Wie offen bin ich?
Von Tania Konnerth • 5 Kommentare
"Wir lieben die Menschen, die frisch heraussagen, was sie denken – falls sie das gleiche denken wie wir."
– Mark Twain
Das heutige Zitat ist mal wieder eines, das einen an einem ziemlich empfindlichen Punkt treffen kann. Schließlich gehört Offenheit zum Selbstanspruch vieler Menschen. Offenheit für andere Ansichten, Offenheit für andere Denkrichtungen.
Wir bewundern Leute, die das, was wir für richtig und stimmig halten, laut in die Welt rufen. Da können wir nicken und es beruhigt ungemein, zu wissen, der denkt so wie ich.
Aber prüfen wir uns einmal ganz ehrlich: Wie reagieren wir, wenn jemand etwas sagt, das uns vollkommen fremd ist? Können wir es tatsächlich stehen lassen und interessiert anschauen? Oder sind wir schnell dabei, es argumentativ zu entkräften, es vom Tisch zu wischen oder lächerlich zu machen – ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben?
Und wie reagieren wir, wenn jemand, der etwas anders sieht als wir, das auch noch kraftvoll deutlich wie eine Fahne vor sich her trägt? Wenn die Andersartigkeit mehr als offensichtlich ist? Und wie erst, wenn das, was die Person sagt, Samen des Zweifels in uns sät? Öffnen wir uns dann oder machen wir erst recht dicht?
Ich erwische mich selbst immer wieder dabei, wie ich, wenn ich bei anderen Ansichten, gedanklich und gefühlsmäßig entweder zurückweiche oder auch angreife. Vielleicht ein automatischer Reflex? Wenn ich das bei mir selbst spüre, nehme ich das inzwischen zum Anlass, später, für mich allein, in Ruhe über die Sache nachzudenken und mich zu fragen:
- Was genau hat die Person eigentlich gesagt?
- Was hat mich daran aufgeregt?
- Warum und wodurch fühlte ich mich bedroht oder angegriffen?
- Steckt vielleicht etwas in dem Gesagten, womit ich etwas anfangen kann?
- Was genau?
So habe ich die Chance, trotz meiner automatischen Abwehrmechanismen meinen Horizont doch noch zu erweitern. Aus dem Abstand heraus fällt es mir leichter, über andere Ansichten nachzudenken. Ich kann dann, was mir nicht gefällt, immer noch entsorgen – aber schon so manches Mal ging ich nach meiner Reflexion zu der Person, um das Gespräch noch einmal aufzugreifen – und das nicht selten mit Gewinn.
Die Antwort auf das Zitat lautet für mich deshalb: Ich muss Menschen, die etwas anderes denken als ich, nicht gleich lieben, aber ich kann mir selbst die Tür offen halten, um einmal ganz in Ruhe, über "anderes" nachzudenken.






Mit mir selbst habe ich erfahren: Ich greife das an, was ich an mir selbst (am meisten) ablehne.
diese Frage ist für mich gerade brandaktuell! Offenheit hat ja auch was mit Vertrauen zu tun: Traue ich mich, mich zu öffnen und vertraue ich darauf, dass ich vom Gegenüber nicht verletzt, angegriffen oder diffamiert werde. Ich arbeite seit schon sehr lange an mir selbst, weil ich weiß: Veränderungen fangen immer erst mal bei mir selbst an. Und dennoch: in einer Gruppe von Menschen scheint mir das nicht unbedingt zu helfen. Dann fällt mir leider nur noch Friedrich Schiller ein: "es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Ich glaube insziwschen, dass dazugehört, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Es bleibt vielleicht noch die Frage, ob man seinem Gegenüber in angemessener Weise sagt: Dir gegenüber bin ich nicht mehr offen, weil für mich die Rahmenbedingungen einfach nicht (mehr) stimmen. Wir können aber gern jederzeit einen Neuanfang machen, für den ich aber nicht den ersten Schritt mache. Denn aus meiner Sicht habe ich alles getan, was mir möglich war.
Man sagt ja immer, dass das Verhalten anderer Menschen einem selbst was spiegelt. Was muss man dann aber bei sich selbst ändern, wenn man in einer Gruppe (z.B. auf Arbeit) eine Änderung haben will und nicht der Chef ist? Wie kann man da Offenheit erreichen oder wieder herstellen?
Einer meiner Lieblingssätze von Theo Schoenaker, bei dem ich Encouraging-Trainerin geworden bin, war
"Regt dich was auf, gehts dich was an."
Seitdem versuche ich Statements, die mich auf die Palme bringen, dafür zu nutzen, etwas über mich herauszufinden. Macht viel mehr SPaß als sich zu ärgern :-)
Sonja, Andrea und Ute (und vorher natürlich Tanja) haben mir aus der Seele gesprochen.
Vielleicht gebe ich diesen Artikel mit den Kommentaren meinen Söhnen zu lesen. Manchmal denke ich, bei denen gibt es nur schwarz oder weiß. Das Diskutieren mit ihnen ist zuweilen sehr anstrendend. Die Zwischentöne sind (noch) nicht sehr ausgeprägt. Ich hoffe auf "zunehmende Reife".
Das ist ein tolles Thema, an dem auch ich immer wieder arbeite.
Ich bin ein Querdenker und liebe es, mir alles genau anzusehen und zu hinterfragen. Speziell, wenn es um Gesundheits- und Persönlichkeitsthemen geht. Ich bin an sich sehr offen, habe mich irgendwann immer weniger getraut, meine wirklichen Gedanken dazu frei zu äußern, da ich merkte, welcher Widerstände oft aufkamen.
Gleichzeitig habe ich auch an mir entdeckt, dass bei Menschen, die meine Gedanken in Zweifel zogen oder massiv dagegen redeten, bei mir starken inneren Widerstand hervorriefen. Ich bin dann so stark in die Rechtfertigung gegangen, dass es manchmall eher das Gegenteil erzeugte und noch mehr Ablehnung zur Folge hatte. So bin ich immer vorsichtiger geworden mit Offenheit.
Anders zu denken als die Masse oder nur als der Gesprächspartner und dies offen zu äußern wird immer wieder eine gewisse Herausforderung sein. Für mich war es wichtig, den richtigen Weg dazu zu finden, so dass ich damit umgehen kann. Man muss sich innerlich schon sehr stark fühlen, um wirklich offen zu sein und gelassen zu bleiben, selbst wenn man angegriffen wird. Ich habe auch gelernt zu aktzeptiern, wenn der andere sich derzeit dafür nicht öffnen möchte oder einfach einen anderen Standpunkt hat.
Ein schöner Spruch, den ich vor Jahren gelesen habe, begleitet mich immer wieder: "Jeder hat von seinem Standpunkt aus gesehen Recht." Den Mut zu haben, diese Unterschiede offen und respektvoll zu besprechen, öffnet womöglich ganz neue Sichtweisen.