Was im Leben gesucht wird
Von Tania Konnerth
Inspirationen aus dem Buch "Meisterschaft: Entwicklung innerer Stärke für die Herausforderungen des Lebens" von Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan, übersetzt von Assad Peter Splieth (erscheint 2009)
Was wünschen Sie sich?
Fragte man mehrere Menschen nach ihren Erwartungen, bekämen wir vielleicht von jedem eine Liste von nicht weniger als tausend Dingen, die er sich im Leben wünscht. Und obwohl das dann alles niedergeschrieben ist, weiß einer selten was er wirklich will.
Die Illusion der äußeren Welt
Was man sich scheinbar fürs Leben wünscht ist nicht, was man wirklich wünscht, denn die Natur des äußeren Lebens ist Illusion. Sobald man das Gefühl verspürt dieses oder jenes zu wollen antwortet die Welt der Illusion, „ja, du willst mich, dies ist die besondere Sache, welche du im Leben brauchst“; meint aber ein Mensch, es ermangele ihm an etwas im Leben, sieht er nur den äußeren Mangel; er findet nicht den Mangel, der in ihm selbst liegt.
Was uns wirklich fehlt
Was wir am meisten im Leben ermangeln ist zweifellos die Einstimmung auf das Unendliche, und im Rhythmus mit dem Endlichen zu sein; in anderen Worten, im Rhythmus zu sein mit den Umständen des Lebens und eingestimmt zu sein auf die Quelle unserer Existenz.
Der Kreislauf des Wünschens
Unsere ständigen Klagen über alle Dinge des Lebens kommen daher, dass wir uns nicht im Rhythmus befinden mit den vielfältigen Umständen des Lebens, denen wir gegenübertreten müssen. Dann denken wir, wenn nur die Umstände sich unseren Wünschen gemäß veränderten, würde dies unser Leben erleichtern; dies ist jedoch eine blauäugige Erwartung. Hätten wir die, unseren Wünschen entsprechenden idealen Umstände, nicht einmal dann würden wir uns zufrieden geben; wir fänden sicher auch daran etwas auszusetzen.
Wie wird man eins mit dem Rhythmus des Lebens?
Wie wird man eins mit dem Rhythmus des Lebens beziehungsweise mit den Umständen des Lebens? Die Lebensumstände und die Wünsche eines Menschen sind im allgemeinen miteinander in Konflikt. Geben die Wünsche den Umständen nach, erlangen die Umstände die Oberhand; werden die Umstände gemeistert bekommen die Wünsche die Oberhand. Nicht immer aber bleiben bei einem Konflikt oder einem Kampf die Umstände Sieger; man muss vorsichtig sein beim Bekämpfen von Lebensumständen.
Kampf ist nicht immer der beste Weg
Wenn auf friedlichem Weg eine Harmonie herbeigeführt werden kann, so ist es besser das Kämpfen zu vermeiden, denn tatsächlich beklagen sich am meisten diejenigen über das Leben, und sind vom Leben enttäuscht und bekümmert, die auch am meisten mit den Lebensumständen kämpfen. Um Einigkeit mit den Lebensumständen zu erzielen, braucht man daher nicht immer eine Waffe.
Harmonie finden
Zuerst sollte man versuchen mit einem bestimmten Lebensumstand zu harmonisieren. Die großen Persönlichkeiten, die sich wirklich durchs Leben kämpften und den Sieg davontrugen, haben nicht gegen Umstände gekämpft; sie machten ihren Frieden mit den Umständen des Lebens. Das Geheimnis im Leben der großen Sufis in aller Welt war, dass sie günstige oder ungünstige Umstände mit dem Ziel angingen, eins zu werden mit dem Rhythmus des Lebens.
Den Fluss des Lebens erkennen
Angesichts eines angenehmen Lebensumstands haben wir oft Angst, dass er vergeht, aber bei einem schlechten Umstand denken wir im allgemeinen nicht, dass er vergeht; wir fürchten, dass er immerfort andauert. Dies entsteht aus Furcht, aus Erregung, aus dem Wunsch diesem Umstand zu entkommen, und dadurch verlieren wir sogar die Hoffnung, die einzige Quelle, die uns am Leben erhält. Wenn wir uns die Natur des Lebens ansehen, wie sich von früh bis spät alles wandelt, warum dann die Hoffnung verlieren, dass ein unangenehmer Lebensumstand sich verändert und sich vorteilhaft umwandelt?
Schlechte Erfahrungen nicht verallgemeinern
Ein Mensch verfällt der Gewohnheit das Schlimmste zu erwarten. Wer in seinem Leben schlechte Erfahrungen gemacht hat fürchtet sich vor allem, was ihm begegnet, dass er nichts Gutes erfahren wird, weil er einmal schlechte Zeiten durchgemacht hat. Er denkt, dass es jeden anderen besser trifft als ihn, weil er unter einem schlechten Stern geboren wurde.
Auch gibt es viele einfallsreiche und intelligente Menschen, die jeden Tag Zeitungen lesen und immer das Schlimmste befürchten. Jeder unbedeutende Konflikt, über den sie lesen gibt ihnen die Überzeugung, dass die Welt in Trümmer gehen muss. An Astrologie interessierte Menschen gehen noch weiter und erwarten alljährlich und monatlich das Ende der Welt. Das gibt ein Unterhaltungsthema beim Abendessen und gleichzeitig versetzt es denen einen Schock, die ein bisschen länger leben möchten als bis zum Ende der Welt. Viele solcher Weltuntergangsszenarien sind vorübergegangen, aber die Prophezeiung und Erwartung bleibt erhalten und dauert fort. Daher ist es das Beste alle Umstände, die uns das Leben bringt, mit Geduld, Verständnis und offenen Augen zu bewältigen, und zu versuchen uns mit kleinen Schritten, die wir machen können, darüber zu erheben.
Auf das Unendliche einstimmen
Die Einstimmung auf das Unendliche gelingt uns über den Weg der Stille, über Meditation, durch das Denken an etwas, das jenseits und über allen Dingen dieser sterblichen Welt liegt; Es wird erreicht, indem wir uns einige Augenblicke unseres Lebens auf unser aller Quelle und Ziel einstimmen und erkennen, dass allein in dieser Quelle das Geheimnis unseres Glücks und unseres Friedens liegt.
Die Natur des Einklangs
Die Bedeutung der Einstimmung mit dem Unendlichen ist diese: vergleichen wir unsere Seele mit der Saite eines Instruments, so ist diese an beiden Enden befestigt; ein Ende ist das Unendliche, das andere das Endliche. Wer sich stets des Endlichen bewusst ist, ist auf das Endliche eingestimmt; wer sich des Unendlichen bewusst ist, ist auf das Unendliche eingestimmt. Auf ersteres eingestimmt zu sein begrenzt uns, macht uns schwach, hoffnungslos und kraftlos; aber durch die Einstimmung auf letzteres bekommen wir die Kraft und Stärke, die uns, aller widrigen Umstände zum Trotz, durchs Leben bringt.
Mit dem Leben gehen
Wie bringt man diese Übereinstimmung mit dem Leben zustande, anstatt sich vor den Lebensumständen zu ängstigen? Indem man das Leben annimmt, es genau beobachtet, und sich ferner für den Zeitraum, in dem ein Umstand auf einen wirkt, selbst harmonisiert. Die nächste Anstrengung besteht darin, sich über den Umstand zu erheben wenn es ein ungünstiger ist.
Ein Gleichnis
Einst schlief ein junger Araber auf einer Wiese und es geschah, dass eine Schlange über seine Hand kroch, und schlafend hielt er die Schlange mit aller Kraft fest. Die hilflose Schlange konnte nicht beißen, aber sobald der junge Mann erwachte, bekam er es angesichts der Schlange in seiner Hand mit der Angst zu tun und ließ die Schlange sofort los. Die Schlange biss sofort zu, sobald sie von der Hand befreit war. Man kann eine Angelegenheit besser bewältigen solange man sie in der Hand hat; öffnet sich die Hand, dann entgleitet die Sache.
Ein Beispiel
Es besteht zum Beispiel die natürliche Tendenz es einem unangenehmen Menschen, der die Beherrschung verliert, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Das Resultat ist ein Streit, der in Enttäuschung mündet. Ist aber ein Mensch unangenehm und verliert seine Beherrschung, dann ist er der Schwache und dies ist die Zeit, wo du mit ihm fertig werden kannst. Dies ist die Zeit, wo die Situation in deiner Hand ist, wenn er schwach ist und du bist stark.
Die Umstände annehmen und verbessern
Der Punkt ist, einem Lebensumstand mit Verstehen und mit völliger Ergebung zu begegnen. Zuerst nimmt man einen Umstand an, wie er ist, und dann verbessert man den Umstand. Je mehr man Konflikte vermeiden kann, desto besser; dennoch können wir Konflikte nicht immer vermeiden und wir dürfen sie nicht fliehen, wenn sie zu uns kommen. Letzten Endes ist das Leben ein Kampf und wir müssen bereit sein zu kämpfen. Nur darf uns der Kampf nicht trunken machen, so dass wir den Weg des Friedens verlassen, welcher als erstes bedacht werden will. Wir dürfen nicht wie ein Boxer sein, der ständig nach jemandem Ausschau hält, mit dem er sich schlagen kann.





