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Von der Zersplitterung der Informationen

Von Tania Konnerth10 Kommentare

"Wir haben verlernt, die Augen auf etwas ruhen zu lassen, deshalb erkennen wir so wenig."

– Jean Fernand Giono

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Informationen heute ganz anders aufbereitet werden als noch vor 20 Jahren? Die Portionen, in denen uns Fakten und Informationen präsentiert werden, sind immer kleiner geworden.

Denken Sie z.B. mal an Filme: Die Schnitte werden immer schneller. Mit wie viel Zeit wurden früher manche Szenen gedreht (die uns heute z.T. schrecklich langweilig vorkommen)! Spielfilme haben immer öfter etwas von Musikvideos und Musikvideos anzuschauen, kann richtig nervös machen.

Oder denken Sie an Texte in Büchern oder Zeitschriften: Kapitel und Absätze in Büchern werden z.B. immer kürzer. Während es früher noch echte Bleiwüsten gab, werden Sachbücher heute normalerweise mit vielen Zwischenüberschriften, zusammenfassenden Kästchen, und Randnotizen aufbereitet. Das ist eine feine Sache, denn so können wir Sachzusammenhänge schnell erfassen und auch leichter behalten. Allerdings darf man es auch nicht übertreiben, denn zu viele Zwischenüberschriften zerfleddern den Text und führen dazu, dass man ihn nur noch oberflächlich liest.

Und hier kommt das Zitat ins Spiel, das ich für diese Woche ausgewählt habe, denn ich denke, das steckt viel Wahres drin.

Ich glaube, wir laufen tatsächlich Gefahr, angesichts all der fragmentierten Reize nicht mehr wirklich hinzuschauen. Wir finden oft keinen Halt mehr in all den kleinen Häppchen, nichts, wo wir mal länger als nur einen Moment verweilen, um uns wirklich einlassen zu können. Das Hauptziel besteht zunehmend darin, nicht die Orientierung zu verlieren, also wenigstens einen gewissen Überblick zu behalten. Das aber geht allzu leicht auf Kosten der Tiefe und vor allem auch zu Lasten unserer Konzentrationsfähigkeit.

Immer mehr Menschen tun sich z.B. zunehmend schwer damit, auch mal einen längeren Text am Stück konzentriert zu lesen. Kennen Sie das vielleicht auch von sich selbst?

Ich jedenfalls erwische mich immer wieder dabei, dass ich mich manchmal richtig dazu zwingen muss, ein Buch tatsächlich zu Ende zu lesen und mich wirklich mit den Inhalten zu befassen. Wie verlockend ist es, schnell die Überschriften zu überfliegen und einen "Eindruck" zu gewinnen, um dann gleich zum nächsten Buch zu greifen! Gleiches gilt für Webseiten, Zeitschriften, Info-Sendungen und… und… und…

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ein guter Überblick ist wichtig und vieles im Blick zu haben, auch. Und ich persönlich genieße die Infomationsmöglichkeiten unserer Zeit und ich weiß gut aufbereitete Sachbücher sehr zu schätzen. Wir sollten nur nicht vergessen, dass es manchmal nötig ist, sich Zeit zu nehmen und genauer hinzuschauen und den Dingen auf den Grund zu gehen, um wirklich etwas zu verstehen.

  1. Angela C. schreibt am 1. Juni 2010 um 13:13

    Wie wunderschön ist eine Blütendolde des Holunderstrauchs-wenn man den Blick mal darauf ruhen lässt.
    Ich wünsche euch allen viele schöne "Augenblicke"

  2. Inge schreibt am 6. Juni 2010 um 06:21

    ja, wenn ich überlege, stimmt das wirklich und ich bedauere, dass ich oft nicht genug Geduld habe, genauer hinzusehen, darüber zu reflektieren. Viele Informationen, z.B. in der Zeitung, sind es nicht Wert, sich darauf einzulassen. Oft sind sie nicht wahr, morgen gilt schon wieder etwas anderes, oft sind es Wiederholungen (manchmal um die Zeilen zu füllen) und oft deprimiert es mich einfach, immer nur negatives zu hören (siehe Politik, siehe Banken, siehe Wirtschaft). Das mag die Realität sein, aber ich sage NEIN, mich von all dem herunterziehen zu lassen. Es gibt doch so viele schöne Dinge und auch so herrliche Bücher auf die man sich einlassen kann und dann habe ich alle Geduldd dieser Welt.
    Herzlichen Dank für Eure wundervollen Denkanstöße. Inge

  3. alraune schreibt am 6. Juni 2010 um 07:01

    Vor allem sollte sich jeder klar darüber sein, daß das, was wir als "Nachrichten" hören, sehen, lesen, kaum noch einen Wahrheitsgehalt zwischen all dem Tüdelüt (die Überschriften, Randnotizen, etc) hat. Es gibt ein gutes Buch, das heißt "Die Meinungsmacher". Weiß nicht, ob das jetzt Werbung ist und nicht hierhergehört - es soll aber nur Info sein. Ich habe jedenfalls keinen Nutzen davon, wenn jemand das Buch kauft, leiht und jedenfalls liest, fand es selber aber gut.

    Ansonsten ist es wirklich sinnvoller, sich Zeit für Holunderblüten oder andere lange, schön Augenblicke zu nehmen!

    Lange, intensive Zeiten mit seinen Kindern - sie haben es verdient. Zeit für "Gespräche" mit seinen Tieren, Zeit, die Sonne zu genießen...

    Und dann wieder in die WElt zu gucken und, passend zum Thema darüber, "nein" zu sagen zu der Oberflächlichkeit, die uns in dieser Zeit leider umgibt.

    Ich habe ein schönes Zitat gelesen: Wir leben in einem Zeitalter, das stolz auf Maschinen ist, die denken können und misstrauisch gegen Menschen, die es versuchen.
    Leider weiß ich nicht, von wem das Zitat ist; wer es weiß, möge es bitte einfügen.

  4. Catherine schreibt am 6. Juni 2010 um 07:29

    Wenn ich im Urlaub bin, komme ich oft nicht dazu, mich über die aktuellen Tagesgeschehnisse zu informieren, und siehe da, wie die Franzosen sagen, "Plus ca change, plus c'est la même chose" - es hat sich kaum etwas geändert. Oft sehen wir den Wald wirklich vor lauter Bäume - oder, sagen wir, Zeitungsblätter - nicht. Durch die oberflächliche Informationsflut werden wir überreizt und handlungsunfähig, wie eine Mutter mit zehn Kindern, die alle etwas wollen.

    Summa summarum: Wenn man sich wirklich informieren will, sollten man sich in Ruhe mit einem gut geschriebenen Buch hinsetzen, meinetwegen auch aufm Klo. Da bekommt man die Entwicklungen und die Zusammenhänge mit und kann sich eine fundierte Meinung bilden. Bücherlesen ist ein Gedankenurlaub.

    Meine Tochter, ein Kind der PC-Generation, hat mit 18 das Bücherlesen entdeckt und ist, ohne mein Zutun, von den modernen Klassikern und deren Gedankengut begeistert. Die Schulen könnten ein größeres Augenmerk aufs Bücherlesen legen - mindestens machen die Kinder dann etwas Sinnvolles mit ihren freien Nachmittagen.

  5. Jens Veit Günther schreibt am 6. Juni 2010 um 11:14

    Ich beobachte diese Zersplitterung der Informationen auch, an mir und an anderen. Es ist sehr schwer sich das im Alltag regelmäßig bewußt zu machen und gegenzusteuern.

    Alles beschleunigt sich. Und die Quantität wird immer mehr zum qualitativen Problem. Das Informationsbombardement führt bei sehr vielen Menschen dazu, im Prinzip überhaupt nicht informiert zu sein ohne das zu merken.

    Ein spannendes Buch zu diesem Thema ist das Standardwerk der Public Relations „Propaganda“ von Edward Bernays. Nach der Lektüre wird mancher die alltägliche Informationsflut der Medien konsequent meiden und den Fernseher abschaffen.

    @alraune – Das sehr gute Zitat wird dem Schriftsteller Howard Mumford Jones zugeschrieben. Übrigens ist das ein schönes Beispiel für das „Nicht-in-die-Tiefe-gehen“. Mit 1 Minute Recherche wäre die Quelle selbst auffindbar gewesen;-). Einfach das ganze Zitat bei der Suche eingeben und die einzelnen Einträge auf Plausibilität prüfen.

    Wir sind alle nicht gefeit vor diesem Dilemma. Die Masse der Informationen einerseits, die für den einzelnen nicht zu bewältigen ist, und andererseits die menschliche Neugierde und der Wunsch Bescheid zu wissen, um „Mitreden“ zu können, führt folgerichtig zu dem Paradox: „Je mehr man weiß, umso weniger weiß man.“

    Deshalb gehe ich jetzt raus in den Garten und suche meine Holunderblüten auf...

  6. augustheater schreibt am 6. Juni 2010 um 18:58

    @alraune: Jens Veith Günther hab ich's nachgemacht und auch nach Eingabe in eine Suchmaschine das Zitat hier [http://www.mm-astronomen.de/zitate.html] gefunden, mit Angabe des Autors H. Mumford Jones, über ihn zum Nachlesen [http://en.wikipedia.org/wiki/Howard_Mumford_Jones].

    Im Übrigen übe ich eine Kunst aus, die auch sehr langsam ist und mit den Filmen und ihren Schnitten nicht mithalten kann: Theaterspielen. Vor allem Junge können da kaum noch lange dasitzen und zuhören und zusehen.

  7. Melanie schreibt am 7. Juni 2010 um 06:17

    Guten Morgen zusammen,

    beim Thema oberflächlich lesen muss ich auch für mich zugeben, dass ich es mache. Aber, wenn mich etwas interessiert, dann will ich es lesen und verstehen. Lese ich zb. etwas was ich lesen muss, schaffe ich es eigentlich fast nie etwas zu verstehen. Natürlich sollte man in der Lage sein, auch sowas aufnehmen zu können ;)
    Ansonsten habe ich die Augen offen, man sieht eben das was einen interessiert :)
    Danke für den interessanten Denkanstoß!

    Einen schönen Tag wünsche ich

  8. Anja schreibt am 7. Juni 2010 um 19:22

    Ja, das stimmt!
    Und weil die Informationshäppchen kleiner werden,
    brauchen wir dann im Alter das Gedächtnistraining... .
    -So, wie die Pflanzen Zeit für Wachstum benötigen,
    braucht auch unser Gehirn Zeit für die Vernetzung.-

    Ich versuche schon seit einiger Zeit, keine Bücher
    mehr parallel zu lesen. Mit dem wunderbaren Buch
    "Weißt Du nicht, wie schön Du bist" von Stacy und
    John Eldredge ist es mir dann tatsächlich gelungen.

    Viele Grüße von Anja

  9. Doris schreibt am 29. Juni 2010 um 09:29

    Stimmt! Wir haben uns schon seit Jahren angewöhnt, dort, wo es uns gefällt, einfach anzuhalten, vom Rad zu steigen, stehen zu bleiben usw. und zu verweilen. Wie bereichernd ist das! So prägt sich das Schöne tief ein und wenn der Moment vorbei ist, bleibt er noch lange im Gedächtnis haften!

    Genauso "tauche" ich in ein gut formuliertes Buch "ab".

    Lange - weile kann so schön sein!

  10. Iris Heinz schreibt am 17. Juli 2010 um 15:47

    Auch ich genieße die Informationsmöglichkeiten unserer Zeit, doch fällt mir zunehmend auf, dass Kleinigkeiten untergehen. Man bleibt nicht mehr stehen, um einen Duft wahrzunehmen, geschweige denn eine Blüte, und sei sie noch so groß. Der Regenbogen am Himmel interessiert niemanden.

    Alles muss parallel laufen: Die Musik, der Chat, der Fernseher, das Handy. Wer es nicht besser weiß, nennt dies auch noch Multi-Tasking. Geduld und Konzentration? Werden von anderen eingefordert. Hups, man verzeihe mir eine vermeintliche Polemik.