Die Angst entdeckt zu werden: Bin ich ein Hochstapler?
Von Gilbert Dietrich • 11 Kommentare
Es fällt mir oft schwer, Erfolg anzunehmen. Ich denke immer, dass ich früher oder später sowieso als eine Art Hochstapler entlarvt werde. Während meines Studiums fing das an. Durch eine Professorin in Berlin bekam ich die Chance, in die USA zu gehen und dort an der Brown University zu unterrichten. Bis heute frage ich mich, wieso die Professorin gerade mich als einen ihrer Schützlinge auserwählte. Ich saß doch nur in der Vorlesung wie hunderte andere Studenten auch. Die Zweifel verfolgten mich bis in die USA, wo ich zwar mit großer Freude Deutsch unterrichtete, aber nie das Gefühl loswurde, dass ich irgendwie zu Unrecht an diese Stelle gelangt war. Ich hatte nicht einmal Didaktik gelernt, konnte also doch gar nicht unterrichten.
Nach Abschluss des Studiums mit meinen – wieder mal Glück gehabt – ziemlich guten Noten bekam ich dann meinen ersten Job in einem großen internationalen Internet-Konzern. Mir war klar, dass ich den Job nie ohne mein Jahr an einer US-Elite-Uni bekommen hätte. Ich konnte doch nichts! Tatsächlich denke ich bis heute, dass dieser Meilenstein im Lebenslauf mehr als alle meine Fähigkeiten mein Glück bestimmte. Eins führte zum anderen und durch den großen Internet-Konzern in meinem Lebenslauf bekam ich später den nächsten guten Job, sogar mit einem ordentlichen Karrieresprung. Hatte ich mir diesen Karrieresprung verdient? Ganz und gar nicht, denn man traute mir ja nur mehr zu, weil ich vorher bei dieser populären Firma tätig war. Und da war immer diese Frage: Was, wenn irgendwann einmal jemand entdeckt, dass mein Leben auf glücklichen Zufällen gründet und ich eigentlich gar nichts wirklich kann?
Solche Zweifel und Ängste offenbaren ein Problem mit dem Selbstvertrauen. Schuldgefühle können entstehen wegen der Diskrepanz zwischen dem angeblich trügerisch-positiven Bild, das andere von einem haben, und der angeblich wahren und hässlichen Wirklichkeit, die man nur selbst kennt. Nicht zuletzt entsteht auch Stress daraus, dass man das positive Image gerne aufrechterhalten möchte oder muss. Schnell kommt man in eine Art Teufelskreis. Man verlangt sich selbst immer mehr ab, um sich und anderen endlich doch sein Können zu beweisen. Aber auch wenn das klappt, scheint einem wieder das Glück geholfen zu haben oder auch die Unfähigkeit der anderen, die nicht erkannt haben, dass man sich selbst wieder einmal einen Erfolg erschlichen hat.
Viele Menschen leiden unter solchen Zweifeln. Frauen scheinen davon mehr betroffen zu sein als Männer und introvertierte Personen eher als extravertierte. Manche Betroffene gibt sogar ihre Karriere auf, weil sie den Druck aus der vermeintlichen Diskrepanz zwischen Anforderung und Können nicht mehr aushält. Andere treiben es auf die Spitze, fordern ihr Schicksal heraus und suchen die Katastrophe, um endlich erlöst zu sein. Im schlimmsten Fall gehen die Zweifel mit Scham und letztlich Angstzuständen oder Depressionen einher. Bei solchen schweren Fällen spricht man vom Impostor-Syndrom, das so stark ausgeprägt sein kann, dass man sich tatsächlich professionelle Hilfe suchen sollte.
Ich würde sagen, bei mir ist dieses Phänomen mild ausgeprägt. Es ist eher eine stetige Verwunderung als eine panische Angst oder lähmende Zweifel. Diese Verwunderung schlägt auch manchmal in Dank um: Dank dafür, dass ich dieses Glück hatte und ab dann meine Fähigkeiten zeigen durfte. Mir ist auch klar, dass viele andere, die noch viel mehr können als ich, dieses Glück nicht hatten. Das heißt aber nicht, dass es mir nicht zusteht. Vielmehr verpflichtet es mich, mit meinem Glück sorgsam umzugehen und das Beste für mich und andere daraus zu machen.
Wie geht man nun um mit dieser Angst, entdeckt zu werden? Wie kommt man aus den Selbstzweifeln wieder heraus und akzeptiert die Herausforderungen und Erwartungen, die andere nun einmal an uns haben?
- Scheitern gehört dazu und ist kein Makel
Halten Sie sich vor Augen, dass es kein Zeichen von Hochstapelei ist, wenn doch mal etwas schiefgeht. Fehler und Rückschläge gehören zum Erfolg. Ohne sie lernen wir nicht.
- Realistisch sein
Oft kommen die Zweifel daher, dass wir unseren eigenen Ansprüchen nicht immer genügen. Es ist ganz natürlich, dass wir nicht immer Höchstleistungen bringen können. Genießen Sie die Momente, wenn Sie Bewundernswertes geleistet haben, und loben Sie sich dafür. - Dankbarkeit
Wir sollten akzeptieren, dass nicht nur eigene Fähigkeiten, sondern auch eine Portion Glück, die richtigen Kontakte und Zufälle zum Leben gehören. Glück, Fähigkeiten und harte Arbeit zusammen führen zum Erfolg. Seien Sie einfach dankbar für die Anteile am Erfolg, für die Sie selber nichts können. Freuen Sie sich über Ihr Glück.
- Fakten
Führen Sie sich Ihre wirklichen Erfolge vor Augen. Dagegen kann man nichts sagen, das haben Sie wirklich erreicht. Nur durch Glück allein hätten Sie es nicht geschafft. Wenn Sie damit Schwierigkeiten haben, dann stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihrem Chef sagen, dass Sie z. B. die Beförderung nur bekamen, weil Sie ihn ausgetrickst hätten. Was würde Ihr Chef jetzt sagen? Vermutlich würde er mit einer Reihe ganz handfester Gründe kommen, die in Ihren Fähigkeiten begründet liegen. Sprechen Sie diese Fakten laut aus und nehmen Sie sie an.
- Transparenz
Seien Sie offen und ehrlich zu Ihren Kollegen, Chefs oder Partnern. Sagen Sie – ohne sich zu demontieren – geradeheraus, wenn Sie etwas vielleicht nicht können, aber sich gerne damit beschäftigen würden. Somit entgehen Sie den Schuldgefühlen und Ängsten, dass Ihre „Unfähigkeit“ entdeckt wird. Zusätzlich bekommen Sie sogar noch Pluspunkte auf dem Vertrauenskonto, weil Sie selbstbewusst und realistisch Ihre Fähigkeiten und deren selbstverständliche Grenzen kommunizieren.
- Authentizität
Wenn Sie wirklich manchmal dazu neigen, andere zu blenden, um gelobt oder bevorteilt zu werden, dann machen Sie sich diese Momente bewusst und seien Sie beim nächsten Mal ganz Sie selbst, ohne jedes Blendwerk. Sie werden sehen, dass Sie trotzdem gut ankommen und Ihre wirklichen Qualitäten gesehen werden.
- Club of Impostors
Finden Sie andere erfolgreiche Kollegen, bei denen Sie eine Prise Bescheidenheit vermuten. Fragen Sie, ob diese Menschen nicht manchmal dieselben Ängste haben. Sie werden überrascht sein, wie verbreitet solche Zweifel sind. Willkommen im Club: Sie sind nicht allein!
In unserer Arbeitswelt, die oft auf Wettbewerb und Hierarchien gründet, ist es auch kein Wunder, dass wir uns manchmal wie Hochstapler vorkommen. Manche der Dinge, die wir tun oder zu verantworten haben, können uns schon einschüchtern. Nicht jedem fällt es leicht, sich dem gewachsen zu fühlen und das in sie oder ihn gesetzte Vertrauen überhaupt zu verstehen. Seien Sie nett zu sich selbst und rücken Sie das alles in eine menschliche Perspektive: Andere könnten es auch nicht besser und wenigstens besitzen Sie die Tugend der Bescheidenheit und überschätzen sich nicht unmäßig. Das ist schon mal ganz sympathisch und schützt Sie vor den wirklichen Katastrophen.
von Gilbert Dietrich
Gilbert Dietrich ist ausgebildeter Coach und arbeitet als Personal-Manager im Internet-Business. Seine Leidenschaften sind das Schreiben, der Sport und all die schönen Dinge eines intensiven Lebens.
Auf seinem Blog Geist und Gegenwart geht er der Suche nach dem Lebensglück aus der Perspektive von Coaching, philosophischer Praxis und Psychologie nach. Dort kann man auch mehr zum Impostor-Syndrom lesen.





Danke für diesen Artikel.
Tatsächlich war es neu für mich, daß es dafür einen Namen gibt: "Impostor-Syndrom".
Dieses Gefühl begleitete mich fast mein ganzes Leben und wurde richtig akut, als ich ins Berufsleben eintrat.
Ich vertraute gelegentlich engen Freunden fast wörtlich an: "Die finden eines Tages heraus, daß ich ein Hochstapler bin".
In meinem Fall führte es irgendwann tatsächlich dazu, daß ich meine Stelle kündigte und zunächst eine Auszeit nehmen mußte, weil ich diese Spannung zwischen Anspruch und Selbsteinschätzung nicht mehr aushielt.
Inzwischen habe ich es gelernt, die Fakten anzuerkennen und mich besser einzuschätzen. Dabei half mir auch die Tatsache zu erkennen, daß auch diese Krise nicht wirklich in eine Katastrohpe führte und ich es schaffte sie schnell meistern.
Wie immer, hilft einem auch eine solche Krise sich und die anderen Menschen einzuschätzen und ein bischen besser zu verstehen, wie unsere Welt funktioniert.
Solche Artikel helfen zu sehen, daß es oft zu erstaunlichen Ergebnissen führt, wenn man es nur schafft die eigene Sicht auf die Dinge zu verändern.
Hallo, Gilbert Dietrich,
auch ich möchte mich für den Artikel bedanken! Selbst bin ich zu Beginn meiner Laufbahn als Selbständige - ich habe mit 40 gegründet in einem für mich noch ziemlich neuen Themenfeld - ebenfalls mit dieser zweifelnden Seite konfrontriert gewesen. Mich selbst ermutigend, beruhigend durch optimistischere Bedeutungsgebung ging es aber voran. Bis, ja bis es in einem Seminar, in dem ich in eine Konkurrenzsituation verwickelt wurde mit einem erfahrenen Kollegen, zu einer folgenreichen Erfahrung kam. Ich verwende die Passivformulierung "verwickelt wurde", da es sich hier um einen systemischen Effekt handelte. Was letztendlich aber für mich geschah und sich als PRäsent entpuppte, war, dass die zweifelnde Seite nicht länger im Versteck blieb, sondern sich mit großer Dramatik und langanhaltender Wirkung in Form von Angstzuständen über Monate vor jedem neuen Auftrag an die Oberfläche traute!
Heute - nach weit mehr als 10 Jahren - ist diese Geschichte Vergangenheit aber integriert und transformiert. Sie hat mich persönlich gestärkt, gereift, mich demütg gemacht und mir die Erkenntnis gebracht, dass es bei einer Neuorientierung NICHT um die von vornherein gegebene Qualifizierung geht sondern um den Lern- und WaCHSTUMsprozess, den jede und jeder beginnt. Um unsere POTENZIALITÄT eben. Erfahrung kommt nun mal von Erfahrung, die können wir uns nicht anlesen. Das braucht Zeit.
Also ermuntern wir als Profis in Sachen Menschenbegleitung dazu, die POTENZIALE in uns wahrzunehmen und unserer Lernfähigkeit zu vertrauen. Mit der passenden Schrittgröße, Leidenschaft und Engagement zu lernen, Neues auszuprobieren und persönlich zu reifen. Und mit Transparenz und Bescheidenheit darauf zu verweisen, dass wir wie alle Menschen auf dem Weg sind. Bis zur letzten Minute.
Gute Reise wünscht
Bärbel Röpke-Stieghorst
Hallo Herr Dietrich,
ich arbeite in sehr großen Projekten der Energiebranche und ich muss schreiben: Es ist doch gut wenn jemand das Gefühl hat bzw. besser das Bewusstsein wenn er/sie für die Position die er/sie bekleidet nicht das notwendige Fundament besitzt. Das ist schon mal die beste Voraussetzung, dass er/sie der/die Richtige für die Führungsposition ist, denn das fehlt den meisten. Sträflich und Verwerflich wird es nur dann, wenn man nicht dagegen unternimmt, sich also Schritt für Schritt das Fundament aneignet und in der Zeit in der man das macht sich externe Hilfe holt. Dies kostet natürlich Geld und schmälert das eigene Einkommen und genau deswegen machen das viele nicht und gehen rigeros her und wälzen die eigenen Defizite nach unten ab.
Also erst mal absolute Hochachtung den Menschen die sich schlecht fühlen, wenn Sie sich bewusst sind ihrer Position nicht gerecht zu werden, denn das sind die guten Menschen in unserer Gesellschaft, die nicht Verdränger. Nur als nächster Schritt muss das Defizit angepackt und aufgelöst werden und zwar so, dass er/sie dabei nicht in einen Burn-Out endet. Aber das hat doch jede Führungskraft selbst in der Hand.
Freundliche Grüße
Achim Behringer
Hallo Frau Geiß,
warum können Sie das mit 44 (Sie haben noch 20 - 25 Jahre Berufsleben vor sich) nicht mehr ändern?
Gruß
Achim Behringer
Hallo,
es ist für mich das erste Mal, dass "das Kind" einen Namen bekommt und so präzise in Worte gefasst wird - herzlichen Dank dafür. So wird es viel greifbarer für mich.
Dieses Phänomen, dass einem der Erfolg einfach nur so zufliegt, obwohl man doch eigentlich recht durchschnittlich ist, hat mich auch jahrelang begleitet. Zurückblickend stelle ich fest, dass es jedoch in einer Phase war in der ich recht selbstbewusst und mit der nötigen Leichtigkeit durchs Leben gegangen bin.
Immer wieder habe ich, aus heutiger Sicht vermutlich von Neidern, zu hören bekommen "Du musstest ja noch nie richtige Probleme bewältigen!". Solche Aussagen nährten meine Zweifel daran, dass ich diesen Erfolg auch verdiene.
Allerdings gibt es ja noch das Prinzip wonach man anzieht was man ausstrahlt und damit habe ich meine Erfolge vor mir selbst gerechtfertigt. Wobei ich es (jetzt wo ich es aufschreibe) schade finde, dass es überhaupt dazu kommt, dass ich mich vor mir selbst rechtefertige.
Einen schönen, sonnigen Herbstsonntag für euch!
Hallo und einen schönen Sonntag!
Was für eine Botschaft am Sonntag ... Wow! Das erste Gefühl beim Lesen des Newsletters : ... ertappt!
Ich habe als beste Mitarbeiterin eines großen Betriebes den Jahrespreis erhalten und konnte mich darüber - bis heute morgen :-) - nicht wirklich freuen.
Seit heute morgen, fühle ich mich dabei wohler - *freu*
Der Artikel hat bei mir ein "Klick" ausgelöst.
Ich verspüre Dankbarkeit und grosse Freude.
... bin doch kein Ausserirdischer ...
Vielen Dank.
Interessanter Artikel, dankeschön!
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass wir alle so werden, wie unser Umfeld uns sieht.
Und mal abgesehen von den paar Hanseln, die sich hinstellen und mit voller Überzeugung sagen "Ich bin einfach klasse!" glaube ich, dass so gut wie alle Menschen unterhalb dessen leben (arbeiten), was ihr wirkliches Potential ist. Zumindest in unserer Gesellschaft ist die Defizit-Orientierung viel zu hoch. Schon in der Schule lernen wir, wo wir schlecht sind und wo unsere Leistungen nicht ausreichen.
Und mal ehrlich - unser strengster Richter sind doch wir selbst. Unsere Ansprüche an uns selbst sind meist weit höher als die, die wir an andere stellen.
Was wäre, wenn wir in einer Welt lebten, die erstmal davon ausgehen würde, dass wir das, was wir (beruflich) tun sollen, auch könnten? Wenn unsere Mitmenschen uns nicht so überkritisch beurteilen, wie wir selbst, sondern uns objektiver sehen - und vor allem: wenn sie unser Potential wahrnehmen und fördern?
So, wie damals Ihre Professorin, werter Herr Dietrich...
Und hin und wieder brauchen wir solche Gelegenheiten und Herausforderungen, um an Ihnen zu wachsen und unser Potential zu entdecken.
Mal abgesehen davon denke ich folgendes:
Mag sein, dass Sie die Stelle in den USA durch Glück bekommen haben. Das brauchen wir alle manchmal (und hier ist das Leben sicher nicht immer fair, umso mehr stimme ich Ihnen zu, dass man solche Chancen dankbar nutzen sollte).
Aber wenn Sie dort nicht gut gewesen wären, hätte der Internet-Konzern Sie nicht eingestellt. Oder in der Probezeit gemerkt, dass Ihre Arbeit nicht so gut ist wie erwartet, und Sie gefeuert.
Wenn Sie bei diesem Konzern schlechte Arbeit geleistet hätten, hätte sich der nächste Sprung nicht aufgetan. Und dann der übernächste nicht.
Ich glaube, wenn Sie wirklich so unfähig wären, wie Sie manchmal denken, wäre Ihnen das schon längst vor die Füße gefallen. Dann wäre die Kette derer, die Ihr Potential erkennen, irgendwann abgerissen.
Aber nein, Sie machen Ihren Job gut. Wie den letzten auch. Und den vorletzten. Und den vorvorletzten. Denn in jedem haben Sie etwas gelernt, was zu der Entfaltung Ihres Potentials beigetragen hat und was geholfen hat, Sie zu dem Menschen zu machen, der Sie heute sind - mit all Ihren Fähigkeiten.
Also nur Mut, weitermachen!
Beste Grüße
Wenn wir nicht aufpassen, dann werden wir so wie unser Umfeld, ja. Aber wir haben immer die Wahl.
Hierzu:
"Und mal abgesehen von den paar Hanseln, die sich hinstellen und mit voller Überzeugung sagen "Ich bin einfach klasse!" glaube ich, dass so gut wie alle Menschen unterhalb dessen leben (arbeiten), was ihr wirkliches Potential ist."
Das stimmt zwar rein zahlenmässig, weil das Wirtschaftssystem generell nicht darauf ausgerichtet ist, möglichst viel menschliches Potential zu entwickeln, sondern die Menschen rauszufiltern, die möglichst viel Profit erwirtschaften. Aber: Eines der größten Probleme (in den USA zumindest) besteht darin, dass es immer mehr Leute gibt, die überzeugt sind, "klasse zu sein und dies oder das verdient zu haben", ohne jemals etwas entsprechendes zu leisten. Da der Auswahlprozess jedoch vor allem darauf abstellt, wie jemand auftritt, welches Selbstbild er "projiziert", kommt es immer wieder zu "echten Impostorfehlbesetzungen", die sich viel stärker auswirken als die große Zahl der unterentwickelten Potentiale (siehe wallstreet, Immobilienblase, Rettungsschirm usw.).
Mir war das Impostorsyndrom zwar nicht unbekannt, ich fand den Beitrag und vor allem die Kommentare trotzdem sehr interessant. Was mir bei der Diskussion noch fehlt ist eine Dimension, die vielleicht viele nicht wahrnehmen, weil es sehr tief und subtil ist: der Akt des Urteilens als Voraussetzung für ein Erwählen und seine Folgen als solche. Ein Urteil z.B. in Form einer Auswahl (Sie sind erwählt für diese Stelle) hat immer ein Gegenteil zur Folge (der oder die ist nicht erwählt). Wenn jemand auserwählt wurde und sich als "unwürdig" fühlt, dann fühlt er nicht sein eigenes Unwürdigkeitsgefühl, sondern er fühlt sozusagen das systeminterne Unwürdigkeitsgefühl, das mit jeder "Auserwählung" automatisch ebenfalls und gleichzeitig erzeugt wird, nur hat es nicht ihn, sondern andere getroffen. Er wird sozusagen eingespannt in ein Sortierungssystem und sensible Menschen spüren, dass dieser Prozess schwerwiegende Folgen hat für sie selbst und auch für die Gesellschaft wenn sie das nicht schaffen, was das wichtigste ist: ihren Wert als Mensch bzw. den Wert aller Menschen nicht an dem zu messen, wofür sie von der Maschine "Verstand" auserwählt wurden. Ich fand den Kommentar von Achim Behringer sehr gut, der davon sprach, das Defizit aufzufüllen, wenn man auserwählt wird und nicht zum "aufgeblasenen Gockel zu werden", sondern Substanz "nachzuliefern". Mir fehlt jedoch die Gegenseite. Denn alle diejenigen, die niemals auserwählt werden, und das werden immer mehr, vor allem in den USA, werden vor eine viel größere Herausforderung gestellt: das Gefühl des "für unwürdig erklärt werdens" nicht als Wert ihrer Person anzunehmen, das Urteil des "defizitär für das System seins" nicht als "defizitär als Mensch" zu interpretieren. Ich glaube, das ist viel schwieriger, weil es dafür auch kaum Unterstützung gibt, welcher Coach gibt sich schon mit "loosern" ab? Dabei entscheidet sich genau hier, ob eine Gesellschaft die Balance verliert. So wie ein Auserwählter sich die Vorschusslorbeeren verdienen muss, darf ein Aussortierter sich das Urteil nicht anheften und seine Leistungsfähigkeit dem "mangelnden Vertrauen der Maschine" anpassen. Wenn das nicht gelingt, dann gibt es einen weiteren Grund für Leute, sich kleiner machen zu wollen, wenn sie auserwählt wurden: die Angst vor dem Hass und Neid derer, die das "für unwürdig befunden werden" verinnerlicht haben. Sie werden es denen dann irgendwann zeigen, dass sie sich das nicht länger gefallen lassen. Ein interessanter Vortrag zu dem Thema findet sich hier:
http://www.ted.com/talks/richard_wilkinson.html?utm_source=newsletter_weekly_2011-10-25&utm_campaign=newsletter_weekly&utm_medium=email
Vielleicht mal drüber nachdenken, bei all der "coacherei zum Erfolg"
Das ist ein sehr interessanter Ted Talk. Danke für den Hinweis. Das ist extrem wichtig, was dort geschildert wird, also die ungesunden und auch für die Psychen katastrophalen Folgen der Schere zwischen arm und reich. Und auch ihre Hinweise, dass man sich als "nicht auserwählter" nicht degradieren lassen darf, sind absolut richtig. Und das ist schwer, denn wir Menschen sind auf den Vergleich gepolt: Mein Job, mein Auto, mein Haus etc. Da ist unser Hirn evolutionär verdrahtet. Das politische Handeln ist also unerlässlich dafür, die Ungleichheiten nicht ins Unerträgliche wachsen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass eine "Bewusstseinserweiterung" beim Individuum (durch lesen, schreiben, nachdenken, coachen oder was auch immer) keinen Sinn hat. Ich sehe also zwei Ebenen, die beide ihre Berechtigung haben und voneinander nicht ganz zu entkoppeln sind: das Politische und das Individuelle. Man darf sie nicht gegeneinander ausspielen, sondern muss anfangen, sie zusammen zu denken.
Das ist ja hochinteressant! Das Kind hat einen Namen.
Mir fällt noch ein lähmender Aspekt ein. Was, wenn man Quereinsteiger ist und trotzdem für die Stelle "auserwählt" wurde. Und was, wenn einer, der die entsprechende Ausbildung hätte, nach Hause geschickt wird und sich erneut auf dem Arbeitsmarkt beweisen muss.
Ich fühle mich oft als Hochstaplerin, weil ich Dinge gemacht habe und mache, für die ich keinerlei Zertifikate habe. Dokumente sind ja allerdings in Deutschland eine Art Befähigungszeugnis. Ich glaube, dass in einer Gesellschaft der verschiedensten Ausbildungsmöglichkeiten mit tausenden von Abstufungen jenes Syndrom auch vom Quereinsteigertum herrührt.
Ich versuche mich an schlimmen Tagen wie folgt zu beruhigen: "DIE haben DICH ausgewählt, obwohl sie wissen, dass Deine Ausbildung nicht kongruent mit den Berufsmöglichkeiten ist." Aber nicht immer hilft es...