Ausmisten als aktive Persönlichkeitsentwicklung
Von Birgit Medele • 15 Kommentare
Geht Ihnen das auch so? Schränke voller Sachen, Schreibtisch voller Papier, Kopf voller Unerledigtem …
Aber keine Sorge, Sie sind nicht allein: Im Durchschnitt besitzt jede(r) von uns ca. 10.000 Dinge – die meisten davon benutzen wir nie. Dieser Kram beschwert uns, im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei ist es ungemein befreiend, Stapel loszuwerden. Entrümpeln kann sogar helfen, unsere Träume in Erfüllung gehen zu lassen! Denn wo soll das Neue einen Platz in unserem Leben finden, wenn alles voll ist mit Altem?
Falls Sie also ein „Ich müsste mal wieder den Keller/Speicher/Schrank … durchsortieren“-Projekt schon einige Zeit vor sich herschieben, weil Sie das als eine lästige Arbeit empfinden, kommt hier eine neue Perspektive: Dinge auszusortieren ist ein lebensveränderndes Werkzeug der persönlichen Entwicklung …
Wer außen Ordnung schafft, schafft auch im Inneren Ordnung
Wenn wir etwas in unserem Haushalt aufgeräumt haben, dann entsteht ein Vakuum, das wir mit Neuem füllen können. Genauso verhält es sich im Leben: Erst, wenn wir hier die Dinge aussortiert haben, die wir nicht mehr brauchen, haben wir Platz für Neues: Die Dinge, die wir wirklich brauchen. Deshalb ist im Leben genau wie im Aussortieren eine wichtige Zutat die Zielfokussierung: Wenn wir uns im Klaren darüber sind, was wir in unser Leben einladen wollen (das kann eine neue Freundschaft sein, eine berufliche Weiterentwicklung, mehr Zeit zum Lesen …), füllen wir das entstandene Vakuum nicht wieder mit mehr Papier oder mehr vom Alten, sondern mit erwünschtem Neuen. Probieren Sie’s aus: Räumen Sie mit einer klaren Vorstellung im Kopf eine Schublade aus – und staunen Sie dann einige Zeit später, was sich auch in Ihrem Leben verändert.
Denn beim Durchsehen einer Kiste üben wir den Umgang mit großen Themen, mit tiefgreifenden psychologischen und philosophischen Konzepten: Loslassen, Entscheidungen treffen, Veränderung bewusst und konstruktiv leben, Prioritäten setzen.
Wir machen in selbstgewähltem Tempo zaghafte erste Schritte hin zum Abschiednehmen – eine Lebenskunst, die früher oder später von uns eingefordert werden wird. Indem wir lernen, zu einer alten Tasse oder einem vergilbten Foto auf Nimmerwiedersehen zu sagen, gewöhnen wir uns an das Gefühl, das uns bei jeder Veränderung begleitet: die Trauer. Beim Abtragen von Papierstapeln arbeiten wir uns Zettel für Zettel durch zu mehr Durchblick, weg vom oberflächlichen „Wo soll ich das aufheben?“ hin zu einem tiefergehenden „Warum hebe ich das noch auf?“.
Und anhand dieser konstanten Minischritte trainieren wir eine der essentiellsten Fähigkeiten: die Kunst, Entscheidungen zu treffen. Und bemerken dann, dass wir ihnen nicht mehr länger aus dem Weg gehen. Dass uns die Monate nicht mehr durch die Finger rinnen, dass Klarheit einzieht, wo vorher die Stapel gewohnt haben.
Ein Beispiel:
Christiane ist 34, hat einen 8-jährigen Sohn und ist seit 6 Monaten alleinerziehend. Als ihr Mann sich vor einem halben Jahr von ihr getrennt hat, ist für sie eine Welt zusammengebrochen. Lange fiel es ihr schwer, loszulassen, und sich wieder für das Gute in Ihrem Leben zu öffnen. In jedem Raum befanden sich Erinnerungen an ihn, die in ihr einerseits Schmerz hervorriefen und andererseits wohlige Erinnerungen. Dass es so nicht weitergehen kann, war ihr durchaus bewusst. Und sie wünschte sich, Ihre Gefühle loslassen zu können. Aber wie?
So fing sie dann vor 2 Monaten an, in kleinen Schritten erst einmal die Dinge loszulassen, die sie materiell mit Walter verbindet. All die vielen Erinnerungen, die noch von ihrem gemeinsamen Leben zeugen.
Eine große Aufräumaktion beginnt, im außen und im Inneren. Mit jedem Foto, das von der Wand verschwindet, mit jeder kleinen Umstrukturierung, trennt sie sich ein kleines Stück mehr von Walter. Sie lernt loszulassen und nimmt Abschied. Und nicht nur Ihre Wohnung ist es jetzt aufgeräumter, auch sie selbst ist es.
Ja, werden Sie sich jetzt sagen, wenn das Loslassen von altem Kram so vielversprechend ist, warum lagern dann bei mir weiterhin so viele Dinge, aus denen ich schon lange „herausgewachsen“ bin?
Kram kann eine Schutzmauer sein, die sich wie eine extra Schicht zwischen uns und den großen Fragen auftürmt und uns eine Auseinandersetzung mit all dem erspart, was sich nicht einfach wegsortieren lässt. Wenn wir ständig damit beschäftigt sind, unser Zeugs vom Keller in den Speicher und zurück zu räumen, kruschteln wir uns in einem gemütlichen Tempo durch die Tage (Wochen, Jahre …) und beschränken uns auf die relativ einfachen Fragen wo und wie (… kann ich meine Zeitschriften/Lose-Blatt-Sammlungen/Schuhe/Ordner am besten verstauen?).
So haben wir auch keine Zeit, uns mal hinzusetzen und einer Leere ins Gesicht zu starren, mit ihren unangenehmen Fragen. „Wie kann ich mein volles Potential leben? Was sind meine großen Träume? Was möchte ich in meinem Leben wirklich erreichen?“
Aussortieren bringt uns zurück auf den Weg, der zu einem Ziel führt. Wo uns die Wochen nicht mehr durch die Finger rutschen.
Kleine Schritte statt Großprojekte
Das Wichtigste ist, sich den Spaß nicht durch unrealistisch groß angelegte Projekte zu verbauen. Wenn wir zu viel auf einmal anpacken, überwältigen uns die Emotionen und die Energie reicht nur noch dazu aus, alles schnell wieder zurückzustopfen. Weil wir es nie „nur“ mit Dingen zu tun haben, sondern an jedem Stück so viele Pläne, Erinnerungen oder Hoffnungen hängen. Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte, ein Stück unserer Geschichte. Also nie mehr frustriert eine Riesenaktion abbrechen, stattdessen ganz klein anfangen, dann macht es auch Freude. Das Projekt in überschaubare Einzelschritte unterteilen und so erst möglich machen: nicht das ganze Regal, sondern nur ein Fach in Angriff nehmen; 20 Bücher durchsehen, einen einzigen Aktenordner, einen Karton.
Vom Wollen zum Machen
Wie aufräumen geht, wissen Sie selbst. Alles, was Sie dazu brauchen, sind 10 Minuten und ausreichend Motivation, um die Hürde „Anfangen“ zu nehmen. Machen Sie sich nichts vor mit vagen Versprechungen wie „Wenn ich mal Zeit habe/wenn die Kinder im Bett sind/am Wochenende räume ich den Schreibtisch auf“. Stattdessen machen Sie einen Termin mit sich selbst aus. Das vage „Irgendwann mal“ wird durch den Eintrag einer 20-minütigen Aufräum-Session im Kalender beendet. Jetzt gleich. Am Montag um 19:30 Uhr haben Sie Zeit, 20 Minuten sind machbar und der Erfolg (erster Ordner geschafft!) gibt Ihnen den Energieschub fürs nächste Projekt.
Gönnen Sie sich die 10 Minuten, die es dauert, eine Schublade aus- und dann wieder sinnvoll einzuräumen. Sehr zu empfehlende Nebenwirkungen sind das Gefühl, den Überblick zurückzugewinnen. Im Haushalt, aber auch in Ihrem Leben. Denn ganz automatisch tauchen die ganz großen Fragen auf: Wo will ich hin in den nächsten Jahren? Was ist der erste kleine Schritt, jetzt gleich?
Ausmisten wird verkannt – in Wirklichkeit ist das Aufräumen ein Wohlfühlgeheimtipp! Die glamouröseste, glückbringendste Beschäftigung – Sie werfen Ballast ab und gewinnen dadurch an Energie und Lebensfreude.
Probieren Sie’s aus, am besten jetzt gleich! – Die erste Schublade freut sich darauf, mit Ihnen den ersten Schritt in eine neue Leichtigkeit des Seins zu wagen.
Happy clearing!






Super, kann ich nur bestätigen. Ich glaube ich gehöre ehr zu den Menschen, die immer und viel ausmisten und bisher habe ich nichts davon vermist. Ich weiß noch genau, Hefte gesammelt, gestapelt, zu Schade, waren doch so teuer, gute Beiträge und nie wieder reingeschaut, also weg damit. Ich kann mich noch gut erinnern, es war ein kalter, schneereicher Winternachmittag. Ich mich ins Auto gesetzt und mein damals noch recht kleines Auto mit leeren Kisten aus dem Supermarkt vollgestopft und dann zu Hause losgelegt, danach hatte ich 8 Bananenkisten voll Papier, Unterlagen "nur" aus meinem Büro aussortiert. Es war der Anfang, weil ich gemerkt habe, wie gut und vor allem befreiend das ist und es schafft wirklich Platz für neues. Inzwischen habe ich eine kleine Kiste wo ich "Erinnerungen" sammel, selbst die schau ich regelmäßig durch, denn "Nur mit leeren Händen kann man nach Neuem greifen (N.N.)". Ich kann es nur empfehlen und mache es in allen Bereichen regelmäßig. Wenn ich heute etwas kaufe überlege ich wirklich viel viel mehr, ob ich das wirklich brauche, das fängt bei der Kleidung an und hört bei Küchenkram auf.
Ihren Satz "Nur mit leeren Haenden kann man nach Neuem greifen" finde ich sehr schoen!! Danke fuer diesen inspirierenden Erlebnisbericht!
Das finde ich echt toll, dass es Gleichgesinnte gibt! Kann diesem nur zustimmen! :)
Bianka
„Warum hebe ich das noch auf?“
Weil ich das Thema noch nicht abgeschlossen habe. Wenn ich mich durch meine alten Sachen durchwühle, dann sehe ich vieles, was ich eigentlich angehen wollte, aber nie zum Erfolg geführt hat. Ist das dann die Trauer?
Nun gut, jetzt habe ich andere Ziele im Leben, aber wenn ich die alten Sachen aufräume denke ich meistens auch daran, ob die neuen Ziele auch erfolgreich werden, oder ob es irgendwann auch nur zu einem Stappel wird, den man irgendwann auch wieder ausmisten muss?
Also ich musste merken, dass ich beim letzten Ausmisten motivierter war, mein neues Ziel zu erreichen.
Vieles habe ich aufgeschrieben, hingestellt und vergessen. Miste ich aus, oder gucke nur durch, erinnere ich mich wieder.
Ich räume auf und merke "ach ja, stimmt, das wollte ich doch auch mal machen, hatte es mal vor und daher das hier dahin gelegt... und vergessen". Ja, aufräumen lässt wieder erinnern, an unsere langfristige Ziele. Und an die Zeit, die seit da an verstrichen ist.
Ein toller Artikel - und ausmisten befreit wirklich ungemein! Insofern kann ich dem Kommentar von Alexandra voll zustimmen. Leider bin ich nicht so diszipliniert mit dem Ausmisten und Durchchecken.
Ich gehöre wie Daniele in vielerlei Hinsicht eher zu dem Typ Mensch, der manche Dinge auch nur deshalb aufhebt, weil es alte begonnene Projekte betrifft.
Aber ich denke, das Ausmisten bietet eine Gelegenheit, sich zwar zu erinnern, wie Daniele schreibt, dann aber auch zu entscheiden, ob mir an diesem Projekt überhaupt noch etwas liegt. Ich kann dann diese Sache entweder zu Ende bringen - oder auch verwerfen und alles, was dazu gehört, aussortieren.
Sabine
kann ich aus eigener erfahrung uneingeschränkt bestätigen. ich konnte kaum glauben wieviel wirklich in einer kleinen wohnung so alles rumkommt wenn ich wirklich ernsthaft "ausmiste" und das tollste dabei ist-nachher fühlt es sich an als wäre man frisch eingezogen.
Toll ist auch, wenn man das "Ausgemistete" weitergeben kann an Menschen, die es vielleicht noch gebrauchen können. Wenn man alte Bücher an Freunde weitergibt, die dieses noch nicht gelesen haben. Den alten Kassettenrecorder an einen Bastler gibt, der damit noch etwas anfangen kann.
Wie viele Ressourcen sich außerdem einsparen ließen, wenn wir alle mehr ausmisten würden.. wir würden uns alle zufriedener und freier fühlen und ganz nebenbei noch etwas für unsere Umwelt tun.
Hallo Sebastian!
Das ist ein sehr guter Ansatz, und ein Schritt gegen den Überfluß und die Wegwerfgesellschaft.
Ich bin selber nicht gut im Aufräumen und Loslassen, habe aber schon eine Tüte mit Cds bei der Caritas abgegeben und fühlte mich danach besser! :-)
Ausmisten = die Moeglichkeit zu einer 'besseren Welt' beizutragen, fuer uns und fuer andere! In kleinen Schritten der Ent-lastung, jetzt gleich!
Ein sehr schöner Beitrag!
Ich kann dem nur zustimmen, dass Ausmisten sehr befreiend und motivierend wirkt. Vor allem, um emotionalen Ballast der Vergangenheit abzuwerfen.
Schulhefte, Studienordner, Bücher, die man einmal und dann nie wieder gelesen hat, all der Kram, der sich über die Jahre eben mal so ansammelt. Doppeltes und Dreifaches, Veraltetes und Kaputtes. Weg damit! Recyclen, verwerten, entsorgen! Und dann das Gefühl der Freiheit spüren!
Frohes Ausmisten Euch allen!
P.S.: Für alles, was noch verwendbar ist, gibt es unzählige Anlaufstellen, die die Gegenstände gerne nehmen um sie an Bedürftige zu verteilen.
Caritas, Sozialkaufhäuser, Christopheruswerk, SecondHand oder der Flohmarkt.
Ich hatte lange Zeit Probleme damit auszumisten. Jetzt lege ich das ganze Jahr über immer beiseite, was ich nicht mehr brauche und gehe 1 mal im Jahr auf den Flohmarkt. Was dort nicht verkauft wird wird entweder weggeworfen, verschenkt oder aufgehoben für den nächsten Flohmarkt - je nach seinem Zustand.
Mir fällt es viel leichter loszulassen, wenn ich für den Flohmarkt "sammle". Dann fällt das Argument, dass etwas "noch gut" ist weg.
Einen anderen Trick den ich habe für Sachen habe wie Kuscheltiere, Bücher etc., bei denen ich gemerkt habe, dass ich sie nicht aufbeware, weil ich sie noch benötige, sondern weil sie mich an etwas erinnern: Ich mache ein Foto und habe auf meinem Computer einen Ordner, wo ich diese Sachen noch ansehen könnte, wenn ich wollte.
Das kostet nur ein wenig Speicherplatz... zugegeben, so richtig weg ist der Ballast dann noch nicht, aber immerhin liegt es nicht mehr in der Wohnung rum... und in den Ordner schaue ich nur sehr selten...
Hallo,
der Trick mit dem Foto ist gut. Die Zahl von 10.000 Gegenständen finde ich erschreckend. Ich nutzte "Tauschticket", um Ballast loszuwerden. Von dem Tauschguthaben kann ich dann wieder Nützliches eintauschen.
ausmisten und sich von ,,fürs eigene Leben nicht Bereicherndes" trennen ist toll und sehr klärend. Ich bin noch lange kein Ausmistprofi bin aber froh für das was ich schon geschafft habe. An vielem habe ich gehangen wegen der Erinnerung. Als dann meine Tochter kam und bald klar war das wir bei einem Kind bleiben, wohin mit all den ganzen Sachen und all den süßen Babyerinnerungen? Nun verkaufe ich 2mal im Jahr auf einem Kinderflohmarkt alles was zu klein ist und nicht mehr gebraucht wird (sehr konsequent).Alles was nicht verkauft wurde verschenken wir. Von dem erworbenen Geld werden dann neue Sachen wie Schuhe und Bücher gekauft. Als Erinnerung habe ich für meine Tochter eine schöne Kiste angelegt wo nur absolute Lieblingstücke und kleine Erinnerungen wie zum Beispiel ihre ersten Schuhe Platz finden. Das gab mir den Antrieb auch meine Sachen viel konsequenter auszumisten. Nichts von all dem Krempel wird bis jetzt vermisst. Der Überblick wird immer besser und es gibt Freiheit für neue Ideen. Viel Spaß allen Freiheitsliebenden!
... gehört zwar nicht direkt zum Thema...
aber wie kann man seit 10 Monaten alleinerziehend sein, wenn der Mann sich erst vor 6 Monaten getrennt hat...?
Ansonsten:
Entrümpeln und ausmisten hat etwas sehr befreiendes an sich, kann ich nur bestätigen.
Es fühlt sich an als würde man einen alten muffigen schweren Wintermantel endlich ausziehen dürfen.
:-)
Hallo Sara,
gut aufgepasst ;-) Ich hab´s gleich mal korrigiert.
Liebe Grüße
Judith