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Die Sache mit den Erwartungen... (Seite 4 von 5)

Zu gefährlichen Klippen in jeder Partnerschaft können auch die jeweiligen Erwartungen an den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin werden. Deswegen macht es Sinn, sich einmal ausführlich mit diesem Thema zu befassen.

Ich habe doch keine besonderen Erwartungen!

Direkt danach befragt, werden wahrscheinlich die meisten von uns bestreiten, dass wir zu hohe Erwartungen an unsere/n Partner/in haben. Wir schätzen unsere eigenen Erwartungen als ganz normal und keineswegs überhöht ein.

Ein Satz den man hier oft hört ist:

“Das kann man doch schließlich erwarten, oder?”

Tatsächlich aber liegt die Entscheidung darüber, ob eine Erwartung zu hoch ist oder nicht, nicht nur bei Ihnen, sondern vor allem auch bei Ihrem Partner. Er oder sie kann etwas, das Ihnen als ganz selbstverständlich erscheint, durchaus als Zumutung empfinden. Hinzu kommt, dass sich im Laufe einer Partnerschaft oft ganz unbemerkt immer mehr Erwartungen ansammeln. Eine oder zwei davon, sind nachvollziehbar, ja sogar erfüllbar. In der Summe aber werden sie zu einer Last.

Hier haben wir einige Beispiele von Erwartungsfeldern, die in vielen Partnerschaften vorkommen, zusammengestellt. Vielleicht finden Sie sich ja bei der einen oder anderen Aussage wieder?

Verantwortungsverschiebung

“Beschäftige mich! Mach mich glücklich! Rette mich!

In vielen Partnerschaften erwartet der eine vom anderen,

Nun klingt das zunächst harmlos und auch nachvollziehbar. Natürlich möchten wir vom anderen verwöhnt und glücklich gemacht werden und wir wünschen uns Unterstützung. Aber hier ist sehr entscheidend, wie hoch unsere Erwartungen in dieser Hinsicht sind.

Jeder sollte sich in diesem Zusammenhang eines klarmachen: ein anderer kann uns zwar Freude bereiten und kann uns etwas Gutes tun, aber er kann uns nicht dauerhaft glücklich machen. Das Gefühl von Glück und Zufriedenheit muss aus uns selbst heraus entstehen. Wollen wir innere Löcher mit einem anderen Menschen stopfen, so stellt das eine Überforderung des anderen dar und führt außerdem zu einer Abhängigkeit, die für eine Partnerschaft fast immer schädlich ist.

Genauso ist die Erwartung, dass der andere uns beschäftigen soll, zu hoch, wenn sie ständig gestellt wird. Natürlich ist es schön, wenn der andere sich etwas für uns überlegt und wir gemeinsam etwas unternehmen. Aber jeder Mensch hat auch sein eigenes Leben und kann nicht zum Alleinunterhalter des Partners werden.

Hier wird deutlich, dass wir häufig mit unseren Erwartungen unsere eigene Verantwortung für unser Wohlbefinden und unsere Zufriedenheit tendenziell auf den anderen abwälzen wollen. Und damit überfordern wir nicht nur den anderen, sondern dauerhaft auch die Beziehung selbst.

Gedankenlesen

“Wer mich liebt, weiß, was ich brauche!”

Ein weiterer – meist unbewusster – Aspekt im Zusammenhang mit unseren Erwartungen ist folgender: Wir denken, der andere müsste wissen, was wir uns wünschen und was wir brauchen. Gleichsam als ob die Liebe es uns ermöglicht, die Gedanken des anderen zu lesen, erwarten wir, dass unser Partner genau spürt, wonach wir uns sehnen und weiß, was er oder sie tun muss.

Das ist ein klarer Fall von viel zu hohen Erwartungen! Man lernt sich zwar über die Zeit immer besser kennen, aber dennoch kann niemand in den anderen hineinschauen. Und das ist auch gut so.

Erwartungen die darauf abzielen, der andere müsste Gedanken lesen können, führen so gut wie immer zu Enttäuschungen und Frust auf beiden Seiten.

Erpressungsversuche

“Wenn du mich wirklich liebst, tust du das für mich!”

Was die Sache mit den Erwartungen an unseren Partner besonders tückisch macht ist die Tatsache, dass wir bei den Menschen, die wir lieben, viel leichter über bestimmte Grenzen gehen. Hier neigen wir schnell dazu, unsere Wünsche auch mit unfairen Mitteln durchsetzen zu wollen. Kleine und große Erpressungsversuche sind in vielen Partnerschaften mehr die Regel als die Ausnahme.

Den anderen mit allen Mitteln dazu bringen zu wollen, was man will, zeigt grundsätzlich einen Mangel an Respekt. Wir gestehen dem anderen nicht zu, sich frei zu entscheiden, sondern er oder sie soll unsere Erwartungen um jeden Preis erfüllen – schließlich liebt uns unser Partner doch, oder?

Da sich kaum jemand gerne herumkommandieren lässt, sind Streits und Kämpfe vorprogrammiert. Und wenn die Erpressung gelingt, bleibt auf jeden Fall ein schaler Geschmack zurück.

Wunsch oder Bedingung?

Grundsätzlich gilt: Uns etwas vom anderen zu wünschen, ist eine Sache, es aber zu erwarten und an diese Erwartung auch noch Bedingungen zu knüpfen, ist eine ganz andere.

Selbstverständlich können Sie sich von Ihrem Partner wünschen, dass er aufmerksam ist und sich um Sie sorgt. Wenn Sie aber verletzt, beleidigt oder wütend reagieren, falls die erhoffte Aufmerksamkeit ausbleibt, so handelt es sich nicht mehr nur um einen Wunsch und nicht einmal um eine Bitte, sondern um eine knallharte Erwartung. Wird nämlich unsere Erwartung nicht erfüllt, folgen Sanktionen, wie z.B.:

Der andere hat also im Grunde kaum Wahlmöglichkeiten – er kommt der Erwartung nach oder es gibt Ärger. Wir haben es hier demnach eher mit Befehlen als mit Wünschen an den anderen zu tun. Wer wagt, einmal dahin zu schauen, dass viele Erwartungen in einer Partnerschaft tatsächlich oft Befehle sind, hat bereits einen großen Schritt getan, um diese Klippe in Zukunft umschiffen zu können.

Die Sache mit den zwei Seiten

Was das Thema “Erwartungen” angeht, wird auf beiden Seiten meist noch eine ganz wichtige Sache übersehen: nicht nur ich, sondern auch der andere hat Wünsche und Bedürfnisse. Meine Erwartungen können diesen unter Umständen vollkommen entgegenlaufen, was zu einem Interessenkonflikt führt. Der andere müsste sich also ggf. selbst unterdrücken, um unseren Erwartungen entgegenzukommen. Wo aber bleiben dann seine Bedürfnisse und Erwartungen?

Hier entsteht viel Konfliktpotential. Im Folgenden haben wir einige Tipps und Übungen für Sie, wie Sie dieses Konfliktpotential reduzieren können.

3 Schritte gegenseitige Erwartungen in den Griff zu bekommen

Wie kann man nun im Beziehungsalltag mit dem Thema Erwartungen so umgehen, dass sie unsere Partnerschaft nicht übermäßig belasten?

Probieren Sie es einmal mit den folgenden drei Schritten:

Schritt 1: Erwartungen herausfinden

Weil wir, wie weiter oben schon beschrieben, dazu neigen, unsere eigenen Erwartungen an den anderen zu unterschätzen, ist es zunächst ganz wichtig, herauszufinden, was wir tatsächlich vom anderen erwarten.

Die folgende Übung führen Sie bitte beide durch – aber jeder für sich allein. Sie hilft Ihnen dabei, überhaupt einmal eine Vorstellung von Ihren Erwartungen dem anderen gegenüber zu bekommen.

Übung

Vervollständigen Sie für mind. 5 Minuten (bitte stellen Sie sich dazu eine Zeitschaltuhr) immer wieder den Satzanfang “Er sollte…” bzw. “Sie sollte…

Beispiel:

  • Er / Sie sollte aufmerksamer sein
  • Er / Sie sollte pünktlich sein.
  • Er / Sie sollte weniger trinken.
  • usw.

Schreiben Sie bitte auch dann noch ein Weilchen weiter, wenn Ihnen nichts mehr einzufallen scheint. Oft kommen dann nach kurzer Zeit noch ganz andere Gedanken.

Erschrecken Sie nicht, wenn Sie erkennen, dass Ihre Erwartungen an den anderen deutlich höher und vielfältiger sind, als Sie dachten. Das ist ganz normal.

Hier ist Einsicht der erste Weg zur Besserung, denn allein zu erkennen, dass man – ggf. zu – hohe Erwartungen hat, hilft uns

  1. dabei, sie nach und nach zu reduzieren und
  2. lässt uns das nachsichtiger mit dem anderen werden, wenn er oder sie diese nicht erfüllt.

Schritt 2: Erwartungen überpüfen und ggf. reduzieren

Wenn wir nun – vielleicht zum ersten Mal – unsere Erwartungen an den anderen klarer sehen, steht es an, diese einmal ganz systematisch zu durchleuchten. Und zwar einerseits dahingehend, wie wichtig sie uns sind und zum anderen in Hinblick darauf, was wir vom anderen wirklich verlangen können. Hier ist einiges an Ehrlichkeit mit sich selbst gefordert und das ist nicht immer angenehm. Auch diesen Schritt machen Sie bitte beide, jeder für sich.

Nehmen Sie dazu die Liste, die Sie aus der obigen Übung erstellt haben und nutzen Sie die folgenden Denkfragen, um Ihre Erwartungen einzeln durchzugehen:

Erstellen Sie dann eine neue Liste, auf der nur noch die Erwartungen an den anderen stehen, die Ihnen

Diese Liste sollte nun schon um einiges kürzer sein als die erste, oder? Gehen Sie nun auch diese Liste noch einmal durch und notieren Sie die Antwort auf folgende Frage auf einem Extrablatt Papier:

Schritt 3: Erwartungen kommunizieren

Nun geht es darum, dass Sie sich gemeinsam als Paar über Ihre Erwartungen aneinander austauschen. Wenn wir wissen, was der andere von uns erwartet, fällt es uns viel leichter, entweder seinen Wünschen nachzukommen oder auch die möglicherweise enttäuschten Reaktionen einzuordnen, wenn wir es nicht tun.

Sie haben durch die beiden ersten Schritte viel über Ihre persönlichen Erwartungen nachgedacht und können sich über Ihre Erkenntnisse austauschen. Es wir dem anderen z.B. sehr gut tun, zu erfahren, dass wir selbst sehen, dass unsere Erwartungen an vielen Stellen doch deutlich zu hoch waren. Auf diese Weise können sehr klärende und lösende Gespräche entstehen.

Über die Erwartungen, die Ihnen beiden sehr wichtig sind, sollte besonders offen gesprochen werden. Teilen Sie dem anderen so konkret wie möglich mit, was Sie sich wünschen – aber gestehen Sie ihm oder ihr auch zu, diese Erwartung nicht 100%ig erfüllen zu können oder zu wollen. Reden Sie miteinander über Ihre Gefühle, über die Ängste, die Sie haben, wenn Sie von den Erwartungen des anderen hören oder die Sie spüren, wenn Sie Ihre dem anderen mitteilen wollen.

Wichtig: Seien Sie dabei besonders behutsam und achtsam miteinander, denn es geht hier um sehr persönliche und verletzliche Themen. Solche offenen Gespräche können mit dem nötigen Respekt Ihrer Beziehung zu einem stabilen und wohltuenden Fundament verhelfen und viele Streits in Zukunft verhindern.