Poka Yoke – die Kunst, unnötige Fehler zu vermeiden
Von Stefan Pinter • 9 Kommentare
Vor einigen Wochen besuchte ich in der russischen Provinz einen deutschen VW-Zulieferer. Beim Werksrundgang beeindruckten mich kleine Apparaturen mit Lichtschranken, die signalisierten, wenn falsche Schrauben oder Muttern eingesetzt worden waren. Der uns betreuende Ingenieur nannte diese Vorrichtungen Poka Yoke. Auf meine Nachfrage erklärte er, Poka Yoke (zu Deutsch: dumme Fehler vermeiden) komme aus dem Qualitätsmanagement der japanischen Automobilindustrie und sei ein Grund für die hohe Qualität und den Markterfolg japanischer Autos. Der begeisterte Techniker nannte uns sogleich eine Reihe von segensreichen Poka Yokes aus dem täglichen Leben, wie beispielsweise SIM-Karten, deren Form es unmöglich mache, sie falsch einzusetzen.
Mir kam der Gedanke, dass unnötige Fehler ja nicht nur in technischen Systemen auftreten. Menschen produzieren am laufenden Band Fehler und könnten Poka Yokes gut gebrauchen. Sofort meldete sich mein innerer Kritiker und erinnerte mich, dass wir aus Fehlern ja hervorragend lernen können und dass es – weil Fehler unvermeidlich sind – vor allem darauf ankomme, sie als Teil des Lebens zu akzeptieren. Da hat er natürlich recht. Aber wäre es nicht toll, wenn wir die Zahl unserer dummen Fehler spürbar reduzieren und dadurch die Kraft und Energie sparen, die wir aufbringen müssen, um die Scherben danach wieder aufzukehren?!
Also habe ich mir die Frage gestellt, welche Poka Yokes ich einsetze, um unnötige Fehler zu vermeiden.
Meine Poka Yokes gleichen nicht denen, die in technischen Systemen installiert werden. Denn meine Fehler sind komplexer als eine zu kurze oder nicht fest angezogene Schraube. Sie resultieren aus Handlungen, an denen eine Fülle äußerer Reize und innerer Verarbeitungsprozesse beteiligt sind. Meine Fehler resultieren aus einer psychischen und mentalen Grundausstattung, die unter Druck und in unübersichtlichen Situationen ihre Grenzen hat. Dann verliere ich den Überblick, dann orientiere ich mich nicht mehr an dem, was wichtig ist, dann handle ich vorschnell und unüberlegt. Was ich brauche, sind Poka Yokes, die mir in solchen Situationen beistehen: Gewohnheiten, Symbole etc., die wie Lichtschranken funktionieren. Die keinen Aufwand erfordern und mir zuverlässig zur Verfügung stehen. Und die mir signalisieren, dass ich jetzt gerade im Begriff bin, einen unnötigen Fehler zu begehen.
Beim Nachdenken habe ich in meinem Handeln die folgenden Poka Yokes entdeckt. Ich habe dabei festgestellt, dass Poka Yokes nicht schwierig sind. Schwer ist jedoch, sie einzuüben:
Einstimmen/Vorab-Kontrolle
Piloten führen vor jedem Flug einen Instrumenten-Check durch. Bobfahrer proben vor ihrem geistigen Auge die Kurvenfahrt. Hochspringer machen es ebenso. In den meisten Fällen haben wir genug Zeit, um uns auf eine Handlung vorzubereiten. Also sollten wir es auch tun. Besonders effektiv ist Vorab-Kontrolle, wenn sie als konkreter „Wenn-dann-Plan“ formuliert wird, weil sich so das gewünschte Verhalten schneller automatisiert: Wenn ich eine Veranstaltung organisiere, dann verwende ich stets eine Checkliste. Am Tag der Veranstaltung komme ich extra früh, um mir den Raum noch einmal anzuschauen. Wenn ich einen Vortrag halte, dann probe ich den Auftakt. Ich frage mich, welchen Eindruck ich den Zuhörern vermitteln will und übe dies auch. Und wenn ich ein Projekt beginne, dann verschaffe ich mir immer zuerst einen Überblick, bevor ich die Details plane. Ich stelle mir die Ergebnisse vor und die Meilensteine auf dem Weg dahin. Vorab-Kontrolle kann beides sein: der Blick auf die Details und der Überblick über das große Ganze. Entscheidend ist: Was wir schon einmal angeschaut, erfühlt und gespürt haben, unterliegt später eher unserer Kontrolle.
Warten/Innehalten
Noch so gute Vorbereitung kann nicht verhindern, dass das Leben unsere Pläne stört: Der Hauptredner sagt am Veranstaltungstag wegen Krankheit ab, ein Gesprächspartner fühlt sich von einer unbedachten Bemerkung persönlich angegriffen, der Projektetat wird plötzlich gekappt und das Zeitlimit verkürzt, …
Diese Situationen erzeugen Stress und Menschen reagieren aufgrund ihres in der Evolution entstandenen Verhaltensrepertoires gern sofort. Je nach Persönlichkeit mit Flucht, Angststarre oder Angriff. Auch hier gilt: In den meisten Drucksituationen bleibt immer noch Zeit, sich eine Reaktion zu überlegen. Die Wahrscheinlichkeit unnötiger Fehler verringert sich, wenn wir zwischen mehreren Handlungsoptionen auswählen können. Der entscheidende Moment ist ein inneres STOPP, das uns vor einer spontanen Reaktion bewahrt. Innehalten und warten sind die Poka Yokes in Drucksituationen. Nur wenn wir nicht sofort handeln, geben wir Alternativen einen Raum. Dann fällt uns vielleicht ein, wer den Hauptredner ersetzen könnte. Dann parieren wir den verbalen Angriff nicht mit einer giftigen Retourkutsche. Dann nehmen wir das Projektdesign wieder in den Blick und passen es den veränderten Bedingungen an.
Unterstützung von außen
Ein wirksames Mittel gegen unnötige Fehler ist die Unterstützung anderer Menschen. Ein Beispiel: Ich surfe gern im Internet. Leider zu gern und verbringe allzu oft ernüchternd unproduktive Zeit vor dem Rechner. Vereinbarungen mit mir selbst, Auszeiten vom Medienkonsum zu nehmen, haben nichts gefruchtet. Also habe ich meiner Frau von meinem Vorsatz erzählt und sie um Unterstützung gebeten. Von da an konnte ich sicher sein, dass sie ebenfalls darauf achtet, dass ich die selbst gewählten Auszeiten auch einhalte. Unterstützung von außen ist effektiv, setzt aber Vertrauen voraus. Wer an Vertrauen denkt, erinnert sich sicher auch an Situationen, in denen dieses missbraucht und enttäuscht wurde. Wie können wir unter diesen Umständen von einem Poka Yoke sprechen? Wenn wir eine konkrete Bitte äußern, erhalten wir sehr schnell eine Rückmeldung, ob andere uns unterstützen. Wir können also lernen, die richtigen Personen anzusprechen. Eine weitere Erfahrung: Vertrauen ist wirkungsvoller als Misstrauen. Im Beispiel wurde mein Vertrauen nicht enttäuscht, weil ich meinerseits einen Vertrauensvorschuss leistete und meine Schwäche im Umgang mit dem Internet eingestand. Von den Menschen, die uns vertrauenswürdig erscheinen, werden wir selten enttäuscht, wenn wir ihnen gegenüber transparent und ehrlich sind und ihnen signalisieren: Ich vertraue dir.
Ordnung/das sichere System
Mein letztes Poka Yoke betrifft meine ganz persönliche Arbeitsorganisation. Ich bin täglich mit einer Fülle von Aufgaben und Terminen konfrontiert und muss parallel an mehreren Projekten arbeiten. Vieles ist wichtig und vieles ist dringend. Da kann es schnell geschehen, dass eine Aufgabe oder ein Termin vergessen wird. Mein Poka Yoke gegen das Überangebot an Informationen ist Ordnung. Ich habe für jede Aufgabe und jedes Projekt eine Outlook-Liste, die ich täglich aktualisiere. Ich weiß, dass sich alles, woran ich denken muss, in diesem sicheren System befindet. Außerdem nutze ich ein Ablagesystem, das im Kern aus einem Ein- und Ausgabefach, einem Themen- und einem Terminordner besteht. Wenn ich mein Tagespensum beendet habe, sieht mein Arbeitsplatz so aufgeräumt aus wie am Morgen. Alles ist an seinem Platz und alle Informationen sind abgespeichert. Äußere und innere Ordnung korrespondieren miteinander und ich mache mir keine Sorgen, dass ich etwas vergessen haben könnte.
Diese vier Poka Yokes in meinem Leben scheinen ganz selbstverständlich zu sein. Und doch habe ich lange mit ihnen geübt, um sie so einzusetzen, dass sie mir tatsächlich Tag für Tag unnötige Fehler ersparen. Wenn ich mir nur für einen Moment vorstelle, ich müsste ohne meine Poka Yokes auskommen, dann graut es mir – und unweigerlich beginnt mein inneres STOPP zu blinken …
Vielleicht nehmen Sie meine Erfahrungen als eine Anregung, sich auch einmal über Ihre ganz persönlichen Poka Yokes Gedanken zu machen. Worauf können Sie jederzeit und unter allen Umständen bauen? Was hilft Ihnen dabei, unnötige Fehler zu vermeiden?






Der Begriff der Poka Yokes ist ja wirklich sehr nett.
Ansonsten gilt wie immer im Leben: "Wer zu wenig innere Kontrolle und Ordnung hat, braucht Sie von aussen. Wer zu wenig Selbstdisziplin mitbringt, wird von anderen strukturiert."
Pech.
Gefällt mir, dein Statement! Es hat eine logische Folge als Inhalt. Liebe Grüße!
Hallo Christoph,
dein Kommentar wirft bei mir Fragen auf, für die ich dir dankbar bin:
Warum hat Pech, wer...
... wenig innere Kontrolle hat (und daher vielleicht sehr impulsiv und inspiriert ist);
... von außen kontrolliert wird (und diese Aufgabe so an andere delegieren kann);
... wenig Selbstdisziplin hat (und daher vielleicht gern seinen Leidenschaften folgt);
... von außen strukturiert wird (und auf diese Weise Vertrauen zeigt und erntet)?
Viele Grüße
Danke für den Artikel über die Poka Yokes, insbesondere für die Anwendungsbeispiele, wie sie in Ihrem Leben vorkommen. Es hat mich sehr inspiriert. (Der Wunsch, mich hier dankbar und positiv zu äußern wurde wesentlich inspiriert durch den ersten Kommentar, den ich so arrogant und überflüssig finde....Aber - schon rufe ich mich zur Raison (schreibt man das so?!?) und erinnere mich an Worte von Marianne Sägebrecht, die sinngemäß gesagt hat: wenn wir Liebe am wenigsten verdienen, brauchen wir sie am meisten....also öffne ich mein Herz und wünsche neben viel innerer Kontrolle und reichtlich Selbstdisziplin viel warme, weiche Herzlichkeit und haufenweise berührende und menschliche Momente, eben einfach
Glück.
Liebe Kirstin,
Dein Spruch von Marianne Sägebrecht hat mich sehr berührt, ich finde ihn sehr schön und das ist im Leben bestimmt öfters mal gut, sich diesen in Erinnerung zu rufen, denn er beruhigt und erklärt so einiges!
Vielen Dank und LG Marina
Die Anregung für das "sichere System" kommen übrigens von Wolfgang Hamm www.systargo.de - besonders hörenswert auf seinen Seiten sind übrigens die Podcasts zum Zeitmanagement.
Hallo Christoph Simon,
netter Versuch, aber billiger Werbetrick und dazu noch ein link auf Deine Homepage, pfui...
Aber mal zu dem Beitrag selber:
Ich bin Bilanzbuchhalterin und mache mir auch immer Checklisten und aus meiner Zeit bei einer Beratungsgesellschaft kenne ich Projektmanagment und benutze das auch privat sehr erfolgreich.
Mein direkter Vorgesetzter arbeitet da anders und bisher leidet das gesamte Team darunter dass ihm urplötzlich einfällt das am nächsten Tag etwas fertig sein soll. Damit produziert er immer unnötigen Stress und Fehlergefahr da man keine 5 Minuten Zeit hat mal in Ruhe darüber nachzudenken.
Dabei ist es viel einfacher wenn man alle Betroffenen damit einbindet und Meilensteine festlegt. Da hat man dann immer noch genug Zeit um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Ich verlasse mich auch grundsätzlich nicht mehr nur auf einen Anbieter sondern habe immer mindestens einen als Ersatz in petto.
Bisher bin ich mit meiner Strategie sehr erfolgreich gewesen und selbst wenn 5 Minuten vor Zwölf jemand abgesprungen ist keine Problem, da ich ja Ersatz eingeplant habe.
Achja und zusätzlich zum Outlook habe ich einen Kalender für ein halbes Jahr wo alle wichtigen Termine drinstehen. Die Stichwort reichen mir aus da ich ja dann weiss wo ich die dazugehörigen Unterlagen finde.
Achja und ich habe meine Mails die privaten und die geschäftlichen so im Internet dass ich von jedem Rechner mit Internetzugang drauf zugreifen kann sodass ich jederzeit auf alle Infos zugreifen kann.
Liebe Grüße
Andrea
Ich frage mich, was Christoph Simon so "Unmoegliches" bemerkt hat? Er hat vollkommen recht mit dem, was er sagt, vielleicht ist die Art und Weise etwas kurz und direkt.Was uns im Innen fehlt, suchen wir im Aussen, leider aber meist vergebens, weil unsere innere Welt sich in der aeusseren widerspiegelt. Haben wir also unsere innere Selbstdisziplin, d.h. wir wissen wo wir stehen und was wir wollen, dann haben wir sie auch im Aussen, wenn nicht, dann passiert es leicht, dass wir uns von anderen disziplinieren lassen.
Und zu den Worten von Marianne Saegbrecht: "Wenn wir Liebe am wenigsten verdienen, brauchen wir sie am meisten"... wir verdienen Liebe IMMER, wir meinen nur, dass wir sie nicht verdienen, wir selber erlegen uns diese STrafe auf, niemand anders, d.h. ich wuerde sagen "Wenn wir uns selber am wenigsten lieben, brauchen wir am meisten Liebe."
Liebe Kiki! Deine Präzisierung ist in meinem Sinne. Die Spiegelung beginnt in, mit uns selbst. Ein Mensch, der zu wenig Eigenliebe aufbringt wird selten auf Gegenliebe treffen. Aber diese Momente der Selbstzweifel kenne auch ich und da kann sich Freundschaft bewähren. Eine meiner
lieben Freunde übt sich dann in Schweigen und umarmt mich und beutelt mit dem Kopf und pflegt zu sagen: "Ein eindeutiger neuerlicher Rückfall ins Neanderdasein!" Ich muss dann oft herzhaft auflachen! Er meint natürlich ein Rückschritt in längst abgearbeitete Themen. Liebe Grüße!