Voice Dialogue - die innere Ordnung finden
von Artho Wittemann
Stellen Sie sich bitte für einen Moment etwas Merkwürdiges vor: Stellen Sie sich bitte einen Förster vor, der nicht weiß, dass es Bäume gibt. Er geht in den Wald und sieht viele Blätter, Stämme, Äste, Wurzeln und Blüten. Er kennt sie und liebt sie und versucht, sie zu pflegen. Aber er begreift nicht, wie sie zusammengehören. Er sieht die Bäume einfach nicht.
“Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft”
Novalis
So geht es uns, wenn wir versuchen, die menschliche Psyche zu verstehen. Wir sehen eine unglaubliche Vielfalt an Gedanken, Gefühlen und Impulsen, aber wir verstehen nicht genau, wie sie zusammengehören.
Chaotische Komplexität
Siehe auch
Buchbesprechung: Die Intelligenz der Psyche von Artho Wittemann.
Wo immer wir hinblicken in der Natur, sehen wir komplexe Einheiten, die aus den unterschiedlichsten Materialien zusammengesetzt sind. Beim Baum zum Beispiel, finden wir Laub, Holz und den Saft, der durch seine Adern fließt. Wenn wir diesen Baum nun näher betrachten, entdecken wir auch, dass sich sein Bild in vielen kleinen Teilen wiederholt: Wir sehen Äste, die für sich betrachtet dem ganzen Baum sehr ähnlich sehen. An den Ästen sind Zweige, die wieder eine ähnliche Struktur haben. Sogar die Adern der Blätter weisen eine ähnliche Form auf, wie der Baum.
Aber nicht nur Form und Struktur sind ähnlich, sondern auch Material und Funktion. In der Chaos-Theorie heißt dieses Phänomen “Selbst-Ähnlichkeit”. Wenn man es erst einmal kennt, kann man es überall in der Natur entdecken: In den Bergen, in den Wolken, im Wasser… und in der Psyche des Menschen.
Die Muster erkennen
Aber zurück zu unserem Wald! Unser Förster hat einen Geistesblitz: Plötzlich sieht er, dass dieses Durcheinander aus Laub und Holz und Wurzeln eine Ordnung hat. Er erkennt, dass die schmalen, dünnen Blätter zu dem einen Stamm gehören, und die festen runden Blätter zu dem Stamm daneben. Er weiß auf einmal, wie alles zusammengehört! Er sieht die Bäume.
Jetzt betrachtet er die kranken Blätter, die ihm so viele Sorgen machten, mit neuen Augen. Es dämmert ihm, dass es keinen Sinn hat, sie abzuzupfen. Er muss sich um die kranken Wurzeln kümmern. Aber nicht um alle Wurzeln, sondern nur um die des kranken Baumes! Voller Freude macht er sich an die Arbeit.
Vom Überlebenswillen der einzelnen Teile
Jeder einzelne Baum im Wald hat aus sich heraus den Willen zu sein und zu wachsen. So entsteht, ganz von alleine, der Wald. In gleicher Weise besteht die Psyche aus Einheiten, die aus sich heraus den Willen haben, zu sein und zu wachsen. Jede einzelne dieser Einheiten kann sich über Gefühle, Bilder, Symbole und Gedanken ausdrücken; das macht sie, in viel größerem Maße als Bäume, zu außerordentlich vielseitigen, komplexen Erscheinungen. Diese Einheiten nennen wir die Inneren Personen.
Sie besitzen die beiden wichtigsten Merkmale der Gesamtpersönlichkeit: Den Willen zu leben und die Komplexität der menschlichen Psyche.
Von den Personen, die in uns sind
Wie auf der ganzen Erde ist die Natur auch in der menschlichen Psyche enorm kreativ und verschwenderisch: In jedem von uns lebt eine überwältigende Vielzahl der unterschiedlichsten Gestalten.
Aber wie in der Natur gilt auch in der Psyche zunächst das Gesetz des Stärkeren: Eine kleine Gruppe setzt sich früh in unserem Leben durch, reißt die Macht an sich und bildet die Innere Regierung.
Jedes Mitglied dieser Gruppe trägt ein kleines Namensschild, auf dem “Ich” steht. Manche arbeiten zusammen, andere konkurrieren miteinander, es gibt Generäle und folgsame Diener. Jeder glaubt zu wissen, was am besten für uns ist, und wie wir am sichersten durch´s Leben kommen.
“Ich” ist das, was gerade regiert
Diese Regierungsclique, die wir “ich” nennen, ist in jedem Menschen anders zusammengesetzt. Während der eine auf das Kommando hört, “still und unauffällig zu bleiben”, und das auch meisterlich umzusetzen weiß, wird dem anderen etwa befohlen, seinen Platz in der Welt mit Offenheit und freundlicher Zugewandtheit zu behaupten.
So unterschiedlich diese beiden Regierungen auch arbeiten, haben sie doch eins gemeinsam: Sie wollen an der Macht bleiben, und müssen daher ihr Gegenteil bekämpfen.
© bei Artho Wittemann, Institut für IndividualSystemik
www.individualsystemik.de





