Der innere Dialog - ganz praktisch
Während wir Ihnen im ersten Teil dieses Artikels einmal die Idee der verschiedenen Teile in uns etwas näher bringen wollten, geht es hier nun darum, wie wir ganz praktisch innere Dialoge führen können.
Führen Sie bewusste Dialoge – auf dem Papier
Wenn man von der Existenz verschiedenen Persönlichkeiten oder Persönlichkeitsanteile in uns ausgeht, warum sollte es dann nicht möglich sein, mit diesen in einen Dialog zu treten?
Das ist viel weniger schizophren, als es sich zunächst anhört. Sie führen ja sowieso bereits Dialoge mit Ihren inneren Personen – oder vielmehr diese mit Ihnen – allerdings meist unbewusst. Dadurch dass Sie nun von sich aus – und das möglichst schriftlich – einen Dialog mit einer oder mehrerer Ihrer inneren Personen führen, beginnen Sie damit, das, was sonst unbewusst abläuft, klarer zu sehen. Das wiederum ermöglichst Ihnen diesen auch aktiv zu gestalten.
Wenn z.B. Ihr innerer Kritiker normalerweise ständig an Ihnen herumnörgelt und Sie demotiviert, dann kann das leicht dazu führen, dass Sie sich kaum etwas zutrauen, ohne eigentlich genau zu wissen warum. Mit der Methode des schriftlichen Dialogs können Sie solche unbewussten Prozesse für sich sichtbar machen und sind ihnen damit viel weniger ausgeliefert.
Idealerweise treten Sie den Teilpersönlichkeiten in Ihnen mit Respekt gegenüber und würdigen sie. Sie sind immerhin ein Teil von Ihnen. So schwer sie es Ihnen vielleicht auch manchmal machen, so sinnlos ist es aber auch, gegen sie zu kämpfen, denn Sie kämpfen dann gegen sich selbst. Viel effektiver ist es, sich seine inneren Teilpersönlichkeiten tatsächlich wie eigenständige Personen vorzustellen und mit Ihnen aktiv zu sprechen.
Beispiel
Julian hat in sich einen starken inneren Kritiker ausgemacht, der ihn oft davon abhält, sich ans Malen zu machen. Er träumt davon, einmal eine eigene Ausstellung zu haben, aber immer wieder funkt ihm sein innerer Kritiker dazwischen, in dem er Botschaften wie “Lass es, das wird sowieso nichts” oder “Wer will das schon sehen?” sendet, so dass er kaum ein Bild fertig bekommt.
Julian beginnt deshalb einen schriftlichen Dialog mit seinem inneren Kritiker:
J: Lieber Kritiker, warum möchtest du verhindern, dass ich Bilder male?
K: Weil das eine blöde Idee ist.
J: Warum?
K: Weil du nicht gut genug bist.
J: Wie kannst du das wissen?
K: Weil ich dafür sorge. Ich lass das nicht zu.
J: Warum nicht?
K: Du sollst dich nicht lächerlich machen. Ich will nicht, dass man dich auslacht.
…
Dieser Dialog kann noch eine ganze Weile so weitergehen und sehr viel Interessantes offenbaren. Julian begreift z.B. plötzlich, dass der Kritiker nicht deshalb so kritisch ist, weil er Julian etwas Böses will – im Gegenteil: Er will ihn davor schützen ausgelacht zu werden. Und das kann Julian als Geschenk annehmen. Gleichzeitig kann er aber in einem solchen Dialog seinem Kritiker auch klar machen, wie sehr er unter ihm leidet und dass er sich wünscht, der Kritiker würde weniger hart mit ihm umspringen und ihn auch einfach mal etwas Ausprobieren lassen.
Der Dialog könnte also z.B. so weitergehen:
J: Ich glaube nicht, dass mich alle auslachen werden.
K: Es reicht, wenn einer lacht.
J: Was wäre daran so schlimm?
K: Es tut weh.
J: Und davor möchtest du mich schützen?
K: …
J: Ich danke dir dafür. Aber ich denke auch, dass ich es aushalten kann.
…
So kann Julian seinem inneren Kritiker verständlich machen, dass er heute nicht mehr so verletzlich ist, wie er es z.B. als Kind war. Und er kann sich Strategien überlegen, wie er mit seiner (denn die Stimme des inneren Kritikers ist ja ein Teil von ihm) Angst vor dem Ausgelachtwerden umgehen kann.
Ziel: Verstehen und Aussöhnung
Dieser sehr versöhnliche Umgang mit den inneren Personen in uns – also mit uns selbst – tut uns sehr gut und hilft uns dabei, innere Konflikte zu lösen und uns selbst anzunehmen.
Gleichzeitig können Sie auf diese Weise den Persönlichkeiten in Ihnen auch ihre Grenzen klar machen. So übernehmen diese immer weniger das Kommando, ohne dass Sie es merken, sondern Sie können mit der Zeit immer öfter Einfluss nehmen und frei entscheiden, ob Sie der jeweiligen Person in Ihnen das Ruder überlassen oder lieber gegensteuern würden.
Wichtig ist der versöhnliche Ansatz
Wichtig bei dieser Beschäftigung mit sich selbst ist, dass Sie nie so vorgehen, dass Sie eine Person in sich “abschaffen” oder „weghaben” wollen. Alle Personen in Ihnen machen Sie aus und sind ein fester Bestandteil in Ihnen. Sie sind wichtig für Sie und haben auf ihre Weise viel Gutes getan. Lernen Sie diese Personen zunächst einfach nur kennen und verstehen Sie, was sie in Ihnen bezwecken.
Sprechen Sie also schriftlich mit ihnen:
- Sagen Sie dem Kritiker vielleicht, dass er sich keine Sorgen machen muss, da Sie inzwischen auch gut mit Kritik von außen umgehen können, weil Sie in sich selbst ruhen.
- Zeigen Sie Ihrem Kämpfer, wie wichtig es ist, dass auch mal eine Person von außen Kontakt mit Ihren verletzlichen Teilen bekommen kann, da sonst so etwas wie “Liebe” gar nicht möglich ist.
- Bitten Sie Ihre Personen, Ihr inneres Kind auch mal nach vorn kommen zu lassen, damit es an der Welt teilnehmen kann.
- U.ä.
Probieren Sie es hier gleich einmal selbst aus.
Übung: Einen inneren Dialog führen
Führen Sie nun einmal selbst einen Dialog mit einer Ihrer inneren Personen.
Wählen Sie eine Stimme, die sehr präsent für Sie ist – also vielleicht jemand, der sich ständig Sorgen macht oder eine, die an allem etwas zu mäkeln hat. Sie können natürlich auch eine positive Stimme wählen, wie z.B. jemanden, der in Ihnen immer einen coolen Spruch auf Lager hat oder eine Stimme, die für alle und jeden Verständnis zeigt.
Nähern Sie sich der Stimme, mit der Sie einen inneren Dialog führen wollen, offen und neugierig. Sie sollten mit dem Wunsch in den Dialog gehen, diesen Teil in sich kennen zu lernen und möglichst nicht bereits mit einem fertigen Bild.
Auch sollten Sie sich mit Vorwürfen zurückhalten, so sehr Sie diese Stimme vielleicht auch nerven mag. Es geht nicht darum, den Teil abzuschaffen oder endlich “in den Griff zu bekommen”. Es geht einzig und allein darum, dass Sie diesen Teil besser verstehen und dass dieser Teil Sie besser versteht. Lassen Sie sich von der Wirkung dieses Ansatzes überraschen.
Schriftlichkeit ist wichtig
Extra-Tipp
Probieren Sie ruhig auch einmal aus Ihre beiden Hände für diesen schriftlichen Dialog zu nutzen – also schreiben Sie alles, was Sie fragen und sagen mit ihrer “normalen” Hand und lassen Sie die Stimme mit Ihrer nicht-dominanten Hand antworten. Das kann den Prozess sehr positiv unterstützen.
Einen solchen inneren Dialog führen Sie am besten schriftlich. Man kann ihn zwar auch in Gedanken führen, aber da ist die Gefahr recht groß, dass man sich darin verfängt und am Ende wenig Klarheit gewinnt. Wenn Sie hingegen auf dem Papier mit einer inneren Stimme sprechen,
- reduziert das einmal das Tempo (wir schreiben langsamer als wir denken),
- es sorgt für etwas mehr Abstand
- und Sie haben am Ende die Möglichkeit, den Dialog noch einmal anzuschauen und nachzuvollziehen.
Literatur
- Artho S. Wittemann: Die Intelligenz der Psyche
- Friedeman Schulz von Thun: Miteinander reden 3
- Piero Ferrucci: Werde was du bist
- Erika J. Chopich, Margaret Paul: Aussöhnung mit dem inneren Kind





Ich arbeite gern gestalttherapeutisch mit den inneren Stimmen. Dabei finde ich es ganz spannend für die Klienten, wenn sie der Person ein Geschlecht zuordnen sollen - DER innere Kontrolleur fühlt sich ggfls. ganz anders an als DIE Kontrolleurin, in der Frau kann auch ein unentdeckter wilder kleiner Junge stecken bzw. im Mann ein zartes kleines Mädchen; DIE Versorgerin hat andere Eigenschaften als DER Versorger.
Manchmal sind beide Aspekte vorhanden, oft nur einer - und das gibt gelegentlich Aufschluss darüber, welche Bezugsperson diese Stimmen ursprünglich geprägt hat. Schaut man sich dann deren Lebensgeschichte näher an, z.B. die der Großmutter, kann man oft verstehen, warum man nach Mustern handelt und noch Werte mit sich herumträgt, die im eigenen Leben gar keinen Sinn mehr machen, für die prägende Person aber überlebenswichtig waren (z.B. Verdrängen in der Kriegszeit).
Und dann kann man sie liebevoll dahin zurückgeben, wo sie herstammen, z.B. in einer Art innerlichem Film der Großmutter sagen: "Für Dich war das wichtig und sinnvoll, und Du wolltest mich damit schützen, dass Du mir das mitgegeben hast. Danke dafür, und ich gebe Dir dieses Geschenk jetzt zurück, denn ich lebe in einer anderen Zeit, mein Leben ist von Deinem verschieden und braucht andere Qualitäten".
Das kann man natürlich auch schriftlich machen, aber in der Imagination sieht man meist den Prozess der dankbaren Rückgabe deutlicher und kann auch von diesen (ehemals) leibhaftigen Personen den Abschied leichter gestalten.
Solche Arbeiten und ihr Erfolg zeigen deutlich den Wert einer gut recherchierten Ahnenforschung, denn so manches Mal resultieren unsere Verhaltensmuster aus Erfahrungen, die unsere Vorfahren unter ganz bestimmten Umständen gemacht haben, die aber für uns keineswegs gelten müssen. Und so manche Krankheit oder Reaktionsschwäche wird gar nicht über die Gene vererbt, sondern über Muster weitergegeben, die sich unerkannt durch die Generationen ziehen und epigenetisch unseren Stoffwechsel beeinflussen.
Da immer mehr ältere Menschen dement werden, sollte man die Suche nach noch verfügbaren Informationen nicht zu lange aufschieben, sonst ist manches unwiederbringlich verloren, was Verwandte und Bekannte noch beitragen könnten.
Eine schöne Woche wünscht
Marietta