Spuren am Weg

spuren im herz

Es war einmal ein Vater, der zwei Söhne hatte. Je älter und gebrechlicher er wurde, desto mehr dachte er über sein Leben nach. Und manchmal kamen ihm Zweifel, ob er seinen Söhnen wohl das Wichtigste für ihr Leben weitergegeben hatte.

Weil ihm diese Frage nicht losließ, beschloss der Vater seine Söhne mit einem besonderen Auftrag auf eine Reise zu schicken. Er ließ sie zu sich kommen und sagte: “Ich bin alt und gebrechlich geworden. Meine Spuren und Zeichen werden bald verblassen. Nun möchte ich, dass Ihr in die Welt hinaus geht und dort Eure ganz persönlichen Spuren und Zeichen hinterlasst.”

Die Söhne taten, wie ihnen geheißen und zogen hinaus in die Welt.

Der Ältere begann sogleich eifrig damit, Grasbüschel zusammenzubinden, Zeichen in Bäume zu schnitzen, Äste zu knicken und Löcher zu graben, um seinen Weg zu kennzeichnen.

Der jüngere Sohn jedoch sprach mit den Leuten, denen er begegnete, er ging in die Dörfer und feierte, tanzte und spielte mit den Bewohnern.

Da wurde der ältere Sohn zornig und dachte bei sich: “Ich arbeite die ganze Zeit und hinterlasse meine Zeichen, mein Bruder aber tut nichts.”

Nach einiger Zeit kehrten sie zum Vater zurück.

Der nahm dann gemeinsam mit seinen Söhnen seine letzte und beschwerliche Reise auf sich, um ihre Zeichen zu sehen.

Sie kamen zu den gebundenen Grasbüscheln. Der Wind hatte sie verweht und sie waren kaum noch zu erkennen. Die gekennzeichneten Bäume waren gefällt worden und die Löcher, die der ältere der beiden Söhne gegraben hatte, waren fast alle bereits wieder zugeschüttet.

Aber wo immer sie auf ihrer Reise hinkamen, liefen Kinder und Erwachsene auf den jüngeren Sohn zu und freuten sich, dass sie ihn wiedersahen und luden ihn zum Essen und zum Feiern ein.

Am Ende der Reise sagte der Vater zu seinen Söhnen: “Ihr habt beide versucht, meinen Auftrag, Zeichen zu setzen und Spuren zu hinterlassen, zu erfüllen. Du, mein älterer, hast viel geleistet und gearbeitet, aber deine Zeichen sind verblichen. Du, mein jüngerer, hast Zeichen und Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen. Diese bleiben und leben weiter.”

Stiegler Herbert, nach
einem afrikanischen Märchen,
leicht umgeschrieben

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Kommentare

Torsten Fleischer schreibt am 16. Juni 2013

Hallo,

danke für diese schöne Mär – nichts ist nachhaltiger als die Spur im Herzen eines anderen Menschen.

Grüße aus Berlin

Torsten Fleischer

christel wohlleber schreibt am 16. Juni 2013

Diese kleine Geschichte hat mich sehr berührt. Wie oft laufen wir den materiellen Dingen hinterher ohne es selbst zu bemerken. Dabei ist es wirklich wichtiger Freude, gute Gespräche und ein echte Anteilnahme zu leben. Und das Beste: das kostet keinen Cent.
Danke fürs erden.
Grüße aus dem Taunus
Christel

Heide-Rose Decurtins schreibt am 16. Juni 2013

EIne wunderbare Geschichte – danke. Ein gutes Gespräch mit Freunden und Menschen die uns irgendwo begegnen – ein liebevolles Lächeln – eine liebevolle Handreichung, ein respektvolles Miteinander – so bleiben wir in den Herzen unserer Mitmenschen – auch – wenn wir nicht mehr da sind.
Herzliche Grüsse aus Basel

testsiegerin schreibt am 16. Juni 2013

Wie wohltuend die Geschichte nach dem Artikel mit der Impulskontrolle.

Christel Klein schreibt am 16. Juni 2013

Die erste Geschichte der verlorenen Tochter habe ich gelebt.

Und

durch …möchte ich jeden Tag nach meinen, ich finde, bei mir von Gott bestimmten Impulsen leben und erlebe dadurch ein Turboleben, was mich traurig, Sekunden/Minuten/Stunden/Tage/Jahre!? im Moment/vielleicht Spuren? sehr glücklich macht.

Christel Klein schreibt am 16. Juni 2013

Ich kann Ihnen nicht schreiben, wie diese A. mir heute helfen, mein Leben wirklich so zu leben. Vorvorvorgestern hätte, könnte ich, warum nicht eher?
Nach schwerer Krankheit – Nov. – Mai) lerne ich mein Leben zu leben und werde gebremst oder auch nicht, (nicht) dahin zu gehen ..,dorthin zu gehen..sondern ….? – ich kann wieder lachen und tiefe Freude bestimmt mein Leben und sonst fliehe ich, wenn ich kann…

Annett schreibt am 16. Juni 2013

Eine wundervolle Geschichte, die mal wieder zeigt dass am Ende des Lebens nicht zählt wie viele Stunden man im Büro verbracht hat, sondern wie und was man gelebt hat. (Nach einem Spruch auf einer Postkarte)

maexchen schreibt am 17. Juni 2013

Schön!!!!!!!!!!!!!!!

Alexa schreibt am 17. Juni 2013

Die Geschichte ist … schon sehr schön zu lesen, doch werden nur die Wenigsten von ihren Eltern losgeschickt um “Spuren” für die “Ewigkeit” zu setzen. Das braucht es auch nicht, denn jeder setzt in seinem Leben, wie lang man auch leben mag, leben darf, schon mit der Geburt seine Spuren für andere zu hinterlassen. Klar, es kommt einmal die Zeit, das versucht man bewußt, mit Herz und Verstand, seine Spuren zu setzen, doch ohne einen “Auftrag seiner Eltern, oder auch nur des Vaters. Die einen schreiben Bücher, andere singen Lieder die man nie vergisst, andere malen schöne Bilder und wieder andere zeigen sich so, wie man Menschen gerne genießen möchte. Auch ein Lächeln, ein nettes Wort, oder eine kleine Berührung zur rechten Zeit, kann für immer eine Spur im Gedächtnis und auch dem Herzen, derer die es empfangen haben, setzen. Ich wurde auch nicht bewusst in die Welt geschickt, um meinen Vater zu zeigen, wo überall ich meine Spuren hinterlassen habe, welche anderen Freude bereiten sollen. Übrigens, nur wenn ich selbst Freude habe, kann ich Freude schenken. Freude die nie in Vergessenheit gerät.

Alex

Martin schreibt am 17. Juni 2013

Auch Menschen sind vergänglich. Bereits die nächste Generation wird den jüngeren Sohn überwiegend nicht mehr kennen. Das heißt, auch dieses “Zeichen” wird verblassen. Damit es angesichts von mehreren Milliarden Menschen zu einem Zeichen, das über eine Generation hinausreicht, kommt, muss es sich schon um besondere Taten gehandelt haben, im Guten wie im Schlechten. Martin Luther King fällt mir ein, aber auch Adolf Hitler.
Mir gefällt die Geschichte ganz und gar nicht. Eine Anstrengung ist eine Anstrenung. Wenn Sie unternommen wird, um das Zusammenleben der Menschen erträglicher zu machen, dann darf es keine Rolle spielen, ob die Person direkt mit anderen Menschen umgeht oder nur indirekt. Für mich ist jedenfalls der Forscher, der in seinem Labor an einem Krebsheilmittel arbeitet, genauso wertvoll wie ehrenamtliche Seniorenbetreuerin.
Das Problem bei der Geschichte ist, dass die Zeichen des Älteren einfach nur um ihrer selbst willen gemacht wurden und ansonsten sinnlos sind. Daraus generell abzuleiten, dass die direkt für andere Menschen aufgewandte Zeit sozusagen das höchste Gut sei, ist doch ein etwas gewagter bzw. konstruierter Gedankensprung.