Die Bühne fegen

ausmisten

Vor einiger Zeit hatten wir einen Beitrag über machtvolle Erinnerungen. Dabei ging es um Gegenstände, mit denen wir positive Erinnerungen verbinden. Und wie wir sie so nutzen können, dass sie uns ermutigen, trösten oder irgendwie anders positiv berühren.

Einige Leser haben uns geschrieben und darauf hingewiesen, wie wichtig auch die andere Seite ist: Gegenstände, die uns belasten, loszulassen und aus unserem Umfeld zu entfernen. So sehen wir das auch. Sachen, die uns an belastende Erlebnisse erinnern, können uns immer wieder einen kleinen oder auch größeren Stich versetzen. Dinge, bei denen man einen Kloß im Magen hat oder sich irgendwie unwohl fühlt, wenn man an sie denkt oder sie sieht. Häufig sind damit Erinnerungen an Erlebnisse oder Menschen verbunden, an die man am liebsten gar nicht mehr denken würde. Das können alle möglichen Geschenke, Briefe, Bilder oder auch Kleidungsstücke sein. Trennt man sich von diesen Dingen, kann das ungemein befreiend wirken, als ob einem eine Last abgenommen würde. Dennoch fällt es vielen Menschen gar nicht so leicht, ungeliebte Erinnerungsgegenstände loszulassen.

Ein Damoklesschwert 

Manchmal liegt das daran, dass wir jedes Mal, wenn wir etwas aussortieren oder entsorgen, ein Risiko eingehen. Nämlich, dass diese Entscheidung negative Folgen haben könnte. Viele Menschen befürchten, sich irgendwann zu ärgern, weil sie etwas weggegeben haben. Oder sie befürchten, dass irgendetwas Unangenehmes passieren könnte, wenn sie etwas aussortieren würden. Sie z. B. jemanden damit ärgern oder enttäuschen könnten. Manchmal hat man so etwas auch schon erlebt und möchte vermeiden, dass es einem wieder geschieht.

Es ist dann so, als würden diese Befürchtungen wie ein Damoklesschwert über einem schweben. Man denkt z. B.: „Was wäre, wenn ich es doch bereue?“ Oder man fragt sich: „Was ist, wenn ich damit jemanden verletze oder ihn enttäusche?“ Um mit so einer Bedrohung auf gute Weise umgehen zu können, braucht es zwei Dinge: Mut und Vertrauen. Damit meine ich den Mut, ein Risiko einzugehen. Und das Vertrauen in sich selbst, mit den möglichen negativen Folgen einer Entscheidung klarzukommen.

Es braucht Mut, die alten Liebesbriefe, die einen nur immer wieder schmerzen, dem Aktenvernichter anzuvertrauen. Und das Vertrauen darin, auch mit späterer Reue umgehen zu können.

Es braucht Mut, die Klamotten, in die man schon seit fünf Jahren nicht mehr passt, endlich in die Kleidersammlung zu geben, und Vertrauen, dass man damit klarkommt, wenn man doch irgendwann die 10 Kilo wieder abnimmt und die alten Jeans und T-Shirts dann doch gerne wiederhätte.

Es lohnt sich, das Risiko einzugehen, weil sich nur so Ballast loswerden lässt. Denn dieser macht uns das Leben häufig unnötig schwer. Meist halten uns Gegenstände, mit denen negative Gefühle verbunden sind, davon ab, unser Leben schöner und glücklicher zu leben. Wie bei einem Heißluftballon hält uns der Ballast oftmals am Boden, wenn wir vielleicht lieber in andere Höhen aufsteigen würden. Wenn man durch die alten Briefe immer wieder an eine schreckliche Trennung erinnert wird, fällt es vielen schwer, sich auf etwas Neues einzulassen. Klar ist es sinnvoll, sich Zeit zu nehmen, die frühere Beziehung zu verarbeiten und zu trauern. Ebenso wie alte Liebesbriefe häufig ein wertvoller Schatz sein können, die nicht in den Abfall gehören. Wenn sie allerdings nur Schmerzen hervorrufen und Belastung sind, ist der Aktenvernichter manchmal der beste Ort für solche Erinnerungen. Es ist dann ähnlich wie bei diesem Bild:

Ein Tänzer muss erst seine Bühne fegen, bevor er anfangen kann zu tanzen.

Denn sich von Dingen zu befreien, gibt Raum für Neues. Raum zum Denken, für Kreativität, für Möglichkeiten und zum Träumen.

Unbeschwert tanzen

Wie können Sie nun Ihre ganz persönliche Bühne fegen? Oder Ihren Heißluftballon von Ballast befreien? Um leichter zu entscheiden, ob etwas aus guten Gründen aussortiert oder entsorgt werden kann, stellt man sich am besten einige Fragen. So lassen sich Antworten finden, die einen sicher machen, eine wohl überlegte Entscheidung zu treffen.

Fragen Sie sich also:

  • Ist dieser Gegenstand schön?
  • Benutze ich ihn regelmäßig (wenn auch selten)?
  • Gibt er mir auf irgendeine Weise ein gutes Gefühl?

Alle Sachen, bei denen Sie eine dieser Fragen bejahen, können Sie behalten. Mit ziemlicher Sicherheit werden Sie durch diese Gegenstände nicht negativ belastet.

Vielleicht können Sie aber auch keine der Fragen mit „Ja“ beantworten. Weil Sie vielleicht befürchten, später zu bereuen, etwas weggetan zu haben. Dann versuchen Sie es einmal mit folgenden Fragen:

  • Woran würde ich merken, dass diese Sache mir fehlt?
  • Könnte ich diesen Gegenstand ersetzen, wenn ich ihn irgendwann doch einmal brauche?
  • Wenn er mir irgendwann fehlen würde, was würde schlimmstenfalls passieren? Könnte ich dafür eine Lösung finden? Würde ich damit zurechtkommen?

So können Sie sich klarer machen, wie hoch das Risiko für eine Fehlentscheidung wirklich ist. Und inwiefern das Risiko es wert ist, eingegangen zu werden.

Außerdem hilft es, wenn Sie sich bewusst machen, wie Ihr Leben mit weniger Ballast aussähe. Weil Sie dann dem möglichen Risiko Ihren Gewinn gegenüberstellen. Wenn wir mal in dem Bild von vorhin bleiben. Fragen Sie sich, wie Sie auf einer aufgeräumten Bühne tanzen würden. Konkret kann das so aussehen:

(Vielleicht auch interessant: Lebensfreude per E-Mail – 15 einfache Methoden, mit denen Sie sich Ihre Lebensfreude zurückerobern.)

  • Was würde ich gewinnen, wenn ich diesen Gegenstand weggeben würde?
  • In welchen Situationen würde ich mich unbelasteter, freier und unbeschwerter fühlen?
  • Welche negativen Auswirkungen würden wegfallen, wenn ich diese Sache nicht mehr ständig sehen müsste?
  • Würde ich mich in irgendeiner Weise wohler, befreiter, erleichtert fühlen ohne diesen Gegenstand?

Wenn Sie sich beim Aussortieren diese Fragen möglichst ehrlich beantworten, treffen Sie fundierte Entscheidungen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie eine dieser Entscheidungen wieder bereuen werden. Und wenn doch, werden Sie damit ganz sicher klarkommen. Und das Wichtigste: Sie tanzen auf Ihrer aufgeräumten und sauber gefegten Bühne so manchen Tanz, den Sie mit einer Menge mehr Ballast so nicht genießen könnten.

Vielleicht haben Sie ja ein wenig Lust bekommen, mit dem Entrümpeln und Aussortieren zu starten? Dann räumen Sie Ihre Bühne doch gleich mal ein wenig frei für einen unbeschwerteren Tanz.

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Kommentare

Nina schreibt am 13. Januar 2013

Genau das habe ich getan, als ich nach fast 40 Jahren in mein Elternhaus zog, um meinen Eltern im Pflegeheim nahe zu sein. Schlechte Kindheitserinnerungen landeten kompromisslos auf der Deponie, Dinge, die ich einfach nur hässlich fand, gab ich Leuten, die sie haben wollten. Inzwischen sind beide Eltern verstorben und ich lebe frei und unbelastet in meinem Haus, das ich nach meinen Wünschen renoviert und eingerichtet habe.

Claudia M. schreibt am 13. Januar 2013

Das ist ein sehr hilfreicher und guter Beitrag und ich kann das auch nur empfehlen,Ich mache das so ziemlich regelmässig,wenn ich merke irgendwie fühle ich mich Zuhause so belastet,dann schau ich mich um und entsorge dann auch und das tut soooo gut,leider füllen sich die Lücken auch sehr schnell,da hätte ich gern einmal einen Tipp wie man da achtsamer bleiben kann.Ich wünsche euch im übrigen noch ein frohes neues Jahr und bin unheimlich begeistert von der neuen Aufmachung eurer Seite :-)Ganz liebe Grüsse.

    Ildiko Varga schreibt am 22. Januar 2013

    Hallo Claudia,

    ich bin immer sehr neugierig, daher schau ich mir gern die Webseiten der anderen Schreiberlinge hier an.
    Bei Ihrer Verlinkung scheint allerdings etwas falsch zu sein, man bekommt nur eine Fehlermeldung :/

Heide Decurtins schreibt am 13. Januar 2013

Belasten wir uns nicht mit Dingen des täglichen Gebrauchs, die wir eigentlich gar nicht benötigen ? Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, Dinge, die ich nicht benötige sofort weiterzugeben oder zu entsorgen. Wir horten Dinge in unserer Wohnung, die wir eigentlich nicht mehr benötigen. Geben wir uns nicht auch mit Menschen ab, die uns nicht gut tun, nur weil …..? Es ist ein immenser Lernprozess im Leben loszulassen – loslassen befreit – und gibt neuen Raum in unserem Dasein. Wir vergessen immer, mit unserem letzten Atemzug lassen auch wir unser Leben los…

wilma mann schreibt am 13. Januar 2013

wunderbar ist dieses end-sorgen! prima Beitrag! liebe Grüsse Wilma

Utta B schreibt am 13. Januar 2013

Danke für den gelungenen Artikel. Ich habe im letzten Jahr renoviert und u.a. 20 Jahre alte Kochrezepte entsorgt, die ich nie ausprobiert hatte. Genauso erging es alten Reiseberichten. Da man heute fast alles im Internet findet, ist das alles nicht mehr nötig. Beim Lesen des Artikels fiel mir das ein oder andere Kleidungsstück ein, das weg könnte und der Gedanke ans “loslassen” war gut. Das Bild auf einer leeren Bühne zu tanzen hat mich inspiriert.

Susanne Schmid schreibt am 13. Januar 2013

“Die Bühne fegen, um unbeschwert zu tanzen…”der Gedanke gefällt mir sehr!

Tine schreibt am 13. Januar 2013

Liebe Nicole,

ein wunderbarer Artikel! Danke.
Ich habe dieses Thema vor vielen Jahren für mich entdeckt und habe nicht sehr viele Dinge, aber dennoch immer wieder zu viele Dinge. Für mich ist es ein ständiger “Begleiter” an diesem Thema, an der Ordnung dran zu bleiben. Ich merke, wenn sich mal wieder so einiges “ansammelt”, daß ich mich irgendwie zerstreuter fühle. Wenn ich meine Dinge (Zeitungsstapel, Unerledigtes, Näharbeiten, etc.) abgearbeitet habe, fällt mir regelrecht ein Stein vom Herzen und ich fühle mich wieder befreiter.
Ein wunderbares Buch zu dem Thema ist von Karen Kingston: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags. Achtung, es macht “süchtig”. Ich habe es sicher schon 20 mal gelesen und entdecke immer wieder neue Ideen….
Auch noch ein gutes neues Jahr für das zeit zu leben Team – Eure wöchentlichen Newsletter treffen für mich immer den Nagel auf den Kopf!
Herzliche Grüße nach Lüneburg
Tine

E. K. schreibt am 13. Januar 2013

Ich bereite grade einen Umzug vor: Eine ideale Gelegenheit zum Entrümpeln, die ich nutzen werde. Mit eurem Artikel wird mir das Loslassen von unbenutzten und nicht mehr geliebten Gegenständen noch leichter fallen.
Danke!

Hilde schreibt am 13. Januar 2013

Danke !!!!!!!! Ich kam durch ZU-Fall zu diesem Artikel. Bedanke mich herzlich, weil: Besser, denk ich, geht gar nicht. Nun bin ich dan.

Vorsichts-Frage: Geben Sie auch persönliche Hilfe, wenn jemand stecken bleibt, Nicole Alps? Grüße Sie! Und nochmals Dank, weil Ihr Artikel so vieles bededenkt!
Hilde Roth

Danke auch für Hinweise in den Kommentaren!..

    Nicole Alps
    Nicole Alps schreibt am 14. Januar 2013

    Hallo Frau Roth,

    schön, dass Ihnen der Artikel so gut gefällt. :-)

    Ihre Frage hören wir recht häufig. Und wir würden auch gerne öfter mal persönlich weiterhelfen. Leider schaffen wir das auch Zeitgründen aber überhaupt nicht.

    Wir haben mittlerweile aber ja schon sehr viele Beiträge und Buchbesprechungen zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Und über die Suche oben auf unserer Seite oder das Themenverzeichnis unten auf unserer Seite, lassen sich Tipps und Hilfen finden, die oftmals schon weiterhelfen können

    Viele Grüße
    Nicole Alps

Thomas schreibt am 15. Januar 2013

Auch ein wunderbares Buch zum Thema: “Leben statt kleben” von Birgit Medele. Sehr kurzweilig geschrieben, beinhaltet es sehr viel Inspiration und animiert zum Loslegen. Keine Strategien wie man dieses oder jenes aufräumen soll, sondern ganz viel Kraft, den ersten, zweiten und viele weitere Schritte zu tun hin zu mehr Freude, Energie und viel weniger Krimskrams im Leben.

Viel Spaß beim Entrümpeln eures Lebens!
Grüße
Thomas

Dani schreibt am 15. Januar 2013

Wer auf einer gefegten Bühne auftritt hat Platz und stolpert nicht ständig über alten Gerümpel. Toller Artikel!

Vor einiger Zeit hätte ich auch noch gesagt, dass eine 10 Jahre alte Bluse “ja noch gut” ist. Das ist Unsinn. Wer so denkt, sieht früher oder später aus wie die eigene alte Tante. Und wer will das schon?

Irgendwann habe ich konsequent ausgemistet und (oh Wunder) ich vermisse nichts. Ganz im Gegenteil: Heute genieße ich die freien Räume und überlege genau, ob ich etwas Neues anschaffe.
Meine Kleidung ist sehr reduziert, aber immer modern.

Ildiko Varga schreibt am 22. Januar 2013

Absolut wahr!! Man sollte sich nicht mit den alten DIngen unnötig belasten. Tolle Fragen, die können sicher sehr gut helfen. Es gibt eben viele verschiedene Herangehensweisen.

Ich hätte vielleicht auch noch einen etwas “extremen” Tipp: Würde ich diese Sache vermissen, wenn es in einem Feuer zerstört würde? Wenn plötzlich alles weg wäre, würde ich mich überhaupt noch daran erinnern, dass ich es mal gehabt hatte?

Es ist doch so, wenn wir all den Krims Krams durchgehen und aussortieren wollen, dann werden oft Dinge zur Seite gelegt mit den Worten: “Ja, das wollt ich doch mal lesen/machen/durchgehen.” Im nächsten Moment aber haben wir es wieder vergessen, doch es stapelt sich immer noch im Haus und im Hinterkopf.

Ich glaube, es gibt seeeehr wenige Dinge, die unersetzbar sind. Man ist vielleicht traurig, ja, aber es gibt so viele andere schöne Dinge in der Welt zu sehen und zu erleben, da ist es doch echt schade, wenn man diese nicht sieht, weil all die alten verlebten Dinge einem die Sicht versperren…