Die Kunst, anderen zu verzeihen
Von Tania Konnerth • 13 Kommentare
“Das werde ich dir nie verzeihen!” ist einer der bittersten Sätze überhaupt. Bitter nicht nur für den anderen, sondern vor allem auch für sich selbst. Denn: Wer anderen nicht vergeben kann, schadet damit vor allem einer Person: sich.
In diesem Artikel möchten wir Ihnen einige Anregungen zum Thema “Verzeihen” geben, damit es Ihnen vielleicht in Zukunft leichter fällt, loszulassen.
Wir glauben unbewusst, den anderen damit zu bestrafen, dass wir ihm oder ihr nicht vergeben. Wir möchten uns gleichsam für die erlittenen Schmerzen, die Scham oder die gefühlte Demütigung rächen.
Ein Bedürfnis, das zwar menschlich und nachvollziehbar, aber leider nicht nützlich oder Erfolg versprechend ist.
Natürlich kann es eine Strafe für den anderen sein, wenn wir nicht bereit sind, ihm oder ihr zu vergeben. Aber wir übersehen dabei, dass wir am meisten uns selbst bestrafen, wenn wir nicht verzeihen können. Wir verurteilen uns nämlich dadurch dazu, nicht vergessen zu können. Wir halten die Gedanken an das, was uns angetan wurde, wach und somit auch den Schmerz. Es ist fast so, als würden wir selbst das Messer, das in der Wunde steckt, immer wieder umdrehen…
“Wer an seinem Schmerz festhält, bestraft sich letzen Endes selbst.”
Leo. F. Buscaglia
Was Verzeihen bringt
Die Fähigkeit, verzeihen zu können hingegen ermöglicht es, dass die Wunden heilen können. Es geht darum, endlich loszulassen und uns somit von dem, was uns angetan wurde, zu befreien. Das bringt Erleichterung für die Seele und auch für den Körper, der ebenfalls unter dem Dauerschmerz leidet (und auch konkrete Symptome ausbilden kann).
“Die empfangene Ungerechtigkeit zu verzeihen,
bedeutet sich selbst die Wunde seines Herzen heilen.”
Vinzenz von Paul
Siehe auch
Verzeihen ist ein Akt der aktiven Lebensgestaltung, denn wir übernehmen damit Eigenverantwortung. Wer verzeiht, lässt nicht zu, dass andere Menschen oder Ereignisse das eigene Leben dauerhaft beeinflussen können. Wer vergeben kann, öffnet sich für Neues.
Verzeihen können zeigt Stärke
“Verzeihen ist keine Narrheit, nur ein Narr kann nicht verzeihen“
Aus China
Viele Menschen glauben, dass Verzeihen ein Zeichen von Schwäche ist. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall.
Es erfordert eine ganze Menge Kraft und Stärke, bereit zu sein, abzuschließen mit erlittenem Unrecht – aber: es kostet uns mindestens genauso viel Kraft und Energie, dauerhaft in der Opferposition zu bleiben, zu grollen, zu hadern und auf Genugtuung zu hoffen.
Wichtig: Verzeihen heißt nicht “gut heißen”
Eines ist im Zusammenhang mit dem Thema “Vergeben” ganz wichtig: Wenn wir verzeihen, heißen wir damit das, was der andere getan hat, nicht automatisch gut. Wir können es nach wie vor “falsch” finden, “niederträchtig”, “unangemessen”, “kriminell” oder was auch immer.
Wir entscheiden uns damit lediglich dazu, nicht länger zuzulassen, dass die Tat unser Leben dauerhaft negativ beeinflusst. Die Tat selbst aber wird dadurch nicht besser.
Schrittweise vorgehen
Würde es mit dem Verzeihen im Hauruck-Verfahren gehen, wäre die Sache deutlich leichter. Es erfordert aber meist ein sehr behutsames, schrittweises Vorgehen, damit wir Erlittenes loslassen können.
Gestehen Sie sich also ganz bewusst zu, dass das mit dem Verzeihen nicht immer gleich auf Anhieb klappt. Je tiefer die Wunden sind, desto länger brauchen wir oft, um vergeben zu können.
Nehmen Sie sich diese Zeit und schimpfen Sie nicht mit sich selbst, wenn Sie merken, doch noch Groll zu empfinden. Das ist vollkommen menschlich. Indem Sie diese Regungen liebevoll annehmen, aber unbeirrt weiter daran arbeiten, Schritt für Schritt loszulassen, wird es Ihnen leichter gelingen, als wenn Sie von sich erwarten, die Sache mit einem sauberen Schnitt endlich zu beenden. Dass Sie sich das wünschen, ist natürlich verständlich, denn mit so einem Schnitt erhoffen wir uns, dass auch der Schmerz verschwindet. Aber der Begriff “Schnitt” ist hier bewusst gewählt, denn wenn Sie versuchen, etwas aus sich herauszuschneiden oder zu reißen, entstehen auch dadurch große Wunden…
Aus dem Schmerz erwachsen
Dieses Bild mag etwas pathetisch wirken, aber uns scheint es sehr kraftvoll und zutreffend: Nutzen Sie das, was man Ihnen angetan hat, um darüber hinauszuwachsen.
Blumen haben die wundervolle Gabe, auch unter Geröll und Schutt hervorzuwachsen. Sie siegen letztlich, in dem sie das Hässliche durch ihre Blüten verschönern.
Allen, denen das jetzt etwas zu lyrisch war, bieten wir auf der folgenden Seite noch einige handfeste Tipps.






Verzeihen heisst für mich, über sich selber hinaus zu wachsen. Aus Schuld kann Mitgefühl entstehen.
Ein sehr schöner Beitrag! Aber was ist, wenn ein anderer einem nicht verzeihen will? wie geht man damit um?
Hallo,
vielen Dank für den Artikel, der sich übrigens sehr schön in Ihre angenehm gestaltete Website einfügt. Sie ist wirklich angenehm für's Auge.
Ich finde es sehr wichtig, zu verzeihen. Gandhi sagte einmal: "
Jemanden zu hassen ist genauso klug, wie ein glühendes Stück Kohle aufzuheben, um damit nach jemandem zu werfen. Wir sind die jenigen, die sich dabei verbrennen..."
Ich denke, wenn wir verzeihen, tun wir das nicht für eine andere Person, sondern für uns selbst, damit wir aufhören, uns zu "verbrennen".
Ein interessanter Artikel. Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, was es für mich heißt zu verzeihen. Also, grundsätzlich denke ich auch, es ist keine Schwäche verzeihen zu können.
Aber wenn ich einem Menschen verzeihe, er dann wieder und wieder meine Grenzen überschreitet, ich ihm das auch mitteile und ich immer und immer wieder verzeihe, dann ist bei mir irgendwann aber dann doch ein Punkt erreicht, wo ich nicht mehr will und kann. Nämlich wenn ich verzeihe, damit auch eine gewisse Ruhe empfinde, das Thema abgeschlossen ist, und es wird dann wieder aufgewühlt, dann strengt mich das an, dann muss ich mich wieder und wieder damit beschäftigen, mich damit auseinandersetzen und habe immer wieder neu die Hoffnung, nach dem Verzeihen zur Ruhe zu kommen, da jedes erneute Beschäftigen mit dem Thema unglaublich Kraft kostet. Wenn es mir zuviel wird, da ziehe ich einen Schlußstrich, dann ist das Fass übergelaufen und dann kann ich damit abschließen und komme zur Ruhe und werde nicht wieder und wieder aufgewühlt.
Dazu braucht es schon etwas. Ich verzeihe schon, aber es gibt Menschen und Situationen da wollte ich nicht mehr und es geht mir gut damit, sie sind für mich erledigt und beschäftigen mich nicht immer weiter.
Hallo Alexandra,
ich bin derzeit auch in einer solchen Situation. Ich habe so viel versucht dazu.
Ich sage zu mir, nicht um jeden Preis.
Alles kann man nicht ins Positive lösen.
Christine.
Es gibt Geschehnisse, Verletzungen, die sind so schwer, dass es schwer fällt bis unmöglich ist, zu verzeihen. Weil sie so massiv in die eigene Persönlichkeit eindringen, dass der Schaden, den ein Mensch genommen hat, nicht mehr zu heilen ist. (z.B. Missbrauch)
Muss dieser Mensch verzeihen? Definitiv nicht. Beim Verzeihen liegt der Fokus in solch einem Fall zu stark auf dem Täter. Frei nach dem Motto: "Wenn du deinem Täter verziehen hast, dann geht es dir besser. Arbeite am Verzeihen."
Nee, arbeite an dir, an deinem Leben, daran, Schönes zu empfinden. Der Täter ist unwichtig. Soll Gott oder sonstwer ihm verzeihen. Wenn du es irgendwann von selbst kann - gut, wenn nicht -auch gut.
Hallo,
ich bin sozusagen gerade unmittelbar beteiligt, da eine mir sehr nah stehende Person mir sehr weh getan hat. Der Schock, zum einen über die Tat_sache als solches, als auch wie mit mir umgegangen wurde, sitzt immer noch tief.
Mein Verstand sagt mir, dass sie etwas nicht verstanden hat und sich deshalb so verhält - sie kann nicht anders - doch meine Gefühle sind noch immer sehr verletzt, es tut immer noch sehr weh, obwohl es schon 10 Monate her ist.
Ich weiß heute noch nicht, ob ich das jemals verzeihen kann. Vielleicht gelingt es mir ja noch. Aber, so einfach ist es nicht. Es braucht nicht nur die Bereitschaft, sondern ich glaube, das ich es mit mehr Mitgefühl dem anderen gegenüber schaffen könnte. Wer weiß wann mir das gelingt. . .
Hallo Susanne, dazu ist mir
"Die Insel der Gefühle eingefallen." Die Liebe hat gefragt, wer hat mir geholfen?
" Die Zeit", weil nur die Zeit vesteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist.
Nach 18 Jahren fällt es mir immer noch schwer, jemandem zu verzeihen. Dieser Jemand war mein direkter Vorgesetzter, ja sogar noch mehr, mein bester Freund. Ich lieh ihm 1994 mein gesamtes gespartes Kapital (35.000,- DM); ich sollte es bereits nach 3 Monaten! zurückbekommen. Die letzte kleine Rate kam 2002. Ein Großteil ist er mir immer noch schuldig. Im Dezember letzten Jahres suchte ich ihn nochmals auf, er warf mich aus seiner Wohnung mit Tritten heraus. In den 18 Jahren war ich so verletzt, habe soviele Nerven lassen müssen, viele Nächte, die ich nicht schlafen konnte. Er ist zwischenzeitlich neu verheiratet, hat eine Familie gegründet und seine neue Frau verdient irre viel Geld. Nur ist das halt ihr Geld, und nicht seins, so sagt er stets. Nach 18 Jahren sehe ich nun ein, dass ich mich damit abfinden muss, dass es so nicht weitergehen kann. Ich muss das Thema abschliessen. Es fällt mir aber so schwer.
Als Affirmationen haben sich mir zwei Sprüche besonders hilfreich erwiesen:
"Wer sich ärgert, büßt für die Sünden der anderen" und
"Mit jeder Minute Ärger versäumt man 60 glückliche Sekunden".
Aber die helfen mir auch nur, wenn es um eher "lässliche Sünden" geht, wo also der Ärger im Vordergrund steht (da allerdings funktionieren sie ganz hervorragend). Bei wirklich tiefen Verletzungen, die Trauer und nachhaltigen Schmerz hinterlassen, greifen sie leider kaum.
Kommunikationsentzug verursacht bei mir so eine tiefe Wunde, wenn ich nicht mal die Chance habe, mit dem anderen etwas zu klären, sich auszusprechen, Hintergründe zu erfahren, um besser verstehen zu können, oder auch respektvollen Abschied nehmen zu können. "Nicht der Rede wert" zu sein kann nach einer intensiven Beziehung die Hölle bedeuten, für mich jedenfalls. Ignoriert werden finde ich noch schlimmer als angebrüllt werden; das wäre zwar auch nicht angenehm und respektvoll, aber es würde wenigstens zeigen, dass ich als Gegenüber wahrgenommen werde.
Da ich dann alles nur im eigenen Kopf wenden kann, dreht es dort seine unfruchtbaren Runden und löst sich nicht auf. Loslassen wäre großartig für mich, mein Verstand weiß das auch, und ich will auch niemand anderem so viel Macht über meine Lebensqualität geben, dafür bin ich selbst verantwortlich. Aber die vielen offenen Fragen kehren ungewollt zurück wie die Bilder von einem Unfall, der immer wieder vor dem inneren Auge erscheint. Ich würde gern vergeben, loslassen, mich freimachen und die innere Restbindung auflösen, um mir selbst nicht immer wieder den Schmerz der Erinnerung zuzufügen. Mir ist schon klar, dass ich selbst für meine Gefühle zuständig bin und mir meine Reaktionen selbst schaffe (der andere ist ja auch längst physisch aus meinem Leben verschwunden).
Ich habe schon versucht, durch Schreiben und anschließendes Zerfetzen eines Briefes Entlastung zu schaffen, aber das riss den Schmerz noch mal neu auf, kein Gegenüber für meinen Ausdruck zu haben. Durch die beim Schreiben sichtbar werdende Vakanz auf der Adressatenseite steigerte ich mich nur in noch mehr verzweifelte Hilflosigkeit.
Wäre der andere gestorben, könnte er auch nicht mehr antworten, aber der Tod wäre wenigstens eine akzeptable Erklärung für sein Schweigen, damit könnte ich wahrscheinlich besser umgehen, so makaber das klingt. Aber so bleibt immer ein irrwitziges Zipfelchen Hoffnung im Hinterkopf, eines Tages käme die große Wende, Einsicht und Entgegenkommen, Klärung und Frieden von der anderen Seite. So lange ich dieses Zipfelchen nicht loslassen kann, verwarte ich (teilweise) mein Leben wie ein hypnotisiertes Kaninchen, das darf nicht sein. Es ist ja so paradox: selbst wenn ich das zum Thema in einer Therapie oder Aufstellung mache, verschenke ich noch Ressourcen meines Lebens an einen "toten Gaul", von dem ich endlich absteigen sollte. Wissen ist das Eine, Fühlen das andere.
Vielleicht hat einer der Leser eine Anregung, welche anderen Rituale einsetzbar wären, wenn gerade das Thema verweigerte Kommunikation das heiße Eisen ist. Ich habe schon in Flüsse, Feuer und den Wind gesprochen, kinesiologische Ablösungen vollzogen, meinen Anteil in Gestaltsitzungen geklärt und vieles mehr, um wieder frei zu werden von dieser Anhaftung. Doch wie man an der weiterhin starken Reaktion auf dieses Thema sieht, liegt es mir immer noch schwer und glühendheiß auf der Seele. Ich bin gespannt auf Eure Ideen.
Hallo Marietta,
ich habe aus deinen Ausführungen den Eindruck gewonnen, dass du absolut alles erfahren möchtest, was zu deiner schmerzlichen Situation geführt hat. Dies ist ein verständlicher, doch aus meiner Sicht problematischer Wunsch. Die Erfüllung dieses Wunsches scheitert bereits daran, dass der Verstand (rational) Emotionen (irrational) einfach nicht völlig erfassen kann. Jede "Antwort" würde tausend neue Fragen aufwerfen. Es wäre also auch mit Gegenüber eine Never-ending-Story.
Dies zu akzeptieren und loszulassen, ist zugegeben eine schwere Übung.
Ich schlage dir vor, deinen Fokus auf einen anderen Herzenswunsch zu richten, denn die Dinge, denen man Aufmerksamkeit schenkt, verstärken sich. Im Umkehrschluss: ein Problem, dem man Aufmerksamkeit entzieht, wird schwächer!
Wäre dies eine Option?
Viele Grüße
Petra
Verzeihen ist ein wunderbares und für mich sehr wichtiges Thema. Ich habe Jahre mit sinnlosem Haß auf die Täter verbracht, geschadet haben dies Gefühle nur mir selbst- Irgendwann verspürte ich das Bedürfnis in mir den ganzen Schrecken loslassen zu können. Gern hätte ich früher die innere Einsicht gehabt, dass der Weg über das Verzeihen geht - Verzeihen hieß für mich die Befreiung vom Täter und des Geschehenem, von "Schuld und Sühne". Verzeihen heißt für mich nicht Vergessen. Verzeihe ich muß ich mit dem anderem trotzdem nichts mehr zu tun haben. Es ist nicht Vergessen, ich bin in der Situation nur! nicht mehr emotional gefangen, dazu gehörte für mich auch mir selbst zu verzeihen, meine Hilflosigkeit, meine Ohnmacht und meine Opferrolle dabei.
Hallo, Petra,
danke für Deine Aufmerksamkeit und Deine Anregungen.
Es geht mir nicht darum, ALLES zu erfahren, was zu der Situation geführt hat, aber ETWAS wäre schon recht hilfreich. Vieles trägt sich leichter, wenn man einen gewissen Sinn darin erkennen kann, auch wenn er nicht der eigenen Sicht entspricht. Spielt aber jetzt keine Rolle mehr, ich habe mich ja damit abgefunden, dass keine Aufklärung mehr kommt.
Aber der Hinweis, mich lieber auf anderes Erwünschtes zu fokussieren, ist für mich sehr hilfreich; prinzipiell ist mir das sehr vertraut, aber hier hatte ich es etwas aus den Augen verloren. Es hat mich selbst erschreckt, wie stark ich beim Stichwort "Vergeben" wieder auf das Thema ansprang, weil ich glaubte, ich hätte es weitgehend losgelassen. Danke also noch mal für Deine Erinnerung!
Herzliche Grüße
Marietta