Vorsicht! Der innere Rollladen
Von Gitte Härter • 6 Kommentare
Wohl jeder Mensch hat ihn: einen inneren Rollladen, der bei zahlreichen Gelegenheiten runtergeht, etwa
- wenn jemand etwas sagt oder tut, was wir nicht gut finden,
- wenn sich jemand gegen die eigenen Erwartungen verhält,
- wenn wir uns auf ein Wort oder auf einen Kritikpunkt fokussieren und sonst nichts mehr wahrnehmen,
- wenn wir denken, es geschieht uns oder jemand anderem Unrecht,
- wenn wir etwas nicht hören möchten,
- wenn sich jemand im Ton vergreift,
- wenn wir glauben, zu wissen, was „gleich kommt“,
- wenn wir etwas schon kennen und daher nicht mehr recht hinhören.
Bei manchen ist er schneller unten als bei anderen.
Es passiert sogar oft, dass man selbst gar nicht so richtig merkt, wenn man innerlich „zumacht“ oder zumindest nicht mehr uneingeschränkt offen ist.
So menschlich es ist, dass wir bei bestimmten Themen oder Verhaltensweisen auf diese Art reagieren, so beschränken wir uns doch selbst am meisten, wenn wir diesen inneren Rollladen einfach ungebremst runtergehen lassen.
Gute Gründe gegen den inneren Rollladen
Wenn wir zumachen, versperren wir uns: anderen Menschen, anderen Ansichten, neuen Möglichkeiten oder Ideen. Den vielfältigen Aspekten einer Sache, die wir nicht mehr wahrnehmen, weil der Stein des Anstoßes allen Fokus auf sich zieht.
Die wichtigsten Auswirkungen dieses Zumachens sind:
→ Sie sind kein guter Gesprächspartner.
Vielleicht ist das sogar einer Ihrer Ansprüche: respektvoll und professionell mit anderen umzugehen, vor allen Dingen natürlich im beruflichen Kontext. Der innere Rollladen verhindert es, dass Sie dem anderen Ihre Aufmerksamkeit schenken. Das bedeutet auch, dass die Beziehung zu Ihrem Gesprächspartner leiden kann, dass Sie ein bestimmtes Image haben, das Ihnen vielleicht gar nicht gefällt („passt nicht auf“, „weiß alles besser“, „ist intolerant“, „interessiert sich nur für sich selbst“).
→ Sie verpassen was.
Abgesehen davon, dass Sie einen echten Dialog und den damit verbundenen Draht zu Ihrem Gesprächspartner verpassen, versäumen Sie auch eine ganze Menge mehr: Ihre eigene Meinung kennen Sie doch schon! Sie wissen auch alles, was Sie schon wissen. Ein „Kenn ich schon!“ oder „So darf man doch nicht denken!“ oder „Mit so was will ich mich gar nicht befassen“ schneidet Sie von Personen, Informationen und Impulsen ab.
Nicht nur, weil Sie sich nicht auf bestimmte Inhalte einlassen, sondern auch, weil Sie sich abschotten und damit verpassen, sich mit Themen oder Gesprächspartnern – auch wenn Sie sie als schwierig oder ungut empfinden – gut und souverän auseinanderzusetzen. Die meisten Menschen, denen ich begegne, wollen sich unbedingt immer weiterentwickeln. Sie wollen das auch, sonst würden Sie bei zeitzuleben.de nicht lesen. Die Fähigkeit, mit Informationen oder Gesprächspartnern anders – besser – umzugehen als bisher, ist mit der wichtigste Faktor in der persönlichen Weiterentwicklung.
→ Sie machen sich „eng“.
Offen zu sein heißt nicht, alles und jedes kritiklos hinzunehmen oder gar gut zu finden. Es geht keineswegs um grenzenlose Toleranz!
Sie sollen Kontra geben. Sie sollen Ihre eigene Meinung und bewährten Handlungsweisen nutzen. Sie sollen einem Gesprächspartner sagen, wenn er Ihrer Ansicht nach auf dem Holzweg ist – und warum.
Das alles erreichen Sie jedoch nur, wenn Sie so offen sind, dass Sie aufnehmen können, worum es geht. Wenn Sie aufmerksam zuhören, wer Ihnen was sagt. Wenn Sie Zwischentöne wahrnehmen. Wenn Sie Argumente des anderen aufnehmen, um eigene gute Argumente bringen zu können, die nur dann auch ankommen können, wenn der andere sich ernst genommen und angehört fühlt.
→ Sie nehmen sich Handlungsspielräume.
Insbesondere wenn Sie daran zu knabbern haben, dass Ihr Gesprächspartner sich gerade ungut Ihnen gegenüber verhält: weil er sich im Ton vergreift, eine Grenze übertritt oder etwas sagt, was Sie verletzt, ist der innere Rollladen Gift!
Ein Abschotten hält nicht nur etwas draußen, sondern verhindert auch, dass etwas rauskann. Dazu kommt, dass gerade in solchen Situationen der innere Rollladen von außen nach beleidigter Leberwurst aussieht.
Und so ziehen Sie den inneren Rollladen hoch:
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Stellen Sie sich den Rollladen bildlich vor.
Das funktioniert auch, wenn Sie kein besonders visueller Mensch sind: Wenn Sie merken, dass Sie gerade dabei sind, dicht zu machen (oder es schon getan haben), dann stellen Sie sich vor Ihrem Gesicht eine Jalousie vor, die Sie langsam wieder hochziehen. Meistens ist das ein so absurder Gedanke, dass man auch in einer schwierigen Situation darüber schmunzeln kann.
Ziehen Sie den vorgestellten Rollladen so hoch, wie Sie das von Ihrem Wohnzimmerfenster kennen: Erst bilden sich kleine Ritzen und das Licht kommt durch und dann öffnen Sie Stück für Stück weiter. Dadurch gewinnen Sie auch etwas Zeit und stellen sich innerlich wieder auf „Jetzt wieder öffnen und aufpassen!“ ein.
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Seien Sie neugierig auf das, was der andere zu sagen hat.
Vielleicht sagt der andere etwas, was Sie schon zu wissen glauben. Vielleicht aber auch nicht. Wenn ich zu Ihnen sage „Die wichtigste Regel im Zeitmanagement ist, dass Sie Ihre Aufgaben …“ – was werde ich jetzt sagen?
Sage ich „priorisieren“?
Oder sage ich „nicht vor sich herschieben“?
Sage ich vielleicht „genauer analysieren“?
Oder „in kleinen, machbaren Häppchen planen“?Ich könnte Ihnen zu diesem banalen Beispiel ewig viele Antwortmöglichkeiten bieten. Und sehr wahrscheinlich haben Sie von allen schon mal irgendwie gehört. Doch erst, wenn Sie mich aussprechen lassen, wissen Sie, ob Sie es wirklich schon kennen und ob Sie es auch verstehen oder vielleicht nachhaken wollen. Nur dann können Sie meinen Hinweis durch Ihre eigene Erfahrung ergänzen.
Die Neugierde gilt übrigens besonders auch bei Themen und Meinungen, die Sie nicht teilen. Ich bin mal eine Weile mit einem Laufpartner gejoggt, der Jäger war. Mein erster Impuls war: IIIIIIH, JÄGER! Der bringt Bambi um!
Da ist mein spontaner Rollladen total undifferenziert runtergegangen. Dass das nicht toll ist, wusste ich auch. Aber gerade das haben solche inneren Rollläden ja an sich: Sie überfallen uns. Sie sind nicht fair oder ausgewogen. Sie sind vorschnell, undurchdacht und emotional.
Ich habe diesen Rollladen aber erkannt, habe ihn hochgezogen und habe zu meinem Laufpartner gesagt: „Oh. Ein Jäger. Das ist mir jetzt spontan ganz mulmig damit, weil ich gar nicht genug weiß.“ Daraus haben sich sehr spannende Laufrunden ergeben: Jetzt weiß ich viel über Jäger und Vorschriften und Jagdhunde und wie alles abläuft und was mein Gesprächspartner an der Jägerei so faszinierend findet.
Und ich sage Ihnen: Ich bin jetzt wesentlich schlauer in diesem Fachgebiet und kann nachvollziehen, was alles spannend und nützlich daran ist.
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Sagen Sie sich, dass Sie verstehen möchten!
Besonders wenn jemand Dinge sagt oder tut, die Ihnen völlig fremd oder gar zuwider sind, ist es oft schwierig, den Rollladen oben zu behalten. Entwickeln Sie den Anspruch, dass Sie – gerade solche aus Ihrer Sicht abwegigen Sichtweisen – verstehen möchten. Nur um sie nachvollziehen, um sie besser einordnen zu können.
Das ist sehr interessant und es macht Ihnen auch das Gehirn auf: Statt innerlich zu werten und Ihren eigenen Maßstab als den einzig richtigen zu sehen, ist es nützlicher, wenn Sie andere Meinungen zulassen. Nicht, um sie gut zu finden.
Wenn Sie mir erzählen, dass Sie aus dem Restaurant gegangen sind, ohne zu bezahlen, weil die Bedienung ewig nicht gekommen ist, dann geht bei mir der Rollladen runter, weil ich das unmöglich finde. Aber interessieren tut es mich schon, dass und warum jemand auf die Idee kommt, dass dieses Verhalten in Ordnung sein könnte.
Wenn eine Kollegin meine Idee beim Chef als die ihre verkauft, wäre ich getroffen oder ärgerlich und mein erster, ganz menschlicher Impuls ist es, dicht zu machen: „Blöde Kuh. Der sag ich nichts mehr! Wie kann man nur!“ Aber wissen Sie was: Ich würde schon gern erfahren, was sie dazu zu sagen hat. Mir fiele nicht nur im Traum nicht ein, die Idee eines anderen als meine eigene auszugeben, sondern ich könnte das gar nicht.
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Gibt es Leute, bei denen Sie gewohnheitsmäßig dicht machen?
Dann sollten Sie sich mal gemütlich bei einer Tasse Kaffee hinsetzen und aufschreiben, warum Sie so allergisch reagieren, dass Sie direkt „zumachen“.
Was macht die Person oder wie ist sie, dass Sie nicht anders können, als die Schotten dicht zu machen?
Je heftiger wir auf jemanden reagieren, desto mehr sagt uns das über uns selbst. Da ist es doch viel nützlicher, wenn wir auch hier den Rollladen hochziehen. Also nicht einfach sagen „Ich halte sie nicht aus!“ oder gar „Dieser Idiot bringt mich immer zur Weißglut!“, sondern einmal zu überlegen, warum das so ist.
Sie sehen: Hier geht es um Ihre Unabhängigkeit durch Selbstmanagement. Lernen Sie sich gerade bei solchen schwierigeren Situationen besser kennen und nehmen Sie sich – ganz positiv – in die Pflicht, wahrzunehmen, wenn der Rollladen sich senkt … und ihn wieder hochzuziehen.






Bei vielen Themen ist es sicher richtig, die Rolläden wieder hochzuziehen aber es gibt, meiner Meinung nach auch Bereiche, in denen Rolläden auch ihren Sinn haben.
Bei NeoNazis z. Bsp. geht bei mir der Rolladen runter, und ich muß sagen, dass ich absolut kein Interesse daran habe, mich mit einem NeoNazi darüber zu unterhalten, wie seine Sicht der Dinge ist. Ich informiere mich dann gern durch Bücher, Zeitungen oder Filme, um vielleicht zu verstehen, wie Menschen so sein können. Ich will mir aber nichts direkt von diesen menschenverachtenden Dingen anhören und solchen Leuten noch Raum für ihre schlimmen Gedanken geben. Da stehe ich zu meinem Rolladen und lasse ihn auch bewußt unten.
Ich sehe das ähnlich wie Susanne: Rolläden können einen daran hindern, sich weiter zu entwickeln.
Aber manche Rolläden haben durchaus ihren Sinn. Neben den genannten Aspekten (gefährlichen Weltbildern und ihre Vertreter, die ich nicht direkt in mein Leben kommen lassen will) sehe ich hier auch Kontakte zu Menschen, die einem einfach nicht gut tun. Wenn Menschen immer wieder Grenzen überschreiten oder nur um sich kreisen und Bewunderer brauchen, ohne selber Interesse am anderen zu haben, nehme ich mir inzwischen das Recht heraus, auch da die Rolläden runterzulassen - eine Form von Selbstschutz. Es ist m.E. auf Dauer sehr schädlich und überfordert uns, sich permanent für alle Einflüsse offen zu halten.
Aber der Hinweis war - wie immer hier - sehr wichtig und regt mich mal wieder an, darüber nachzudenken, wo Rolläden sinnvoll sind und wo sie vielleicht zu früh heruntergelassen werden. :)
Hallo Renate und Susanne,
ich kann eure Ansichten sehr gut nachvollziehen, jedoch möchte ich einiges dazu ergänzen. Zwar mögen die Weltbilder für andere nicht nachvollziehbar sein oder sogar verurteilenswert, wenn man sich aber mal die Mühe macht, sich beispielsweise mit einem Neo-Nazi zu unterhalten, wird man sehr schnell den Menschen dahinter erkennen. Die Leute sind nicht rechts, weil sie es wirklich wollen, sondern weil sie es nicht besser wissen. Viele suchen den Schutz einer Gruppe, das Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist bei Linksextremen nicht anders. Während in rechten Kreisen extrem gegen Ausländer geschimpft wird, tun die Linksextremen das gegen die Rechten. Nichts davon führt wirklich zum Ziel. Jeder sollte bei sich selbst anfangen und gerade bei Dingen, die einen extrem wütend machen oder Unbehagen bereiten, ist es wichtig, den Rollladen oben zu halten, denn meist ist es nur das Hilflosigkeitsgefühl das dahinter steht.
Liebe Grüße
Liane
Hallo an alle,
nun ja,Meinungen eine billige Ware?
Sicher steckt hinter euren Gedanken auch ein Fünkchen Wahrheit. Sind es nur diese genannten Gruppen ,die angeblich so feindseelig rüberkommen? Sieht man das nicht einseitig? Steckt da nicht mehr Bewertung hinter
als Akzeptanz ? Was denken und fühlen Leute,die sich nicht öffnen? Lassen wir dort die Rollos hoch? Oder in den Reihen der Parteien? Wird dort wirklich nur festgelegt was allen guttut?
Ich lasse das Rollo möglichst halb hochgezogen,wenn sich meine Meinung nicht mit deren deckt ?
Liebe Grüße
Gitti
Hallo zusammen,
dankeschön für die vielfältigen Kommentare.
Letztlich, denke ich, ist es auch die Frage, was man mit verschiedenen Begriffen belegt. Ich beispielsweise übe mich selbst darin, gerade bei schwierigen Themen den Rolladen oben zu lassen (bzw. ihn wieder hochzuziehen) - setzte aber gleichzeitig durchaus klare Grenzen.
Die Sache mit dem Rolladen hat für mich damit zu tun, dass ich mich nicht vorzeitig "abschotte" - oft ohne genug zu wissen, sondern einerseits meinen Horizont öffne und andererseits den Anspruch an mich selbst habe, respektvoll mit anderen umzugehen (was ich nicht immer automatisch bin, bin ja auch "nur ein Mensch" :-). Dazu gehört für mich eben auch die Offenheit.
Offenheit heißt aber für mich nicht - und das haben ja einige schon wichtigerweise angesprochen -, wie oben im Text schon gesagt, dass ich alles und jeden gut finden muss. Und es heißt auch nicht, dass ich mir endlos irgendwelche Stammtischparolen o. Ä. reinziehen müsste - da kommt das klare Grenzen setzen bzw. Gespräch STEUERN ins Spiel.
Insofern denke ich, dass wir alle schon irgendwie die gleiche Richtung meinen, oder?
Viele Grüße
und schöne Osterfeiertage
Gitte
Innerer Rolladen - das ist ein echt treffender, bildlicher Vergleich! Richtig gut, gefällt mir.
Das verhalten erlebe ich immer wieder bei Mitmenschen im Alltag, dass manche in den oben genannten Situationen einfach abschalten und ignorieren, anstatt sich zu öffnen und sich den Problemen zu stellen, sie gemeinsam zu lösen!