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Der Weg des Abenteuers

Von Ralf Senftleben10 Kommentare

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin Müller-Stahl

Heute will ich mal wieder etwas für mich tun und mich nach allen Regeln der Kunst gründlich entspannen. Blöderweise sitze ich dann aber den ganzen Tag nur in der Ecke, grübele sinnlos vor mich hin und kämpfe gegen die innere Anspannung. Bald gesellen sich noch Ärger und Schuldgefühle dazu, weil ich meine Zeit so vergeude. Ein mieser Tag, ich hinke meinem Plan meilenweit hinterher, funktioniere einfach nicht, nicht mal Faulenzen kann ich richtig, ich bin doch wirklich.

Stopp! Genau dieses Nichtfunktionieren ist wichtig. Wozu? Um einen Hauch von Abenteuer in mein Leben zu lassen. Kann ja nicht angehen, dass alles immer nach Plan läuft, es muss auch Unvorhergesehenes, Spannendes, Unkontrollierbares geben.

Viel zu oft überhören wir den Ruf des Abenteuers, weil wir ganz darauf ausgerichtet sind, unser Soll zu erfüllen –  im Beruf genauso wie in Familie und Freizeit, denn funktionieren sollen wir ja überall.

Der Ruf ist immer da, meistens leise und dezent, manchmal auch brüllend laut und unüberhörbar. Ein leiser Ruf: Geh doch heute mal zu Fuß von der Arbeit nach hause. Das dauert zwar zwei Stunden, aber hinterher wirst du dich herrlich fühlen. Ein etwas lauterer Ruf: Mensch, lass doch heute die olle Sauna, angele dir lieber die Nebenrolle in diesem neuen Kinofilm. Schließlich suchen die Leute wie dich! Oder ein sehr lauter Ruf: Vergiss den Weihnachtsbesuch bei den nörgeligen Schwiegereltern! Erfüll dir lieber den Traum, einmal ganz allein zu verreisen. Zum Beispiel nach Vancouver, darüber hast du doch bei der letzten außerplanmäßigen Fernsehorgie so einen inspirierenden Bericht gesehen.

Unüberhörbar wird der Ruf zum Abenteuer meistens dann, wenn der Alltag bereits aus den Fugen ist und Vernunft und Pläne nicht mehr helfen. Alles schreit nach Veränderung, das Leben nach einem Wendepunkt. Wer dem Ruf folgt, betritt unbekanntes Terrain, durchschreitet Talsohlen, erklettert Gipfel, durchstreift vielleicht sogar die Unterwelt. Je abenteuerlicher die Reise, desto größer die innere Wandlung, die der Weg für einen bereit hält.

Der Weg des Abenteuers mag planlos erscheinen, er verfolgt aber ein wesentliches Ziel, und zwar Ausgeglichenheit. Vielleicht bleibt uns der Plan auch bloß verborgen, denn dem Ruf zu folgen bedeutet, inneren Impulsen und der Intuition zu folgen. Und die weiß ja bekanntlich am besten, was gut für uns ist und wie wir auf lange Sicht zu gelassenen, frohen Menschen werden.

Also: Ich muss ja nicht gleich eine Pilgerreise über den Jakobsweg machen. Aber wenn ich mich in meinem Alltag öfter mal ganz unplanmäßig verhalte, werden aus schlechten Tagen absolut grandiose Tage.

Was denken Sie? Wie viel Abenteuer braucht das Leben und wo ist die Grenze zum ungerichteten Chaos? Wie viel Planung braucht das Leben, und wo ist die Grenze zum starren Korsett? Vertrauen Sie spontanen Fügungen? Folgen Sie dem Ruf des Abenteuers?

  1. Niko schreibt am 29. September 2006 um 06:39

    Sehr gut. Habe letztes Jahr meinen Job gekündigt, bin 6 Monate durch Indien gereist, viel Yoga praktiziert. Zwischendurch einen Monat durch Vietnam.

    Das Leben ist wieder spannend nach 10 Jahren im Grossraumbüro...

  2. Markus schreibt am 29. September 2006 um 08:02

    Wirklich gut.
    Ich habe mit meinem beginnenden Mathe-Studium alles in meinem Leben nach Strich und Faden zu ordnen und kontollieren versucht.
    und was kam dabei heraus?

    Ich durchlebte Stimmungsschwankungen ohne Ende, von himmelhoch jauchzend bis depressiv antriebslos.

    Jetzt such ich nach Ausgeglichenheit, die mir bisher gefehlt hat.

    Und - ich wiederhole das zweite Semester!

    Ich wünsche allen, die dies lesen, und auch den anderen viel Freude in ihrem Leben...

  3. Christine schreibt am 1. Oktober 2006 um 15:26

    Äußerst treffend beschrieben - ich bin betroffen (in doppelter Hinsicht). Und ich habe den Eindruck, daß ganz viele unter uns sind, denen es ganz genauso geht, aber es vergeht einige Zeit bis man "es" benennen kann. Ein wenig mehr "Leicht-Sinn" im Leben kann Wunder wirken. Ein Zitat, das ich vor einiger Zeit gefunden habe, bringt es m. E. ganz gut auf den Punkt (und das schon vor mehr als 200 Jahren!):
    "Die Vernünftigen halten bloß durch, die Leidenschaftlichen leben." Sebastien Roch de Chamfort (1741 - 1790)
    In diesem Sinne....

  4. Joysea schreibt am 1. Oktober 2006 um 16:41

    den Weg des Abenteu(r)ers gehen...?

    Glückwunsch Markus!!!

    Vor 20 Jahren war mir ein Leben ohne Abenteuer nicht vorstellbar, alles schien eng und trist, also gin ich auf die Pirch. Ein Abentuer jagte das andere, und ich fühlte mich lebendig, freudig traurig, wütend etc, etc... (20 lange Jahre verflogen)

    Letzte Woch habe ich eine 5 monatige Rückschulung in meinen damalaligen Beruf (Reno-Fachangestellte) begonnen und sehne mich, nach der Ausgeglichenheit eines normalen Jobs und netten Kollegen.

    Mag nicht mehr hin und her rennen, mag keine aufregenden Abenteuer mehr erleben, mag nicht mehr wie ein einsamer Kämpfer ziel- und haltlos durch die Lande ziehen.

    Mag mich geborgen fühlen, meinen Platz im großen Spiel einnehmen, in stiller Bedeutungsklosigkeit meine Einzigartigkeit und meine Kinder genießen und mich an den kleinen unscheinbaren Dingen freuen.

    Vielleicht war mein Leben bewegt und aufregend, aber es war auch einsam und schmerzlich und hat mir viele Wunden und blaue Flecken eingebracht.

    20 aufregende und einsame Jahre der Selbstfindung, und die Feststellung, daß alles was ich jetzt bin, schon die ganze Zeit da war, was für eine wahnsinnige Unternehmung.

    Heute bin ich froh, mich an der Einfachheit der Dinge und der kleinen Sicherheit der Regeln zu freuen, weil ich mich innerlich frei fühle, zu tun oder auch zu lassen...

    Glück oder Unglück - man weiß es nicht...!

    Herzlich(t)e Grüße :)

    Joysea

  5. rolf schreibt am 1. Oktober 2006 um 18:13

    Hallo, ein Artikel, der mich persönlich angesprochen hat. Ich (65) habe vor vielen Jahren einen herben Job-Verlust gehabt. Man sprach auch im Kollegenkreis hier und da, was denn nun. Und dann sagte mir jemand (eine Dame): "Ihnen wird nichts passieren, denn Sie haben ja immer Zeit, auch mal aus dem Fenster zu gucken". Und da habe gemerkt, dass sie mich in meiner Philosophie verstanden hat, so wie ich es versucht habe rüber zu kriegen. Sich Zeit nehmen, auch mal aus dem Fenster zu gucken, nichts zu tun, kein schlechtes Gewissen zu haben, nicht getan zu haben. Sondern einfach nur so da sitzen und aus dem Fesnter zu schauen. Und dabei Kraft tanken. Dabei seinen Gedanken freien Lauf lassen. Und das auch in Zeiten von absolutem Stress, denn ich war mal in der sog. Führungsriege aktiv. Und dann im Büro sitzen und einfach aus dem Fenster schauen, sich Zeit nehmen. Es hilft und gibt Kranft, wenn man es denn beherrscht, ja besser noch, sich beherrscht. Eine schöne Woche mit vielen schönen Gedanken am Fenster wünscht Rolf.

  6. Erni schreibt am 2. Oktober 2006 um 00:06

    Hallo, das hat mich wirklich berührt. Ich bin außerplanmäßig in Pension (zu früh!) und habe - eher unfreiwillig- einige Abenteuer im täglichen Leben. Nach Jahren der Aufregung- finde ich jetzt sogar "Probleme" wirklich fad! Ich habe daher ein großes Bedürfnis nach Inspiration, Begegnungen mit Menschen usw. - siehe da- immerhin war heute im Fernsehen "Im Herzen des Lichts - die Nacht der Primadonnen" - für mich göttliche Stimmen und eine wunderbare Energie. Manche Wünsche werden ja wirklich sofort erfüllt.
    Für mich ist Musik etwas, das mich verzaubert.
    Ich wünsche allen eine wunder-volle Zeit. Erni.

  7. manfred schreibt am 2. Oktober 2006 um 05:59

    Funktionieren gibt es auf zwei seiten -- auf der kognitiv geistigen und auf der emotionell gefühlsseitigen ebene.

    wir meinen immer nur die erste ebene zu beherrschen und vergessen die emotionell ansprechende seite als zugang zu unserer seele.

    gefühle werden so zu unsere gps - system und bringen uns
    zu abenteuern, die wir so nie wahrgenommen hätten.

    wer zu lange nur eine seite betont in seinem leben, benötigt lange um seine aufmerksamkeit lernender weise wieder zu erfahren.

    jeder tag kann damit zum abenteuer werden, da gefühle in ihrer wahrnehmung, intensität und wirkung sich nicht wiederholen.

    einen tag der inneren wachsamkeit wünschend

    manfred

  8. Roland Delion schreibt am 2. Oktober 2006 um 09:44

    Guten Tag Rolf,

    Ich lese seit nunmehr gut zwei Jahren Eure Zitate der Woche. Vielen Dank für diese konsequent aufrecht erhaltene Leistung und für das Zitat dieser Woche von Armin Müller-Stahl.

    Meines Erachtens ist so ein "Aussteigen" aus dem "Funktionieren im Alltag" immer mal wieder notwendig. Das geht in Form von Reisen, wie oben beschrieben, aber auch in Form von kürzeren Zeiteinheiten, wie z.B. einfach mal einen Werktag weglassen. Die Möglichkeiten des Wiedereinsteigens sollten aber vorher geprüft und abgesichert werden (Inhaltlich, mental und/oder praktisch - je nachdem, wie lange der Ausstieg dauern soll). Sonst droht die Gefahr, ins Leere zu laufen. Und dann wäre der eigentliche Sinn des Unterbrechens des Funktionieren im Alltag hinfällig, weil es keinen Alltag mehr gibt.

    In so fern, finde ich den Gedankenanstoß gut aber auch mit Vorsicht zu genießen.

    Weiterhin gutes Schaffen.Roland

  9. Anne schreibt am 3. Oktober 2006 um 07:26

    Das tut gut! Hier wird eins der großen Probleme meines Lebens angesprochen. Habe ich das Recht nicht zu funktionieren? Ich habe es mir mein Leben lang nicht genommen, habe immer bestens funktioniert. Aber ich beginne, das Abenteuer zuzulassen, offen zu sein, für das, was kommt, mich darauf einzulassen. Wobei ich meine, es muss nicht gleich der Ausstieg aus Beruf oder Familie sein.Bei mir sind es kleine Momente, die schon gut tun und Mut zu mehr machen. Einfach noch mal ins Bett gehen und lesen, während der Regen aufs Dach prasselt, auch wenn es schon Mittag ist. Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause einfach weiterfahren, weil das Wetter so schön ist und irgendwo einen Kaffee trinken.....Ich hoffe, mein Abenteuer wächst stetig, Anne

  10. Karla Schmidt schreibt am 3. Oktober 2006 um 11:31

    Liebe Leute,

    ich bin erst seit September beim Zeitzuleben-Team und schreibe im Augenblick die "Zitate der Woche". Ich möchte an dieser Stelle einmal sagen, dass mich Eure Kommentare wirklich berühren. Danke!

    Viele Grüße, Eure Karla