Abgestempelt und vorverurteilt
In letzter Zeit habe ich oft über das Thema „Vorverurteilungen“ nachgedacht. Mich persönlich nervt dieses Schubladendenken ziemlich.
Ich mit meinen Sneakers, abgewetzten Jeans und Kapuzenpulli bin dann z.B.: junges Mädchen, eher unvernünftig. Im Laden lieber etwas genauer beobachten, wenn sie etwas länger am Regal mit dem Make-up steht … die kann sich doch eh nicht die Produkte von L’Oréal leisten …
Und mit dieser Optik werde ich von vielen Menschen auch nicht wirklich als erwachsen angesehen und entsprechend ernstgenommen. Ob das nun beim Autokauf ist, bei der Zimmerzuteilung im Hotel oder wenn ich mal wieder von der Polizei angehalten werde: „Junges Mädchen, VW Golf, nachts unterwegs: Die hat doch bestimmt Alkohol getrunken …“
Und Sie? Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert? In welche Kategorie passen Sie?
Sind Sie arbeitslos und dementsprechend „zu faul zum Arbeiten“? Oder machen Sie Karriere und sind „ein Ellenbogentyp, der über Leichen geht“? Haben Sie viele Kinder? Oha, das klingt nach niedrigem Bildungsniveau und Überleben durch Kindergeld. Keine Kinder? Typisch, die tollen Doppelverdiener, egoistisch und eigenbrötlerisch. Sind Sie ein reicher Spießer aus dem schicken Vorort? Oder ein moderner Städter, der noch nie eine Kuh gesehen hat und den ganzen Tag mit iPhone, iPad und iPod durch die Gegend läuft? Oder sind Sie ein Hinterwäldler vom Lande, der lebt wie vor 100 Jahren und vom modernen Leben weitestgehend ausgeschlossen ist? Sind Sie ein naives Blondchen? Ein dummer Ostfriese? Ein Lehrer, der immer jammert, wie schwer er es hat, dabei muss er doch nur halb so viel arbeiten wie alle anderen? Oder sind Sie womöglich verbeamtet und somit sowieso schon lange im Ruhestand? Sind Sie jung und gehören noch zu den Rowdys, die immer nur Krach machen, rauchen und komatrinken? Oder sind Sie alt und damit langweilig, switchen zwischen Musikantenstadel und Sportschau? Sind Sie deutsch und somit vernünftig, ordentlich und gut strukturiert? Oder etwa ein Ausländer, der mit krummen Geschäften sein Vermögen macht? Sind Sie ein Student, der bis nachmittags schläft und sich monatelang mit Dosenravioli und Pizza über Wasser halten kann? …
Puh, ich glaube, die Liste ließe sich noch unendlich weiterführen. (Und übrigens ist das wirklich lustig und befreiend, mal in jede Richtung Klischees zu bemühen
)
Aber vielleicht wissen Sie auch schon, worauf ich hinauswill: Jeder von uns – egal, was er macht, wie alt er ist und woher er kommt – wird irgendwie vorverurteilt.
Zumindest auf den ersten Blick. Und dagegen ist tatsächlich auch gar nichts zu machen, denn wir Menschen sind so. Innerhalb von Sekunden haben wir uns ein erstes Bild von unserem Gegenüber gemacht und ihn direkt kategorisiert und eingeschätzt. Verantwortlich dafür sind Prozesse in unserem Gehirn, die ganz unbewusst ablaufen, eben intuitiv – und gegen die wir uns selbst gar nicht so einfach wehren können.
Unser Gehirn funktioniert dann so, dass es eine These aufstellt und dann immer nur nach Beweisen sucht, die diese These noch weiter bestätigen. Dieses Phänomen ist in der Psychologie gut erforscht und nennt sich „Bestätigungsfehler“: Einmal bestehende Urteile versuchen wir immer wieder zu bestätigen, statt sie in Frage zu stellen. Ganz unbewusst haben wir einen kleinen Filter, der die Details, die gegen unsere These sprechen, aussortiert und diejenigen, die unsere These noch untermauern, speichert. Und so verfestigen sich unsere Vorurteile eher noch mehr, als dass wir sie hinterfragen.
In den meisten Fällen ist das ja gar nicht so schlimm, wenn andere Menschen uns vorverurteilen. Den meisten Menschen ist es doch letztlich egal, was irgendwelche fremden Menschen über sie denken.
Aber manchmal ist es eben auch nicht egal. Für denjenigen, der verurteilt, wie auch für den Verurteilten.
Denn auch als derjenige, der jemanden vorverurteilt, können Sie Nachteile haben: Sie verpassen eventuell Chancen. Zum Beispiel die Chance auf eine tolle Freundschaft. Oder auf einen wertvollen Mitarbeiter. Oder die Chance auf ein gutes Geschäft, denn vielleicht ist das Auto tatsächlich noch gut in Schuss, auch wenn der Verkäufer keinen sonderlich seriösen Anschein macht.
Was kann ich tun, wenn ich offener und weniger vorverurteilend sein möchte
Vielleicht können Sie diesen Beitrag mal als Anlass nutzen, um sich Ihrer Vorannahmen bewusst zu werden und Ihr eigenes Schubladendenken zu überprüfen.
- Überlegen Sie, wen Sie selbst vorverurteilen. Wer hat welchen Stempel von Ihnen abbekommen?
- Wieso haben Sie diesen Menschen abgestempelt?
- Haben Sie stichhaltige und rationale Gründe dafür, oder haben Sie rein intuitiv, z.B. anhand seines Äußeren, geurteilt?
- Suchen Sie ganz gezielt nach Beweisen dafür, dass Ihr erster Eindruck von diesem Menschen nicht stimmt.
- Ertappen Sie sich regelmäßig dabei, wie Sie schon beim Bummel durch Ihren Ort Menschen abstempeln – und machen Sie sich dann immer wieder bewusst, dass Ihr eigenes Bild von dem Menschen niemals der Wirklichkeit entspricht.
Was kann ich tun, wenn andere Menschen Vorurteile gegen mich haben?
Wenn Sie mit dem Stempel, der Ihnen aufgedrückt wird, nicht leben können oder wollen, dann gilt es also, ganz massiv gegen diesen Bestätigungsfehler anzugehen. Die Situation bzw. die Einstellung anderer Menschen Ihnen gegenüber selbst zu verändern.
Tipp 1: Ansprechen und Bewusstmachen
Sprechen Sie das Thema ganz gezielt an und weisen Sie Ihr Gegenüber darauf hin, dass er oder sie gerade dabei ist, vorschnell zu urteilen. Denn Bewusstwerdung ist der erste Schritt einer jeden Veränderung.
Oder versuchen Sie durch das, was Sie sagen, Ihr Bild zu verändern. Ich könnte zum Beispiel an der Rezeption im Hotel gleich ansprechen, dass ich ein ruhiges Zimmer haben möchte und nicht nachts von jugendlichen Rowdys, die auf der Straße grölen, gestört werden möchte. Damit vermittle ich ganz gezielt, dass ich nicht in diese Kategorie gedrängt werden möchte.
Tipp 2: Arbeiten Sie an Ihrer Selbstdarstellung
Kleider machen Leute. Das gilt leider wirklich. Und manches Mal kann auch die Kleidung helfen, einen Stempel loszuwerden bzw. gar nicht erst aufgedrückt zu bekommen. Wenn ich also eher im Business-Dress im Hotel einchecke, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich nicht gleich den Stempel „jugendlich, kein Geld, potentieller Krachmacher“ aufgedrückt bekomme. Außerdem kann auch Ihr sonstiges Auftreten, also Ihre Gestik, Ihre Mimik und Ihre Art, zu sprechen, ganz stark dazu beitragen, dass Leute ihr Bild über Sie noch einmal ändern. Wenn ich mich zum Beispiel gewählt und vernünftig ausdrücke statt umgangssprachlich. Und wenn ich nicht ins Hotel schlurfe, sondern mit aufrechtem Gang auf die Rezeption zusteuere.
Das ist natürlich keine dauerhafte Strategie, weil wir ja alle irgendwo auch so sein möchten, wie wir sind – und uns so kleiden möchten, wie wir es mögen. Aber für gewisse Zwecke, wie z.B. ja auch beim Vorstellungsgespräch oder im Verkauf, kann es absolut hilfreich sein.
Tipp 3: Leben Sie damit!
Wie ich schon weiter oben beschrieben habe, ist es ja durch und durch menschlich und schon fast unschuldig, wenn man andere Menschen erst einmal abstempelt. Das tun Sie genauso wie diejenigen, von denen Sie vorverurteilt werden.
Wie wäre es also, wenn Sie einfach lernen, damit zu leben? Zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf irgendeine Weise abgestempelt wird? Dass wir Menschen eben so ticken? Und wenn man sich ausreichend von der Meinung anderer distanzieren kann, dann fällt es gar nicht schwer, manchmal auch darüber zu lächeln.


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Kommentare
Guten Morgen, interessanter Artikel hierzu in der FAZ.
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/denkfehler-die-uns-geld-kosten/denkfehler-die-uns-geld-kosten-6-der-zufall-ist-wild-und-unberechenbar-11688368.html
Thema dort: Repräsentativitäts-Heuristik
Wir können uns diesem zwar nicht entziehen, doch hilft es sich dessen bewußt zu sein, um damit zu spielen
.
Viele Grüße
Tom
je fundamentalistischer wir noch denken, um so eher leben wir mit dem schubladendenken, das ist ( sollte) ein entwicklungsprozess (sein ).
erfahrungen waren für mich mitbestimmend, das einordnen abzulegen, wenn ich nach ersten einschätzungen das gegenteil erlebte.
und da kommt es darauf an, ob ich diese erfahrungen verinnerliche und in positive handlungen / einstellungen umkehre.
auch mein gegenüber spürt meine einstellung. seitdem mir klarwurde, dass gott jeden menschen liebt, kann ich vorurteilsfrei auf andere zugehen, sie annehmen.
so werde ich auch unabhängig von der meinung der andern, kann sie außen vorlassen, lass mich nicht davon beeinflussen und halte mich überwiegend an die menschen, mit denen ich auf einer wellenlänge liege.
Vor Jahren machte ich einen Karrieresprung und musste mir damals entsprechende Businessklamotten und auch Manieren “anschaffen”. War sehr interessant zu sehen wenn ich mit meinem damaligen Freund der als Verkäufer auch im Anzug rumlaufen musste in diverse Läden ging oder in Freizeit-Jeans mit Turnschuhen.
Wir machten uns damals einen Spass daraus in unseren diversen Verkleidungen aufzutauchen. Wir gingen auch in Nobelrestaurants ein und aus und beobachteten viel.
….
Vor ca. 2 Jahren fuhr ich mit mehreren Bekannten mit dem Motorrad und wir kehrten auch in einem Ausflugslokal ein. War sehr interessant: Mein Exfreund und ich dachten nicht an unser Äusseres und verhielten uns wie auch in nem Nobelschuppen während die anderen am Tisch doch eher zurückhaltend waren.
Mein Exfreund ging dann raus zum rauchen und bekam eine Unterhaltung des Personals mit die tuschelten dass da wohl Millionäre incognito unterwegs seien. Damit waren wir gemeint.
Das hat mich dann doch erstaunt.
…
Mittlerweile achte ich nicht mehr so sehr auf die äussere Verkleidung. Klar zu festlichen Anlässen passe ich mich an, ich finde das zeugt von Respekt das man nicht in alten Jeans zu einem Empfang kommt wo nur “Pinguine” rumlaufen oder nicht im Cocktailkleid zu ner Dorfveranstaltung.
…
Wie halte ich es selber mit Vorverurteilungen? Zuerst wollte ich schreiben, quatsch ich achte auf den Menschen und nicht auf seine Fassade, aber das stimmt nicht. Gerade Menschen mit ner glatten Fassade machen mich misstrauisch weil ich denke die haben was zu verbergen.
Ansonsten habe ich ein gutes Bauchgefühl und meistens war mein erster Eindruck dann auch richtig.
Aber ich werde da mal genauer hinsehen.
Liebe Grüße
Andrea Piro
Ich habe damit zu kämpfen, dass ich an Depressionen leide und somit keinen Job bekomme. “Die kann ja eh nicht die Leistung erbringen!” Es wird meine Lücke im Lebenslauf gesehen und manchmal werde ich auch darauf angesprochen. Sobald ich sage das ich an Burnout litt, dann gehen die Schotten runter. So ist das.:´-( Die einen sagen sie sind dafür nicht geeignet und die anderen ich bin dafür überqualifiziert. Also was nun? Es ist verdammt schwer. Also soll man besser Lügen? Nein, damit kann ich nicht wirklich leben. Entweder man nimmt mich so wie ich bin oder läßt es.Liebe Grüße an das Team!
Auch ich kann ein langes Lied davon singen…
Vorurteile, so habe ich immer wieder feststellen können, haben die Menschen, die sich selbst nicht im “Spiegel” der Wahrheit betrachten. Würden sie auf sich selbst und ihr Verhalten, ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Reden achten und dieses selbst einmal unter die Lupe nehmen und überprüfen, kämen sie erst gar nicht auf den Gedanken, einen anderen Menschen, den sie nicht einmal kennen oder nicht gut kennen, zu be- und verurteilen, sie würden ihn so akzeptieren, wie er ist.
Menschen, die andere be- und verurteilen sind schwache Menschen. Sie brauchen eine Fassade, weil sie Angst haben sich ihre eigenen Schwächen anzusehen und durch diese Be- und Verurteilungen andere von sich selbst abzulenken versuchen, was sie bei mir jedoch nicht schaffen. Für mich sind ihre Fassaden durchsichtig wie Glas, denn:
Ich habe diese Verhaltensweisen, diese Be- und Verurteilungen in meiner Familie hautnah über 4 Jahrzehnte hinweg aushalten müssen, konnte vor allem meine Geschwister in dieser Hinsicht sehr genau beobachten und studieren und weiß, wovon ich spreche.
Niemand von diesen Menschen/Geschwistern hat sich jemals die Mühe gemacht, mich kennenlernen zu wollen. Sie lassen sich nur und ausschließlich vom Äußeren leiten (was auch nicht so sein muß, wie sie es wahrnehmen) und äußern ihre verzerrte Wahrnhemung anderen gegenüber als Wahrheit. Einer Wahrheit, die nur in ihrem Kopf existiert, nicht aber in der Realität, denn dann würden sie mich wirklich kennen.
Dank ihrer Be- und Verurteilungen kenne ich mich sehr genau und weiß, wer ich bin. Durch ihr Verhalten mir gegenüber haben sie mir die Stärke und den Mut gegeben, mich selbst zu überprüfen, ihre Be- und Verurteilungen anzuzweifeln und – schon aus Trotz – authentisch zu sein. Sie haben mein Selbstbewußtsein gefördert und gestärkt!
Sie können mich schon lange nicht mehr verletzen und klein halten, um mir eine Größe zu demonstrieren, die keine ist. Ich weiß, dass sie die Wahrheit nicht hinter Fassaden verstecken oder diese gar ganz verdrängen können und nicht umhin kommen werden, sich selbst im “Spiegel” der Wahrheit anzusehen.
Geduld!
Bleibt Euch selbst treu, egal was andere reden!
Gudrun Grosicar
es ist teilweise schwer, das schubladendenken aufzugeben, weil die masse mensch nicht mehr weiß, wann sie und wo sie sich zu benehmen hat im richtigen outfit. das sind nicht nur jugendliche, die überall schlampig daherkommen, weil sie noch in der selbstfindungsphase sind, auch zum vorstellungsgespräch, sich anshcließend wundern, nicht ernst genommen worden zu sein.
es sind aber auch genauso erwachsene, zT bereits eltern, die überallhin im jeansoutfit erscheinen, sogar im kirchenkonzert. bitte nicht falsch vertsehen, ich steh nicht auf abendrobe, aber doch zu einer guten kleidung, auch zu einladungen, ist ja auch ein bissel respekt dem gastgeber / andern gegenüber.
und wenn ich dann selsbt in mir drinnen selbstsicher bin, zu meinem stil, meiner lebenseinstellung stehe, dann werde ich unabhängig von den meinungen anderer.
dazu gehört aber auch, dass ich an mir arbeite, ursachennachfrage stelle, Arztbesuche tätige,- @cora, vlt. hast du eine SD-unterfunktion? – und evtl. mit einer psychotherapie, medizin, mir halfen homöopathie und bücher, die vor allem, nicht zuletzt das enneagramm – meine lebenseinstellung zu verändern, und dadurch evtl. glücklicher zu werden.
allen betroffenen meine allerbesten wünsche zum gelingen dazu.
Wenn der Mensch nur bitte das Be-und Verurteilen lassen würde. Dies löst so viele negative Gefühle bei beiden Parteien aus. Für mich war ein Spruch, den ich vor vielen Jahren mal las wichtig: urteile erst, wenn du 1000 Schritte in den Schuhen des anderen getan hast.
Ich habe diesen Spruch in all den Jahren in der Personalvermittlung angewandt – und dies mit Erfolg.Ich wollte den Menschen fühlen – egal was ich da las, ich wollte hören warum dies und das. Wie schnell werden Menschen abgestempelt, ohne dass man sich Mühe macht hinter die Fassade zu blicken. Ich durfte mit vielen Vorurteilen auch in der Familie meine Erfahrungen machen. Wenn ich heute auf irgendwas angesprochen werde ist meistens meine Antwort:
“gerne gebe ich Dir meinen Rucksack, den ich zu tragen habe, für einige Wochen ab.” – und strahle dazu. In den Augen des Gegenübers sehe ich dann die Unsicherheit – und das Thema wird gewechselt – und ist erledigt.
http://www.zeitzuleben.de/2738-die-drei-siebe/
Ich liebe diese Geschichte! Natürlich hat es nicht wirklich etwas mit dem Thema zu tun und man kann es tatsächlich nicht immer anwenden. Aber ich nehme es gerne sinnbildlich “Hast du das was du denkst schon gesiebt?” Oder auch schön: “Was/wie wärest du, wenn das dein Leben wäre?”.
Manchmal geht etwas über das persönliche Verständnis hinaus, weil man selbst nicht in der Situation steckt. Wie oft hab ich schon gehört “Das würde ICH so NIE machen!” meine Antwort ist dann immer “Das werden wir dann ja sehen”, oft tritt das eben” NIE” doch ein.
Auch ich habe mal erlebt, dass ich in schlampiger Kleidung (und ich finde, es ist völlig egal aus welchem Grund ich dreckig oder eben nicht schick war) in einem Fotoladen Bilder zum entwickeln abgegeben habe und wirklich unfreundlich behandelt wurde. Mein Gedanke “Was für ein Blödmann/Stoffel, was kann ich dafür, dass das sein Job ist…” Als ich dann Abends in “Ausgehkleidung” wieder zur selben Bedienung kam um die Bilder abzuholen, war er sehr zuvorkommend und freundlich. Letztendlich haben wir beide verurteilt. Mich hat diese Geschichte folgendes gelehrt:
- Es ist nicht immer so wie es scheint (ein griesgrämiger alter Mann ist vllt. einfach nur traurig/einsam, wer weiß woher das Mädchen mit der schlampigen Kleidung gerade kommt, der hässliche typ ist vllt. herzensgut, die blonde barbie eine tolel freundin etc.)
- Jeder Urteilt, warum auch immer. Aber man sollte offen sein für Möglichkeiten des Warums. Man kann ja denken “Was für ein Griesgram!” aber dazu denken “Ob es ihm nicht gut geht/er vllt. einsam ist/etc.”
- Wenn man sich selbst in sich gut fühlt (und damit meine ich keine überzogene Maske “Guckt mal wie egal ihr mir alle seid…ach ne doch nich” sondern sich ein herzliches ehrliches offenes Wesen behält und auch so durch die Welt geht, begegnet man viel weniger Verurteilungen.
Gleichzeitig finde ich aber auch, dass ich nicht dafür Verantwortlich bin mich zu erklären. Wenn ich eben im “schlabberlook” in eine Hotellobby gehe, dann sage ich nicht “Hach so gemütlich Autofahren ist doch viel angenehmer” oder sende gar selbst Vorurteile “…wo keine jugendlichen Rowdy´s randalieren..” sondern behandle jeden Menschen respektvoll und ehrlich (wenn es sich aus dem Gespräch ergibt, würde ich auch sagen, dass mir der Look gut gefällt oder so) und hoffe so, erst garkeine Vorurteile entstehen zu lassen. Natürlich muss ich aber damit rechnen, im Schlabberlook nicht bei der Gala rein zu kommen, da sollte ich vllt schon erklären was mich dazu getrieben hat
Abschließend dazu noch: Meine Mutter bekommt jedesmal die Kriese, wenn sie mir wieder etwas erzählt worüber sie sich aufregt (“Die Nachbarn haben schon wieder die Wäsche über Nacht draußen gehabt, jetzt regnet es und die wird wieder nass. Wie kamn man sowas nur machen?”) und ich darauf nicht eingehe (“Vllt. haben die ja etwas wichtigeres gehabt oder wer weiß, Migräne oder Krankheit oder so was”) sagt sie immer “Du und dein naiver Glaube an das gute im Menschen!”. Wir lachen dabei immer, es ist also herzlich dabei so glaube ich
Tatsache ist jedoch, dass ich das oft und gerne mache, andere Möglichkeiten aufzeigen und das nicht nur bei meiner Mutter.
Wie im Bericht geschrieben, finde auch ich es normal, dass man Menschen beurteilt. Es passiert automatisch, als Hilfe um jemanden einzuschätzen. Wichtig finde ich, dass man die Menschen nicht VERurteilt. Dass man den Menschen die Möglichkeit gibt, ihre vorläufige Schublade zu öffnen und ihr zu entfliehen, wenn sie es möchten. Und dass man ihnen dann einen eigenen Platz mit genügend Spielraum darbieten kann.
In den ersten 3 Sekunden des Kennenlernens bildet sich jeder Mensch ein Urteil über den anderen = Schublade. Schön finde ich das Bild, diese Schublade zu öffnen und den Menschen entfliehen zu lassen, wenn er – und auch ich – es möchte. Denn sich darauf einzulassen, einen vielleicht ganz und gar im ersten Moment abgelehnten Menschen doch anders kennenzulernen, bringt oft ganz tolle Erfahrungen … Ich hab’s selbst erlebt, wurde jahrelang als hochnäsig, affektiert und eingebildet abgestempelt. Das war alles Fassade, Angst mich so zu zeigen wie ich wirklich bin. Beim näheren Kennenlernen durfte ich dann sehr sehr oft hören: ” Du bist ja gar nicht so, wie du wirkst …”. Ja, ich bin nicht so, wie ich wirke – und weißt du, mittlerweile ist mir das piepegal! Denn ich weiß, dass alle Menschen eine Fassade haben, genau wie das Haus, das seine Innenräume verbirgt …
Alles Liebe
Ingrid
Mir fällt dazu gerade ein Spruch ein, den ich las:
“In der Welt der Lichtreklamen, zeigt jeder was er besitzt,
doch was man fühlt, das zeigt man nicht”
Vorverurteilungen sind ein grundsätzliches Problem, welches bereits mit der “Dressur” (Erziehung) im Elternhaus beginnt.
Was man in den ersten 18 bis 20 Lebensjahren der Zwangsgemeinschaft andressiert bekommt ist schwer abzulegen.
Mich würde man wohl eher für jemanden halten, der auf der Parkbank übernachten muss, dabei bin ich selbständiger Unternehmer und könnte mir ein überdurchschnittliches Leben leisten.
Einer meiner Kunden, ein Herr in den besten Jahren, mit Jaguar und tollen Anzügen, Makler…konnte nicht einmal eine lapidare Rechnung über einen geringen Betrag begleichen..
Ich hasse dieses Spiel “Kleider machen Leute”.
Häufig fliege ich nach Südostasien. Ich kann mich täuschen, aber dort herrscht eine andere Mentalität bezüglich Vorverurteilungen.
Ich würde mir hier auf “Zeit zu leben” einen Blog oder Kurs wünschen, der zeigt, wo die eigentlichen Ursachen für dieses Denken liegen.
Meiner Meinung nach hat es etwas mit dem “westlichen” Konsumsystem zu tun, mit Oberflächlichkeit und zunehmender sozialer Kälte aus Angst..aus der Angst in die man sich gezielt und gesteuert hineinbringen lässt..
Das muss nicht sein, es gibt viele Lebensentwürfe