Die Selbstverständlichkeitsfalle
Klar können Sie gut zuhören. Aber das ist ja nichts Besonderes. Man kann sich auf Sie verlassen. Aber das ist ja wohl das Mindeste! Sie haben ein Gespür für Menschen und fühlen sich gut in andere Situationen ein? Das können andere auch. Und dass Sie souverän Präsentationen halten, ist nicht der Rede Wert. Immerhin hatten Sie schon in der Schule immer die Klappe auf und sind das Reden vor anderen von klein auf gewöhnt.
Klingt bekannt? Dann willkommen in der Selbstverständlichkeitsfalle.
Was Ihnen die Falle verrät
Zunächst ist auf jeden Fall interessant, wie Ihre persönliche “Selbstverständlichkeitsfalle” aussieht: Nehmen Sie Pluspunkte und Qualitäten beispielsweise nicht wahr,
- weil Sie sie generell abtun
- weil Sie nicht gern über sich selbst sprechen
- weil es immer jemanden (oder alle) gibt, die besser sind als Sie
- weil Sie bei vielem einfach nicht das Gefühl haben, etwas gut genug zu können/zu beherrschen
- weil für Sie selbst alles einfach normal erscheint, eben weil Sie so erzogen wurden oder “das” schon immer konnten
- weil es keine Anstrengung für Sie bedeutet
- weil Sie sich generell eher im Hintergrund halten (auch vor sich selbst)
- weil Sie gelernt haben, dass man sich selbst nicht so wichtig nehmen soll
- …
Sie sehen schon, wie vielfältig die Gründe tatsächlich sein können, wenn man seine Pluspunkte nicht wahrnehmen möchte – kann – oder sie relativiert.
Gucken Sie sich mal näher an, was für Gründe dahinterstecken.
Tipp 1: Konkret werden
Zunächst ist es auf jeden Fall wichtig, die Eigenschaft/Fähigkeit, um die es geht, selbst genau zu definieren: Was meine ich genau damit? Was ist MEINE Definition (nicht die aus dem Lexikon).
Dann geht’s weiter: Wenn Sie etwas als selbstverständlich abtun, weil Sie der Meinung sind, dass “jeder” das kann oder andere generell besser sind als Sie, dann aber bitte Nägel mit Köpfen machen:
- Schreiben Sie alle Leute auf, die Sie kennen, die auch so sind/das auch können: Wer ist das? Inwiefern genau kann die Person das auch/ist sie auch so? Welche konkreten Beispiele gibt es, wo Sie das selbst miterlebt haben?
- Schreiben Sie aber auch alle Menschen auf, von denen Sie wissen, dass sie das überhaupt nicht so gut oder gar nicht können oder so eben nicht sind.
- “Alle anderen sind besser”. Inwiefern denn besser? Vergleichen Sie sich ruhig mal direkt mit anderen Personen. Was können/möchten Sie tun?
Gehen Sie nicht nur ausgewählte Eigenschaften, Kenntnisse und Fähigkeiten durch, sondern wenn dann alle.
Tipp 2: Einsortieren
Wenn Sie etwas nicht wirklich als wichtig genug oder erwähnenswert einschätzen, dann machen Sie sich doch eigene Kategorien, die passend sind.
- Das kann ich gut.
- Das könnte ich noch besser können (inwiefern?).
- Das ist in meinen Augen selbstverständlich – und gleichzeitig eine gute und hilfreiche Eigenschaft, die ich gerne habe.
Übrigens ist es eine gute Sache, wenn Sie sich mit anderen darüber austauschen: Dabei muss es gar nicht mal direkt um Sie gehen. Vielleicht möchten Sie beim nächsten Schwatz mit Freunden oder Kollegen einfach mal darüber sprechen, wie Sie bestimmte Eigenschaften/Fähigkeiten finden.
Und dann gibt es mal eine Diskussion darüber, was einen guten Zuhörer eigentlich genau ausmacht und wie oft oder selten man auf welche trifft. Ganz nebenbei klären sich oft Unklarheiten oder gar Schwierigkeiten, weil man die Tür zu entsprechenden Themen öffnet.
Tipp 3: Anstrengung gefällig?
Nicht wenig Menschen verbinden etwas, worauf man stolz sein kann (oder das für Sie passende Wort, wenn Ihnen “Stolz” zu stark ist), mit Anstrengung. Nur wenn man auch Aufwand betreibt oder sich so richtig anstrengt, dann kann man es als gute Eigenschaft, als etwas Besonderes bzw. “hart Erworbenes” annehmen.
Leider führt das dazu, dass beispielsweise jemand, der seit jeher ein Talent für Grafik hatte, das nicht mehr als tolle Fähigkeit ansieht – denn er schüttelt es ja aus dem Ärmel. Menschen, die am Telefon lebendig und mitreißend sind, erkennen diese tolle Eigenschaft nicht an (“Was mach ich schon groß!”).
Wer Anstrengung/harte Arbeit damit verbindet, eigene Qualitäten wahrzunehmen und auch anzuerkennen, der hat wahrscheinlich irgendwo fest einprogrammiert, dass ohne Anstrengung/”Leistung” kein Ergebnis rauskommt, auf das man stolz sein könnte – oder das man für sich positiv verbuchen darf.
- Gibt es Pluspunkte, die Sie deswegen abtun?
- Wie denken Sie von Talenten/von Eigenschaften oder Fähigkeiten, für die jemand “ein Händchen” hat?
- Nehmen Sie sich die Qualitäten vor, die Ihnen dazu einfallen und hinterfragen Sie: Wenn dieselben Eigenschaften/Fähigkeiten jemand anderer hat: Wie sehen (bewerten) Sie das dann?
- Ziehen Sie mal allgemeiner Bilanz: Wie stehen Sie zu Leistung/Anstrengung? Vielleicht bemerken Sie, dass sich da ein Muster durchzieht und Sie beispielsweise auch nur dann Arbeitserfolge annehmen, wenn Sie dafür endlos schuften müssen.
Tipp 4: Ich will nicht so im Mittelpunkt sein
Manchmal ist das Nicht-sehen-und-anerkennen-Wollen der eigenen Stärken auch damit verbunden, dass man sich selbst nicht “so wichtig”nehmen/in den Mittelpunkt stellen möchte. Und weil das passieren könnte, wenn man auch nur darüber nachdenkt, lässt man’s lieber gleich. Beziehungsweise baut sogar vor, indem man für sich den “Stärken-Ball” immer schön flach hält.
In diesem Fall: Lösen Sie sich von der Vorstellung, damit groß nach außen gehen zu müssen.
Fangen Sie doch einfach damit an, an Ihrem Küchentisch nur ganz für sich selbst mal Bestandsaufnahme zu machen. Und sehen Sie, wie es Ihnen damit geht.
Und: Wenn Ihnen jemand erzählt hat, Sie sollen sich nicht so wichtig nehmen, dann vergessen Sie das mal bitte schnell wieder. Denn Sie sind die wichtigste Person in Ihrem Leben!
© bei Gitte Härter
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