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Verhandeln Sie mit sich selbst

Von Ralf Senftleben7 Kommentare

„Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen, nicht die, die wir tun“

– Marie von Ebner-Eschenbach

Kennen Sie das eigentlich auch? Sie wissen, dass Sie noch etwas Bestimmtes erledigen sollten (z.B. Steuererklärung, Abwaschen, Bewerbungsunterlagen fertig machen, o.ä.). Dann landen Sie aber doch vor dem Fernseher. Oder Sie tun lieber andere Dinge, die nicht so anstrengend sind, wie das was Sie sich vorgenommen haben.

Ich glaube, diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht. Das Aufschieben von anstrengenden und unbequemen Dingen ist im Augenblick, in dem wir aufschieben, die angenehmste Lösung. Und manchmal sollte man das auch einfach zulassen, solange es nicht zur Gewohnheit wird.

Sie haben aber noch eine weitere Möglichkeit, wenn Sie sich selbst beim Aufschieben ertappen. Sie können anfangen, mit sich selbst zu verhandeln.

Wie genau geht das?

Das Verhandeln funktioniert so: Sie nehmen abwechselnd die verschiedenen Positionen in sich selbst ein, die gegensätzliche Dinge wollen. Und dann lassen Sie die beiden Teile miteinander reden, indem Sie sie jeweils aufschreiben, was die beiden Positionen in Ihnen jeweils sagen.

Das könnte z.B. so aussehen:

A:  Es wäre besser für dich, wenn du heute Abend nicht fernsehen, sondern eher das Buch über "Stressmanagement" lesen würdest.
B: Aber ich bin so geschafft. Ich habe einfach keine Kraft heute Abend.
A: Ok, das verstehe ich, aber das hast du die letzten 3 Tage auch schon gesagt. Darum geht es in diesem Buch über Stressmanagement genau. Es geht darum, wie du es schaffen kannst, dass du abends nicht mehr so geschafft bist.
B: Ja, ich weiß das ja! Aber ich habe einfach keinen Bock. Es ist so anstrengend.
A: Ja, das stimmt, es ist ein bisschen anstrengend. Und du hast die Chance durch diese kleine Anstrengung in unserem Leben langfristig etwas zu verbessern. Wenn wir wirklich lernen, mit unserem täglichen Stress besser umzugehen, haben wir dauerhaft mehr Energie, Tatkraft und Lebensfreude. Meinst du nicht, dafür lohnt es sich, ein bisschen Anstrengung zu investieren. Es ist ein bisschen anstrengend aber du kannst es trotzdem tun.
B: Na gut, dann lass uns 5 Seiten lesen.
A: Sagen wir 20 Seiten.
B: 10 Seiten.
A: Ist abgemacht. Lass uns anfangen.

Stellen Sie sich vor A wäre ein Coach, der Ihnen dabei hilft, das zu erreichen, was gut für Sie ist. B ist in diesem Fall derjenige, der manchmal nicht so richtig weiß, was ihm langfristig gut tut. Versuchen Sie das Ganze einmal. Es wird Ihnen sicherlich Spaß machen, die verschiedenen Stimmen in Ihnen zu Wort kommen zu lassen.

Wichtig ist nur, bei den Verhandlungen möglichst nett und gütig mit sich selbst umzugehen. In dem ausgezeichneten Buch über Verhandlungen "Das Harvard Prinzip" gibt es eine Maxime.

"Weich mit den Menschen, aber hart in der Sache".

Das gleiche Prinzip können Sie auch bei Verhandlungen mit sich selbst anwenden.

"Weich mit sich selbst, aber hart in der Sache."

Wenn Sie regelmäßig mit sich selbst verhandeln und sich selbst dazu bringen, auch unbequeme Dinge zu tun, wird sich Ihr Leben verbessern, weil Sie mehr von den Dingen tun, die getan werden müssen und die langfristig gut für Sie sind. Und gleichzeitig wird die Qualität der Beziehung zu Ihnen selbst besser werden, weil Sie mehr von sich selbst kennen lernen.

Versuchen Sie es. Es wird Ihnen gut tun.

  1. Hubert schreibt am 20. April 2007 um 06:43

    Bei den Dingen, die einem wirklich am Herzen liegen, werden die Verhandlungen mit sich selbst vielleicht gar nicht so schwer sein, oder man braucht nicht einmal mit sich selber zu verhandeln.
    Bei manchen banalen Alltagsproblemen, sollte man vielleicht ausprobieren was passiert, wenn man gar nichts macht. Oft passiert dann auch gar nichts oder nichts Gravierendes. Viele Aufgaben und Probleme sind erst dann ein Aufgabe oder ein Problem, wenn wir es als solches sehen oder definieren.
    Wenn wir nicht in allem ein Tätigkeitsfeld oder eine Herausforderung sehen, leben wir entspannter und keineswegs unzufriedener.

  2. Heide schreibt am 20. April 2007 um 21:49

    Och Hubert,

    da mir die Steuererklärung nicht am Herzen liegt (eher auf den Magen schlägt), kann ich sie dann, deinem Rat folgend, liegenlassen?

    Und dem Finanzbeamten schreib ich dann: Die Steuererklärung ist nicht mein Tätigkeitsfeld und als eine Herausforderung nehm ich sie auch nicht an.
    Und im übrigen solle er sich an dich wenden.

    Ok so?
    ;-)

  3. Hubert schreibt am 20. April 2007 um 23:43

    Lieber an meine Schwester, die ist Steuerberaterin und WP.

    Neben dem Liegenlassen bestimmter Dinge gibt es auch noch das Delegieren von Aufgaben, insbesondere dann, wenn sie wie beim deutschen Steuerrecht von Laien immer schwerer zu bewältigen sind. Man gibt die Sache dem Steuerberater und der eigene Magen bleibt gesund.

    Aber mir ging es gar nicht um Steuererklärungen, die ich im Übrigen auch selber mache, sondern um so banale Dinge des Alltags, von denen wir glauben sie seien für uns wichtige unverzichtbare Arbeiten, die im Grund aber zweitrangig sind oder auch liegengelassen werden können. Ich meine damit Dinge wie samstägliches Autowaschen oder Rasenmähen , sogenannte verwandtschaftliche Pflichtbesuche, dem Partner zuliebe an einem bestimmten Essen teilnehmen, noch schnell Dinge aus dem Supermarkt besorgen, ohne die aber keiner verhungert, noch kurz diesen Kurs besuchen und ist da morgen nicht noch die Vereinsversammlung von unserm Sportverein, usw. usw..
    Selbst die Terminkalender von Kindern sind heutzutage mit sogenannten „Verpflichtungen“ vollgestopft.

    Nichts wirklich Schlimmes passiert, wenn wir das alles einfach nicht machen.

  4. HullaBulla schreibt am 22. April 2007 um 12:57

    Aber ich finde, dann muss man es erstmal als etwas definieren, was nicht so wichtig ist und aufgeschoben werden kann. Also in sich reinhorchen: Warum will ich das, was bringt mir das usw...und es dann guten Gewissens ans Ende der Liste setzen oder streichen.
    Wenn man es nämlich immer noch als etwas empfindet, was eigentlich getan werden müsste, und dann trotzdem liegenlässt, hat man schnell das Gefühl, irgendwie ein Versager zu sein oder dass man zu wenig geschafft hätte...als würde einem die Verantwortung genommen werden und man wäre schlampig, wenn man sich nicht erst bewusst entscheidet, es zu lassen.

  5. Gabriele Horst schreibt am 23. April 2007 um 16:40

    mein Motto lautet: "Was du heute kannst besorgen,dass verschiebe nicht auf morgen". Nach getaner Tätigkeit fühle ich mich gleich wohler. Warum sollte ich erst in mich reinhorchen ???

  6. Nani schreibt am 24. April 2007 um 20:13

    Die Idee, mit inneren Anteilen zu verhandeln kann gelegentlich ganz nützlich sein (bei wichtigen Angelegenheiten). Aber wenn man gewohnheitsmäßig mit einem inneren Coach wie mit einer zweiten Person verhandelt, tauchen irgendwann auch noch C und D usw. auf. Das innere Kind zum Beispiel... Und bis mehrere Personen dann alles ausverhandelt haben...

  7. Danny schreibt am 25. April 2007 um 20:39

    Tja,
    unser Gehirn funktioniert eben nach dem "Freude suchen, Schmerz vermeiden"- Prinzip.
    Und so versucht es stets, uns von allem, was irgendwie unangenehm erscheint, hin zum Lustvollen zu manövrieren.
    Das diese aufgeschobenen Dinge natürlich langfristig uns eher helfen und besser fühlen lassen,entgeht dabei leider.
    Daher ist es gerade hier wichtig, auf den Verstand zu hören.
    (Für all jene,die nur nach Bauchgefühl leben...)

    Viele Grüße,
    Danny Pohl