Nudge (Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein)
Von Stefan Pinter • Ein Kommentar
„Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein – Berlin: Ullstein-Taschenbuch, 2009 – 400 S. – ISBN: 978-3-549-37266-9 – 9,95 €
Psychologie und Ökonomie werden noch immer für sehr verschiedene Denkwelten gehalten, insbesondere in ihrer Beschreibung menschlichen Verhaltens. In der Ökonomie galt der Mensch lange als Nutzenmaximierer, der durch materielle Anreize beliebig stimulier- und beeinflussbar ist. Das hat sich geändert. Ökonomie und Psychologie kommen einander näher, nicht zuletzt vermittelt durch Erkenntnisse der Neurowissenschaft. Auch Ökonomen wissen inzwischen, dass Menschen sich nicht von Natur aus rational verhalten, dass sie sich leicht beeinflussen lassen, rasch den Überblick verlieren und zur Trägheit neigen.
Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, zwei US-amerikanische Wissenschaftler, haben mit „Nudge“ ein kluges Buch über kluge Entscheidungen geschrieben. Darin beschreiben sie zahlreiche Beispiele wie dieses: Wenn Menschen am Vortag einer politischen Wahl angerufen und gefragt werden, ob sie vorhaben, wählen zu gehen, steigt die Wahlbeteiligung um bis zu 25 Prozent. Diese Menschen haben dann einen Nudge (übersetzt „Stups“ oder „Schubs“) erhalten.
In „Nudge“ geht es um Situationen, in denen die Menschen zwischen verschiedenen Alternativen wählen können, aber doch einen kleinen Schubs in Richtung rationaler, kluger, nützlicher, fehlerfreier, … Entscheidungen erhalten – den sogenannten Nudge. Ein Nudge verändert die Entscheidungssituation, ohne Optionen auszuschließen oder wirtschaftliche Anreize stark zu verändern. Es ist ein Anstoß, ein erster Impuls. Das Konzept dahinter nennen Thaler und Sunstein libertären Paternalismus – die Verbindung von Entscheidungsfreiheit und guten Rahmenbedingungen für Entscheidung.
Ausführlich und kurzweilig beschreiben die Autoren im ersten Teil des Buches, warum und wann Nudges manchmal notwendig sind. Ein Grund: Weil Menschen ihren Versuchungen erliegen. Wenn z. B. bei einer Party ein großer Teller Chips auf den Tisch gestellt wird, dann werden vermutlich 3 von 4 Gästen so lange zugreifen, bis der Teller leer ist. Obwohl sie wissen, dass Chips sehr ungesund sind und eine Menge Fett enthalten. Ein weiterer Grund: Menschen wiederholen einfach gern, was andere tun – auch deren Fehler.
Kleine Schubse in die richtige Richtung sind immer dann sinnvoll, wenn Menschen leicht Fehler machen, z. B. wenn die Kosten einer Entscheidung nicht sofort, sondern erst mit Zeitverzögerung eintreten – wie bei übermäßigem Chipsverzehr, der erst nach einiger Zeit die Fettdepots im Körper anschwellen lässt. Und ebenso bei komplexen und bei seltenen Entscheidungen wie die Auswahl einer geeigneten Hypothek und bei Unkenntnis über die Konsequenzen von Entscheidungsalternativen beispielsweise im Angesicht überlanger Speisekarten.
Spannend zu lesen sind die Ausführungen über Sicherungssysteme, die Fehler ausschließen. Sie halten in unseren Alltag immer mehr Einzug: Geldautomaten, die die Kreditkarte noch vor dem Geld auswerfen oder Befestigungen von Tankdeckeln. Dadurch werden sogenannte Post Completion Errors verhindert, Fehler, die nach Erledigung einer Hauptaufgabe wie dem Geldabheben oder dem Tanken entstehen. Weitere Beispiele sind Hinweise für Fußgänger in England, nach rechts zu schauen, weil sich wegen des Linksverkehrs die Autos zuerst von dort nähern; oder Klickgeräusche bei Digitalkameras, die signalisieren, dass tatsächlich ein Foto gemacht wurde – kleine Helfer, die uns gerade in stressigen Zeiten enorm entlasten.
In den Teilen zwei und drei des Buches werden Nudges in Bezug auf Geld und Reformen der Sozialversicherung, des Gesundheitssystems und des Umweltschutzes beschrieben. Hier stellen die Autoren aktuelle Arbeiten aus ihrer Beratertätigkeit für Barack Obama und David Cameron vor und wenden sich an Entscheider in Politik und Gesellschaft.
Im abschließenden vierten Teil werden eine Reihe kleinerer Nudges vorgestellt, die zumindest ich mir sofort zu wünschen begann, als ich über sie las – die automatische Steuererklärung, Sperrlisten für Glücksspieler oder ein Höflichkeitscheck vor Absendung von Mails.
Thaler und Sunstein haben ihr Buch sowohl für professionelle Entscheider als auch für Leute wie dich und mich geschrieben. Wir alle stehen permanent vor Entscheidungen, bei denen uns kleine Schubser unterstützen und folgenschwere Fehler ersparen können. „Nudge“ zu lesen, lohnt sich allein schon deshalb, weil es einen guten Überblick über die Ursachen menschlichen Versagens in kleinen und großen Entscheidungssituationen gibt.
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Danke für den Buchtipp.
In eine ähnliche Richtung meines Erachtens zielt das Buch
von Robert B. Cialdini "Die Psychologie des Überzeugens".
"Kluge" Entscheidungen können leichter entstehen,
wenn ich weiß, was mich und andere beeinflusst.