
    PS: Ausspannen an der Mosel ist das Beste.

  2. Dirk schreibt am 27. März 2011 um 12:02

    Vielen dank für den tollen Beitrag. Das Thema zeitmanagement beschäftigt mich schon lange.. Irgendwie Kriege ich nie alles unter einen Hut und es fällt mir auch schwer Prioritäten zu setzen. Stattdessen reagiere ich meist spontan auf alles,was so auf mich zukommt und merke dann erst am Ende des Tages,der Woche oder des Monats,was ich eigentlich machen wollte und jetzt doch vergessen habe. Die Tipps von Herrn Goldschmidt werde ich mal ausprobieren. Vielen dank für den immer wieder sehr wertvollen Newsletter!

    Dirk

  3. Alraune schreibt am 27. März 2011 um 18:04

    Sind das nicht alles Luxusprobleme?

    Hallo!

    Warum wird denn nicht das System hinterfragt, anstatt an den Symptomen wie Burnout rumzufeilen und zu gucken, wie man damit umgeht?

    Wir sind alle Sklaven der Wirtschaft. Muß das so sein? Sollte nicht vielmehr die Wirtschaft dem Menschen dienen als andersrum?

    Aber okay, dieser Newsletter geht für mich immer mehr am Leben vorbei...

    • Burny (w) schreibt am 27. März 2011 um 19:43

      @ Alraune

      Wir haben leidere nunmal nur die Möglichkeit bei uns etwas zu ändern. Ein ganzes System dürfte wohl nicht zu schaffen sein. IIch hab lange nicht so einen guten Artikel gelesen und werde ihn auch meinem Lebenspartner vorlegen, der ist nämlich auch auf dem besten Weg dorthin und hat es immer noch nicht erkannt. Obwohl ich selbst ihm ein mahnendes Beispiel sein müsste, denn mich hat es bereits vor 3 Jahren getroffen und das zu erleben ist kein "Pappenstil" Möchte am liebsten jeden schütteln, dami er aufwacht, bevor es zu spät ist

      Danke ZzL. für diesen so dringend nötigen Artikel

  4. Tanja Handl schreibt am 30. März 2011 um 13:34

    Wunderbare Tipps für alle, die ihre Arbeitszeit endlich wieder als Lebenszeit empfinden möchten. Eine Hilfe am Rande, falls man rausfinden will, wo's denn beim Gleichgewicht hakt: Einfach selbst mal einen Monat lang Zeiten erfassen und auswerten, wieviel seiner Zeit eigentlich mit was verbringt. Dadurch wird es leichter, das eigene Verhalten zu erkennen - und positiv zu verändern.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Judith Wischhof schreibt am 30. März 2011 um 13:36

      Hallo Tanja,

      genau. Und als Anfang dafür haben wir hier ein Formular zu deinem Vorschlag:

      http://www.zeitzuleben.de/12927-formular-wie-verwende-ich-meine-zeit/

      Viele Grüße
      Judith