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Der Veränderungsprozess im Modell - Teil 2 (Seite 5 von 6)

Es ist sehr interessant die einzelnen Abschnitte des Veränderungsprozesses einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die einzelnen Abschnitte des Veränderungs- prozesses

1 – Schock + Verwirrung -Unsere erste Reaktion auf eine Veränderung ist Schock und Verwirrung. Dies hat seine Ursache in dem entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil unseres Gehirns, dem Stammhirn. Das Stammhirn erfüllt für uns eine ganz wesentliche Schutzfunktion: hier wird im Bruchteil einer Sekunde entschieden, ob wir in einer Situation fliehen oder kämpfen sollen. Die anderen Teile des Gehirns reagieren deutlich langsamer. Wann immer eine neue Situation auftaucht, müssen wir damit rechnen, dass uns unsere bisherigen Annahmen, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen in dieser Situation nichts nützen. Das macht Angst.

Denken Sie an das Zug-Beispiel: Sie hören die Ansage und Sie bekommen einen Schreck (körperliche Reaktion).  Dieser erste Schock verunsichert uns. In manchen Situationen reagieren wir in diesem Moment, indem wir resignieren, depressiv werden oder sogar mit einer Fluchtreaktion. In diesem ersten Moment sinkt unsere subjektiv empfundene Eigenkompetenz, also die von uns empfundene Kontrolle der Situation.

2 – Verneinung + Wahrnehmungsverzerrung – Dem Schock folgt die Verneinung  der Realität: “das kann nicht sein.” Im Zug-Beispiel haben Sie vielleicht gedacht, dass es sich nicht um Ihren Zug handelt (obwohl es eigentlich ganz klar war). In dieser zweiten Phase mobilisieren wir häufig zusätzliche Energie. Diese Energie ist aber ein Mehr von dem, das bereits in der Vergangenheit nicht funktioniert hat. Wenn z.B. der Lift nicht erwartungsgemäß kommt, drücken Sie mehrmals auf den Knopf oder im Zug-Beispiel: Sie fragen verschiedene Personen, ob Ihr Zug nicht doch fährt. Wir wollen hier die Situation wieder in den Griff bekommen, weigern uns aber, die veränderte Situation anzuerkennen. Durch die Handlung steigt die subjektiv empfundene Eigenkompetenz, denn wir glauben durch unsere Aktion die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.

3 – Rationale Akzeptanz + “Ja,…aber”-Denken – Nachdem aber nun auch der verstärkte Energieeinsatz beim Verneinen der Realität keinen Erfolg zeigt, beginnen wir rational einzusehen, dass sich etwas verändert hat. “Der Zug fährt nicht.” In dieser dritten Phase begeben wir uns häufig auf sogenannte “Verneinungsschleifen”. Uns kommen Gedanken wie: “Veränderung ist wichtig, aber…” oder “Ich will abnehmen, aber…”.  “Mein Zug fährt nicht, aber ich kann den nächsten nehmen”.

Wir sehen zwar die Notwendigkeit der Veränderung ein, aber wir finden noch keine Lösung, die uns wirklich weiterbringt und wir wollen auch die möglicherweise notwendigen Konsequenzen nicht in Kauf nehmen. Wir sind noch nicht bereit, uns wirklich zu ändern. Unsere Wahrnehmung orientiert sich noch an der Vergangenheit, wir haben die alte Situation emotional noch nicht losgelassen. Unsere subjektiv empfundene Eigenkompetenz steigt hier immer wieder, wenn wir glauben, jetzt die richtige Lösung gefunden zu haben, sinkt dann aber bei der Erkenntnis, dass sie es doch nicht war.

4 – Emotionale Akzeptanz + Annahme der Situation – Die vierte Phase ist die schmerzlichste, gleichzeitig aber die wichtigste. An diesem Punkt erkennen wir, dass wir nicht weiterkommen, wie bisher. Wir haben alles versucht – nichts hat geholfen. Aus dem Zug-Beispiel ist das die Erkenntnis: “Ich komme hier heute mit keinem Zug weg.” In dieser Phase erkennen wir, dass wir das Alte loslassen müssen, um frei zu werden für das Neue. Man nennt diese Phase auch das “Tal der Tränen“, weil diese Erkenntnisse meist schmerzlich sind. Das trifft auf komplexere und schwierige Veränderungsprozesse stärker zu als auf so relativ einfache, wie das Zug- Beispiel. Aber auch in dem eher simplen Zug-Beispiel müssen wir erst zu der Erkenntnis gelangen, bevor wir offen für neue Ideen werden. Es hilft, sich klarzumachen, dass erst durch das Tal der Tränen der Weg nach vorne frei wird. Ein Gedanke hier ist: “Ok, ich muss neu anfangen”.

Ohne diese vierte Phase können wir schlicht keine wirklichen Veränderungen erreichen. Viele Menschen versuchen diese Phase zu vermeiden, um dem Schmerz aus dem Weg zu gehen. Das führt meist dazu, dass sie sich immer weiter in Verneinungs- schleifen begeben und nicht wirklich vorankommen. Um auch emotional zu begreifen, dass sich tatsächlich etwas verändern muss , müssen wir bereit sein, unsere Eigenkompetenz zu Gunsten der emotionalen Erfahrung loszulassen. Es geht darum, sich nicht weiter zu wehren, sondern aktiv in die Veränderung zu gehen.

5 – Experimentierphase + Ausprobieren – Nach dem “Tal der Tränen”, also nach der emotionalen Erkenntnis, dass sich nun tatsächlich etwas verändern muss , werden wir frei für neue Lösungsansätze. Wir beginnen nun, wirklich Neues auszuprobieren. Im Zug-Beispiel bekommen wir hier nun die Idee, ein Taxi zu nehmen oder zu unserem Termin zu fliegen In dieser Phase fangen wir an, die Situation aktiv umzugestalten. Wir entwickeln Ideen und beginnen zu experimentieren. Unsere subjektiv empfundene Eigenkompetenz steigt dadurch, dass wir aktiv werden. Dabei geschehen immer auch Fehler. Diese Fehler helfen uns auf dem Weg, eine geeignete Strategie zu entwickeln. Die Eigenkompetenz sinkt immer wieder ein wenig, wenn wir eine Idee verwerfen müssen, in der Summe aber steigt sie. Das Motto dieser Phase lautet: “Versuch und Irrtum bringen mich weiter.”

6 – Neue Kompetenz + erweiterter Denk- und Handlungszustand – Irgendwann finden wir eine Lösung oder eine hilfreiche Strategie, die uns weiterbringt. Im Zug-Beispiel haben wir uns überlegt, einen Mietwagen zu nehmen. Und da ist tatsächlich eine Autovermietung und es gibt auch noch ein Auto. So schaffen wir es dann doch noch, zu unserem Termin zu kommen. In der sechsten Phase befindet sich unsere Eigenkompetenz auf einem höheren Level als zu Beginn des Veränderungsprozesses. Wir haben etwas gelernt. Wir haben eine neue Strategie entwickelt, um mit einer uns zuvor unbekannten Situation klarzukommen. Wir übernehmen Verhaltensweisen, die sich als erfolgreich herausgestellt haben in unser Handlungsrepertoire, welches sich dadurch kontinuierlich erweitert. Wir empfinden Zufriedenheit, da wir etwas geschafft haben. Wir haben unsere Kompetenz erweitert. Diese Kompetenzerweiterung ist um so höher, desto komplexer und schwieriger der Gesamtprozess war.

7 – Visionen und Ziele – Der gesamte Prozess bekommt eine andere Dynamik, wenn an seinem Ende ein klar definiertes Ziel oder eine attraktive Vision steht. Ein Ziel oder eine Vision wirkt wie ein Magnet. Wenn wir wissen, wohin wir eigentlich wollen, dann halten wir Phasen von Misserfolgen oder “Abwegen” besser aus als ohne Ziele und Visionen. Wir können die einzelnen Phasen des Veränderungsprozesses energievoller und zuversichtlicher durchlaufen, da wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Nutzen Sie dieses Wissen für sich

Das Wissen über den Verlauf und die typischen Phasen eines Veränderungsprozesses ermöglicht es uns, auf einer übergeordneten Ebene (Metaebene) unser Verhalten zu analysieren und einzuordnen. Wenn wir eine Situation aus einer eher neutralen Warte heraus betrachten können, fällt es uns oft leichter, die einzelnen Schritte,  derer es noch bedarf, zu erkennen. Versuchen Sie also, sich immer wieder einmal anhand des Modells klarzumachen, wo Sie sich persönlich gerade befinden und welche weiteren Schritte noch nötig sind, um weiterzukommen.