Gute Entscheidungen – Eine Frage der Moral

moral

Ich war kürzlich bei einem Wochenendseminar in Leipzig. Nach dem ersten Seminartag telefonierte ich mit meiner Frau. Sie bat mich, am Sonntag früher nach Hause zu kommen. Meine spontane Reaktion: „Du weißt doch, dass es immer so lange dauert. Ich muss auf jeden Fall die Abschlussrunde mitmachen.“

Ich beendete das Gespräch und war über mich selbst erschrocken. Denn das Argument mit der Abschlussrunde war eine glatte Lüge. Was war geschehen?

Wenn wir Entscheidungen treffen, dann gehen wir gern davon aus, dass wir das sachlich und vernünftig tun. Getreu dem Motto „Ich denke, also bin ich“. Leider ist dem oft nicht so. Denn Psychologen haben inzwischen vielfach überzeugend nachgewiesen, dass unbewusste Prozesse unsere Entscheidungen steuern. Auch wenn wir sie anschließend für rational halten.

Gerade Situationen, in denen für uns etwas auf dem Spiel steht, lösen spontane Emotionen aus, die unser Verhalten beeinflussen. Die Folge: Wir Menschen haben eine starke Intuition entwickelt und sind enorm reaktionsschnell. Diese Fähigkeit hat es unseren Vorfahren ermöglicht, den Säbelzahntiger zu erahnen, bevor er sich auf sie stürzen konnte. In einer komplexer werdenden Welt wird aus Reaktionsschnelligkeit jedoch oft Voreiligkeit, die zu unklugen Entscheidungen führt.

Wie können wir gute Entscheidungen treffen, wenn unser Bauchgefühl mittels Guerillataktik immer wieder unsere Vernunft unterwandert?

Eine Möglichkeit hierfür liefert ausgerechnet die Psychologie der Moral.

Moral? Ist das nicht das ureigene Feld der philosophischen Vernunft, in dem tiefschürfende Betrachtungen darüber angestellt werden, was richtig und falsch ist? Nicht, wenn man dem US-amerikanischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt folgt, der davon ausgeht, dass alle Menschen von Geburt an ein moralisches Repertoire besitzen. Er beschreibt sechs sogenannte Fundamente der Moral

  • Fürsorge (das Mitgefühl für das Leiden anderer)
  • Gerechtigkeit (der Wunsch nach Fairness und die Ablehnung von Betrug)
  • Loyalität (die Verbundenheit mit der eigenen Gruppe)
  • Autorität (die begründete Akzeptanz von Hierarchie)
  • Heiligkeit (die Verehrung von tatsächlicher und spiritueller Reinheit)
  • Freiheit (die Ablehnung von Machtanmaßung)

Die Entstehung dieser moralischen Fundamente sieht Haidt in der menschlichen Evolution begründet. Jeder Mensch verfügt über die gesamte moralische Grundausstattung. Allerdings in unterschiedlicher Ausprägung und Stärke. Manche Menschen haben ein starkes Gerechtigkeitsgefühl. Andere reagieren stark im Hinblick auf Autorität oder Loyalität. Unsere sechs moralischen Fundamente sind wie sechs innere Stimmen, die sich in vielen Situationen zu Wort melden und uns sagen, was wir für richtig oder falsch halten, was wir ablehnen oder akzeptieren sollen.

Und erst, wenn wir lernen, diese Wortmeldungen zu hören, und uns die Zeit nehmen, sie mit Vernunft anzuschauen und eine Abwägung vorzunehmen, dann können wir gute Entscheidungen treffen.

Ebenso ging es mir im Gespräch mit meiner Frau. Meine spontane Ablehnung ihrer Bitte resultierte daraus, dass mein Freiheitsgefühl mir meldete: „Hier soll dein Bewegungsspielraum eingeschränkt werden. Das ist Unterdrückung!“

Während unseres Gesprächs war mir das nicht bewusst.

Aber anschließend nahm ich mir Zeit, darüber nachzudenken, welche der moralischen Fundamente in meiner Situation auch eine Rolle spielten. Neben einem starken Freiheitsdrang waren das Loyalität (gegenüber meiner Familie …) und Gerechtigkeit (ich war auch an den Wochenenden zuvor nicht zu Hause und „schuldete“ meiner Familie somit mehr Zeit).

Ich brauche einen neuen Job!

Aber welchen? Was kann ich? Was will ich? Welcher Job passt wirklich zu mir? Wo finde ich die guten Jobs? Fragen über Fragen. Antworten findest du hier: Projekt: Traumjob.

Ich entschied, dass in diesem Fall Loyalität und Gerechtigkeit wichtiger waren als mein Freiheitsdrang. Also informierte ich den Seminarleiter über meine frühere Abreise und verbrachte am Sonntag noch schöne Stunden mit meiner Familie.

Moral ist nicht nur das Feld, auf dem Gewissensentscheidungen wie das Für und Wider der Stammzellenforschung getroffen werden. Unsere moralischen Fundamente sind ganz praktisch an vielen anderen Entscheidungssituationen beteiligt. Lediglich drei Schritte sind erforderlich, um gute Entscheidungen vorzubereiten, an denen Bauch und Kopf gleichermaßen beteiligt sind:

Machen Sie sich bewusst: Auf welchen der sechs moralischen Werte (Fürsorge, Gerechtigkeit, Freiheit, Loyalität, Autorität und Heiligkeit) reagiere ich in dieser Situation spontan am stärksten?

Analysieren Sie: Welche der anderen Werte spielen für meine Entscheidung ebenfalls eine Rolle?

Wägen Sie nun ab: Welcher Wert ist mir jetzt der wichtigste?

Hilfreich ist auch, wenn Sie an die Werteabwägung eine Folgenabschätzung anschließen: Was folgt daraus, wenn ich gemäß dem mir wichtigsten Wert handle?

So können Sie Ihre Entscheidung zusätzlich bekräftigen oder haben die Möglichkeit, Ihrer Vernunft noch etwas mehr Raum zu geben und weitere Alternativen in den Blick zu nehmen.

Und so könnte Ihr Entscheidungsprozess in einer konkreten Situation ablaufen:

Angenommen, Sie beobachten, wie ein Kollege von Ihrem Chef immer wieder unangemessen kritisiert wird.

Sie sind zunehmend empört, weil Sie Ihren Gerechtigkeitssinn verletzt sehen. In der Analyse dieser Situation stellen Sie fest, dass außerdem die Aspekte von Fürsorge (Mitleid mit dem Kollegen, der extrem verunsichert und ängstlich ist), Autorität (Sie haben Vorbehalte, den Vorgesetzten offen  mit den Vorwürfen zu konfrontieren) und Freiheit (der Vorgesetzte missbraucht seine Machtstellung) eine Rolle spielen.

In der Abwägung kommen Sie zu dem Schluss, dass die Werte, die Ihnen ein aktives Eingreifen nahelegen, insbesondere Fürsorge und Gerechtigkeit, weit stärker wiegen. Sie entscheiden sich, das Mobbing des Vorgesetzten offen anzusprechen. In der Folgenabschätzung überprüfen Sie nun noch einmal, ob die Risiken Ihrer Entscheidung höher wiegen als das Einstehen für Ihre wichtigen Werte, aber auch, welche positiven Möglichkeiten sich aus Ihrer Entscheidung ergeben.

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Über Stefan Pinter

Ich coache Führungskräfte in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik und Privatpersonen (www.einfachcoaching.com). Ich unterstütze meine Klienten dabei, Klarheit über ihre Ziele zu gewinnen und diese konsequent zu verfolgen. Seit einigen Jahren beschäftige ich mich leidenschaftlich damit, was zu einem Leben "im Fluss" beiträgt. Auf diese Weise ist auch die Xing-Gruppe "Leben im Rhythmus" mit über 1.000 Mitgliedern entstanden.

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Kommentare

  • Sehr geehrter Herr Pinter,
    Menschen und Säbelzahntiger sind sich nie begegnet, weil letztere bereits längst ausgestorben waren.
    ……ich bin auch immer für einen Spaß zu haben…

    • Stefan Pinter schreibt am 8. Dezember 2014

      lt. Wikipedia sind die letzte Säbelzahntiger vor 10.000 Jahren ausgestorben. Als ich Ihren Beitrag las, war ich mir dessen aber absolut nicht sicher :-)

  • Ein guter Artikel, allerdings für mich überhaupt nicht neu- das soll aber keineswegs die Aussagekraft schmälern. Mir sind auch die sechs Fundamente der Moral bekannt- in fünf von ihnen erkenne ich mich auch wieder. Ein Fundament , die Heiligkeit, gehört nach meinen jahrelangen Erfahrungen und auch persönlichen Empfindungen absolut nicht mit in diese Gruppe. Den Grund sehe ich darin, dass Heiligkeit, Spiritualität, Glaube usw. ausschließlich anerzogen werden- sie sind keinesfalls von Geburt an vorhanden, nicht einmal ansatzweise. Ein Leben ohne Heiligkeit mit vorhandenen moralischen Fundamenten wie oben beschrieben, kann durchaus qualitativer und moralischer verlaufen, wenn ich mein eigenes Gewissen als obersten Richter anerkenne und mich mit ihm bei Insuffizienzen auseinandersetzen muss. Das ist Schwerstarbeit und wird sich bewusst nicht wiederholen. Es gibt zudem keine Reinheit, weil wir Menschen sind und keine Maschinen.
    Auch an den fünf anderen Fundamenten gibt es einiges zu bemängeln, vielleicht liegt es auch an der Übersetzung. Fürsorge z. B. ist für mich nicht nur das Mitgefühl für Leidende, denn ich gehe mit meinen Kindern und Haustieren auch sehr fürsorglich um, ohne dass diese leidend sind, usw.
    Zusammenfassend hielt und halte ich dieses Modell von J. Haidt für bedenklich und eigentlich nicht akzeptabel in dieser Form. Es steht auf sehr wackligen Beinen und sollte besser als „ein Denk- Modell“ verbreitet werden, nicht als „das Einzige“. So kommt es rüber, es stimmt aber nicht.
    Obwohl es doch schon später ist wünsche ich allen noch einen schönen Abend.

    • Stefan Pinter schreibt am 8. Dezember 2014

      Ich empfehle Ihnen sehr die Lektüre des Buches von Jonathan Haidt „The Righteous Mind“. In meinem Beitrag konnte ich die Fundamente der Moral natürlich nur verkürzt darstellen. Im Buch werde sie sehr ausführlich begründet. Spannend für mich war besonders, dass der Autor auch die Entwicklung seines eigenen Denkens über Moral beschrieben hat. Für mich hat dieses Buch das Thema Moral in einem neuen sehr praktischen Licht erscheinen lassen. So praktisch, dass ich „die Fundamente“ als Entscheidungshilfe in moralischen Fragen nutzen kann…

    • Christine schreibt am 12. Dezember 2014

      Erstaunlich: Es könnte mein Kommentar sein, wenn es mir denn gelungen wäre, meine Gedanken so kompakt wie sabivo zu formulieren. Also schließe ich mich einfach an.
      Es ist vermutlich einfacher, nach vorgegebenen festen Regeln (Geboten) zu leben, als diese aus sich heraus zu erarbeiten und umzusetzen. Insofern leistetn wohl religiöse/heilige Vorgaben einen Beitrag als Richtschnur („du sollst“/“du sollst nicht“) und sind in Anbetracht einer hemmunslosen Wertevernichtung bzw. Werteverschiebung für viele Menschen ein Strohhalm. Aber so richtig nachhaltig scheinen sie in Anbetracht von Kriegen, Mord, Leid, Scheidungen, Fremdgehen, Diebstahl, Betrug, Lügen, Vergewaltigungen usw. nicht zu sein, solange die Vorgaben nicht der eigenen Reife und Überzeugung entspringen.
      In diesem Sinne allen einen besinnlichen 3. Advent.

  • Danke für diese Sicht der Dinge!

  • Ein sehr guter Artikel, mit völlig neuen Denkanstößen. Der Gedanke der sechs Fundamente für Moral, bietet für mich ein zusätzliches Analysepotential. Vier von den genannten sechs Punkten sind bei mir überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Dafür kann ich mit zwei Punkten gar nichts anfangen. Das sind Autorität und Heiligkeit. Autorität verbinde ich nur mit Unterdrückung von Freiheit und Entfaltung. Heiligkeit in Kombination mit Autorität ( katholische Kirche oder Islam ) hat für mich mehr verbrecherisches als religiöses. Wenn ich alte Kirchen besichtige ( besonders in Italien ) kann ich aber eine gewisse Kraft spüren. Es ist so als ob die Hoffnungen und Gebete der Menschen, mit dem Mauerwerk der Kirche eine jahrtausendelange Verbindung eingegangen sind. Wenn noch Musik und Kirche eine Verbindung eingehen, dann spüre ich die genannte Kraft noch intensiver. Ein Don Kosaken Konzert in der Kirche ist für mich etwas unbeschreibliches. Ich bin eine Woche danach noch positiv geladen, so das ich mich kaum auf etwas anderes konzentrieren kann. Zusammenfassend kann ich wohl sagen das ich hohe moralische Ansprüche habe, und deshalb immer sehr schnell wütend werde, wenn ich Nachrichten höre. Ich hoffe, das ich dennoch kein Moralist bin. Dieser Begriff ist ja ziemlich negativ besetzt. Ein Moralist ist meiner Meinung nach aber jemand, dem es an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mangelt, und der sich mit Hilfe der Moral auf eine höhere Stufe stellt um andere zu bevormunden.

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