Wann bin ich selbst so?

wann-bin-ich-so

Es gibt Dinge, über die man sich so richtig ärgern kann – die Un-Wörter nehmen oft die vordersten Plätze ein:

  • Unhöflichkeit
  • Unehrlichkeit
  • Unfähigkeit
  • Unverhältnismäßigkeit
  • Unkollegialität

Ein Unding, mit welchen Menschen und Verhaltensweisen man sich so herumschlagen muss, nicht wahr? Wenn nur alle so wären wie man selbst … Doch halt: Genau das ist der Fall. Oft genug sind wir selbst nämlich ganz genauso – nur nehmen wir es nicht immer wahr.

Niemand entspricht immer dem eigenen Ideal

… auch wir selbst nicht! Und es ist sehr hilfreich, sich das immer wieder mal vor Augen zu halten.

Drei Beispiele:

  • Sie finden es wichtig, höflich zu sein: “bitte”, “danke”, grüßen, wenn Sie zur Türe reinkommen – all das ist so selbstverständlich für Sie, dass man gar nicht drüber reden muss. Gleichzeitig beenden Sie unvermittelt und unfreundlich das Gespräch, wenn ein Werbefritze anruft. Und dem Fahrkartenkontrolleur vorgestern haben Sie angenervt und grußlos die Fahrkarte unter die Nase gehalten.
  • Natürlich können andere offen mit Ihnen reden und Ihnen alles sagen. Sie erinnern Ihre Freunde und Bekannten sogar immer daran, dass sie direkt sein sollen, besonders wenn ihnen etwas nicht passt. Aber wenn Sie die Telefonnummer Ihrer Schwiegermutter im Display sehen, dann lassen Sie immer den Anrufbeantworter rangehen und bekommen bei anstehenden Besuchen schonmal eine Magenverstimmung.
  • Sie haben einen Witz im Büro gemacht und alle haben herzlich gelacht. Nur Kollegin X ist beleidigt. Die sollte auch mal etwas Humor beweisen und nicht alles so ernst nehmen! Abends können Sie stundenlang nicht schlafen, weil der Chef eine Bemerkung gemacht hat, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.

Die Beispiele sind zahlreich. Und sicherlich kennen Sie mehr als genug Vorfälle aus Ihrem persönlichen Alltag. Es lohnt sich jedoch, hier etwas aufmerksamer zu sein – und auch nachsichtiger. Denn natürlich gewichten wir alle unterschiedlich:

Je selbstverständlicher, vor allen Dingen aber auch je wichtiger einem etwas ist, desto gewichtiger ist ein Fehltritt.

Und vieles hat natürlich auch mit dem eigenen Selbstbewusstsein zu tun.

Wenn morgens der Chef reinkommt und statt zu grüßen grimmig schaut, dann denkt sich Kollege A: „Holla, was ist dem denn über die Leber gelaufen?“

Kollege B denkt: „Oha, Deckung, schlechte Stimmung.“

Und Kollege C bekommt die Krise: „Mist, was hab ich jetzt schon wieder falsch gemacht?! Das sieht nach Standpauke aus.“ – Da schlägt die eigene Unsicherheit oft auch in Ärger und Unverständnis um … und tarnt sich so nicht nur vor anderen, sondern auch vor einem selbst.

Natürlich: An sich arbeiten!

Es ist wichtig, anderen – und auch sich selbst – zuzugestehen, dass die Dinge nicht immer perfekt laufen. Und natürlich auch, dass die eigenen Ansprüche die eigenen Ansprüche sind. So gibt es natürlich gemeinsame Nenner: Für die meisten Leute ist ein “Bitte” oder “Danke” bespielsweise ganz normale Höflichkeit.

Doch gibt es auch Aspekte, die völlig unterschiedlich gewertet werden. So ist es für den einen völlig selbstverständlich, in einem Restaurant zu reklamieren, wenn das Besteck schmutzig oder das Essen kalt ist. Für manche Menschen wäre soetwas undenkbar: Sie ärgern sich zwar über den Missstand, würden es aber als unhöflich empfinden, sich beim Kellner in aller Öffentlichkeit zu beschweren. Und das ganz unabhängig davon, wie freundlich die Reklamation vorgebracht wird.

Sich und anderen ein bestimmtes Verhalten oder auch einen Fehltritt zuzugestehen, bedeutet nicht, alles hinzunehmen oder lockerflockig einfach drüber hinwegzusehen. Es bedeutet lediglich, dass es hilfreich ist,

  • die Dinge ins richtige Verhältnis zu setzen
  • statt sich – offen oder hintenrum – aufzuregen oder nachtragend zu sein, lieber das offene Gespräch zu suchen, wenn Ihnen etwas wichtig ist.

Dazu gehört natürlich auch umgekehrt: Feedback von anderen anzunehmen, sich selbst auch entschuldigen zu können, wenn etwas nicht der Hit war. Und auch andere aktiv um Offenheit zu bitten (diese dann aber auch annehmen zu können).

Fairer mit der Umwelt umgehen

Wenn Sie erkennen können, dass Sie sich auch selbst immer mal unbesonnen verhalten; dass Sie sich manchmal genauso „nervig“ benehmen oder auch mal Fehler machen, vielleicht aus dem banalen Grund, dass Sie gerade total schlechte Laune haben, dann können Sie auch verständnisvoller mit solchen Situationen umgehen anstatt aus der Mücke einen Elefanten zu machen. Das macht ein konstruktives Verhalten erst möglich und es hilft auch dabei, andere nicht schnell abzuurteilen oder sogar bei Dritten über ein Verhalten herzuziehen.

( Selbstcoaching-Programm - Wirksame Methoden, um mehr von dem zu bekommen, was Sie sich wünschen. Mehr dazu

So gelingt es Ihnen, gelassener zu (re)agieren. Und Gelassenheit und Lockerheit sind die besten Voraussetzungen, schwierige Situationen zu meistern.

Über Gitte Härter

Gitte Härter war viele Jahre Coach und Trainerin für Businessthemen bis sie sich mit www.schreibnudel.de ganz auf das Schreiben spezialisiert hat. Am allerliebsten schreibt sie Bücher – und hat bereits über zwei Dutzend Ratgeber veröffentlicht. (Aktuell: „ Peinlich, peinlich: So blamieren Sie sich selbstbewusst“, in dem es um kleine Alltagsblamagen und ernsthafte grobe Klöpse geht.)

Wie finden Sie den Beitrag?
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (1)
Loading...Loading...

Kommentare

Tanja Handl schreibt am 28. Juni 2011

Ruhe und Gelassenheit sind wirklich zwei wichtige Dinge, die uns das Leben leichter machen. Dafür ist es in meinen Augen auch wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Der beste Nährboden für Unsicherheit ist, wenn man aufhört, sich um sich selbst zu kümmern. Wenn ich mich unwohl fühle bzw. ärgere, halte ich mich an drei Regeln:

1) Bis 10 zählen und mich erst mal zurückziehen, um zu hinterfragen, was ich gerade fühle.
2) Das Gespräch mit einem lieben Menschen suchen.
3) Das Problem klären oder abhaken.

Wenn’s kein tragischer Fall ist, fällt 2) auch mal weg – in schwierigen Situationen ist’s gut fürs Aufbauen und für die Psychohygiene.

Liebe Grüße & Danke für den schönen Text,
Tanja

Hody schreibt am 28. Juni 2011

Guter Artikel, das ist der tägliche Kampf mit dem inneren Schweinehund, leider zahlt es sich in unserer Gesellschaft aber nicht immer aus perfekt, gut oder rechtschaffen zu sein. Manchmal bringt einen das Gegenteil weiter, läßt einen aber nur bedingt ruhig schlafen…

Katharina schreibt am 28. Juni 2011

Jaja, den Balken im eigenen Auge sieht man nicht. ;-)

Hody schreibt am 30. Juni 2011

Habe mich von dem Artikel nochmals inspirieren lassen, reflektiert und selbst gebloggt – habe Euch dabei auch als Referenz erwähnt http://wp.me/p1q7QN-yl

Gitte Härter schreibt am 30. Juni 2011

Hallo zusammen,

dankeschön für die Resonanz und ergänzenden Gedanken zu meinem Text (auch auf Facebook).

—————

@Hody
>>leider zahlt es sich in unserer Gesellschaft aber nicht immer aus perfekt, gut oder rechtschaffen zu sein. Manchmal bringt einen das Gegenteil weiter, …

An Perfektion oder Rechtschaffenheit habe ich übrigens überhaupt nicht gedacht. Und ehrlich gesagt: Nichts liegt mir persönlich ferner. :-) Ich persönlich handhabe es so: Ich habe einen Anspruch an mich selbst formuliert, und der heißt “Ich will respektvoll mit anderen umgehen” (simpler ausgedrückt könnte man auch sagen “Was du nicht willst, dass man dir tu” … oder eben auch: “Was du willst, dass man dir tu”). Das ist MEIN PERSÖNLICHER MASSSTAB und dazu gehört eben auch dieses “Wann bin ich selbst so?”

Niemand ist perfekt. Sie sind es nicht. Ich bin es nicht. Und das wird immer so sein (und es ist auch gar nichts schlimm dabei). Wichtig finde ich nur, dass man fair ist – mit sich und anderen. Und eben auch auf sich selbst guckt.

Ich habe übrigens Ihren Blogartikel gelesen: Sie sind ja ein Meister mit Worten – ich finde ihn nicht nur inhaltlich interessant, sondern Ihre Formulierungen gefallen mir auch sehr gut. Sehr lebendig und unterhaltend … und gleichzeitig regt es an zum Nachdenken.

Ohne jetzt in Verdacht zu kommen, gewaltsam Dinge umkrempeln zu wollen ;-) – alles hat ja viele Facetten. Und wo Sie einerseits das Chaos schildern (z. B. beim Fußball), da stecken ja gleichzeitig auch andere Seiten und Pluspunkte drin. Oder: In Ihrem Text, der viele verschiedene Aspekte aufbringt, sehe ich überhaupt kein Chaos: da ist Struktur, Klarheit, Querverbindungen.

Chaos ist also nicht überall und es ist auch nicht immer Chaos oder der chaotische Mensch ist nicht “per se” chaotisch … und außerdem ist Chaos nicht immer schlecht.

Aber es ist eben durchaus AUCH in manchen Situationen, Ausprägungen, Zeiten – und für einen selbst – nicht immer förderlich und manchmal ist es schlicht und einfach auch blöd. Weil es stört, Hürden schafft, andere Konsequenzen mit sich bringt.

Doch Schwarz-Weiß – oder einseitig – ist nichts. Dieser ausgewogene Blick (der ja auch oben im Artikel gemeint ist) ist meiner Meinung nach elementar.

Viele Grüße
Gitte Härter