Vom Wert der Erinnerungen
Von Tania Konnerth • 15 Kommentare
„Wer sich gern erinnert, lebt zweimal.“
– Franca Magnani
Vor einer Weile ging es hier um das Thema „Zukunft“ und um den Spagat, zwar im Hier und Jetzt zu leben, aber dennoch für das Morgen vorzusorgen. Heute habe ich mir das Thema „Vergangenheit“ vorgenommen. Und dafür habe ich mal wieder ein Zitat gefunden, das etwas gegen den Trend schwimmt. Wie oft liest man schließlich, dass man mit der Vergangenheit abschließen soll. Dass man nicht im Gestern, sondern heute leben und den Blick nach vorne richten soll.
Tatsächlich sehe ich es sehr ähnlich wie Franca Magnani, denn ich liebe es, mich zu erinnern. Ich schwelge gerne in Fotos und Geschichten von früher, ich blättere oft in alten Tagebüchern oder lese alte Briefe. Ich erinnere mich an Menschen, mit denen ich Schönes und auch Unschönes erlebte, an Begegnungen und Erfahrungen, ich reise wieder zurück an die verschiedensten Orte – Orte, an denen ich glücklich war, aber auch an solche, an denen es mir nicht so gut ging.
Natürlich kommen da auch hin und wieder schmerzliche Gefühle hoch und Unverarbeitetes klopft an. Aber ich empfinde ganz oft auch tiefe Freude über all das, was ich erleben durfte. Ich kann lachen, wenn ich an bestimmte Dinge denke, bin stolz oder dankbar. Manchmal weine ich auch und gebe mich der Wehmut hin, die bei Gedanken an Verlorenes zu schwingen beginnt.
Meine Erinnerungen stehen für mein bisheriges Leben. Was ich in meiner Vergangenheit erlebt und getan habe, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Und so empfinde ich meine Erinnerungen als einen kostbaren Schatz, den ich sorgsam pflege, damit ich so wenig wie möglich vergesse.
Gerade dann, wenn die Zeit mal wieder zu rasen erscheint und ich mich wundere, dass Silvester schon wieder vier Monate zurückliegt, setzen meine Erinnerungen das in eine andere Perspektive. Mit ihnen öffnet sich die Breite und Tiefe meiner Erfahrungen der letzten Wochen und auch all der vielen, vielen Jahre. Ich denke an Großes und Kleines, an Wichtiges und Unbedeutendes, an umfassende Zusammenhänge und winzige Details. Und aus all dem bildet sich das schillernd bunte Mosaik meines Lebens.
Ich glaube nicht, dass man im Gestern lebt, wenn man sich gerne erinnert. Ich glaube vielmehr, dass reiche Erfahrungen uns auch für das Jetzt sensibilisieren. Sie machen uns vieles bewusster.
„Wer sich gern erinnert, lebt zweimal“ – ich würde sagen, man lebt dadurch vielfach, nämlich immer wieder neu.





Erinnerungen und die Vergangenheit sind sehr wichtige Dinge, die ich zum Leben brauche. Es ist eine Entwicklungsgeschichte oder besser gesagt meine Entwicklungsgeschichte, sie gehört untrennbar zu mir und wenn ich diese ausblende, verliere ich einen wichtigen Teil meines Lebens. Das hat für mich auch nichts damit zu tun, in der Vergangenheit zu leben - ich lebe mit meiner Vergangenheit, nicht in ihr. So kann ich z. B. auch aus ihr lernen. Wie kann ich mich persönlich weiterentwickeln, wenn ich meine Vergangenheit ausblende?
Bei Ihren etwas blumigen Ausführungen hatte ich ganz kurz das Gefühl, es ist Sonntagabend 20.15 und ich schaue ZDF. Aber nein, im Grunde kann man dem nur voll zustimmen.
Jean Paul spricht sogar von dem einzigen Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Das ist wohl so, mal abgesehen von Erkrankungen, die es dem Gehirn unmöglich machen zu erinnern.
Erinnerungen können sehr intensive Gefühle teilweise zurückholen und so eine Kraftquelle für lange Zeit darstellen.
Einziger Wermutstropfen: Erinnerungen sind nicht sehr objektiv. Negatives blenden wir gerne aus, positives verstärken wir gern. Ist aber nicht schlimm, solange solche Erinnerungen nicht für Urteilsfindungen gebraucht werden.
«« Einziger Wermutstropfen: Erinnerungen sind nicht sehr objektiv. Negatives blenden wir gerne aus, positives verstärken wir gern. Ist aber nicht schlimm, solange solche Erinnerungen nicht für Urteilsfindungen gebraucht werden. »»
Könnte man denken. Aber diese Idee geht von der Prämisse aus, dass man mit objektiven Informationen bessere Entscheidungen trifft.
Ich wage mal zu behaupten: Wenn wir bei einer Entscheidung immer alle objektiven Informationen zur Verfügung hätten, würden wir oft gar nichts mehr entscheiden :-)
Und ein bisschen Selbstvertrauen (oft eine leicht positive Selbstüberschätzung) hilft uns, erfolgreicher zu sein und mehr von dem zu bekommen, was wir wollen (= positive Bestärkung)
Meine persönliche Meinung: Der Verstand und das Dringen auf Objektivität wird schwer überschätzt :-)
Erinnerungen unserer Vergangenheit können wie ein schönes Fotoalbum sein, in das wir alles "einkleben", was uns auf irgendeine Art und Weise zu dem gemacht hat, was wir heute sind.
Glücklicherweise ist unser Gehirn zumindest so gnädig über die schlimmen und ganz schlimmen Ereignisse einen Weichzeichner zu legen, wenn nötig auch komplett zu radieren.
Unsere Psyche oder sagen wir, unser Unterbewusstsein, ist der Teil in uns, der nicht vergessen kann. Wie eine unbestechliche Festplatte, wird gnadenlos alles gespeichert. Das wäre noch nicht so dramatisch, wenn das Gespeicherte nicht hin und wieder wie eine Art unliebsamer Computervirus störend durch unsere Programmierungen geistern würde. Da hilft es nix, da müssen wir ran, mit einem mentalen "Virenscanner" und das Störprogramm entfernen.
Und so können wir uns ungestört weiter an den wunderbaren, weich gezeichneten Bildern unserer Vergangenheit erfreuen. Genießen wir es aus vollem Herzen.
Ihnen allen eine wundervolle Woche.
Herzlichst
Ihre
Kirsten Erlenbruch
«Ich glaube vielmehr, dass reiche Erfahrungen uns auch für das Jetzt sensibilisieren. Sie machen uns vieles bewusster.»
Ja das glaube ich auch für mich. :-) Meine Erfahrung ist, ähnliche Situationen für mich besser zu durchleben, denn die Erinnerung hilft die Fehler, oder weniger guten Reaktionen von mir von damals im heute zu vermeiden. Ich hoffe mich verständlich auszudrücken.
Herzlichst Petra
Manche Erinnerungen sind SEHR schmerzlich...
Und da kann ich dann gut und gerne drauf verzichten. Auch wenn ich gerade am Verarbeiten bin inkl. professioneller Hilfe: in alten Fotos kramen oder Briefe lesen reißt Wunden, die gerade mal ein bißchen heilen wollen, wieder sehr schmerzhaft auf. Deshalb kann ich dem "zweimal" oder sogar "vielmals" leben absolut nicht zustimmen. Im Gegenteil: ich fange jetzt gerade erst so richtig an das ERSTE Mal wirklich zu leben!
Ich muss sagen, die Idee mit dem wiederholten Leben ist schön und gut, aber wie viele Menschen können den wirklich sinnvoll damit umgehen, wie viele Menschen leben in ihrer Vergangenheit -ob es nun eine schlechte war, die sie belastet, oder ob sie einer guten Nachtrauern- wie viele verpassen ihr Leben im Hier und Jetzt weil sie alles mit damals vergleichen. Die meiste Zeit stellen die Erinnerungen für mich persönlich eher eine Herausforderung dar, die es zu Überwinden gibt, denn damals war es anders- ich habe mich noch mit meiner Mutter verstanden und nun leben wir nebeneinanderher ohne auch nur mehr wie zwei Wörter zu reden- somit werde ich jeden Tag aufs Neue daran erinnert, dass sie mal eine Freundin war. Genauso wenn ich alleine bin, dann hilft mir die Erinnerung an die Schöne Zeit mit meinem Ex auch nicht weiter. Vermutlich hängt das mit dem Loslassen zusammen, wenn man losgelassen hat kann man sich vielleicht ohne komisches Gefühl erinnern, dann hilft es einem vielleicht und erfreut uns, aber ich denke so lange man noch nicht gelernt hat es loszulassen, kann man sich auch nicht mit Freude daran erinnern.
Stimmt schon - irgendwie. Allerdings kann ich nicht ganz zustimmen. Was, wenn Erinnerungen nostalgisch werden? z.B. vergangene Beziehungen...ich kenne Menschen, die diese irgendwann idealisieren, Ex-Partner(innen) auf einen Sockel stellen, an die nichts kommt...Da haben es diejenigen, die "neu" kommen, ganz schön schwer anzudocken, ihren Platz zu finden und werden immer - wenn sie Glück haben - in einer Reihe stehen oder - wenn's "dumm läuft" - nachstehen. Schmerzlich und anstrengend finde ich, vermeintlichen Vergleichen standzuhalten...Ich finde es auch wichtig und schön, Erinnerungen zu haben und dafür dankbar zu sein...sehe allerdings auch die Gefahr von "Erinnerungen mit ins Jetzt zu nehmen".
Die Erinnerung ist ein wichtiger Beitrag zu unserer Sicht der Dinge. Denn wie sagt Milton Ericson so richtig: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben." Und es liegt an uns, unsere Erinnerung so zu beeinflussen, dass sie uns hilft und uns nicht Wege verbaut.
In diesesm Sinne: eine schöne Woche...
" Was hinter uns
liegt und was vor
uns liegt , ist
relativ unbedeutend
verglichen mit
dem, was in uns liegt " Oliver W.Holme
Wir SIND unsere Vergangenheit. Alles was wir erlebt haben - egal ob positiv oder negativ - prägt uns und beeinflusst die Art und Weise wie wir unsere Gegenwart erleben. Daher finde ich es wichtig, immer wieder einmal einen Blick zurück zu werfen. Gerade bei Ereignisse, die uns immer noch quälen, finden wir oft heute möglicherweise positive Aspekte, die unser Handeln in der Zukunft beeinflussen. Ein Pendeln zwischen den Zeiten, sowohl Gedanken zurück als auch nach vorne, und das Leben im Hier und Jetzt ist für mich das Optimale.
ich habe mir einen sehr grossen bilderrahmen anfertigen lassen, und zwar 1,50 x 1,5 m. in diesem bilderrahmen kommen von allen ereignissen und momenten in denen ich ein foto gemacht habe -und immer mache- (kamera so gut wie immer dabei) ein nettes foto hinein. wenn es mir nicht so 100%ig super geht, nehme ich mir die zeit und schaue die bilder an, die mir doch immer wieder den mut und die freude am leben geben. so kommt fast jeden tag ein bild hinein und ich erinnere mich immer wieder an die vielen schönen aktionen meines,unseres lebens.
es funktioniert und ich bin schon immer der meinung gewesen, dass die vergangenheit ein kleiner speckbauch unseres lebens ist, den jeder hat und von dem jeder in schlechten zeiten zerren kann.
liebe grüsse an alle
günter
Danke für diesen Artikel! Ich erinnere mich auch ganz gerne
an gewisse Dinge und habe bei machen Sachen den sogenannte "Kloß" im Hals! Noch unangenehmer ist es, wenn ich mich dafür Schämen soll!
Gruß
Peter
Ja, Erinnerungen können ein sehr wertvoller Schatz sein, überhaupt dann, wenn man einen geliebten Menschen (Mutter)verloren hat. Ich bin froh um Alle, auch der schmerzhaften Erinnerungen, weil sie mir meine Trauer ermöglichen und ich dadurch in der Lage bin meiner Tochter von einem wunderbaren Mensch zu erzählen.
LG
Die Erinnerung ist doch, wie das Wort schon sagt, das was in unserem Innern (!) steckt. Insofern ist eine Differenzierung vom dem was hinter uns liegt (s. o. Zitat W. Holme) für mich nicht nachvollziehbar.
Wahrscheinlich wird man den Prozess des Erinnerns selbst differenzieren müssen. Sicher gibt es zum einen positive Erinnerungen, die spontan kommen. Aber nicht zur Aufhellung des Gemüts, sondern eben gerade aus einer guten Stimmungslaune heraus.
Gute Erinnerungen zu suchen, hat für mich nichts mehr mit "erinnern" (=spontan) zu tun, sondern mit Verdrängung von Unzufriedenheit in der Gegenwart.
Einen Filtermechanismus zu generieren, der positive Erinnerungen verstärkt aufkommen lässt, halt ich für kaum möglich.
Und was ist mit den schlechten Erinnerungen auf der anderen Seite?
Sie werden uns in der Gegenwart die Ernüchterung dafür bringen, dass unsere Zukunft nicht nur aus den Träumen von heute besteht, sondern eben auch leider wieder Ereignisse mit sich bringen wird, die morgen bereits Erinnerungen sind, nämlich schlechte.
Alles eine Frage der mentalen Einstellung? Wem ein Hang von Bedrücktheit innewohnt, der wird wahrscheinlich nie glücklich mit Erinnerungen, er wird sie aber voraussichtlich auch nicht ausblenden können. (Teufelskreis?)
Bei aller Suche nach Gegenargumenten stellt sich mir persönlich der Begriff der Erinnerung doch als recht "negativ behaftet" dar. Gewinn an Lebensqualität durch "Erinnern" im Sinne von "zweimal gelebt zu haben" kann ich nicht nachvollziehen. Das Risiko durch der "erinnerungsnahen Sehnsucht" an Lebensqualität des "einen Lebens" zu verlieren, würde aus meiner Perspektive überwiegen.
Erinnern wir uns also nur da, wo es unbedingt nötig ist oder dort und dann, wo es eben passiert. :-)
Grüße an alle
Michael Zimmermann