Schwarzweiß
An einem hellen Sonnentag entschieden Schwarz und Weiß, die Lichtherrschaft zu übernehmen.
“Du übernimmst den Tag”, sagte Schwarz zu Weiß, “und ich bin für die Nacht zuständig. Dann bestimmen wir, wann Tag und wann Nacht ist.”
“Meinst du, Tag und Nacht werden damit einverstanden sein?”, fragte Weiß unsicher.
“Na klar”, antwortete Schwarz “es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.”
Da gesellte sich Grau zu ihnen und sagte: “Ohne mich werdet ihr das nicht schaffen!”
“Ach, scher dich zum Teufel, Grau”, sagte Schwarz zornig. “Wir brauchen dich nicht!”
Und so ging er mit Weiß hochnäsig davon.
Grau war verärgert und dachte nach, was er jetzt tun sollte. Nach kurzem Überlegen hatte er eine Lösung. Er ging nach Hause und setzte sich gemütlich in seinen Lehnstuhl. Abwarten würde er. Nichts als abwarten.
Der Tag verging. Aber die Helligkeit blieb. Längst waren die Abendstunden eingetreten, aber es war noch so hell draußen wie um die Mittagszeit. Grau räkelte sich noch ein wenig tiefer in seinen Lehnsessel. Nun würde es nicht mehr lange dauern.
Und tatsächlich, kurz darauf traf ein Telegramm bei ihm ein, mit einem der seltsamsten Inhalte, den die Welt je gesehen hatte: “Weiß Völlig Erschöpft STOPP Nacht Droht Mit Kündigung Wenn Ich Nicht Sofort Hereinbreche STOPP Brauchen Dringend Dämmerung STOPP Liebe Grüsse Schwarz.”
Gabriele Flimm


Kommentare
Genau so habe ich viele Jahre gelebt,doch diese Zeit ist endgültig vorbei denn ich habe angefangen zu LEBEN. Und dass ich auf dieser Seite gelandet bin ist für mich kein Zufall,denn Zufälle gibt es auch nicht mehr. freundlichst Barbara
klingt fast so, als hätte Dunkelheit eine eigenständige Existenz. Ich sehe es eher so: Es gibt Licht und Abwesenheit von Licht; Von blendend, leuchtend, über trüb, finster usw…
Wie hell es in einem Raum ist, lässt sich nur an dem “Lichtgehalt” messen. Dunkelheit hingegen, lässt sich nicht messen. Es kann nur vorherrschen, bei Abwesenheit von Licht.
Gruß
Alexander Beck
na ja, das ist ja wohl eher metaphorisch gemeint, manchmal reicht es eben, abzuwarten und im sessel zu sitzen, weil man weiß, dass die zeit kommt, wo man gebraucht wird, nicht wahr? wohl dem, der sich eine solche gelassenheit leisten kann…
Mein Verständnis von dieser Geschichte:
Wir denken oft in Gegensätzen, wie schwarz und weiß, richtig und falsch, gut und schlecht usw. Zwischen diesen Polen gibt es eine Menge anderer Zustände, die aber – gerade wenn es um Standpunkte geht – oft nicht gesehen werden.
Die Botschaft der Geschichte, so wie ich sie verstehe: Suche die Lösung nicht im Kampf (es gibt immer Gewinner und Verlierer), sondern im Konsens, in der Findung eines Weges, mit dem alle Beteiligten gut umgehen können. Das ist dann nicht unbedingt der Kompromiss (halb schwarz und halb weiß), sondern der wirklich neue, andere Weg – eben grau.
Eine gute Zeit wünscht
Christel Kemmler