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Die Sache mit den Erfahrungen…

Von Tania Konnerth11 Kommentare

“Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken. Sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.“

– Konfuzius

Diese Zeilen von Konfuzius finde ich höchst spannend, denn sie stehen offenbar in einem starken Widerspruch zu dem, was die meisten Menschen denken. Oder gehe ich falsch in der Annahme, dass auch Sie Erfahrungen vor allem als etwas Positives ansehen?

So wird ja auch in Jobbeschreibungen immer betont, dass Wert auf Erfahrungen gelegt wird. Und man geht lieber zu „Menschen mit Erfahrung“, wenn man Rat sucht. „Erfahrung“ setzen viele Menschen regelrecht mit „Weisheit“ gleich.

Natürlich sind Erfahrungen wertvoll. Ich glaube auch nicht, dass Konfuzius das in Frage stellen wollte. Aber Erfahrungen werden eben auch überschätzt und mehr noch: es wird oft nicht gesehen, dass sie uns unter Umständen auch einschränken können.

Erfahrungen sind hilfreich, wenn wir sie nutzen, um unser Wissen und Können zu erweitern, wenn wir also durch sie dazulernen und uns weiterentwickeln.

Unsere Erfahrungen sind aber hinderlich, wenn wir z.B. aus ihnen direkte Schlüsse für die Zukunft ziehen. Wie oft hört man z.B. einen Satz wie „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Produkte dieser Art nicht laufen.“ oder „Unserer Erfahrung nach gefallen solche Bücher nur wenigen Leuten.“ Oder „Sammeln Sie erstmal Erfahrungen, bevor Sie hier Vorschläge machen.“ In diesen Fällen werden Erfahrungen zu Bremsklötzen, denn sie verhindern, dass man etwas ausprobiert. Man glaubt, aufgrund gemachter Erfahrungen schon alles zu wissen und genau das ist in sehr vielen Fällen in Trugschluss.

Das obige Zitat schenkt uns meiner Ansicht nach ein sehr schönes Bild, um uns der Beschränktheit unserer Erfahrungen bewusst zu werden. Der gegangene Weg wird durch sie ausgeleuchtet. Er ist damit vertraut und bekannt. Manch eine Erfahrung leuchtet uns dann sogar noch ein Stück des Wegs voraus. Weiter aber können gemachte Erfahrungen nicht reichen. Ab einem bestimmten Punkt steht es an, neue Erfahrungen zu machen! Und dafür brauchen wir Ideen, Vorstellungen und eine gute Portion Neugier.

Ich für mich stelle immer wieder fest, dass es wichtig ist, nicht nur aus der Sicherheit gemachter Erfahrungen zu agieren, sondern sich hin und wieder auch auf unbekanntes Gebiet zu wagen. Das birgt natürlich Risiken, aber nur da entsteht auch Neues und Kreatives.

Für mich haben also auch (noch) nicht gemachte Erfahrungen ihren Reiz:

Und wie sehen Sie das?

  1. Nicole schreibt am 22. März 2007 um 12:34

    Mein Freund hat die Erfahrung gemacht, dass ich im Streit manchmal hysterische werde. Das hat ihn jetz zum Trennungswunsch gebracht. Dass ich aber auch lieb, nett, verständnisvoll, witzig, sexy, intelligent und noch vieles andere bin, das sieht er (nicht mehr). Schade, aber ich kann ihm nicht sagen, dass dies nur 1 Seite von mir ist. Ich will ihm dass aber nicht sagen, da ich ihn nicht drängen will und sein Vertrauen wieder gewinnen.

  2. Hubert schreibt am 23. März 2007 um 10:49

    Erfahrungen sind das, was uns beim Treffen von Entscheidungen determiniert, wir haben leider nichts anderes, und oft sind sie verbunden mit Schmerz, Leid, und anderen unangenehmen Begleiterscheinungen.

    Wissen und Einsicht werden nun einmal durch Lebenserfahrung geschaffen. Die Erfahrungen anderer sind nur sehr begrenzt für das eigene Leben gültig.
    Der Hirnforscher Gerhard Roth hat es einmal so formuliert:
    "Wissen und Einsicht können nicht vermittelt werden, sie müssen in jedem Gehirn neu geschaffen werden."

    Sich nicht ausschließlich von seiner Erfahrung leiten zu lassen, und sich so zu verhalten, wie es nicht gerade der allgemeinen Lebenserfahrung entspricht, kann verständlicherweise große Hoffnungen wecken, aber es ist ein langsamer und auch schwieriger Vorgang, der großer Anstrengung bedarf.
    Am besten gelingt uns das, wenn uns etwas zustößt, das wir in unser bisheriges Denkschema nicht einordnen können, sozusagen ein noch nicht begriffene Erfahrung machen und darauf neu reagieren müssen.
    Solche Situationen gilt es zu suchen.

    @Nicole
    das Du ihn nicht drängst halte ich für sehr klug, Du würdest ihn nur weiter von Dir weg treiben. Es ist aber keine Garantie dafür, dass er wieder zu Dir findet.

  3. Werner schreibt am 25. März 2007 um 15:41

    Mein erster Gedanke war, das ist doch so ähnlich wie "in die Fußstapfen treten", wenn man einen Job oder ein Amt von jemand anderem übernimmt. Denn was passiert, wenn ich das tue?
    Ich laufe entweder rückwärts oder hinter jemand her!

  4. Friedrich schreibt am 25. März 2007 um 16:19

    Nicole beschreibt es eigentlich sehr deutlich. Das Problem mit den Erfahrungen ist, dass wir nur das erfahren, was wir erfahren oder sehen wollen. Da hängt leider mit unseren Einstellungen oder man könnte auch sagen unserer menschlichen Beschränktheit zusammen. Wir neigen dann dazu, solche Erfahrungen auch auf Zukünftiges zu übertragen und erleiden dann in vielen Fällen Schiffbruch, weil evt. "die Anderen" daran schuld waren. Aber in Wirklichkeit war auch unsere Erfahrung nur ein sehr beschränkter Akt! Konfuzius in Ehren, aber in unserer heutigen Zeit, in der aber auch alles einem immer schnelleren Wandel unterliegt, müssen wir einfach alles immer wieder neu angehen, neu prüfen und bewerten.

  5. Jasmin schreibt am 25. März 2007 um 17:18

    Vielen Dank für das Zitat der Woche! Mir ist soeben meine Welt wieder rosiger erschienen.
    Als Projektleiterin hatte ich bewusst 2 fachlich-unerfahrene Mitarbeiter in das Team geholt. Davor habe ich mich zusammen mit ihnen vergewissert, das Motivation, Interesse und Einstellung zum Projekt vorhanden waren. Sicherlich hatten die Beiden es nun nicht einfach und ich gewährte ihnen gerne mehr Zeit, da ich gerade ihre Kreativität ohne Blockaden durch Vorerfahrungen haben wollte und ihnen die Möglichkeit zum Wachsen geben wollte.
    Mit was ich nicht gerechnet hatte, dass die beiden sich so sehr unter Druck setzten, da sie nicht an sich glaubten und sie von Mitgliedern außerhalb des Teams in Frage gestellt wurden, da sie ja nicht über Erfahrungen verfügten. Ich glaubte stets an sie und letztendlich haben sie auch ihr Ziel erreicht. Da das Wie aber so erschwerlich war und eine ungute Stimmung hinterlies war ich nun doch sehr verzweifelt und habe mich als Projektleiterin schwer gescheitert gefühlt. Das Zitat hat mich wieder aufgebaut, dass ich doch nicht so ganz daneben war.

  6. Sigrid schreibt am 25. März 2007 um 17:39

    Erfahrung ist eine nützliche Sache. Leider macht man sie erst kurz nachdem man sie brauchte.

    Das ist mir beim Lesen des Newsletter als erstes in den Sinn gekommen. Von wem das Zitat ist, weiß ich nicht mehr, aber es hängt schon lange über meinem Schreibtsich. Daher hat es mich gefreut, diesen Gedanken auch in anderer Form einmal zu finden.
    Ich stimme dem aus vollem Herzen zu. Erfahrungen sind wichtig, allein wegen des damit verbundenen Wissens. Als Projektleiterin erlebe ich das täglich. Doch sind sie eben nicht alles.

  7. Elke schreibt am 26. März 2007 um 09:34

    Ich möchte das Zitat so verstehen, dass ich das Stück Leben hinter mir mit Hilfe der Erfahrung ansehen kann. Und mit diesem Wissen die nächsten Schritte wähle, auch wenn ich noch keine "Beleuchtung" habe, wie es ausgehen wird.
    Auch wenn man sich Ziele setzt, wie es wirklich ausgeht, ist vorher im Dunkeln. Oder?

  8. Jacqueline schreibt am 26. März 2007 um 11:09

    Ich bin froh, dass ich Erfahrungen (jeglicher Art) machen darf, und ich bin auch froh, dass ich mich an diese Erfahrungen erinnern kann. Wäre das nicht so, MÜSSTE ich täglich alles neu lernen und neu erfahren (laufen, sprechen, ...). Ganz schön anstrengend und uneffektiv. Erfahrungen haben durchaus etwas für sich. Im Arbeitsleben ist es eine Gratwanderung - man braucht in einem Team beides: Erfahrung und die Bereitschaft, sich für neue Ideen und neue Erfahrungen zu öffnen! @Jasmin: nur MUT!

    Erfahrung bedeutet nicht automatisch Weisheit. Man kann Dinge auch jahrelang mit viel Erfahrung falsch machen. Und auf emotionaler Ebene besteht der Trugschluss häufig darin, dass viele meinen, die eine oder die zwei Erfahrungen, die sie im Zusammenhang mit einer Situation gemacht haben, die EINZIGEN Erfahrungen sind, die man machen kann.

    Keiner von uns hätte laufen gelernt, wenn wir als Kleinkinder davon ausgegangen wären, dass Aufstehen = gleich wieder hinfallen bedeutet, und daraus den Schluss gezogen hätten, dass Krabbeln oder Liegen unsere wahre Bestimmung sind. Interessanterweise haben wir das Laufen gelernt - weil wir auch die Erfahrung machen durften, dass Aufstehen auch bedeuten kann = auf den Beinen bleiben, vorwärts kommen usw. Das funktioniert nur dann, wenn wir einerseits die Erfahrung zu Rate ziehen ("so geht es nicht") und unser Verhalten immer wieder aufs Neue an die aktuelle Situation anpassen ("jetzt habe ich eine Lösung gefunden, die funktioniert").
    Eine praktikable Lösung muss nicht zwangsläufig die einzige sein und auch nicht immer die beste. Also kann man weiter Erfahrungen sammeln. Für mich ist es ein ständiger, fortschreitender Prozess - lebenslanges Lernen und kontinuierliche Verbesserung (KVP) bzw. Weiterentwicklung ;-)

    Genau so verstehe ich auch Konfuzius, wenn er sagt, dass die Laterne rückwärts gerichtet ist. Erfahrung kann sich immer nur auf das beziehen, was war. Das bedeutet: Auf dem Weg vor uns kann dieselbe - oder eine ganz neue Erfahrung warten.

    Es ist wohl unser Sicherheitsdenken, dass uns dazu verleitet, neuen Herausforderungen vorzugsweise mit alten Erfahrungen zu begegnen. Der Sprung ins Ungewisse, das Im-Dunkeln-Tappen machen Angst.

    Dazu ein Bild:
    Was passiert, wenn wir nachts im Dunkeln liegen und die Augen öffnen? Es ist oft gar nicht so dunkel, denn unsere Augen und unser Gehirn passen sich an die Lichtverhältnisse an. Selbst wenn wir gar nichts sehen können, haben wir noch unsere Ohren, den Gleichgewichtssinn und den Tastsinn. Wir können riechen und schmecken... Wer braucht da denn noch eine Laterne?

    Alles was wir brauchen, ist der Mut, neue Erfahrungen zuzulassen.

    ;-)

  9. Wolfgang schreibt am 26. März 2007 um 11:14

    Eine Diskussion über Erfahrungen zu führen, bei der es um ein Für und Wieder, ein Gut oder Schlecht geht, ist ähnlich zielführend, wie eine Diskussion darüber, ob wir eine Suppe nun mit oder ohne Wasser kochen sollten.
    Erfahrungen per se sind nie gut oder schlecht, hilfreich oder hinderlich. Erst der Kontext, in dem wir sie sehen (wollen), behaftet sie mit diesen Wertigkeiten.
    Der Umgang mit den an sich wertfreien Erfahrungen, sagt ungemein viel über die Motivation, die Lebensphilosophie und das Weltbild eines Menschen aus. Nicht selten werden ähnliche Erfahrungen ganz unterschiedlich interpretiert und in ein Weltbild eingepasst, welches bereits verinnerlicht wurde, wodurch auch sogenannten "selbsterfüllende Prophezeiungen" entstehen.

    Letztendlich hat uns die Kombination aus Erfahrung und den Interpretationen derselben zu dem gemacht, was wir heute gerne sein möchten (aber nicht immer sind): Dem Homo sapiens.

  10. Heinz schreibt am 31. März 2007 um 20:35

    Ich arbeite gerne mit Bildern und so bleibe ich noch etwas bei der Laterne. Da das Licht ja im Rücken liegt, kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: je weiter ich mich von der Lichtquelle entferne, desto dunkler wird die Umgebung vor mir und ich mache mir auf dem Weg nach vorn sogar selber noch Schatten - der zu allem "Elend" auch noch länger wird. Nun heisst es ja nicht, dass da keine Laterne mehr kommt, mit grösserer Wahrscheinlichkeit kommt diese sogar oder eine andere Lichtquelle bietet sich bald wieder an. Nehmen wir wieder eine kommende Laterne - irgendwie schon fast grotesk, dass nun das vor uns liegende Licht zwar die langen Schatten der zurückliegenden Laterne aufhellt, gar verschwinden lässt, uns aber zunehmend blendet und unsere Schritte im "überhellen" genauso unbestimmt und unsicher sind wie jene auf dem "abdunkelnden" Weg. Worauf bauen wir denn dann effektiv, wenn wir Licht und Erfahrung verknüpfen. Nur auf die kurzfristige Zone,in der sich Licht und Dunkelheit in für uns angenehme Luminanz ergeben? ...

  11. Walter schreibt am 22. Mai 2007 um 05:50

    Die Erfahrung die jeder für sich macht und bei anderen beobachtet und sich dann Gedanken darüber macht, ist ein Stück weiter als der, der die Erfahrung macht, sich aber nichts dabei denkt.

    Ich bin sehr reich an Erfahrungen und möchte nie aufhören Erfahrungen zu machen egal wie schmerzlich auch manche erfahrung ist, sie ist gut, denn ohne Sie erführe ich nie das Positive an der Sache selbst.

    WALTER