Von Tom Freudenthal
Dass die eingeschränkte Sichtweise der traditionellen westlichen Medizin bei weitem nicht ausreicht, um Krankheiten zu erklären und zu heilen – das ist vielen Menschen heute selbstverständlich. Dass aber die westlich/wissenschaftliche Sicht auf das Gehirn ähnliche Auswirkungen hat, besonders bei den Themen "Lernen und Lesen", das ist nicht ganz so bekannt.
Dabei hat die Art, wie wir unser Gehirn in der westlichen Welt benutzen, dramatische Folgen:
Warum nutzen Kinder offenbar ihre geistigen Fähigkeiten in einem weit höheren Ausmaß als Erwachsene? Einfach ausgedrückt, weil sie ihr Gehirn genauso einsetzen, wie es natürlich ist: nämlich ganzheitlich.
Und das tun sie so lange, bis sie in unserem traditionellen Ausbildungssystem landen und ihre geistigen Fähigkeiten immer mehr auf das verengen, was in der westlichen Gesellschaft verlangt wird: kognitives, sprach- und analytisch betontes logisches Denken.
Um zu verstehen, warum sich unser Ausbildungssystem so verheerend auf unsere Lernfähigkeit auswirkt, ist ein Blick in die Vergangenheit nötig. Denn ursprünglich hatte die Schule in der westlichen Welt nicht den Zweck, das Lernen zu beschleunigen, sondern den perfekten Untertanen zu formen. Und Methoden wie Auswendiglernen waren zum Beispiel in der katholischen Kirche als Buße gedacht – die Funktion war also Strafe und nicht Lernen.
Als in Preußen am 28. Oktober 1717 die allgemeine Schulpflicht vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I eingeführt wurde, ging es zwar auch um Rechnen, Lesen, Schreiben – aber eben auch – und vielleicht vor allem – um die Disziplinierung der Bevölkerung. Aus dieser Tradition kommt zum Beispiel die Idee, dass es in der Schule einen festen Lehrplan für alle geben muss, den der Lehrer den Schülern zu vermitteln hat – und zwar in einer festen zeitlichen Struktur.
Natürlich hat sich in der modernen Pädagogik zwischenzeitlich viel getan und vielleicht arbeiten mittlerweile 10 Prozent aller deutschen Schulen nach moderneren Methoden – aber für die Mehrheit der Schüler bedeutet Lernen nach wie vor ein Aufnehmen von vorgegebenen Inhalten und die Wiedergabe in der vom Lehrer erwarteten Form – das typische Spiel: der Lehrer stellt eine Frage, und die Schüler raten, was er wohl hören will. Das atmet eher den Geist von Kommandos als von selbständigem Denken.
Hinzu kommt, dass die meisten Lehrinhalte mit der Lebenswirklichkeit der Schüler wenig zu tun haben und von ihnen auch meist für völlig irrelevant gehalten werden. Für das Gehirn kommt diese Form von Lernen einer Vergewaltigung nahe, denn die Kinder verlernen dabei sowohl ihre natürlichen Lernwege, als auch ihre eigenen Wahrheiten und haben selten Zeit, sich wirklich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen. Denn gerade in dem Moment, wo sie sich vielleicht für den Sonnenkönig zu interessieren beginnen, klingelt es zur Pause und zehn Minuten später geht es um chemische Formeln.
Und dazu kommen in der Regel noch künstlich erzeugter Leistungsdruck, Stress, Angst vor Fehlern und schlechten Noten, Zeitdruck, Konkurrenz und Bewegungsmangel. Angst und Stress sind übrigens die größten Feinde des Lernens überhaupt, weil sie den Organismus umschalten lassen auf grundlegende Verhaltensweisen wie Flucht oder Angriff – für komplexe Lernvorgänge bleibt da kein Raum.
All das führt dazu, dass wir im Laufe unserer Entwicklung sehr vieles von dem verlieren, was unser Gehirn braucht um gut zu funktionieren:
1981 erhielt Prof. Roger Sperry aus Kalifornien den Nobelpreis für eine wichtige Entdeckung, die inzwischen weltbekannt geworden ist: Die zwei Hälften unseres Gehirns nehmen schwerpunktmäßig unterschiedliche Funktionen wahr. Die linke beschäftigt sich zum Beispiel eher mit Dingen wie Logik, Zahlen, Analysen, Linearität, Wörtern usw. und die rechte eher mit Bildern, ganzheitlichem Bewusstsein, Gefühlen, Phantasie und räumlicher Wahrnehmung.
Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie würden aufgefordert, in einem großen Raum hin und her zu laufen. Mit zwei gesunden Beinen natürlich kein Problem… In einem zweiten Durchgang aber wären Ihnen für die gleiche Aufgabe ein Arm und ein Bein auf den Rücken gebunden. Wie gut könnten Sie jetzt laufen? Rein rechnerisch halb so gut, also 50% – aber in Wirklichkeit natürlich noch sehr viel schlechter.
Dieses Beispiel ist übertragbar auf unser Gehirn, denn wie gesagt, in unserer westlichen Gesellschaft werden die Funktionen der linken Gehirnhälfte sehr stark betont und besonders in der Schule, aber auch im Geschäftsleben, haben die „rechtshirnigen“ Leistungen unserer grauen Zellen keinen guten Ruf. In Analogie zu den oben beschriebenen Überlegungen heißt das aber nichts anderes, als das wir meistens nur 50% unserer geistigen Möglichkeiten nutzen, wenn wir logisch, linear und in Worten denken.
Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich in Wahrheit sogar noch deutlich weniger Gehirnzellen am Denken beteiligen, wenn wir uns ausschließlich auf Worte, Analyse, Logik und Linearität verlassen. Untersuchungen der Havard Universität legen den Schluss nahe, dass meistens sogar nur 2-5% unserer grauen Zellen am Denken beteiligt sind.
Und was machen die anderen 95%? Die langweilen sich und "stören": denken in Bildern, Gefühlen, Sinneseindrücken, chaotisch, assoziativ. Menschen die lesend lernen müssen, erleben das als Unkonzentriertheit – die Gedanken schweifen ab, Erinnerungen, Bilder oder scheinbar "unpassende" Gedanken tauchen auf. Das ist der Grund dafür, dass es fast niemandem gelingt, wirklich konzentriert länger als drei bis fünf Minuten zu lesen.
Was ist die Lösung? Nichts gegen Bücher und Worte, aber sinnvoller scheint es, das ganze Gehirn zu benutzen – also zurück zur Natur, zurück zum „kindlichen“ Lernen und zwar auf allen Ebenen!
Es geht also nicht nur darum wieder zu lernen, in Bildern und assoziativ zu denken, sondern den Menschen auch bei „geistiger Arbeit“ als Ganzes zu sehen.
Dinge wie Emotionen, Energie, Ernährung und Entspannung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Das ist der Grund dafür, dass eigentlich sinnvolle Methoden, wie zum Beispiel die Mnemotechniken der alten Griechen, oft nicht gut funktionieren – denn wer zum Beispiel die menschliche Psyche beim Lernen nicht beachtet, der wird auch mit den besten Methoden keinen großen Erfolg haben.
Lesen Sie hier den 2. Teil des Artikels.
© bei Tom Freudenthal -
www.schnellerlesenundperfektesgedaechtnis.de
Artikel erschien ursprünglich in der Zeitschrift "Natur und Heilen"
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