Übungen für alle Sinne: ein 5-Tage-Programm

Von Tania Konnerth

Viele der gängigen und herkömmlichen Kreativitäts-Methoden orientieren sich vor allem am Denken. Man könnte beinahe sagen, sie sind "verkopft". Das sinnliche Erleben bleibt meist außen vor. Dabei bieten unsere fünf Sinne eine ständig sprudelnde Quelle für unser kreatives Schaffen.

Normalerweise bevorzugen wir einen oder zwei unserer Sinne und vernachlässigen die anderen. Dadurch liegt Kreativitätspotential einfach brach. Wenn Sie aber alle Ihre fünf Sinne gezielt aktivieren und trainieren, können Sie aus einer viel größeren Fülle von Eindrücken für Ihre kreativen Arbeiten schöpfen.

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Entdecken Sie Ihre Sinne und leben Sie sinnlich

Den Begriff der Sinnlichkeit verbinden wir in erster Linie mit der Erotik. Hier erlauben wir uns auch, unsere Sinne auszuschöpfen – wir fühlen den anderen, sehen, hören, riechen und schmecken ihn. Aber in anderen Bereichen leben die meisten von uns eher sinnes-arm.

Öffnen Sie sich dafür, Ihre Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen. Wie fremd sind Ihnen z.B. die folgenden Fragen:

  • Wie schmeckt das Leben?
  • Wie riecht die Hoffnung?
  • Wie fühlt sich Energie an?
  • Welche Töne macht die Wut?
  • Wie sieht Angst aus?

Wirken diese Fragen auf Sie inspirierend oder nur fremd? Je nachdem, wie sinnlich Sie bereits leben, werden Sie etwas damit anfangen können oder entsprechend weniger. Wenn Sie an dieser Stelle Lust bekommen haben, Ihre Sinne einmal ganz intensiv zu erleben, dann starten Sie am besten gleich mit dem folgenden 5-Tage-Programm.

5 Sinne – 5 Tage: Das 5-Tage-Programm

Tipp

5 Tage zur Steigerung der Sinnlichkeit – das kommt einem Crashkurs gleich. Wer es langsamer und intensiver mag, kann aus den 5 Tagen auch 5 Wochen machen – und einfach die Übungen für einen Sinn auf eine ganze Woche ausdehnen.

 

In diesem 5-Tage-Kurs haben wir für jeden Tag einen unserer Sinne in den Mittelpunkt gestellt. Ziel ist es, dass Sie einmal nacheinander Ihre einzelnen Sinne ganz bewusst erleben und in einem zweiten Schritt auch systematisch schulen und trainieren.

Am besten nehmen Sie sich für die folgenden Tage ein schönes Notizbuch zur Hand, in das Sie Ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle und Ideen notieren. Es wäre schade, wenn da etwas verloren ginge. Und denken Sie daran, dass Sie in ein Notizbuch nicht nur schreiben können, sondern auch zeichnen und malen oder Sie können Collagen zusammenkleben, die ausdrücken, was in Ihnen ist.

1. Tag: Sehen

Tipp

Es heißt, dass der Mensch ein "Augentier" ist. Und da uns das Sehen so selbstverständlich ist, kann es eine gute Übung sein, sich einmal für eine Zeitlang die Augen zu verbinden. Registrieren Sie, wie eingeschränkt Sie plötzlich sind! Nehmen Sie wahr, welche große Bedeutung das Sehen für Sie hat. Sie werden danach Ihren Sehsinn automatisch intensiver erleben.

 

Heute stehen visuelle Reize im Vordergrund, also Farben, Formen, Licht, Schattierungen, Größenunterschiede u.ä. Hier finden Sie ganz unterschiedliche Übungen und Anregungen, mit denen Sie Ihren Sehsinn entdecken können:

  • Schauen Sie sich heute alles um sich herum ganz neugierig, unbedarft und aufmerksam an, so als hätten Sie es noch nie zuvor gesehen.
  • Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit einmal auf winzigste Details in Ihrer Umgebung. Schauen Sie sich z.B. Gegenstände des Alltags so intensiv an, dass Sie danach eine Skizze aus dem Kopf davon machen könnten. Sie werden staunen, was es da zu entdecken gibt. Ein Hinweis am Rande: gutes Zeichnen hat vor allem etwas mit dem Sehen zu tun – wer genau hinschaut, tut sich leichter, etwas abzuzeichnen.
  • Setzen Sie sich ruhig und entspannt auf einen Stuhl und nehmen Sie für einige Minuten das Bild, das Ihre Umgebung darstellt ganz bewusst wahr. Schließen Sie die Augen und lassen Sie das Bild vor Ihrer inneren Vorstellung neu entstehen. Vergleichen Sie im nachhinein, ob Sie Bestandteile vergessen haben.
  • Vergleichen Sie verschiedene Flächen, Bilder und Gegenstände miteinander. Registrieren Sie detektivisch winzigste Unregelmäßigkeiten oder Abweichungen, wie z.B. Flecke, Risse u.ä.
  • Können Sie einer Oberfläche ansehen, wie Sie sich anfühlt?
  • Suchen Sie nach "visuellen Schätzen", wie z.B. eine kleine Blume, die am Straßenrand blüht, eine alte, verwitterte Tür, hinter der sich Geheimnisvolles verbergen mag u.ä. Solche Entdeckungen können der Anfang von wundervollen Geschichten sein!
  • Suchen Sie nach größeren Farbflächen, also z.B. Tüchern, Vorhängen, bemalten Wänden oder Bildern und tauchen Sie in ganz in die jeweiligen Farben ein. Registrieren Sie, was die unterschiedlichen Farben in Ihnen auslösen. Schreiben Sie Ihre Gefühle zu den Farben auf.
  • Achten Sie auf das Licht heute – wie wirkt das Sonnenlicht (oder der bedeckte Himmel), wie die Neonröhre? Wie verändert sich das Licht über den Tag? Welches Licht löst in Ihnen welche Stimmung aus?

Fassen Sie am Ende Ihren Tag zusammen. Schreiben Sie auf, wie es Ihnen mit Ihrem Seh-Tag ergangen ist. Was war anders als sonst? Was haben Sie entdeckt? Was haben Sie genossen? Was war schwierig?

Kreativitäts-Tipp: Übertragen Sie Ihre visuellen Eindrücke in ein kreatives Produkt. Erzählen Sie eine Geschichte Ihrer visuellen Erlebnisse, indem Sie die Ausdrucksmöglichkeiten nutzen, die Ihnen liegen – also z.B. Bilder, Texte, Musikstücke, Ausdruckstanz o.ä. Versuchen Sie anderen Personen auf Ihre ganz persönliche Art mitzuteilen, was Sie gesehen haben.

2. Tag: Hören

Tipp

Die meisten von uns sind von unzähligen Geräuschen umgeben, die wir oft gar nicht mehr wahrnehmen. Schalten Sie heute einmal alle Geräuschquellen, mit denen Sie sich normalerweise umgeben, wie z.B. Radio o.ä. aus. Sie können auch für einige Zeit einmal durch Ohrenstöpsel gehörlos verbringen, um sich für das bewusste Hören zu sensibilisieren.

 

Heute konzentrieren Sie sich auf akustische Reize, also auf Musik, Klänge, Krach u.ä. Lassen Sie sich auf die folgenden Übungen ein, um heute das Hören ganz intensiv zu erleben:

  • Beginnen Sie den Tag damit, noch bevor Sie aufstehen, sich ganz auf das zu konzentrieren, was Sie hören. Welche Geräusche nehmen Sie wahr, wenn Sie mit geschlossenen Augen im Bett liegen? Wie klingt Ihr Morgen?
  • Da wir täglich von unzähligen Geräuschen umgeben sind, nehmen wir viele von ihnen gar nicht mehr wahr. Setzen Sie sich deshalb einmal ruhig hin, schließen Sie die Augen und hören Sie ganz bewusst hin, welche einzelnen Geräusche Sie umgeben. Wie viele sind es? Welche sind Ihnen zuvor noch nie aufgefallen?
  • Machen Sie sich bewusst, welche Geräusche in Ihnen welche Gefühle oder Gedanken auslösen. Auch hier ist es hilfreich, die Augen zu schließen. Was empfinden Sie z.B., wenn die U-Bahn einfährt? Oder an einer großen Kreuzung? Oder in der Natur, wenn die Vögel zwitschern?
  • Nehmen Sie auch den Klang der Stimmen und die Lautstärke wahr, in der die Menschen um Sie herum miteinander reden. Welche Stimmen mögen Sie? Welche nicht? Was lösen sie in Ihnen aus?
  • Richten Sie Ihr eigenes Musik-Konzert aus, indem Sie sich Musikstücke danach zusammenstellen, welche Stimmung oder Gefühle sie in Ihnen auslösen. Welche Musik macht Sie fröhlich? Welche traurig? Bei welcher können Sie nachdenken? Bei welcher gut einschlafen?

Fassen Sie am Ende Ihren Tag zusammen. Schreiben Sie auf, wie es Ihnen mit Ihrem Hör-Tag ergangen ist. Was war anders als sonst? Was haben Sie entdeckt? Was haben Sie genossen? Was war schwierig?

Kreativitäts-Tipp: Nutzen Sie Musik – oder für Fortgeschrittene auch andere Geräusche – ganz bewusst, um in eine Stimmung zu kommen, über die Sie schreiben können, die Sie malen oder auf eine andere Weise ausdrücken wollen.

 



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