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Die Sache mit der Wahrheit

Von Tania Konnerth

Die Schüler fragten den Meister.

"Herr, wir sind verwirrt. Heute lehrst du uns das und morgen etwas, was dem zu widersprechen scheint. Was ist wirklich wahr?"

"Eis ist zwar kalt, aber Ihr könnt Euch auch daran verbrennen und mit einem Messer könnt Ihr aus Holz zarte Kunstwerke schnitzen, aber auch töten. Besser Ihr gewöhnt Euch an den Gedanken, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt." antwortete der Alte.

Manchmal ist das Leben ganz schön verwirrend. Was zunächst richtig aussieht, kann sich als falsch herausstellen und was erst falsch erschien, ist dann doch richtig. Eine Aussage kann in einem Moment zutreffen und im nächsten schon nicht mehr und in einem Buch wie diesen sagt ein Kapital das und im nächsten klingt es schon wieder ganz anders.

Wer soll sich da noch auskennen?

Die Sehnsucht nach der Eindeutigkeit

Die meisten Menschen sehnen sich nach Eindeutigkeit. Wir möchten so gerne klare Anhaltspunkte haben, damit wir eindeutigere Entscheidungen treffen können. Das, so denken wir, würde uns das Leben deutlich einfacher machen und möchten wir die Welt am liebsten eingeteilt haben in "richtig" oder "falsch".

Der Wunsch nach einer solchen Einteilung in "gut oder schlecht", "alles oder nichts", "jetzt oder nie" entspringt der tiefen Sehnsucht in uns, ein bisschen Ordnung in das Leben zu bringen, das sich so wild, lebendig und chaotisch präsentiert. Je eher Sie aber für sich erkennen, dass solche Einteilungen nie entgültig zutreffend sein können, desto eher können Sie eine neue Leichtigkeit im Umgang mit Widersprüchen entwickeln, die es Ihnen auf lange Sicht viel einfacher macht.

In dem wir die Welt überschaubar in "richtig" und "falsch" aufzuteilen versuche, sind wir auf der Suche nach einer Wahrheit, die es nicht gibt. Was für Sie wahr ist, muss es für mich noch lange nicht sein. Was Ihnen jemand anders als wahr verkaufen will, kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Alles kann aus verschiedenen Seiten betrachtet werden und in unterschiedlichen Zusammenhängen vollkommen andere Bedeutung haben.

Beispiele

Hier einige Beispiele, die das illustrieren:

Diese Liste ließe sich endlos weiterführen und sicher fallen Ihnen selbst eine Menge solcher Beispiele ein. Allen gemeinsam ist eines: "Wahr" ist nie nur eine Variante, sondern es sind immer beide wahr – ja, meist sind es sogar noch viel mehr Ansichten.


Die große Herausforderung: mit der Unsicherheit leben lernen

Die große Herausforderung besteht für uns alle darin, Folgendes zu erkennen:

Indem wir erkennen, dass es keine allgemeingültige Wahrheit gibt, sondern unendlich viele einzelne Wahrheiten, wird es uns möglich, unser Leben so zu gestalten, wie ein Künstler ein Bild durch ein Mosaik erstellt. Die Vielfalt der einzelnen kleinen Steinchen fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen. An ihren Rändern können sie in andere Bilder übergehen und so ein sich immer weiter fortsetzendes Bild ergeben.

So machen Sie es sich einfacher!

Es gibt kein ultimatives "richtig" oder "falsch" und keine feststehende Wahrheit. Es stimmt fast immer ein bisschen von allem und in verschiedenen Situationen gelten unterschiedliche Gesetze. So kompliziert das zunächst klingt, so erleichtert es uns das Leben sehr, wenn wir uns von dem Gedanken lösen, dass es Regeln und Gesetze gibt, die immer und überall gelten. Nur so können wir nämlich flexibel genug auf Veränderungen und Entwicklungen reagieren und diese in unserem Leben so surfen, wie ein Wellenreiter die Brandung des Meeres.

Und wie Sie das ganz praktisch angehen können, erfahren Sie hier.