Ich kann eh nichts dran ändern …

befreiung

Eines der Grundprinzipien in der Persönlichkeitsentwicklung ist ja der Gedanke, sein Leben selbst in Hand zu nehmen und selbst dafür zu sorgen, dass man glücklich und zufrieden wird. Aber fast jeder Mensch hat auch Lebensbereiche, wo er das mit der Selbstverantwortung irgendwie nicht so konsequent hinbekommt. Und zumeist steckt ein Glaubenssatz dahinter, der uns einflüstert: „Das kann ich nicht.“ Oder: „Dafür hab ich einfach kein Talent.“ Und damit schieben wir unsere Verantwortung für die Situation dann ganz einfach ein wenig beiseite.

Ein paar gängige Beispiele hierfür sind:

  • Mein Vater hat eigentlich immer alles für mich repariert. Ich kann technische Sachen einfach nicht, da habe ich zwei linke Hände.
  • Ich bin schon seit Schulzeiten eine echte Null in Mathe. Kopfrechnen versuche ich nicht einmal mehr.
  • Ich kann mich einfach überhaupt nicht orientieren. Das hat bei mir noch nie geklappt. Ohne Navigationsgerät würde ich nicht mal nach Hause finden.

Leider beschränkt sich das aber nicht nur auf diese vergleichsweise harmlosen Beispiele. Es kann dabei auch um Dinge gehen, die für uns viel mehr Bedeutung haben:

  • Ich versuche schon seit Jahren mit dem Rauchen aufzuhören, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich bin dafür einfach zu willensschwach.
  • Trotz der vielen Vorstellungsgespräche habe ich noch keinen Job bekommen. Ich bin einfach nicht gut genug.
  • Ich lerne immer nur die Falschen kennen und werde es wohl nie zu einer glücklichen Beziehung bringen. Ich werde niemals geliebt werden.

Warum sind solche Glaubenssätze für uns gefährlich?

Solche Glaubenssätze werden in dem Moment sehr kritisch, wo wir sie generalisieren. Wenn wir also beispielsweise denken: „Ich kann nicht Kopfrechnen und mit dem Rauchen aufhören klappt auch nicht. Also bin ich ein Versager.“ Eine solche Verallgemeinerung hat schwerwiegende Folgen für unser Selbstbewusstsein und damit für unser Leben.

Wenn man anfängt zu glauben, dass man nichts ändern kann – egal was man tut –, dann fühlt man sich hilf- und machtlos. Und dieses Gefühl führt auf lange Sicht zu einer grundlegend passiven Haltung gegenüber dem ganzen Leben. Menschen, die so von sich denken, werden hoffnungslos und resignieren. Sie werden apathisch und unternehmen nichts mehr, um die eigene Lebenssituation zu verändern. Und das, obwohl sie es eigentlich könnten.

Erlernte Hilflosigkeit?

Wenn der Glaube, nichts ändern zu können, sich so sehr verfestigt, dass man auch gar keine Veränderung mehr versucht, dann sprechen Psychologen von „erlernter Hilflosigkeit“. Mit dem Begriff soll zum Ausdruck gebracht werden, dass diese Hilflosigkeit nur aufgrund eines erlernten Denk- und Verhaltensmusters entsteht.

Der Psychologe Martin Seligman hat herausgefunden, dass die erlernte Hilflosigkeit einer der wesentlichen Auslöser für Depressionen ist. Deshalb ist es für unser Wohlbefinden sehr wichtig, darauf zu achten, dass wir uns nicht in Situationen manövrieren, in denen wir das Gefühl haben, nichts mehr in unserem Leben unter Kontrolle zu haben.

Erlernte Hilflosigkeit könnte sich beispielsweise in folgenden Aussagen und Gedanken äußern:

  • „Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nie etwas daran ändern.“
  • „Ich empfinde meine Situation oft wie ein Gefängnis.“
  • „Das ist nun mal so – egal ob ich es gut finde oder nicht.“
  • „Es macht doch eh keinen Unterschied, ob ich …“
  • „Ich zähle nichts.“

Wie komme ich aus einem solchen Denkmuster heraus?

Wie schafft man es, aus solchen Gedankenmustern auszubrechen und sie langfristig hinter sich zu lassen? Es gibt einen Weg. Indem man sich bewusst macht: Unser eigenes Denken entspricht nicht der Wirklichkeit.

Zugegeben: Das hört man nicht gern und es ist hart zu akzeptieren, aber es ist nun einmal so. Wir Menschen irren uns ganz oft und glauben Dinge, die sich bei näherer Betrachtung als falsch oder irrational herausstellen.

Jemand, der überzeugt ist „Ich kann an meinem Leben nichts ändern“, der hat vielleicht schon viele Dinge probiert, um etwas zu verändern. Und er hat es trotz vieler Versuche womöglich nicht geschafft, etwas zu ändern. Deswegen ist er hoffnungslos und hat resigniert. Trotzdem entspricht sein Gedanke „Daran kann man nichts ändern“ nicht der Realität. Denn es gibt wahrscheinlich noch unzählige andere Möglichkeiten, die derjenige noch nicht ausprobiert hat und die ihn zum Erfolg führen könnten. Oder ihm fehlen noch notwendige Fähigkeiten. Oder er hat sich immer gleich zu große Schritte vorgenommen. Oder er hat bei seinen Versuchen einfach zu früh aufgegeben. Die Gründe, warum wir bei etwas scheitern, sind vielfältig und oft helfen kleine Veränderungen im eigenen Verhalten, um ein Ziel doch noch zu erreichen.

Viele Menschen spüren bei diesem Gedankengang einen sehr starken inneren Widerstand. Denn das würde in der Folge ja bedeuten, man könnte alles in seinem Leben verändern, wenn man sich nur genug anstrengt. Aber verstehen Sie mich an dieser Stelle bitte nicht falsch: Natürlich kann man nicht alles ändern. Aber oftmals ist eben sehr viel mehr möglich, als man selbst glaubt. In vielen Fällen liegen die wirklichen Grenzen und Widerstände nicht da draußen, sondern in unserem Kopf.

Was kann ich ganz konkret tun?

Wenn Sie sich auch manchmal ein wenig hilf- oder machtlos fühlen, dann finden Sie hier drei Tipps, wie Sie mit kleinen Schritten anfangen können, Ihr Denkschema der Hilflosigkeit aufzulösen:

Tipp 1: Erinnern Sie sich an positive Beispiele aus der Vergangenheit.

Fragen Sie sich: „In welchen Situationen hat mein Handeln früher schon mal Veränderungen bewirkt?“ Und schreiben Sie sich Ihre Antworten hierzu auf. Nahezu jeder findet hier einige Beispiele, wenn man lang genug darüber nachdenkt. Machen Sie sich anhand Ihrer Beispiele bewusst: Die Kraft, Ziele zu erreichen und Dinge zu ändern, steckt in Ihnen.

Tipp 2: In welchen Situationen haben Sie mit Ihrem Handeln Einfluss auf sich und auf andere?

Es ist gar nicht so schwer, mit seinem Handeln wirksam zu sein. Viele Menschen nehmen aber einfach gar nicht mehr wahr, dass sie auch mit ganz kleinen Dingen einen Einfluss haben.

( Kurz nachgefragt: Steht bei Ihnen eine Entscheidung an? Dann werfen Sie doch mal einen Blick auf unsere Entscheidungs-Werkstatt

Ein paar Beispiele dafür:

  • Sie bauen ein neues Möbelstück ganz alleine auf.
  • Sie stellen sich den Wecker für morgens etwas früher, damit Sie immer ganz ohne Stress frühstücken können.
  • Sie rauchen täglich zwei Zigaretten weniger und sparen das Geld für etwas Schönes.
  • Sie haben einer Freundin Beistand geleistet, als sie es dringend brauchte.
  • Sie helfen im Verein freiwillig mit.
  • Sie geben jemandem einen Rat.

Denken Sie einmal darüber nach, ob Sie solche Situationen auch in Ihrem Leben finden. Machen Sie sich bewusst, dass Sie auch mit ganz kleinen Handlungen einen Einfluss haben.

Tipp 3: Beweisen Sie es sich selbst.

Wenn Sie sich jeden Tag eine ganz kleine Sache vornehmen und sie auch wirklich durchziehen, dann können Sie sich täglich selbst beweisen, dass Sie Einfluss auf Ihr Leben haben. Es ist wichtig, mit ganz kleinen Dingen anzufangen und zu üben. So können Sie sich Tag für Tag mehr Selbstvertrauen holen und sich selbst zeigen, dass Ihr Handeln wirksam ist. Und wenn Sie das über einige Zeit machen, dann können Sie auch Schritt für Schritt die großen Brocken im Leben angehen, wie z. B. Ihre Beziehung oder den Job.

Fragen Sie sich also: Welchen kleinen Schritt nehme ich mir heute vor, den ich auf jeden Fall bewältigen kann?

Ein paar Beispiele für Sie:

  • Meinem Partner heute ein Kompliment machen
  • Heute 5 Minuten Kopfrechnen üben
  • Heute vor dem Frühstück keine Zigarette rauchen
  • Heute einmal die Treppe statt den Fahrstuhl nehmen
  • Mich heute 5 Minuten mit einem Arbeitskollegen unterhalten

Mit diesen drei Tipps können Sie anfangen, sich aus Ihren Denkmustern der Hilflosigkeit zu befreien. Und so Schritt für Schritt Ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen und zufriedener sein.

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Kommentare

Carsten Bruns schreibt am 3. Oktober 2012

Hallo Mathias,

eine paar schöne, praktische Beispiele für Glaubenssätze in ganz konkreten Situationen. Genauso lassen sich auch meiner Meinung nach Glaubenssätze am besten ändern, im Kleinen anfangen und erstmal die einzelnen Tischbeine eines großen Glaubenssatzes zum Fallen bringen bevor der ganze Tisch zum Einsturz gebracht wird.

Die konkreten Tipps zum ändern der Glaubenssätze finde ich dann viel zu global, wo die Beispiele doch so schön konkret sind. Was kann ich z.B. tun um meinen Glaubenssatz zu ändern: “Ich habe 2 linke Hände im Handwerk” etc.?

Liebe Grüße
Carsten

Michaela schreibt am 4. Oktober 2012

… und manches Mal stellt sich die Frage: “Muss ich etwas ändern?”

    Silke schreibt am 4. Oktober 2012

    Zitat: “Denn das würde in der Folge ja bedeuten, man könnte alles in seinem Leben verändern, wenn man sich nur genug anstrengt.”
    Vielleicht würde es manchmal helfen, wenn man aufhören könnte, sich anzustrengen, um endlich gut genug zu werden – wofür man sich ja ändern muss und nur ja nicht so bleiben darf, wie man ist. Liebenswert, auch wenn andere bessere Handwerker sind oder besser im Kopfrechnen.
    Aber vielleicht kannst du ja etwas anderes besonders gut und das wäre einfach mal genug, ohne dass du all das andere auch können musst? Ohne dass du dich schämen musst, weil es Dinge gibt, die du nicht (gut) kannst…

Monika schreibt am 7. Oktober 2012

Hallo zusammmen,

ich finde es sehr schwierig, ein Gleichgewicht zu erreichen zwischen dem, was ich ändern will und dem, was ich gerade nicht ändern will oder vielleicht nie ändern werde. Generell finde ich es gut, scheinbar nicht zu ändernde Gewohnheiten zu überprüfen, ob es vielleicht doch einen kleinen Schritt gibt in Richtung, es kann geändert werden. Es macht einen ja auch stolz, gerade wenn man etwas lange nicht konnte und dann erreicht man es doch durch Beharrlichkeit und Kreativität. Aber ich finde es auch gefährlich für das Selbstbewußtsein, denn: wann ist es genug? Wie unvollkommen darf ich sein? Es gibt so vieles was ich nicht kann und vor allem, jage ich nicht manchmal den falschen Zielen hinterher? Aber das weiß man wohl erst ganz zum Schluß, ob es die richtigen Ziele waren, die man verfolgt hat. Deshalb ist mein erstes Ziel, ja zu mir sagen zu können, ja zu dem, was ist, egal, wie perfekt oder unvollkommen oder auf dem Weg ich gerade in den einzelnen Teilbereichen meines Lebens bin, jeden Tag mehr das Gefühl zu bekommen, es ist okay, wie es ist, egal, ob andere oder ich meinen, dass ich noch so viel mehr ändern oder verbessern könnte, es ist schön, etwas zu verändern, aber es ist auch okay, manches einfach zu sein und zu tun auf die eigene Art in der eigenen Unvollkommenheit

einen schönen Sonntag wünsche ich Euch mit Sonne im Herzen
Monika

malte weigelin schreibt am 7. Oktober 2012

guten morgen,
treffend, alltagsnah und vielfältig interpretierbar.
ich finde gut, dass der artikel einfache wege aus der gelernten hilflosigkeit aufzeigt. ich denke, dass es besser ist, sich für sein handeln verantwortlich zu fühlen, aktiv zu sein, anstatt sich in die passive rolle des opfers zu begeben. aber selbstredend ist das nicht generalisierbar, schließlich gibt es in unser nach wie vor hierarchisch strukturierten gesellschaft nach wie vor situationen, in denen buckeln erwartet wird.
aber wie gesagt, man kann sich darüber echauffieren oder positive energie daraus schöpfen.
und, um so langsam mal die phrasen drescherei zu beenden, das hat mir dieser artikel gegeben, einen denkanstoß.
dafür dank,
grützi

Ingrid schreibt am 7. Oktober 2012

Hallo Zusammen,
es geht ja nicht darum, in Mathe besser zu sein als …, sondern ob frau/man sich selber Hürden setzt, über die es schwer ist hinüber zu kommen. So habe ich mich der Meinung meines Ex-Mannes angeschlossen, es sei schwierig mit dem Auto in die Stadt, über das Autobahnkreuz und über lange Strecken überhaupt zu fahren. Die Hürden wurden immer größer.
Als ich dann alleine war stand ich nun vor diesen Hürden. Die erste habe ich genommen, in dem ich mit meiner Tochter mit dem Auto 500 km in Urlaub gefahren bin. Wir haben einfach zwischendurch übernachtet. Dann auf der Rückfahrt öfters Pause gemacht … Heute, nach zehn Jahren, mache ich mir keine Gedanken mehr über eine Entfernung, denn ich fahre sie so, wie ich es schaffe.

Für die Stadtfahrten gibt es zum Glück ein Navi :-) Aber auch hier habe ich mich rangetastet, die alten hohen Hürden durch kleinere ersetzt, die überschaubar und überwindbar sind.

Und mir somit den Platz / Raum in meinem Leben geschaffen, der mir die Möglichkeit meiner Weiterentwicklung bietet.

Margot Schmidt schreibt am 7. Oktober 2012

Hallo!

Und ja – ich unterstreiche das einerseits und habe in meinem Leben schon so viel schlimme Situationen gemeistert.

Aber was, wenn z.B. die Mutter, gleichzeitig innigste und geliebteste Freundin von mir, nach einer missglückten OP plötzlich einen Hirninfarkt hat und aus dem vor 4 Wochen noch lebensfrohen und lustigen Menschen ein verzweifelter gelähmter Mensch in einem Krankenhausbett geworden ist. Sie will nur mehr sterben (verständlich) aber ich kann ihr nicht mal diesen einen Wunsch erfüllen.

Ich fahre jeden Tag zu ihr (1,25 Std. pro Fahrt – Verlegung in unsere Nähe wegen Bundesländergrenze NÖ/W nicht möglich), bin berufstätig und Alleinerziehend mit einem Taferlklasser und weiß nicht mehr wie ich das noch schaffe und woher ich noch irgendwelche Ressourchen nehmen soll um irgendwie weiterzuwurschteln. Habe keine Hilfe, denn meine Hilfe im Leben war meine Mutter.

Meinen Job machen, mein Kind halbwegs in dieser neuen Phase seines Lebens unterstützen und jeden Tag (ohne Kind, weil Intensivstation) zu meiner Mutter zu fahren um ihr das Gefühl zu geben, dass ich da bin in ihrer schwersten Zeit, denn sie war für mich all die Jahre IMMER da.

So – und wo soll ich da jetzt bitte eigentverantwortlich was ändern? Wie hier die “Sichtweise” oder den “Zugang” ändern? wie mache ich aus dieser Situation einen gewinnbringende heilsame Situation? Wie bitte?

Ja – ich will das – und ja ich bin fest entschlossen meinen Optimismus wieder zu erlangen, der mich im Leben schon durch so viele Tiefs getragen hat. Aber in so einem Fall? Was habe ich dazu beigetragen, dass wir als Kleinstfamilie nun in dieser Katastrophe feststecken? Bin ich freiwillig ein “Opfer” dieser Situation, weil ich scheinbar gerne und freiwillig leide? (Artikel Selbstverantwortung).

Ich stecke grade fest hier…

Trotzdem einen lieben und von Herzem kommenden Gruß an die Community hier :-)

Margot

    Matthias schreibt am 7. Oktober 2012

    Liebe Margot,

    es bewegt mich sehr – das Schicksal Deiner Mutter und Deines.
    Es wird sehr schwer sein; ich kann es nur erahnen.

    Du bist nicht das freiwillige Opfer der Umstände.
    Deine Mutter hatte Dir immer beigestanden, also suche und finde jetzt die Hilfe Anderer.
    Es gibt die Solidarität, die Zuwendung in schwierigen Lebensphasen – nur sollte man sich da aus der Isolation befreien und aktiv auf Andere zugehen.
    Das Krankenhaus, soziale Einrichtungen und, und …

    Ich bin mir sicher, daß Dir und Deiner Mutter geholfen
    wird. Bitte verzweifle nicht.

    Kraft und Zuversicht wünscht
    Matthias

Anne Elisabeth schreibt am 8. Oktober 2012

Liebe Margot,

ich find kaum die richtigen Worte..aber ich möchte mich Matthias anschließen. Suche bitte die Hilfe von anderen Menschen und Einrichtungen.
Vielleicht kann Dir auch ein Therapeut aus einer Beratungsstelle die so nötige Hilfe und Unterstützung für Dich selbst geben.
Du bist nicht verantwortlich, für das, was mit deiner Mutter geschehen ist.
Wir können widrige Umstände und Schmerzen nicht vermeiden.
Aber wir haben immer Einfluss darauf, wie wir damit umgehen.

Viel Kraft..und sorg gut für Dich selbst.
Anne Elisabeth