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Achtsam aus der Depression

Von Tania Konnerth6 Kommentare

"Der achtsame Weg durch die Depression" von Mark Williams, John Teasdale, Zindel V. Segal und Jon Kabat-Zinn. – Freiamt: Arbor, 2009. – 328 S. – ISBN: 3-9368-5580-3. – ca. 40,- EUR (gebunden + 2 CDs)

Von einem der Mitautoren des vorliegenden Buches habe ich Ihnen schon begeistert den Titel Zur Besinnung kommen vorgestellt. Und so war ich sehr gespannt auf dieses Buch, das einen anderen Umgang mit Depressionen vermitteln will. Jon Krabbat-Zinn verfasste dieses Buch zusammen mit drei der führenden Vertreter der Kognitiven Psychotherapie und stellt hier die "Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie" als Behandlungsmöglichkeit von Depressionen vor.

Schon vom ersten Moment an, in dem ich in diesem Buch zu lesen begann, fragte ich mich, wie es nur möglich sein kann, dass Autoren, die sich intensiv mit der Krankheit Depression befassen, offenbar so wenig von ihrer Zielgruppe verstanden haben. Knapp 330 Seiten, von denen viele wahre Bleiwüsten sind, Texte mit langen, komplizierten Schachtelsätzen, eine Fülle von Informationen mit Hinweisen auf andere schlaue Menschen, die auch wieder kluge, aber komplizierte Sachen gesagt haben – all das lässt mich fragen: Welcher Depressive hat die Kraft, ein solches Buch zu lesen?

Es ist menschlich und verständlich, dass die Autoren all ihre Erkenntnisse, all ihre Gedanken und ihr Wissen mitteilen möchten. Allerdings hätten sie dies in einem Buch für Therapeuten tun sollen und nicht für Betroffene. Für Betroffene ist schnelle Hilfe mit möglichst wenig Aufwand wichtig, denn es ist ja ein Wesenszug der Depression, dass man sich zu nichts aufraffen oder motivieren kann.

In dem Buch stehen viele kluge Dinge und die vorgestellten Übungen erscheinen hilfreich und sinnvoll. Nur dürfte kaum ein Betroffener je so weit kommen, sie zu lesen und auszuprobieren. Und das ist schade – schade für die Autoren, schade für den Ansatz und schade für die Betroffenen.

Die beigefügten CDs bieten gesprochene Anleitungen für die Übungen. Das ist sinnvoll, denn eine CD anzuhören, schafft man auch in einer depressiven Phase. Allerdings hätte man hier in eine professionellere Sprecherin investieren sollen.

Fazit: Viele kluge Gedanken und hilfreiche Übungen, leider nicht, wie angekündigt, für die Zielgruppe Depressive aufbereitet.

Bewertung: Ohne Wertung, da an der Zielgruppe vorbeikonzipiert.

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  1. Zebra schreibt am 15. Juli 2009 um 13:19

    Hallo,

    es wundert mich, dass diese Rezension auf der Startseite von ZZL erscheint, wenn das Buch doch scheinbar nicht zu empfehlen ist. Schade auch, dass Sie anscheinend gezögert haben, eine "schlechte" Bewertung abzugeben, dass fände ich besser als "an der Zielgruppe" vorbei konzipiert. Warum nicht?

    Liebe gRüße
    zebra

  2. Jürgen schreibt am 17. Juli 2009 um 15:08

    @zebra

    Sich in diesem Fall eine Punkte-Bewertung zu sparen, finde ich sehr sinnvoll. Im Beitrag selbst ist Tania Konnerths Ansicht mehr als deutlich geworden. So, wie das Buch hier beschrieben wird, hängt die Bewertung also hauptsächlich vom Leser ab - ein ausgebildeter Therapeut findet hier vielleicht gute Ideen für seine eigene Praxis - dann ist das Buch sehr gut - jemand, der gerade alles Grau in Grau sieht, wird sich vielleicht das schöne Cover anschauen, ein paar Sätze lesen, und es dann in die Ecke legen - dann ist das Buch nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist. Wie immer im Leben hat alles mehrere Seiten.

    Die Buchbesprechungen hier sind immer sehr hilfreich, wenn es darum geht, welches Buch sich zu lesen lohnt. Da gehören ganz klar auch Bücher auf die Startseite, die nur für ein bestimmtes Publikum interessant sind. Das hilft bei der Orientierung, welche Lektüre mich persönlich wirklich weiterbringt und spart ganz nebenbei eine Menge Geld und Zeit.

    Ich persönlich bin zwar keine Therapeut, bekomme aber häufig E-Mail-Anfragen von Menschen, die seelisch an einem persönlichen Tiefpunkt angelangt sind. Ich würde nicht so weit gehen, von Depression zu sprechen, weil diese Menschen immerhin noch die Kraft und Entschlossenheit haben, im Internet nach Hilfe zu suchen. Dann landen Sie auf meiner Website http://www.leben-lernen-lieben.de, wo sie an all das Gute und Schöne erinnert werden, das das Leben zu bieten hat. In diesen leichteren Fällen von Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit hilft dieser Blick auf die Welt oft schon. Und wenn die Leserinnen und Leser mir schreiben, kann ich durch meine Sicht der Dinge hin und wieder sogar dazu beitragen, dass sie aus dem Loch wieder herausfinden, in das sie geraten waren.

    Gruß,
    Jürgen

  3. Jürgen schreibt am 17. Juli 2009 um 15:09

    Wegen des Kommas funktioniert der Link nicht, deshalb hier noch einmal: http://www.leben-lernen-lieben.de

  4. Ansgar Offermanns schreibt am 19. Juli 2009 um 13:55

    Ich finde, es hat sehr viel mit Glaubwürdigkeit zu, wenn man auch Rezensionen über Bücher veröffentlicht, die als Fazit nicht die Empfehlung des Buches haben.

    Zudem sind die Kritikpunkte des einen möglicherweise genau die Punkte, die der andere interessant findet.

    In Falle von diesem Buch: es gibt sicherlich reichlich Leser, die genug von oberflächlichen Büchern haben, die mit ein paar Zeilen Text rasche Veränderungen versprechen, für die andere Leute innerhalb einer Therapie Jahre brauchen. Die sind dann vieleicht sehr dankbar für eine ausführliche Erörterung der Mechanismen einer Depression und von Lösungsmöglichkeiten.

    LG
    Ansgar

  5. Dirk Henn schreibt am 20. Juli 2009 um 16:04

    "Der achtsame Weg durch die Depression" ist ein Standardwerk, das geschrieben wurde, um in aller Tiefe über die praktische Umsetzung der "Mindfulness Based Cognitive Therapy" zu informieren. Dabei machen die Autoren in ihrer Ansprache keinen Unterschied zwischen Therapeuten und Patienten, sie richten sich an beide gleichermaßen.

    Mich wundert der deutliche Verriß des Buches. Zudem vermittelt Tania Konnerth in ihrem Artikel aus meiner Sicht nicht wirklich, worum es in dem Buch geht.
    Dieser Mangel an Verständnis gründet in einem ganz praktischen Punkt: Im Mittelpunkt des in diesem Buch vorgestellten Ansatzes geht es um eine Meditationspraxis. Eine Praxis, die man schlichtweg nur ERFAHREN kann. Und ohne sie erprobt zu haben, wie es an vielen Stellen des Buches empfohlen wird – ohne diese Praxis nur auch für 20 Minuten am eigenen Leibe erlebt zu haben – macht es wenig Sinn, über den Inhalt des Buches zu klagen.

    Wenn Tania Konnerth schreibt, dass man in eine "professioneller Sprecherin" hätte investieren sollen, so zeigt sich hier erneut das grundlegende Mißverständnis.
    Es handelt sich hier um geführte Meditationen, deren Qualität sich vor allem aus der PRAXIS heraus erschließen. Die Qualität geführter Meditationen läßt sich nach meinem Dafürhalten nicht allein "von außen" erschließen. Denn jenseits der perfekten Artikulation sprachlicher Nuancen geht es hier vor allem um die innere Qualität der gelingenden Begleitung des meditierenden Menschen. Es gibt eben sehr unterschiedliche Arten von "Professionalität", eine die aus dem Inhalt kommt, und eine, die sich sehr stark auf die reine Form bezieht.

    Zur Professionalität der Sprecherin sei nur soviel gesagt: Heike Born zeichnet sich durch ihre jahrzehntelange Meditationserfahrung und ihre jahrelange MBSR- und MBCT-Erfahrung aus, die sie auf sehr feinfühlige Weise und mit großem Herz in die mit großem Gewinn nutzbaren Mediationen einbringt. Dies wird uns wöchentlich von vielen begeisterter "Nutzerinnen" und "Nutzer" der von ihr eingesprochenen geführten Meditationen bestätigt. Keine anderen Publikationen unseres Verlages finden einen derart positiven Anklang, wie just diese "unprofessionellen" CDs mit geführten Meditationen.

    Ich vermute, viele der Leserinnen und Leser dieses Webblogs werden entgegen der Kritik erstaunt sein von der Lebendigkeit und auch der praktischen Nutzbarkeit dieses Buches, das uns nach wie vor am Herzen liegt. Schauen Sie doch einfach selbst hinein, wir halten umfangreiche Hör- und Leseproben bereit unter http://www.arbor-verlag.de/depression.

    Abgesehen davon, dass dieses Buch ein unerläßliches Werkzeug für viele Therapeuten werden wird: Wir glauben nach wie vor daran, dass es an Depression erkrankte Menschen gibt, die durchaus auch über ein derartiges Fachbuch Zugang zu Wegen der Heilung finden können.

  6. Christiane schreibt am 20. Juli 2009 um 17:26

    Tania, herzlichen Glückwunsch! du hast hier offensichtlich einen empfindlichen Nerv bei deinen Leserinnen und Lesern getroffen und damit dein Gespür für interessante Themen einmal mehr unter Beweis gestellt!
    Deine kritische Einstellung zu dem Buch sehe ich als Warnung, die wohl durchaus angebracht sein wird. Schon das Wörtchen "Achtsam" im Titel hat in mir gleich den Wunsch geweckt, es zu lesen, denn ist nicht oft der wenig achtsame Umgang der Mitmenschen ursächlich für den Ausbruch einer depressiven Phase? Wahrscheinlich hätte ich das Buch mit falschen Erwartungen in die Hand genommen. so bin ich vorgewarnt - es könnte anstrengend werden, ich sollte halbwegs obenauf sein, wenn ich diese Lektüre versuche.

    Als doppelt Betroffene - selbst krank und mit einem Schwerstdepressiven lebend - weiß ich, dass wir nicht immer in dem schwarzen Loch sitzen. Und dazwischen haben wir durchaus Energie, Hoffnung und die Fähigkeit, an unserem Repertoire, mit der Krankheit umzugehen, basteln zu können.

    Mit dem Kommentar des Verlagsmitarbeiters? (Dirk Henn) könnte ich ebensolche Probleme haben wie mit der "Zensur" - er sieht das Buch aus einer ganz bestimmten Warte, gibt zusätzliche Infos zum Inhalt, die sicher auch ebenso die Geister scheiden. Während der eine (z.B. ich) begeistert Traumreisen, Meditationen und andere kreative Ansätze probieren würde, ist das für andere (z.B. meinen Mann)"esoterischer Mist".

    Und so ist es wie bei jeder Buchkritik: wir wissen jetzt ein wenig mehr über den Inhalt und können es entweder lesen, weil wir neugierig geworden sind und uns selbst ein Urteil bilden möchten, oder wir lassen es gleich bleiben, weil sich abzeichnet, dass es doch (im Augenblick?) nicht unsere Ding wäre. Allerdings ist der Preis doch recht stattlich, und da finden sich ganz viele alternative Bücher, die wir statt dessen lesen könnten...

    Also, ich finde die Buchvorstellung und auch eure Kommentare anregend!

    herzlichen Gruß

    Christiane