Über Freundschaften, die uns nicht (mehr) guttun
Von Ralf Senftleben • 5 Kommentare
Freunde sind wichtig. Mit Freunden tun wir Dinge, die Spaß machen. Freunde passen auf uns auf. Und sie sind auch für uns da, wenn wir mal nicht wir selbst sind.
Freundschaften entwickeln sich auch über die Zeit. Manche gehen tiefer, je mehr man zusammen erlebt und je mehr man den anderen kennenlernt. Andere Freundschaften werden oberflächlicher, weil man sich in verschiedene Richtungen entwickelt.
Bei manchen Freundschaften kommt man sogar an den Punkt, bei dem einem der Kontakt mit der Freundin oder dem Freund nicht mehr guttut. Oft merkt man das an einem oder mehreren der folgenden Symptome:
- Man hat das Gefühl, man muss im Zusammensein eine Rolle spielen und man ist nicht man selbst.
- Man stichelt über das normale Maß hinaus und sagt sich (oft unter dem Deckmantel des Humors) kleine oder sogar größere Gemeinheiten.
- Das Gefühl der Leichtigkeit ist verloren gegangen.
- Man traut sich nicht mehr, offen das zu sagen, was man sagen will.
- Viele (eigentlich unwichtige) Kleinigkeiten am anderen beginnen zu nerven.
- Man ist sich nicht mehr sicher, ob es die Freundin/der Freund gut mit einem meint.
- Man fühlt sich ausgenutzt.
- Das Gefühl ist da, nicht gesehen zu werden.
- Man hat manchmal das Gefühl, der andere lügt einen an.
- Nach dem Zusammensein mit demjenigen fühlt man sich angespannt oder sogar erschöpft.
- Man hat das Gefühl, immer nur zurückzustecken.
- Nach einem Treffen analysiert man vieles, was gesagt wurde, und fragt sich, wie der andere bestimmte Dinge gemeint hat.
Ich weiß nicht, ob Sie diese Symptome in einer Freundschaft schon erlebt haben. Wenn ja, dann wissen Sie wahrscheinlich, wie schmerzhaft das sein kann.
Was können Sie tun, wenn eine Freundschaft Ihnen nicht mehr guttut?
Bin ich es vielleicht?
Der erste Schritt könnte sein, zu überlegen, ob Sie vielleicht selbst teilweise der Auslöser dafür sind, dass sich Ihre Freundschaft verändert hat. Sich das zu fragen ist natürlich nicht einfach, denn es ist für die meisten von uns einfacher und bequemer, die Schuld beim anderen zu suchen.
Meine Empfehlung ist: Fangen Sie bei sich an und fragen Sie sich, welchen Anteil Sie an der Sache haben. Um das zu überprüfen, können Sie sich die folgenden Fragen stellen:
- Habe ich gerade Stress in meinem Leben, so dass ich vielleicht sensibler auf Kleinigkeiten reagiere als sonst?
- Oder habe ich Stress und bin deswegen angriffslustiger, ungeduldiger oder schneller angefressen als sonst?
- Stört mich plötzlich etwas, was beim anderen eigentlich schon immer so war?
- Nehme ich meiner Freundin irgendetwas übel, was sie getan hat?
- Nehme ich meinem Freund übel, dass er etwas NICHT tut? Erwarte ich etwas, was nicht kommt?
- Bin ich neidisch auf etwas, was meine Freundin hat oder worin sie „besser“ ist als ich?
- Drückt mein Freund vielleicht unwissentlich auf irgendwelche „wunden Punkte“ bei mir?
Wenn Sie sich diese Fragen gestellt und Antworten gefunden haben, können Sie etwas tun.
Wenn Ihr Freund etwas getan hat, was Sie ihm übel nehmen, dann sprechen Sie es aus und reden Sie mit dem anderen darüber. Vielleicht fällt der andere aus allen Wolken, weil ihm sein Vergehen gar nicht bewusst war.
Oder wenn Sie etwas erwarten, was Ihre Freundin nicht einlöst, dann reden Sie über Ihre Erwartungen. Erwarten Sie von Ihrer Freundin nicht, dass sie weiß, was Sie erwarten. Selbst dann nicht, wenn Sie es für selbstverständlich halten. Denn was für den einen selbstverständlich ist, ist es für den anderen noch lange nicht.
Auch wenn Sie neidisch sind, dann reden Sie darüber. Vielleicht kann Ihr Freund etwas tun, um Ihren Schmerz zu lindern, oder es Ihnen einfacher machen, mit der Situation umzugehen.
Oder wenn Ihre Freundin wunde Punkte bei Ihnen drückt, dann reden Sie drüber und geben Sie Ihrer Freundin die Chance, damit aufzuhören.
Vielleicht sagen Sie jetzt: „Ich bin aber kein Typ für Problemgespräche“, und das kann ich verstehen, das ging mir auch mal so. Offen über Freundschaft und das Miteinander zu reden ist für viele Menschen nicht einfach. Gerade für Männer nicht. Meine Empfehlung: Tun Sie es trotzdem, auch wenn es nicht einfach ist und Überwindung kostet.
Reden hilft in den meisten Fällen. Und es kann sehr viel Spannung lösen, insbesondere wenn Sie in erster Linie über sich und Ihre Gefühle und Bedürfnisse reden und wenn Sie es vermeiden, dem anderen Vorwürfe zu machen.
Geben Sie der Sache Zeit
Vielleicht sind Sie sich aber auch keiner Schuld bewusst? Sie nehmen Ihrem Freund nichts übel und haben keine großen Erwartungen. Sie sind auch nicht neidisch und haben auch keine wunden Punkte, die gedrückt werden?
Was dann?
Dann geben Sie der Sache ein bisschen Zeit. Oft kommen Veränderungen in der Freundschaft auch durch Veränderungen im Leben. Ein neuer Partner, ein Kind, ein neuer Job, der Verlust eines Jobs, eine schwere Krankheit, Ehekrach oder eine Trennung. All das kann Auswirkungen auf unsere Freundschaften haben. Wenn sich unsere Lebenssituation verändert, verändern wir uns auch. Und damit verändert sich auch unsere Freundschaft.
Wenn Sie ein guter Freund sind, helfen Sie Ihrer Freundin durch diese Zeit, auch wenn sie in dieser Zeit keine große Spaßkanone ist. Jemandem in kniffeligen Zeiten beizustehen, das ist es auch, was Freundschaft ausmacht.
Meistens pendelt sich unser Leben nach größeren Veränderungen auch wieder ein und alles wird wieder „normal“. Dann wird auch Ihr Freund wieder so werden wie vorher.
Wenn Ihnen etwas an der Freundschaft liegt, dann geben Sie Ihrer Freundin oder Ihrem Freund diese Zeit. Wie viel Zeit? Dafür gibt es natürlich keine Maßstäbe. Vielleicht gilt als Daumenregel: Je länger Sie jemanden kennen, desto mehr Zeit geben Sie ihm. Und solche Zeiten sind übrigens gute Möglichkeiten, um Ihre Geduld, Ihr Mitgefühl und Verständnis zu trainieren und selbst als Mensch zu wachsen.
Es ändert sich trotz Abwartens nichts …
O. k., aber was, wenn Sie der Sache wirklich Zeit gegeben haben und die Qualität Ihrer Freundschaft hat sich trotzdem nicht verbessert? Sie haben versucht zu helfen, zu reden und zu klären, aber dabei ist nichts herausgekommen? Das Zusammensein mit Ihrer Freundin oder Ihrem Freund gibt Ihnen immer noch ein unangenehmes Gefühl?
Dann ist es vielleicht an der Zeit, sich ein bisschen rarer zu machen. So hart es klingt: Niemand zwingt einen, Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem nichts geben oder eben nichts mehr geben. Und wir alle haben Menschen verdient, die uns guttun und die zu unserem Glück und zu unserer Zufriedenheit beitragen.
Für viele klingt das ein bisschen nach Verrat. Was ist ein Freund wert, wenn er sich dünnmacht, wenn es mal schwierig wird? Aber wie oben geschrieben, das „Dünnmachen“ sollte ja auch immer die letzte Möglichkeit sein, wenn man alles andere versucht hat.
Treue und Loyalität sind schöne und wertvolle Charaktereigenschaften. Aber Treue ist ja immer auch eine Sache mit zwei Seiten: Da gibt es den, der treu ist, und den, der sich so verhält, dass er Treue verdient.
Manchmal ist es Zeit, weiterzuziehen und Dinge hinter sich zu lassen, die sich überlebt haben.
Menschen ändern sich. Und damit ändern sich auch die Beziehungen zwischen den Menschen. Und eben oft nicht zum Besseren. Manchmal muss man das anerkennen und das loslassen, was nicht mehr ist, wie es war und was auch nicht mehr so werden wird, wie man es sich wünscht.
Das Leben ist ein großes Geben und Nehmen. Und wenn man immer nur gibt, ohne etwas zurückzubekommen, dann ist irgendwann mal Schluss.
Was, wenn mich meine Freunde zurückhalten
Es gibt noch einen anderen Fall: Manchmal entwickeln wir uns als Mensch weiter und unsere alten Freunde bleiben in ihrer Entwicklung stehen oder sie bewegen sich in eine ganz andere Richtung als wir. Plötzlich fehlen dann die Gemeinsamkeiten. Was uns früher verbunden hat, fehlt nun. Im Extremfall hat man nichts mehr, worüber man reden kann.
Das kann für alle Beteiligten schmerzhaft sein, denn niemand will seine Freunde verraten oder im Stich lassen. Es ist aber kein Verrat. Es ist einfach so, dass sich Menschen eben ändern. Und wenn man sich nichts mehr zu sagen hat und die Gemeinsamkeiten verloren gegangen sind, dann fehlt irgendwann die Basis für die Freundschaft.
Unser Leben wird auch zu einem großen Teil durch unsere Umgebung und insbesondere durch unsere Freunde beeinflusst. Und wir suchen uns im Normalfall Freunde aus, die uns selbst von ihren Lebensumständen ähnlich sind.
Wenn wir unser Leben und unsere Lebensumstände ändern wollen, dann wirken unsere alten Freunde manchmal wie ein Gummiseil, das uns immer wieder in unsere alten Lebensumstände zurückzieht. Es klingt hart, aber manchmal ist es notwendig, sich bei seinen alten Freunden rarer zu machen, wenn man sich weiterentwickeln will.
Ein Drogenabhängiger, der „clean“ werden möchte, sollte sich von seinen alten, auch drogenabhängigen Freunden lösen, weil sie ihn ständig wieder in Versuchung führen und weil für sie das ganz normal und erstrebenswert ist, was er selbst aus seinem Leben verbannen will.
Das gilt aber auch für weniger dramatische Fälle: Wenn ich lernen will, positiver und optimistischer in die Welt zu schauen, und viele meiner Freunde sind Menschen, die den ganzen Tag über andere ablästern und die Welt hassen, dann werde ich es schwer haben, mich weiterzuentwickeln.
In solchen Fällen ist es gesund und notwendig, sich auch neue Freunde zu suchen. Wenn einem die alten Freunde nicht mehr guttun oder einem sogar schaden, dann sollte man sich langsam lösen. Das ist kein Verrat, auch wenn es hart ist, keinen Spaß macht und man wahrscheinlich auch ein paar Schuldgefühle hat. Man ist aber deswegen kein schlechter Mensch. Es ist einfach notwendig, damit wir uns weiterentwickeln können.






Den Artikel finde ich sehr gut!
Ich denke, dass vieles davon nicht nur für Freundschaften gilt, sondern sich auch auf Beziehungen übertragen lässt.
Lieber Herr Senftleben, dieses Thema ist außerordentlich interessant, aber die darin empfohlenen Tipps finden meine Zustimmung nicht. Das was unter der ersten und zweiten Überschrift empfohlen wird, habe ich als ungefähr 25-30jährige gelehrt bekommen. Diese Lehren auszuprobieren und anzuwenden hat mir Freude bereitet, ich kam meistens (fast immer) ans Ziel. Hurra, wie einfach das doch ist, dachte ich oft. Aber auf wessen Kosten? Auf meine Kosten! Ich habe bei Differenzen nur noch Schuld bei mir gesucht, habe mich hinterfragt "Bin ich es vielleicht?", meine Verhaltensweisen infrage gestellt, mich ständig beobachtet, bin irgendwann jeder kritischen Begnung aus dem Weg gegangen, habe mein Selbstbewußtsein fast verloren und war auch sonst recht unglücklich, weil ich mich mehr und mehr zurückgezogen habe. Das hatte zur Folge, dass ich irgendwann, leider viel zu spät, professionelle Gesprächshilfe in Anspruch nehmen musste!!, ich kam nicht mehr klar. Heute habe ich wieder Selbstvertrauen, auch Selbstbewußtsein, gehe keiner Auseinandersetzung aus dem Weg, vertrete klar und deutlich meine Meinung und meine Ansichten und stehe dazu. Nein, zuerst Schuld an andere zu verteilen ist nicht mein Anspruch, aber ich fange nicht mehr zuerst bei mir an! So ist es mir allemal lieber, als das Gefühl, dass ich mich selbst ausnutze. Mit dieser Verhaltensweise bin ich für andere transparent geworden, die Menschen um mich herum wissen mich einzuschätzen und deswegen vielleicht auch zu schätzen.
Hallo Ralf,
nachdem ich meine längjährige Freundschaft zu meiner Freundin gehegt und gepflegt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich mich ausgenutzt fühlte. Dieses innere Gefühl sprach ich in einem sehr wertschätzenden Gespräch an, um ihr meine Gedanken darzustellen. Mir ging es während des Gesprächs und danach sehr gut. Meine Klarheit, meine Grenzen und auch die leibevollen Worte für die längjährige Freundschaft hörte und verstand sie nicht und war mir böse. Gut dachte ich mir, ich bin nicht dazu da anderen gute Gefühle zu MACHEN! Somit habe ich mich von ihr eher leichteren Herzens getrennt. Mir war klar geworden, dass ich nicht so wichtig war, sondern Sie eher darauf aus war mit meinen Energien weniger achtsam umzugehen. Wenn ich sie jetzt zufällig treffe, kann ich ihr klar in die Augen sehen und ehrlich mich freuen, wenn ich bemerke, dass sie gut drauf ist.
Loslassen kann so schwer sein, allerdings, wenn man sich klar ist, wie die Dinge liegen, wird es leichter.
Liebe Grüße
Anne
Bei diesem Beitrag fällt es mir schwer zuzustimmen, aber ich kann ihn auch nicht widersprechen. Für mich greifen die Symptome ineinander.
Ich nenne nur folgendes Beispiel: „Das Gefühl ist da, nicht gesehen zu werden“ das auf der anderen Seite wahrscheinlich ausgelöst durch ist „Stress im eigenen Leben, so dass man vielleicht sensibler auf Kleinigkeiten reagiert als sonst“?
Oder „Das Gefühl der Leichtigkeit ist verloren gegangen“ und dadurch „traut man sich nicht mehr, offen das zu sagen, was man sagen will“ und „man hat manchmal das Gefühl, der andere nicht ganz ehrlich ist“ das kann alles ausgelöst sein weil „der Freund etwas NICHT tut? Man erwartet etwas, was nicht kommt“ oder „man nimmt etwas übel was der/die Freund(in) getan hat“.
Ich denke Ursache und Wirkung liegen immer eng beieinander.
In einer guten Freundschaft kann man offen darüber reden, denn jede Seite geht davon aus, dass man dem Anderen nicht ernstlich böse ist. Man redet darüber und der Stein des Anstoßes ist aus der Welt geräumt. In einer „wahren Freundschaft kann ich mich immer darauf verlassen, dass der/die Freund(in) mich nicht nur kritisiert um dessen Ego zu blähen und um Recht zu haben, sondern weil er/sie mir helfen will. Er/sie kritisiert nicht meine Person, sondern immer nur mein Verhalten.
Vielleicht muss man der Sache auch Zeit geben, denn jeder muss selbst erst zu sich kommen und seine eigenen Gefühle sortieren. Aber auch darüber sollte man reden können.
Für mich ist es die Verantwortung von BEIDEN SEITEN, dass man Probleme anspricht und aus der Welt schafft und an der Freundschaft fest hält. Beide Seiten müssen nach Gelegenheiten suchen, um ein neues Gespräch zu beginnen.
Natürlich kann man in so einem gemeinsamen Gespräch feststellen, uns verbindet nichts mehr, es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr etc. Wir beschließen gemeinsam los zu lassen.
Gibt es so ein Gespräch nicht, hat es sich wohl mehr um eine „Schönwetterfreundschaft“ gehandelt als um eine „wahre Freundschaft“.
danke danke danke, der Artikel hat mich irrsinnig weitergeholfen! Gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, nun weiß ich was ich zu tun habe. War nach genau so einen Text im Internet auf der Suche...