Vergleichen ist ungesund
Von Ralf Senftleben • 8 Kommentare
Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.
– Søren Aabye Kierkegaard
- Warum bin ich nicht so dünn wie die da drüben auf der Straße?
- Warum bin ich nicht auch so schlau wie Günther Jauch?
- Ich möchte auch so gut bei den Männern ankommen wie die Susi.
- Warum verdient mein Kollege Meier eigentlich mehr als ich?
Menschen vergleichen sich mit anderen Menschen. Wir vergleichen unsere Autos, unseren Hüftumfang, unsere Gehälter, unsere Attraktivität, unsere Schlagfertigkeit und sogar das Aussehen unserer Männer oder Frauen.
So funktionieren wir eben. Das Vergleichen ist eine wichtige Art, wie wir Menschen Orientierung in der Welt bekommen. Denn woher soll ich sonst wissen, ob ein Gewicht von 120 kg zu viel für eine Körpergröße von 1,70 m ist? Oder woher soll ich sonst wissen, dass ein Gehalt von 3 EUR pro Stunde kein gutes Gehalt ist? Oder woher soll ich wissen, ob es schlecht ist, wenn ich bei meinen 10 Bewerbungen 5 Vorstellungsgespräche und 3 Jobangebote bekomme? Um einschätzen zu können, was viel und wenig ist, müssen wir vergleichen.
Das Vergleichen ist also nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Die Probleme mit dem Vergleichen entstehen nur, wenn wir unseren eigenen gefühlten Wert als Mensch vom Vergleich abhängig machen.
Wenn ich sage:
„Thomas ist so viel lockerer mit Frauen und so viel schlagfertiger als ich“,
dann ist das ja an sich nur eine neutrale Aussage. Aber wenn ich in Gedanken dranhänge:
„… und ich bin im Vergleich so ein wertloser Loser und werde nie eine Frau kennenlernen“,
dann tut mir dieser Vergleich weh.
Es ist also nicht der Vergleich an sich, der den Schmerz erzeugt. Es sind die Schlussfolgerungen, die wir aus dem Vergleich ziehen.
- „Die da drüben hat eine Modelfigur.“ Schlussfolgerung: „Sie ist deswegen mehr wert als ich Moppel (und ich bin weniger wert).“
- „Mein Kollege verdient mehr als ich und leistet die gleiche Arbeit.“ Schlussfolgerung: „Das ist zutiefst unfair, weil er für die gleiche Arbeit mehr finanzielle Anerkennung (Wertschätzung) bekommt als ich und ich weniger Wertschätzung bekomme.“
- „Ich fahre ja nur einen Mercedes und der da drüben einen Maserati.“ Schlussfolgerung: „Deswegen ist der Typ mehr wert als ich (und ich weniger).“
Wenn wir unseren Selbstwert aus Vergleichen ziehen, dann ist das Vergleichen wirklich das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit, so wie Kierkegaard das geschrieben hat. Dann erzeugt das Vergleichen Schmerz und Leid, es macht Menschen neidisch und missgünstig und es führt uns weg von uns selbst.
Wenn ich mich dagegen selbst liebe und mich, mein Aussehen und meine Fähigkeiten o. k. und richtig finde, dann dürfen andere auch besser aussehen, mehr Erfolg beim anderen Geschlecht haben, ein besseres Auto fahren oder mehr verdienen. Das wertet mich als Menschen dann nicht ab. Ich bin, was ICH bin. Andere sind was SIE sind. Und alles ist gut.
Wenn mein Selbstwertgefühl aber nicht so stabil ist, dann suche ich meinen Wert im Vergleich mit den anderen. Dann drückt das direkt auf mein Selbstwertgefühl, wenn jemand dünner, schlauer, schneller, reicher, attraktiver, kreativer, spontaner ist als ich. Dann sage ich mir: Ich bin weniger wert, weil ich im Vergleich schlechter abschneide.
Umgekehrt funktioniert es übrigens genauso. Nehmen wir an, mein gefühlter Wert als Mensch hängt davon ab, wie ich im Vergleich zu anderen aussehe oder wie viel Geld ich verdiene. Dann habe ich vielleicht oft das Bedürfnis, andere abzuwerten, damit ich dann im Vergleich besser dastehe. Das brauche ich, damit ich mich besser fühlen kann.
Wenn wir andere kritisieren oder über sie lästern, dann tun wir das oft, um uns selbst aufzuwerten und unserem Selbstwertgefühl einen kleinen Kick zu geben. Wir erniedrigen andere, um uns kurzfristig zu erhöhen. Nur hält dieses gute Gefühl nicht lange an.
Deswegen sind übrigens Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl auch meistens eine angenehme Gesellschaft. Sie nehmen zum einen nur wenig persönlich, weil ihre Antennen nicht ständig darauf ausgerichtet sind, wo sie besser oder schlechter sind als die anderen. Zum anderen haben sie auch nicht das Bedürfnis, andere schlechtzumachen, um sich besser zu fühlen.
Mein Tipp an Sie: Wenn Sie sich zu oft dabei erwischen, wie Sie sich mit anderen vergleichen, und wenn Sie sich nicht gut dabei fühlen, dann braucht Ihr Selbstwertgefühl vielleicht eine stabilere innere Basis, die nicht durch jede Bemerkung oder Kritik aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.
Und die Stabilität Ihres Selbstwertgefühls können Sie gezielt verbessern.
Zum Beispiel indem Sie
- konsequent Verantwortung für sich selbst übernehmen,
- sich klarmachen, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben und Sie diese Werte auch leben
- achtsamer mit sich und Ihren Gefühlen umgehen
- und auch indem Sie Ihre Vergangenheit anschauen und alte Wunden heilen.
Und dann haben Sie es irgendwann nicht mehr nötig, sich zu vergleichen. Höchstens auf die gesunde Art, bei der man sich selbst nicht abwertet, aber auch nicht über andere stellt.
Dann stellt sich das ein, was man auch inneren Frieden nennt.





Ein sehr schöner Text, der am Rande gekonnt darauf aufmerksam macht, dass Lästern manchmal mehr Belastung sein kann als Psychohygiene. Die Zeit ist besser in die Pflege des eigenen Selbstwertgefühls investiert.
Ein schöner und wichtiger Artikel. Und auch die Tipps, Eigenverantwortung zu übernehmen, das Bewusstsein für die eigenen Werte zu erlangen, sich mit Konzentration und Aufmerksamkeit dem Leben zu widmen, sind Gold wert.
Was mir außerdem hilft, wenn ich mich doch einmal beim bösen vergleichen ertappe ist Perspektive: Was weiß ich überhaupt von dem anderen, dessen Vorzüge ich hier sehe? Kenne ich seine Leichen im Keller? Die Summe zählt und in der Summe bin ich glücklich.
Vergleiche sind nach meiner Meinung tatsächlich eher ungesund - oder so wie wir Vergleiche oft anwenden.
Wir orientieren uns dabei kaum an Menschen, die z. B. weniger können, haben etc., sondern wir streben danach, so zu sein oder das zu haben, was die anderen bereits haben und uns vormachen. Wenn ich mich vergleiche werte ich mich und andere, setze also meine Maßstäbe zur Wertung anderer an. Dieser Vergleich kann ja nur hinken - weil jeder Mensch ein Individium ist und seine ganz eigene Weltanschauung hat. Die hat er durch Überzeugungen, Erfahrungen und Gelerntes. Aber, Vergleiche können ja auch ein ansporn für mich sein, weil ich dadurch feststellen kann, dass ich mehr aus mir herausholen könnte. Weil ich dadurch erkannt habe, dass ich noch nicht mein Bestes gegeben habe (wenn ich es denn wollte). Grundsätzlich aber, bin ich mit Vergleichen seeehr vorsichtig, weil sie mir unter dem Strich nicht gut tun und mir meinen inneren Frieden rauben.
Mindestens einmal am Tag an einem fremden oder bekannten Menschen ein positives Merkmal finden und formulieren...ganz Mutige sprechen es dann sogar aus ;-). Eine meiner kleinen Alltagsübungen, die dem Werten und Lästern vorbeugend begegnen.
Dank für die Gedanken, nicht nur in diesem Text!
Lieber Gruß. Mirko
Nicht nur die Schlussfolgerung aus einem Vergleich, sondern der Vergleich selbst ist ein Irrtum.
Denn..... jeder von uns ist einzigartig.
Mit wem willst Du Dich da vergleichen? ;-).
Genau - ! Und der Vergleich mit Dir selbst (bin ich heute stärker , belastbarer ..., als vor 5 Jahren?)
bewirkt nur Gutes - nämlich Selbsterkenntnis und Wachstum.
Die Shaolin (und auch´"andere" Buddhisten, Taoisten etc.) verneigen sich voreinander mit einem 'Namaste'.
Die Achtung, Ehrerbietung usw. gilt sowohl meinem Gegenüber, als auch mir selbst - in aller Einzigartigkeit, in aller Gemeinsamkeit, in aller Verbundenheit.
Ich grüße Euch daher mit einem herzlichen
Namaste.
1 Ela 4
Ich habe schon längst aufgehört mich mit anderen zu vergleichen. Ich bin halt anders, als die anderen. Ich bin individuell und deswegen nicht besser oder schlechter.
Aber das heißt nicht, dass es mir gut dabei geht.
Obwohl ich aufgehört habe mit dem Vergleichen, habe ich dennoch kein gutes Selbstwertgefühl.
Ich kann es jetzt nur schwer erklären, aber weiss, dass mein Problem genau darin liegt. An diesem mangelndem Selbstwertgefühl.
Und dann taucht immer wieder, auch hier der Rat, sich selbst zu lieben und anzunehmen.
Doch, was wenn ich Eigenschaften an mir habe, die ich nicht lieben kann. Was wenn ich mich verändern will zum Besseren.
Oder geht es gar nicht, eine Schwäche von mir aus der Welt zu schaffen, ohne sie zuerst anzunehmen. Den Feind zu lokalisieren, bevor man angreift?
Läuft man nicht mit Selbstliebe zur Selbsttäuschung. Und was wenn Menschen mit vielen Selbstwert diese Antennen einfach nicht nutzen können. Kann er die Antennen nicht nutzen, oder habe ich sie zu empfindlich eingestellt?
Darf ich machen, was ich für richtig halte und ist es gut, auch wenn es nicht gut ankommt?
Ich muss noch sehr viel lernen.
Auf Antworten bin ich natürlich gespannt ;-)
Liebe Grüße
Daniele Cipriano
Gewiss ist - oder fühlt sich - jede/r in dieser oder jener Hinsicht anders als andere:
Beim Vergleichen stellen wir wohl alle ab und zu fest - oder andere sagen, zeigen es uns -, dass wir anderen Menschen nach dem Äußeren, nach Fähigkeiten, Bedürfnissen, Erwartungen, Persönlichkeitseigenschaften usw. nicht gleichen.
Manchmal möchten wir gerne so sein, so werden wie andere, manchmal lieber nicht.
Das wird vor allem von unseren derzeitigen Wertmaßstäben abhängen: Was halten wir denn für wertvoll oder wertvoller, für unverzichtbar, wichtig, richtig, gut?
Wie sieht unser Ich-Ideal aus? Halten wir es mit vertretbarem Aufwand für erreichbar?
Wie der Fuchs in der Fabel können wir uns und anderen erklären, die Trauben (die Ziele) wären uns zu sauer.
Möglicherweise sind sie wirklich zu sauer, die Mühe würde gar nicht lohnen.
Zu viel Veränderung (Verbesserung) zu rasch, zu mühelos zu erwarten, kann uns unglücklich machen. Von uns zu wenig zu fordern, scheint allerdings auch nicht "ideal". Es hängt viel vom konkreten Menschen ab, von seinen Umständen, Voraussetzungen usw.
Zum Lästern:
"Wer andere Menschen groß macht, wird selber groß. Wer andere klein macht, wird selber klein."
Lieber Daniel!
Ich bin nur ein "Otto Normalverbraucher", kein Psycho. Doch ich lese aus Deinen Worten eine so große Not
heraus, dass ich Dich einfach fragen muss, warum Du nicht ein Hilfsangebot von den vielen Institutionen annimmst, die es mittlerweile auch kostenlos, überall für "Seelennöte" gibt.
Ich benutze bewußt das Wort Seelennöte, denn Du bist nicht am Gehirn erkrankt - geisteskrank, wie man so sagt - sondern Deine Seele ist in Not.
Was würdest Du von einem Freund halten, der Dich in der Not im Stich läßt ....?
Nur noch mein Lieblingssatz:
"Was Du nicht willst, das man Dir tu...... das füg Dir auch nicht SELBER zu.
Herzliche Grüße und stärkende Gedanken für Dich, Daniel!
Ela.