Was Sie nicht tun oder sagen sollten, wenn jemand depressiv ist (Seite 2 von 3)

deprimiert

Um zu verstehen, was man nicht tun sollte, müssen Sie versuchen, sich in die Situation des deprimierten Menschen hineinzuversetzen. Alles, was der Depressive negativ gegen sich auslegen kann, verstärkt die Depression. Das Schlimme ist, dass es im Wesen der Krankheit Depression liegt, dass der Betroffene so gut wie alles gegen sich selbst verwenden wird.

Hier finden Sie einige Verhaltensweisen, die Sie besser unterlassen sollten, wenn Sie einem deprimierten Menschen helfen wollen. Achten Sie einmal auf die Gedankengänge und versuchen Sie zu verstehen, was in dem Depressiven vorgeht.

Trivialisieren Sie die Depression oder depressive Stimmung nie

Versuchen Sie nicht, die Depression herunterzuspielen oder so zu tun, als wäre das alles nicht so schlimm. Ein depressiver Mensch leidet wirklich und wenn Sie sein Leiden herunterspielen, machen Sie die Situation für den Depressiven noch schlimmer. Ein harmloser Satz wie z.B. “Schau doch mal aus dem Fenster, wie schön die Sonne scheint” wirkt auf eine depressive Person furchtbar. Einerseits ist das Wetter vollkommen bedeutungslos für jemanden, der tief in einer Depression steckt. Und andererseits will er sich ja freuen können und weiß, dass es nicht angemessen ist, bei schönem Wetter deprimiert zu sein. So wird der Sonnenschein draußen als persönliches Scheitern erlebt und verstärkt noch die Depression.

Vergleichen Sie die Depression nicht mit Ihren eigenen Stimmungen

Sie sollten dem anderen auch nicht sagen, dass Sie selbst ebenfalls öfter deprimiert sind und dass Sie alles deshalb gut verstehen können. Erstens ist es wichtig, einen depressiven Menschen mit seinem Leid ernst zu nehmen und zweitens wäre die Tatsache, dass es auch Ihnen schon schlecht ging, keine Hilfe. Der andere fühlt sich dann eher noch schlechter oder bekommt das Gefühl, dass er mit seinem Leid gar keine Berechtigung hat, weil es anderen noch schlechter geht. Auch das wäre wieder ein weiterer Auslöser, sich noch deprimierter zu fühlen.

Sagen Sie nichts, was Schuldgefühle bereitet

Vermeiden Sie es auf jeden Fall, etwas zu sagen, was bei dem Deprimierten Schuldgefühle auslösen könnte. Weisen Sie ihn oder sie z.B. nicht daraufhin, wie gut er oder sie es doch hat oder dass es so viele Menschen gibt, die viel schlimmer dran sind. Auch der Hinweis, dass der Depressive andere Menschen belastet und ihnen Sorgen macht, ist überhaupt nicht hilfreich. Schuldgefühle sind in den meisten Fällen ein Hauptelement der Depression und ein Mehr an Schuldgefühlen verschärfen auch die Depression.

Versuchen Sie nicht, dem anderen durch Provokation zu helfen

Viele Menschen werden angesichts eines depressiven Menschen hilflos und reagieren oft aus dieser Hilflosigkeit heraus aggressiv. Sie versuchen den anderen dann vielleicht zu provozieren und so aus seinem seelischen Tief herauszubekommen. Tun Sie das nicht. Jemand, der deprimiert ist, kann mit Ihren Provokationen nicht umgehen. Sie werden ihn oder sie nur noch darin bestätigen, “nichts wert zu sein”.

Versuchen Sie nicht, den anderen aufzuheitern

Viele versuchen, einen deprimierten Menschen mit kleinen Witzen oder Späßen aufzuheitern. Das ist lieb gemeint, wird aber nicht funktionieren. Im Gegenteil – damit zeigen Sie dem anderen nur noch mehr, dass er nicht in der Lage ist, “normal” zu sein und über bestimmte Dinge zu lachen. Jeder Witz, über den der Depressive nicht lachen kann, ist ein weiterer Verstärker der depressiven Stimmung. Es ist für ihn oder sie wie ein Scheitern und wird als persönliche Unzulänglichkeit empfunden.

Glauben Sie nicht, die Therapeutenrolle übernehmen zu können

Auch wenn Sie vielleicht ein paar Artikel oder Bücher über Depressionen gelesen haben, sind Sie noch lange nicht dazu befähigt, dem anderen wirklich zu helfen. Helfen kann allenfalls ein Fachmann und selbst das erst dann, wenn die akute Phase der Depression abgeklungen ist. Unterlassen Sie deshalb auf jeden Fall gutgemeinte Versuche, die Ursachen zu finden und die Person zu analysieren, indem Sie in der Vergangenheit, Kindheit oder Ehe des Betroffenen herumbohren. Das steht Ihnen weder zu, noch können Sie das leisten, noch wird es helfen.

Spielen Sie nicht den Handwerker

Gerade wenn uns der deprimierte Mensch wichtig ist, möchten wir gerne helfen. Uns fallen dann hundert Dinge ein, die der andere doch tun könnte, damit es ihm besser geht. Das Problem ist ja aber gerade, dass der andere in seiner Depression eben nichts tun kann. Und durch gut gemeinte praktische Tipps fühlt er oder sie sich noch unzulänglicher. Auch der Vorschlag, z.B. eine einfache Entspannungstechnik anzuwenden, kann dieses Gefühl auslösen.

Vermeiden Sie “schlaue Sprüche”

Überhaupt nicht hilfreich sind kluge Sprüche, die vielen Menschen in solchen Situationen einfallen, wie z.B. “Ja, wir alle haben unser Kreuz zu tragen.” oder “Jeder ist für sich selbst verantwortlich – es liegt bei Dir selbst, Dich besser zu fühlen.” oder “Jeder hat mal einen schlechten Tag – das geht vorbei.” Mit solchen Sprüchen zeigen Sie nur, dass Sie nicht verstanden haben, dass eine Depression ein echtes Leiden ist, aus dem der oder die Betroffene in diesem Moment nicht herauskommt. Aktiv werden und etwas ändern kann ein Depressiver nur nach der akuten Depression.

Zusammengefasst: Sagen Sie also bitte nie so etwas wie…

  • “Hör doch einfach mit dem Jammern auf.”
  • “Was willst du eigentlich – dir geht es doch so gut.”
  • “Reiß dich doch mal zusammen.”
  • “Das alles entsteht doch nur in deinem Kopf – hör’ einfach auf damit!”
  • “Niemand hat je gesagt, dass das Leben einfach ist.”
  • “Hör auf, dich selbst zu bemitleiden.”
  • “Sei nicht so kindisch.”
  • “Es gibt eine Menge Menschen, denen es viel schlechter geht – die würden gerne mit dir tauschen!”
  • “Es gibt soviel, für das du dankbar sein kannst.”
  • “Na ja, deprimiert ist ja jeder mal.”
  • “Morgen ist ein besserer Tag.”
  • “Nun lach doch mal!”
  • “Lass dich nicht so hängen – geh raus und tu etwas, mach ein bisschen Sport und geh unter Leute.”
  • “Wenn du lächelst, siehst du viel schöner aus.”
  • “Versuchs doch mal mit einem heißen Bad, das entspannt (oder einem Kamillentee, einem Stück Schokolade usw.)”
  • “Dabei ist heute so ein wunderschöner Tag!”
  • “Denk doch mal an deinen armen Mann (die Frau, die Kinder, die Mutter), der macht sich doch Sorgen. So etwas hat der nicht verdient.”
  • “Denk doch mal an was Schönes.”

All das sind Sätze, die einen deprimierten Menschen eher noch tiefer in seine schwarze Stimmung stürzen. Unterdrücken Sie bitte unbedingt solche oder ähnliche Äußerungen.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, was Sie statt dessen sagen oder tun können.

« Vorherige Seite Nächste Seite »

Wie finden Sie den Beitrag?
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (269)
Loading ... Loading ...

Kommentare

Mirko D. Walter schreibt am 8. Dezember 2011

Hinweis: Die Verlinkung auf die Seite 2 und 3 in der Liste funktioniert nicht ;)

Guter Artikel!

Lucia schreibt am 9. Dezember 2011

Danke.
Der Mensch, der in der Depression steckt, weiß nicht, welches Wort ihm hilft.
Der Mensch daneben weiß es auch nicht.
Der Artikel zeigt, wie aus dieser Wortlosigkeit Hoffnung wachsen kann.
Danke.

Viele Grüße
Lucia

Sylvia schreibt am 11. Dezember 2011

Sehr stimmiger Artikel!!!!!
Ich hatte das große Glück während meiner Depression eine Freundin an meiner Seite zu haben, die sich genau so verhalten hat , wie Sie es hier empfehlen. Natürlich auch andere, die damit große Schwierigkeiten hatten. Es ist eine sehr belastende und bedrohliche Lebenssituation für alle Beteiligten und aus meiner Erfahrung raus kann man wirklich helfen durch viel Information. Denn wenn man etwas ( zumindest im Ansatz) besser versteht, findet man Wege damit umzugehen bzw. zu helfen.

Viele Grüße

Sylvia

Kirstin schreibt am 11. Dezember 2011

Danke für den Artikel und die hilfreichen Ausführungen. Auch die Literaturempfehlungen hören sich gut an. Ich habe eine depressive Freundin und muss sagen, dass ich mich selbst oft schuldig fühle, weil ich nicht so da sein kann, wie ich es von mir erwarte….aber – ich kann es einfach manchmal nicht mehr hören. Dieses ewige Kreisen um die immer gleichen Dinge….die Schwere kriecht mir in alle Knochen und saugt alles Leben aus mir heraus, so fühlt es sich manchmal an. Und in Phasen, wo ich selbst froh bin, den Kopf über Wasser zu haben, ist mir dies einfach zu viel. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die liebend da sind und ‘das gemeinsam durchstehen’….

Hexe schreibt am 11. Dezember 2011

Hallo,
entschuldigt bitte, aber mir ist das alles ein bißchen zuviel: Armes Opfer (nur der Depressive). Aus der Erfahrung in meinem Umfeld bleibt der Partner (oder auch andere Familienangehörige) eines Depressiven nicht selten völlig auf der Strecke. Und das vor allem dann, wenn der depressive Partner therapieresistent ist, sich also nicht von Außen helfen lassen will. Es kann ja wohl nicht sein, dass der Kranke Hilfe und Behandlung ablehnt und der Partner oder die Familie sich in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr wohl fühlen, weil sich dauerhaft alles nur noch um diese Depression dreht.
Rücksichtnahme und Unterstützung halte ich für unbedingt nötig und selbstverständlich, aber nur solange der Depressive auch selbst etwas gegen seine Krankheit unternimmt. Dann kann man ALLES gemeinsam durchstehen, wenn BEIDE dabei sind!
Ich wünsche einen schönen 3. Advent!

Monika schreibt am 11. Dezember 2011

Hallo Zusammen,

ich habe selbst schon ein paar Mal Depressionen gehabt und mich zieht der Umgamg mit manchen depressiven Menschen sehr runter. Andere kann ich begleiten und mit ihnen sein, in den Arm nehmen.

Vielleicht liegt der Unterschied darin, wie sehr sich die Depressiven selbst um Heilung bemühen. Denn mich ziehen in erster linie die herunter, die selbst jede Hilfe, jede Befassung damit ablehnen, aber von mir fordern, ich solle ganz viel Zeit mit Ihnen verbringen. Das überfordert mich und ich fühle mich immer schlecht, wenn ich gehe, weil mir dann vermittelt wird, es war zu wenig. Diejenigen, die sich um Heilung bemühen, sind oft dankbar dafür, dass ich da bin, auch wenn ich nicht oft da bin.

Aber was ist es dann: ist mir der Dank wichtig, ist es mir wichtig, etwas geben zu können, ist es mir wichtig, dass der andere mich wieder gehen läßt? Liegt es daran, welche Art der Beziehung vor der Erkrankung möglich war? Ich weiß es nicht, es ist ein sehr komplexes Thema.

einen schönen Sonntag
wünscht Monika

    susanne schreibt am 11. Dezember 2011

    Liebe Monika,
    vielleicht ist es ja unter anderem so:
    Weil Sie selbst Depression kennen, und weil Sie manche Menschen mögen, möchten und können Sie bei manchen unterstützend zur Seite stehen.
    Und weil Sie selbst Depression kennen, klingt im Kontakt nicht selten auch eigenes in der Seele an; da ist es gut, achtsam mit sich selbst zu sein und sich selbst stärkend zu Seite zu stehen.
    Für beides wünsche ich Ihnen weiterhin Kraft und Klarheit – denn beides ist so viel angemessener als das weit verbreitete ‘Ach komm, so schlimm kann’s doch nicht sein…’

Monika schreibt am 11. Dezember 2011

Das Thema läßt mir keine Ruhe. Wenn ich mich daran erinnere, wie es war, als ich sehr deprimiert war, kann ich nur sagen: es wäre mir zutiefst unangenehm gewesen, hätten Menschen sich in allem zurückgehalten, was Ihr als “was sie nicht tun sollten” aufgelistet habt. Da wäre ich mir vorgekommen, wie ein noch viel mehr verletzlicher Mensch, weil ich andere von Ihrem Sosein abgehalten hätte. Ich habe damals selbst entschieden, mit wem ich mich treffe und wenn es inkompatibel war, bin ich wieder gegangen, aber gerade das Fröhlichsein, das Lebendige hat in mir immer den Glauben gestärkt, dass ich auch wieder so lebendig sein kann und möchte und auch die vielen Tips, die ich erhielt, habe ich als Wertschätzung anderer empfunden, auch wenn ich viele damals nicht umsetzen konnte, sie mir wie in einer fremden Sprache erzählt vorkamen. Vielleicht sind Menschen in einer Depression genauso Individuen, wie Menschen ohne. Eben auch nicht alle gleich.

liebe Grüße
Monika

Gilbert schreibt am 11. Dezember 2011

TOLLER Artikel! Besonders, die falschen Sachen nicht sagen oder tun, ist wichtig. Und das ist schon richtig schwer. Danke für die Zusammenfassung.

Monika1 schreibt am 13. Dezember 2011

Hallo,

dass einzige was mich an dem Artikel stört ist, dass von “deprimiert” geschrieben wird. Deprimiert sein hat nicht wirklich was mit Depressionen haben zu tun. Ansonsten war der Artikel ganz ok.

Gruß Monika1