Erlauben Sie sich Unfertigkeit
Von Tania Konnerth • 8 Kommentare
"Wo Unfertigkeit bestraft wird, wird Reifung verhindert."
– Michael Köditz
Dieses Zitat begleitet mich schon lange. Ich fand es in einem Buch von Michael Köditz und schrieb es mir auf einen farbigen Post-it-Note, der seitdem auf meiner Kreativ-Pinnwand klebt.
Ich stimme diesem Zitat aus ganzem Herzen zu. In so vielen Lernsituationen wird Unfertigkeit bestraft und es herrschen dann Angst und Frust. Auch in der Erziehung und im alltäglichen Miteinander trifft die Aussage zu – und es hat Folgen, wenn wir sie nicht beachten.
Am allerwichtigsten ist für mich aber, dass ich mir selbst gegenüber auch immer wieder an diesen Satz denke. Denn, wie es bei vielen Menschen ist, war ich bisher selbst mein schärfster Kritiker. Wie oft ging ich schon über die Gebühr hart mit mir ins Gericht! Wie selten war ich zufrieden mit mir!
Tatsächlich hat sich da über die letzten Jahre viel geändert. Nicht nur, dass ich es als Notwendigkeit erkannt habe, weicher und nachsichtiger mit mir selbst zu sein, sondern auch solche Sätze wieder von Michael Köditz haben mir geholfen, milder zu mir selbst zu sein.
Und ja, seitdem ich mir erlaube, auch unfertig zu sein, seit ich mir Fehler zugestehe und seit ich begriffen habe, dass Perfektion eine Illusion ist, bin ich gewachsen. Innerlich gewachsen und auch im Umgang mit anderen. Gereift.
Vielleicht mögen auch Sie sich das Zitat abschreiben und gut sichtbar aufhängen. Es könnte ein Samen sein, aus dem etwas sehr Schöne erwächst.





"Wo Unfertigkeit bestraft wird, wird Reifung verhindert."
Seit Jahren erlebe ich schmerzhaft an unserer (Elite-)Schule, wie wahr dieser Satz ist. Unseren Schülern wird abverlangt, im Unterricht nicht nur ruhig und konzentriert aufzupassen. Nein, sie müssen auch noch mitarbeiten.
- So weit so gut!
Doch wie sieht diese Mitarbeit aus? Der Lehrer stellt bei der Neubearbeitung eines Themas Fragen, die Schüler versuchen zu antworten oder die Schüler stellen Fragen.
- So weit so gut!
Ein praktisches Bespiel gefällig?
Lehrer 1: "Welche Städte liegen in England?"
Schüler: "London, Leeds, Dublin, ..."
Lehrer 1: "IDIOT, Dublin ist in Irland!!!"
Und noch eines:
Schüler: "Herr Professor, könnten sie bitte 'Induktion' noch einmal erklären?"
Lehrer 2: "Was? Das hast DU noch immer nicht geschnallt? Frag Deinen Banknachbarn, ich hab dafür jetzt keine Zeit!"
Banknachbar leise zum Mitschüler: "Shit, ich hab auch keinen Tau!"
Nach der Stunde kann man Lehrer 1 und Lehrer 2 beobachten, wie sie in ihr Klassifikationsheft bei den betreffenden Schülern in der Rubrik Mitarbeit eintragen: "Nicht genügend"
Bei einer Konferenz zum Thema "Beurteilungskriterien" habe ich die oben beschriebene Problematik angesprochen. Von den meisten Kollegen kam nur ein müdes Lächeln.
- So weit so gut ???
Wie wahr wie wahr!
Ich verteile den Satz an meine Kinder und Enkelkinder! Danke
Ab wann ist man fertig – also nicht mehr unfertig?
Gibt es diese Situation überhaupt?
Wann bin ich Meister eines Faches? – Und gibt es dann nicht immer noch bessere Meister?
Diese Denkweise hilft mir bei dem Thema. Ich mache etwas mit bestem Wissen und Gewissen. Und die Fertigkeit wird „immer“! besser. Selbst bei dem weltbesten Meister der jeweiligen Kunst/ Wissen etc.
Auch ich kann diesem Zitat von ganzem Herzen zustimmen.
Wo Unfertigkeit bestraft wird, wird Leben, Lernen, sich Mitteilen, sich Öffnen verhindert.
Ein Satz in der Kolumne hat mich ebenfalls sehr angesprochen: " Perfektion ist eine Illusion." Diesen Satz werde ich mir ganz groß aufschreiben!!Gleichzeitig frage ich mich: "Warum eine Illusion??" Gibt es die Perfektion an sich gar nicht?
Da ich öfter den Eindruck habe, dass sich ein "Gnadenloser Perfektionsanspruch" ausbreitet, würde ich gerne gerade über dieses Thema mehr erfahren, oder auch diskutieren.
..alles hat seine Zeit!
Mit den Jahren kommt die Ein-Sicht in das, was ansteht zu lernen und zu integrieren.
Ein wirksamer Verhinderer für Kreativität ist die Illusion
der Perfektion, dahinter tarnt sich die Unsicherheit.
Das ist so ziemlich der wichtigste Satz in meinem Leben!
Übertriebender eigener Perfektionsanspruch haben u.A. zu einem burn out bei mir geführt. Seitdem lerne ich teilweise sehr schmerzhaft, was Milde und Nachsicht für mich selbst bedeutet und übe das immer wieder und in ganz kleinen Schritten. Dennoch hat sich im Laufe meiner Therapie eine Frage immer wieder in den Vordergrund geschoben :
" wann ist ein Mensch eigentlich fertig? Wann ist er so, daß alles rund ist?.... wann ist er sozusagen "perfekt" ?
und die Antwort ist ganz einfach :
Jeder Mensch ist anders und jeder ist fertig und "perfekt", wenn er mit sich selbst " im Reinen ist", sich selbst so akzeptiert, wie er ist, vorallem mit seinen Schwächen !!!
Was ich nämlich negiere oder ablehne, wird mehr Raum in meinen Gedanken und damit meinem Leben einnehmen, als es mir lieb ist. Akzeptiere ich dagegen auch meine vermeintlichen negativen Teile, integrieren sie sich und erhalten damit nicht einen so hohen Stellenwert.
So lernen z.B. Tinituspatienten mit ihrem Ohrgeräusch zu leben, es hinzunehmen und siehe da, mit etwas Übung wird ihr Leben wieder angenehmer, bunter und lebenswerter.
Das sollten wir nie vergessen, wenn wir mal wieder sehr kritisch mit uns in´s Gericht gehen :-)
Und nicht müde werden damit. Ich lerne auch noch immer weiter in dieser Disziplin.
Viel Erfolg
Frei nach Jwala (www.sign.ag): ICH BIN EINER MEISTER DER ÜBT!