Bei mir – aber einsam

wachstum

Unser Thema hier ist ja persönliches Wachstum. Alte Wunden verarbeiten. Flexibler und gelassener werden. Sich selbst besser kennenlernen. Ein sinn- und werteorientiertes Leben führen. Das ist unser Weg hier und wir glauben, dass es ein guter Weg ist.

Wie überall, lauern auch auf diesem Weg einige Gefahren. Eine dieser Gefahren ist es, zu selbstbezogen zu werden.

Wenn ich in meine persönliche Entwicklung investiere, dann führt kein Weg daran vorbei, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wer bin ich? Was fühle ich? Was kann ich? Was will ich? Was brauche ich?

Diese Innenschau ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg. Gerade wenn mein Fokus bisher zu sehr nach außen gerichtet war. Wenn ich mich zu sehr um die Bedürfnisse der anderen gekümmert habe als um meine eigenen. Und wenn ich darüber aus der Balance geraten bin. Dann muss ich mich zuerst einmal wieder auf mich selbst konzentrieren.

Das ist es auch, was viele in der Therapie oder im Coaching gesagt bekommen:

„Kümmere dich jetzt erst mal um dich. Jetzt zählst erst einmal nur du!“

Erst einmal bei sich selbst ankommen. Bei sich bleiben. Für die eigenen Bedürfnisse sorgen.

Das ist gut und richtig so.

Für eine gewisse Zeit.

Denn wenn man sich dann längerfristig nur noch auf sich selbst konzentriert, dann kann man zum Egozentriker werden. Ein Egozentriker ist jemand, der sich selbst als Zentrum aller Dinge sieht und alles nur aus der eigenen Perspektive betrachtet.

Als kleines Kind sind wir in einem ähnlichen Zustand: Kleine Kinder sehen nur sich selbst. Sie müssen im Laufe ihrer Entwicklung erst einmal lernen, dass auch andere Menschen Bedürfnisse und andere Sichtweisen der Welt haben. Wahrscheinlich haben Sie das schon mal bei Kindern beobachtet.

Und in so einen Zustand kann man auch reingeraten, wenn man sich zu sehr und zu lange nur mit sich selbst beschäftigt. Dann sieht man nur noch die eigene Sichtweise. Es zählen nur noch die eigenen Gefühle. Und man denkt immer zuerst über die eigenen Bedürfnisse nach.

Für eine gewisse Zeit ist das nützlich, um wieder bei sich anzukommen.

Aber man darf eines nicht vergessen: Glück findet für die meisten Menschen gemeinsam mit anderen statt. Im Miteinander. In der Verbindung. Im Geben und Nehmen.

Denn andere Menschen bieten uns Austausch, Spaß, Anregung, Geborgenheit und Sicherheit.

( In eigener Sache: Bereits über 140.000 Menschen haben unseren wöchentlichen, kostenlosen Newsletter abonniert. Und Sie? )

Damit ein gutes zwischenmenschliches Miteinander auf Dauer gelingen kann, braucht es Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Toleranz. Wenn ich aber zu selbstbezogen bin, ist es schwerer, sich in andere einzufühlen und tolerant zu sein.

So kommen Menschen, die zu sehr um sich selbst kreisen, oft nicht in den Genuss einer gesunden, ausgeglichenen Zwischenmenschlichkeit. Weil sie zu sehr im Ich-Modus sind.

Zugegeben, es ist hier auch schwer, eine gesunde Balance zu finden.

Sich selbst auf Dauer zu sehr zurückzunehmen ist nicht gesund für ein gutes Miteinander. Und sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken auch nicht.

Der Weg verläuft eben in der Mitte.

Das bedeutet: Sich selbst und die eigenen Bedürfnisse spüren. Aber wohl wissend, dass mein Gegenüber vielleicht ganz andere Bedürfnisse hat. Und dass wir im Miteinander einen guten Ausgleich finden müssen, damit beide zufrieden sind. Es geht nicht nur um mich. Sondern auch um die anderen.

Ich weiß nicht, ob das ein Thema für Sie ist. Falls ja, habe ich hier ein paar Reflexionsfragen für Sie, so wie Sie sie aus unseren Selbstlernkursen kennen:

  • Erlebe ich ein gutes und befriedigendes Miteinander mit anderen?
  • Passe ich auf, dass Geben und Nehmen in meinen Beziehungen im Einklang sind?
  • Und gebe ich auch die Dinge, die die anderen brauchen und wollen?
  • Kenne ich meine Bedürfnisse?
  • Kann ich meine Bedürfnisse äußern und einfordern?
  • Weiß ich, was mir wichtig ist im Leben?
  • Richte ich mein Leben nach diesen Werten aus?
  • Kenne ich die Bedürfnisse und Werte meiner wichtigen Bezugspersonen (Familie, Freunde, Kollegen)?
  • Achte ich auch auf die Werte und Bedürfnisse der anderen?

Und ja, diese Fragen sind nicht ganz einfach zu beantworten und erfordern ein bisschen Mut zur Ehrlichkeit mit sich selbst. Aber vielleicht helfen diese Fragen aufzudecken, wie Sie den Weg zu einer besseren Balance zwischen Außen- und Selbstorientierung finden können.

Viel Erfolg beim Beantworten.

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Kommentare

Uta schreibt am 5. September 2012

Hallo Herr Senftleben,
ein Beitrag, der mir aus der Seele spricht! Danke.

mara schreibt am 5. September 2012

Ich schließe mich Uta an… das werde ich nochmal ganz in Ruhe durchlesen

Anil schreibt am 5. September 2012

Sehr interessanter Artikel. Ich habe die Erfahrung gemacht das die meisten Leute nach einer der beiden “extrem Kategorien” leben. Entweder zu selbstbezogen & egozentrisch oder zu aufopfernd für andere. Wobei eher die meisten sich um andere zu erst kümmern als um sich selbst…

Wie schon wunderbar in diesem Artikel geschrieben macht uns eins der beiden nicht glücklich. Ich denke, dass der Kern des ganzen in einer mangelnden Selbstliebe, bzw. einer narzistischen Selbstliebe liegt. Wir müssen also die goldene Mitte finden. :)

schneevoigt schreibt am 5. September 2012

Toller Beitrag um das Thema Balance. Zentrales Thema im Leben welches ständiger Nachkontrolle und Veränderung unterliegt.

Wie Du schon sagst, hat jeder Mensch damit zu kämpfen den richtigen Mix aus Selbstbezogenheit und Empathie für andere zu finden.

Also ein guter Gedankenanstoß.

Erwin Schmäh schreibt am 6. September 2012

Den Artikel habe ich genossen und möchte zu “Wahrheit” “Bedürfnis” und “Mitgefühl” meine Gedanken mit euch teilen.

Wahrheit ist, was ich selber wahr nehme und das geschieht immer aus meiner Perspektive – deshalb gibt es keine fremde Wahrheit für mich, denn deine Wahrheit ist nicht meine Wahrnehmung. Übrigens entsteht Selbstbewusstsein wenn ich mir selbst bewusst bin.

Bedürfnisse sind Dinge die in die Kindheit gehören, denn wir alle sind bedürftige Menschen und täten gut daran diese Dinge los zu lassen. Schwierig, wer versucht die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen, denn Bedürftigkeit die in der Kindheit entstanden ist, wurde damals von Mutter und Vater unbefriedigt gelassen. Erwachsene sollten jedoch die Hoffnung los lassen, dass Mutter oder Vater diese Bedürfnisse doch noch befriedigt. Hilfreich wenn ein Erwachsener seine Erwartungen und Bedürfnisse selbst erfüllt; das macht ihn stark.

Mitgefühl empfinde ich als hilfreich um Empathie zu entwickeln – wer sich beim Gegenüber noch stärker einfühlt, trägt die Lasten des anderen ohne die Last tatsächlich abnehmen zu können. Es kann sein, dass mitfühlen schon mitleiden bedeutet – also zu nahe. Mitleid scheint mir sogar hinderlich zu sein, um eine gesunde und achtsame Beziehung aufzubauen.

Fazit: Ein schwieriges Thema in der Tat. In meiner Wahrnehmung entstehen die meisten Konflikte entweder aus einem “zu nahe” oder einem “zu weit weg” zwischen den Menschen.

Uta schreibt am 6. September 2012

Hallo Erwin,

die Wahrscheinlichkeit, eine vollkommen glückliche Kindheit zu haben und ohne Bedürfnisse im Erwachsenenleben anzukommen, ist realistisch gesehen, eher gering.

Die Kunst des Loslassens gelingt auch nur sehr wenigen “vollkommen”. Von daher werden Erwachsene auch immer Bedürfnisse haben. Theoretisch sollte es nicht so sein, ja. Praktisch aber ist es so.

Von daher ist es gut, Mitgefühl haben zu können – ja – ohne mitzuleiden. Das bleibt immer eine Kunst, die man aber zumindest versuchen kann, anzuwenden, ohne daraus ständig eine “Großanalyse” zu machen. Wir sind alle einfach Menschen.

Mir persönlich hat der Beitrag sehr zugesprochen, weil ich immer wieder erlebe, dass die, die endlich (!) entdeckt haben, dass es ganz gut ist, auch mal für sich selbst zu sorgen, ruckzuck in ein krasses anderes Extrem fallen. Und plötzlich ist da immer wieder die Rede von “Wertschätzung”, die dann aber ausschließlich nur noch für sich selbst anerkannt wird. Das finde ich dann traurig.

Es ist wirklich gut, eine Balance zu finden.

Herzliche Grüße!

Willibald schreibt am 9. September 2012

Ich kann gar nicht glauben, dass ich als Erwachsener nicht mehr Bedürftig sein darf.
Das befremdet mich schon…

Viele Grüsse.

Gudrun Harfmann schreibt am 9. September 2012

Hallo, jeder Mensch hat doch Bedürfnisse und das ist auch gut so – sonst wären wir schon tot! Die meisten suchen ihre Bedürfnisse “im Außen” und stillen sie kurzzeitig. Damit sind wir von anderen Personen und Dingen abhängig – leider funktioniert das nur kurze Zeit und dann entsteht wieder ein anderes Bedürfniss (nach einer anderen Person oder Sache). Ich weiß, wie schwierig es ist die Erfüllung unserer Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche, Träume etc. in uns selbst zu finden! ;-) Aber wer sich auf den Weg macht, das Glück in sich selbst zu finden wird unglaublich frei und stark!

Liebe Grüße und danke für den interessanten Artikel!

charlotte schreibt am 9. September 2012

Schwieriger Balance Akt. Kommunikation ist da sehr wichtig. Und gegenseitiger Respekt.
Ich bin ein sehr empathischer Mensch. Ich fühle mich zu sehr in andere hinein, was mich dann schon auch manches mal runtergezogen hat. Liebe gab es nur, wenn ich es den anderen Recht mache. Und selber kann man da ganz schön auf der Strecke bleiben. Wenn ein nein nicht akzeptiert oder mit Beleidigtsein beantwortet wird, dann verliert man die Lust auf andere Menschen.
Ich habe lange im Vertrieb gearbeitet. Immer da für die Kunden. Das hat genau meiner Erziehung entsprochen. Immer da, für die Mutter. Immer gesprungen. Immer Packesel. Für andere für mich selber.
Jetzt habe ich keinen Job mehr, bin ausgebrannt und stehe alleine da. So kann die Empathie auch zum Fluch werden.
Immer soll man helfen. Und wer hilft mir?
Ich muss jetzt erst mal selber wieder auf die Beine kommen und sehen wo ich Hilfe herbekomme.
Das Schlimme ist, dass ich eigentlich auch sehr gerne helfe. Nur wenn man keine Kraft mehr hat, was dann?
Liebe Grüße

Ralf von Einem schreibt am 9. September 2012

Der Schlüssel kann sein, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und die anderer zuzulassen, solange sie “keinen Schaden” verursachen. Das erfordert sicher, die kulturellen und familiären Werte und Prägungen zu prüfen, zu verändern und/oder zu akzeptieren als Teil des Selbst.

Wer die eigenen Werte erkennt, kann dauerhaft danach handeln und im jeweiligen Kontext kurzfristigerer Situationen variieren. Das schafft die Chance auf ein wertvolles Miteinander. Die Werte seiner Familie und Freunde nicht zu teilen erfordert Kommunikation, ist machbar, aber schwieriger.

Die Kunst ist wohl, immer mal wieder die Gemeinsamkeiten zu prüfen, und die können noch so klein sein und doch zum eignen Glück beitragen. Die Entscheidung liegt bei mir.

Mirijam Kazmaier schreibt am 9. September 2012

Dankeschön für diesen Beitrag. Hat mir gerade für eine Beziehungsklärung sehr geholfen.

Sonnige Grüße am Sonntag
Mirijam

Angelika Fleckenstein schreibt am 9. September 2012

Auch mir spricht der Beitrag aus der Seele.
Leider war ich wohl ein Kind ohne Bedürfnisse – aber sehr wohl darauf angewiesen, die Bedürfnisse meiner nächsten Bezugspersonen zu erahnen und mein Verhalten danach auszurichten, um mein Überleben zu sichern. Zwangsläufig hat das dazu geführt, dass mir meine eigenen Bedürfnisse weitestgehend unbekannt waren.
Logisch, dass irgendwann die Zeit kam, dass ich die Selbstbezogenheit brauchte, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Zwischenzeitlich bin ich manchmal in Balance, oft nicht. Ich arbeite weiterhin daran… Das Leben ist auch in dieser Hinsicht ein dauerhaftes Lernen.

Alexander schreibt am 10. September 2012

Allein … und Einsam

Ich bin allein, ich versinke in mir.
Ich verliere mich im Sein der Gedanken.

Meine Gedanken sind schwer, doch sind sie frei.
Ich bin allein, ich will es nicht sein.

Das schlagende Herz ist bei mir.
Ich höre das Pochen meines Herzens. Ich bin nicht allein.

Ich lebe, ich denke und das Herz es schlägt plötzlich leise.
Meine Augen sehen, meine Sinne sind wach.

Meine Schreie sind stumm.
Ich aber … höre sie laut.

Ich lausche meiner Seele und ihr Flüstern ist wie ein Schrei.
Es geht niemals vorbei! Niemals!

Ich bleibe hier.
Mein Weg ist irgendwo im Nirgendwo.

Ich treibe dahin, weiß nicht wohin.
Ich will bleiben, ich will nur sein mit mir.

Ich bin mit mir … allein.

    Sabine schreibt am 16. September 2012

    Alexander, dein Poem trifft genau in die Mitte meines Herzens.
    Danke, Sabine

Yvonne Rubin schreibt am 10. September 2012

Ich finde, ‘bei mir sein’ ist die Voraussetzung für ein gutes Miteinander und Kommunikation auf Augenhöhe. Das macht wirkliche Kooperation erst

möglich. Wenn ich bei mir bin, brauche ich mich weder über andere erheben, noch sie ausnutzen. – Denn dann sorge ich gut für mich und dann funktioniert das oft zitierte “Leben und leben lassen” und eben auch das Miteinander-leben.

Was das Thema Einsamkeit betrifft: Aus meiner Sicht hat jeder sein ganz eigenes, stimmiges Maß an Eigenzeitbedarf- bzw. Mit-anderen-sein. Dass ist nicht zwangsläufig die goldene Mitte. Ich kenne Menschen, die von anderen als einsam eingeschätzt werden, sie selbst fühlen sich jedoch pudelwohl so.

Die von Ralf aufgeführten Reflexionsfragen können auf jeden Fall wunderbar dabei helfen, diesem eigenen Maß auf die Spur zu kommen. Vielen Dank für den Beitrag.

Uta schreibt am 10. September 2012

Liebe Charlotte,

eigentlich sollte man erst für andere da sein, wenn man selbst weitestgehend “o.k.” ist.

Vollkommen gelingt das einem “normalen” Menschen kaum, sich ganz und gar so anzunehmen wie man ist – auch mit allen Bedürfnissen. Aber je besser es uns gelingt, desto besser kann man für andere da sein. Wir können nur geben, wenn wir haben – sonst brennen wir aus.

Es funktioniert leider nicht, wenn wir geben und Dank dafür erwarten. Wir sollten nur geben, wenn wir davon überzeugt sind, es uns ohne Dank leisten können.

Ich wünsche Dir Kraft, Dich wiederaufzubauen und für Dich zu sorgen. Vielleicht hilft Dir das Buch “Wenn die Haut zu dünn ist” http://www.amazon.de/Wenn-die-Haut-d%C3%BCnn-Hochsensibilit%C3%A4t/dp/3466308844. Für Menschen, die zu viel bei anderen wahrnehmen und nicht bei sich selbst bleiben könnnen.

Liebe Grüße!

Carola Schlanhof schreibt am 16. September 2012

Und kann und will ich auch die Dinge, die die anderen brauchen und wollen, geben?
Wann kann und will ich auch auf die Werte und Bedürfnisse der anderen achten?
Wobei es für mich mit den Bedürfnissen und Interessen anderer wesentlich einfacher ist, als wenn deren Werte deutlich von meinen Werten abweichen.
Bei Bedürfnissen habe ich ein Problem, wenn ich chronisch als seelischer Mülleimer benutzt werde. Das laugt auf Dauer aus.
Davon abgesehen: man weiß ja irgendwann, mit wem man was gut gemeinsam macht, damit beide etwas davon haben.
Bei Menschen mit total anderen Werten wird es für mich schwierig bis grenzwertig, da beim Versuch, die Freundschaft zu erhalten, meine Authentizität flöten geht.
Grinsen mußte ich, daß ein Herr Schmäh (österr. für Lügengeschichte) über die Wahrheit schreibt.
Uta´s Satz über die Dankbarkeit trifft es für mich genau.

Viele Grüße

Carola