Wie wir die Welt bewerten
Von Tania Konnerth • 7 Kommentare
„Wenn ein Mensch einmal einen halben Tag lang in den Wäldern spazieren geht, weil er sie liebt, dann besteht die Gefahr, dass er als Tagedieb angesehen wird; wenn er dagegen den ganzen Tag als Unternehmer zubringt und diese Wälder abhackt und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, so wird er als fleißiger und unternehmungslustiger Bürger betrachtet.“
– Henry David Thoreau
Ja, wir haben schon manchmal seltsame Kriterien, mit denen wir andere Menschen, uns selbst oder auch das Leben allgemein bewerten. Das zeigt das Zitat von Henry David Thoreau sehr anschaulich, finden Sie nicht?
Ich halte diese Zeilen für eine wundervolle Gelegenheit, einmal genauer hinzuschauen, welches unsere ganz persönlichen Bewertungsmaßstäbe sind und ob wir diese oft recht unbewusst etablierten negativen oder positiven Wertungen wirklich beibehalten wollen.
Achten Sie z.B. einmal darauf, wie Sie reagieren, wenn Sie ein teueres Auto auf der Straße sehen oder eine Frau, die schrille Kleidung trägt oder was Sie über jemanden denken, der fettige Haare hat. Die Beispiele sind hier beliebig ausweitbar – fast immer werden wir uns bei einer spontanen Assoziation erwischen, wie z.B. „Angeber!“ bei dem teueren Auto, „Chaotin!“ bei der Frau mit der schrillen Kleidung oder „Faul!“ beim Menschen mit den fettigen Haaren (setzen Sie hier ein, was Ihnen in den Sinn kommt).
Das Entscheidende ist, dass unsere spontane Einschätzung sehr oft schon peinlich klischeehaft ist und dass, ob wir wollen oder nicht! Wir haben, selbst wenn wir glauben, ach so aufgeklärt oder tolerant zu sein, sehr viele populäre Meinungen verinnerlicht und gehen mit diesen Bewertungsschemata durch die Welt.
Es kann sehr gewinnbringend sein, sich dabei einmal ganz gezielt zu erwischen und zu überlegen, welche dieser Bewertungen sich vielleicht aufzulösen lohnen. Denn, es könnte durchaus sein, dass der Mann in dem teuren Auto nicht nur nett, sondern auch hilfsbereit ist, dass die Frau mit der schrillen Kleidung zwar kreativ, dabei aber ganz ausgeglichen und organisiert ist und dass der Mensch mit den fettigen Haaren sehr fleißig und engagiert ist (auch hier können sie die Beispiele wieder durch beliebige andere ersetzen).
Und um den Bogen zu dem Eingangszitat zurückzuschlagen: Es lohnt sich nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes immer mal wieder zu überprüfen, welche Folgen die verbreiteten Erfolgskriterien haben und ob nicht vielleicht andere sehr viel mehr Sinn machen. So ließe sich ganz bestimmt vieles verändern!





Zu diesem Thema habe ich gerade ein sehr gutes Buch gelesen, das ich jedem nur empfehlen kann - wenn er an seinem "Weltbild" arbeiten möchte ...
Alain de Botton: StatusAngst (Fischer-Verlag).
Ich denke, dass eine nicht hinterfragte und voreingenommene Bewertung userer Umwelt auf uns selbst zurück fällt.
Es sind m.E. ja nicht nur die verbreiteten Erfolgskriterien, sondern auch die damit sicherlich verbundene eigene Sicht auf die Welt und die Menschen neben uns.
Wenn meine daraus erwachsende eigene Bewertungs- und Erwartungshaltung eine Mauer von Vorurteilen aufbaut und sich so verfestigt, dass ich Andersartigkeit und Vielfalt in meiner Umwelt negativ gegenüberstehe, so werde ich schwer mit den ständigen Veränderungen in unserer schnelllebigen Zeit umgehen können. Ärger und Frust statt aufgeschlossener Anteilnahem am Leben und Mitgestaltung der Veränderungsprozesse sind sicherlich die Folgen. Deshalb versuche ich stets, meine Mitmenschen und deren Handlungen in "ihrer eigenen Welt" und nicht in der meinen zu betrachten und zu verstehen - immer unter dem Gesichtspunkt, dass jeder einmalig einzigartig ist. Ich finde es sehr interessant, auf diesem Wege der Vielfalt und damit neuen Gesichtspunkten, Ekenntnissen und Veränderungsmöglichkeiten zu begegnen.
Herzliche Grüße und eine schöne Woche
Wera Ebert
Das Eingangszitat bezeichnet treffend, wie sehr große Teile der Gesellschaft unter Intoleranz, blindem Eifer und der Überzeugung leidet, intensives Arbeiten und zwar selbst unsinniges und irregeleitetes, sei in jedem Fall bewundernswert.
Sie sprechen hier in sehr weitsichtiger und kluger Weise die Fragen nach den Folgen der verbreiteten Erfolgskriterien an und ob andere nicht mehr Sinn machen können.
Der Mensch ist in der Regel in seinem Denken ein Kind seiner Zeit und übernimmt die vorherrschenden Wertvorstellungen. Wird jemand in ein Umfeld hineingeboren, das liebevoll, aggressionsarm, kreativ, naturnah und kommunikativ ist, wird er sich tendenziell so entwickeln und diese Wertmassstäbe übernehmen. Ist es dagegen ehrgeizig, rivalisierend, aggressiv, besitzstrebend, ausbeutend und egoistisch, so werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch diese Werte übernommen.
Gesellschaftliche Wertmassstäbe entwickeln sich aber nicht nach dem Zufallsprinzip. Gesellschaftliche Verhältnisse und Wertmassstäbe werden gemacht. Und in der Regel gibt es hierbei Gewinner und Verlierer.
Historisch gesehen war z. B. der Begriff der Pflicht ein Mittel, das die Machthaber dazu benützten, andere Menschen dazu zu veranlassen, zum Nutzen ihrer Herren statt zum eigenen Vorteil zu leben. Dabei täuschten sich die Machthaber natürlich über dieses hinweg, indem sie sich suggerierten ihr Interesse sei identisch mit den „höheren Interessen der Menschheit“
In abgewandelter Form funktioniert das heute auch noch ganz gut.
Seine eigenen Wertmassstäbe zu korrigieren ist nicht einfach aber oftmals notwendig. Gesellschaftliche Wertmassstäbe zu beeinflussen könnte eine Aufgabe der Politik sein,
aber das hat das „Geld“ bereits übernommen.
Wie wahr!
Doch auch dieselben Handlungen werden abhängig vom Kontext völlig verschieden bewertet. In unserer dörflichen niederbayerischen Provinz gilt z.B. eine Frau, die einmal in der Woche kocht (sogar eine, die nur einmal in der Woche nicht kocht), als "Schlampe", die ihre Kinder sträflich vernachlässigt, während ein Mann, der z.B. einmal in der Woche kocht, eher als Held betrachtet wird.
Also mein Mann ist auf dem besten Wege dazu ein Held zu WERDEN.
Ich denke, man sollte eh nicht soviele Urteile über andere Menschen abgeben, sondern sich lieber an die eigene Nase fassen.
Besonders bei Menschen, die man kaum kennt, hat man kein Recht, sich eine Meinung zu bilden und diese auch noch Kund zu tun.
Hallo
Liebe Tania ein wunderbarer Gedankenanstoß, es spricht mir aus der Seele.
In Klischees denken bedeutet auch, das Gegenüber in ein Klischee zu verpacken.
Es ist ein Schubladendenken.
So möchte ich hier einmal einen Satz aufgreifen, der auch im Erfolgsdenken manifestiert wurde und aus meiner Sicht einen sehr negativen Touch besitzt:
"Der erste Eindruck ist entscheidend".
Es ist aus meiner Sicht ein großer und gravierender Denkfehler. Zum einen verbauen wir uns die Sicht und zum anderen die Möglichkeit der "zweiten Chance".
Der erste Eindruck ist für mich nur ein momentaner Augenblick. Um einen Menschen wirklich kennen zu lernen, bedarf es schon viel mehr....
Ich möchte hier anregen die Einstellung zu diesem Satz in einem Vorstellungsgespräch zu überdenken!
Oftmals steht ein fähiger, hoch qualifizierter und erfahrender Mensch vor einem Personalchef, dieser jedoch auf die Farbe des Lippenstiftes fixiert ist....
und schon passt der Bewerber nicht ins Team?
Dieser Bewertungsaspekt - ein Denkfehler - verbaut Vieles.
So möchte ich den Bogen in Richtung Arbeitswelt lenken und anregen zu überdenken, doch auf etwas mehr, als nur den Lippenstift zu achten, wir hätten sicherlich wirtschaftlich einen großen Aufschwung, wenn Kompetenzen und Qualifikationen, Erfahrung und Know How dem Lippenstift bevorzugt werden würde.
Alles Liebe
Ein nettes Zitat von H. Thoreau.
Bewertungen und die daraus folgenden Urteile sind ein Preis für unser Menschsein.
Echt amüsant ... :-)
Wenn wir erkennen (UND ERFÜHLEN!), dass dies alles (ALLES!) nur ein Wimpernschlag im Gesamtkontext der Existenz ist, werden wir uns darüber amüsieren können.
Leid, Drama, Mord, Tod ... jeglicher Horror (u. a. auch das Bewerten) dieser Welt ist - zack, "fingerschnpp" - NICHTS. Die Wahrheit, das was wirklich "wichtig" ist, erleben wir im Moment des Übergangs vom Leben zum "Tod".
Also nur keine Sorge: Das Universum entfaltet sich exakt wie "vorgesehen" ... Dies nämlich ist Voraussetzung für unsere Existenz - und die Existenz von ALLEM, was ist :-)))
Alles Liebe
Gani