Tagebuch inkl. Videokurs Gelassenheit

Herr Kaiser

Viele erinnern sich bei „Herrn Kaiser“ vielleicht an diesen Versicherungsmenschen aus dem Werbefernsehen. Gleich vorweg: Um DEN Herrn Kaiser geht es hier nicht.

Heute möchte ich einfach mal eine Geschichte mit Ihnen teilen, die mich in letzter Zeit sehr zum Nachdenken angeregt hat.

Als ich als kleines Mädchen einem echten Herrn Kaiser begegnete, dachte ich als märchenliebendes Kind sofort an Dornröschen, König Drosselbart und all die anderen Figuren meiner Fantasiewelt. Dort gehörte ein Kaiser doch hinein. Dass die alte, etwas schäbige Kleidung nicht zu einem Kaiser passte, störte mich ebenso wenig wie die Zahnlücke im fröhlichen Lächeln des Herrn Kaiser.

Herr Kaiser wohnte auf dem Bauernhof meines Großonkels. Mit einigen anderen Männern war er gekommen, um meinen Eltern beim Umbau unseres Hauses zu helfen.

Wer damals sonst noch dabei war, weiß ich nicht mehr so genau, aber an Herrn Kaiser erinnere ich mich noch gut. Er war etwas Besonderes. Ich glaube, er war ein wenig wie wir Kinder, fast wie einer von uns. Sein Wesen und sein Lächeln schienen uns vertraut. Vielleicht war das Bemerkenswerteste, dass er uns Kindern das Gefühl gab, uns wirklich wahrzunehmen. Er hätte nie nur lapidar dahingefragt: „Na, Kinder, spielt ihr schön?“ Weil er ganz bestimmt einfach wusste, was wir spielten. Eher hat er etwas gesagt, das in unser Spiel passte. Hat auf seine Weise einfach mitgespielt und durch das, was er nebenbei von sich gab, an unseren Spielen teilgehabt. Dabei war er natürlich keiner von uns. Er war eben Herr Kaiser. Und in unserer Fantasiewelt bedeutete das, dass er dabei war und dennoch außen vor sein konnte.

Als Kind erschien es mir daher nur völlig natürlich, dass wir bei einem Besuch auf dem Bauernhof unseres Großonkels fragten: „Wo wohnen Sie, Herr Kaiser?“ Und so erfuhren wir Kinder, wie Herr Kaiser lebte.

Herr Kaiser lebte nicht direkt auf dem Hof. Wir gingen um eine kleine Scheune herum und von einem Feldweg führte ein Weg in einen Schuppen hinter der Scheune. Dort gab es nur das Nötigste: ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Regal, ich glaube eine kleine Kochecke war auch dabei … und an der Wand hing ein Bild mit Sonnenblumen. Es war ein gemaltes Bild, kein Druck. Die Farben leuchteten im Dunkel des Schuppens und verwandelten den Raum in etwas ganz Besonderes.

Heute weiß ich, dass Herr Kaiser ein sogenannter Landstreicher war, also alles andere als ein kaiserliches Leben führte. Für mich als Kind war er jedoch einfach Herr Kaiser und ich fand sein Zuhause gemütlich, schön und besonders. Es passte einfach zu ihm, vor allem das Bild mit den Sonnenblumen.

Das alles ist nun schon lange her und ich habe kaum einmal an Herrn Kaiser gedacht. Erst als wir kürzlich zu Hause über den alten Bauernhof, die Umbauphase und eben auch über Herrn Kaiser sprachen. Und wie das manchmal so ist, wenn man gerade über etwas gesprochen hat, bin ich kurz danach noch einmal auf das Thema gestoßen.

In meinem letzten Urlaub war es auf einmal so, als würde Herr Kaiser wieder vor mir stehen. Ein Landstreicher in schäbiger Kleidung, mit Zahnlücke, lächelte mich an. Ein Straßenmusiker. Er nahm seine Melodica zur Hand und spielte. Nicht unbedingt perfekt, aber erkennbar, „I did it my way …“, das so bekannte Lied von Frank Sinatra.

Auf einmal war das Bild von Herrn Kaiser wieder da, vermischte sich in meinem Kopf mit dem des Melodica-Spielers und dazu hörte ich „I did it my way …“. Die Melodie und das Bild gingen mir eine ganze Weile nicht aus dem Kopf. „My way“, das Lied, das Frank Sinatra zum Weltschlager gemacht hat und das fast jeder kennt. In dem es darum geht, sein Leben auf seine eigene Weise zu leben, seinen eigenen Weg zu gehen.

Vielleicht war es das, was mich als Kind an Herrn Kaiser berührt hat. Er war so ganz anders als alle Menschen, die ich kannte, lebte ein völlig anderes Leben. Dabei wirkte er zufrieden und fröhlich und auch sehr exotisch. Er lebte ein besonderes Leben, eben einfach auf seine Weise. Ging seinen Weg und blieb dabei offen für andere, auch für uns Kinder.

Heute ist mir natürlich klar, dass ich als Kind eine eingeschränkte Sicht hatte. Dass dieser Schuppen gemessen an den normalen Wohnverhältnissen sehr unbequem sein musste und der Lebensweg von Herrn Kaiser nach „erwachsenen“ Maßstäben wahrscheinlich beschwerlich und oftmals schwierig war. Dass er ein Leben lebte, das viele sicher als gescheitert bezeichnen würden. Und ob Herr Kaiser wirklich ein zufriedener und fröhlicher Mensch war, weiß ich natürlich auch nicht hundertprozentig.

Dennoch glaube ich, dass ich die Ausstrahlung hinter seinem Äußeren sehr gut wahrgenommen habe. Eben weil ich ein Kind war und mich nicht habe blenden lassen vom offensichtlichen Äußeren. Der Melodica-Spieler hat mich auf die Idee gebracht, dass „mein“ Herr Kaiser von früher auf mich so faszinierend gewirkt hat, weil er seinen eigenen Weg, sein Leben auf seine Weise lebte, z. B. in seiner ärmlichen Hütte und indem er ein Bild mit üppig blühenden Sonnenblumen aufhängte.

Der Song „I did it my way …“ und die beiden Herren Kaiser gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte darüber nach, dass „I did it my way …“ heißen könnte: Selbst wenn unser Leben manchmal schwierig ist, so können wir es doch zu etwas Besonderem machen. Und dadurch etwas mehr Freude und Zufriedenheit hineinbringen. Ich glaube nicht nur, aber auch durch Herrn Kaiser habe ich sehr früh gelernt, dass Freude und Zufriedenheit nicht unbedingt etwas mit großen Häusern oder guter Kleidung zu tun haben. Sondern, dass es darum geht, in seinem eigenen Leben, das manchmal auch schäbig und düster sein kann, ein Bild mit Sonnenblumen aufzuhängen oder eine Melodie zu spielen oder irgendeine andere Sache zu verändern, die einen einen Augenblick lang glücklich sein lässt.

Und für diese Erfahrung bin ich beiden Herren Kaiser sehr dankbar.

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Kommentare

  • Herzlichen Dank für diese wundervolle Geschichte … es ist eine der Geschichten, die das Leben schreibt … eine der, die ich auch so gerne erzähle … wie sie Geschichtenerzähler schon vor Jahrhunderten … Jahrtausenden erzählt haben.

    Und beim Lesen fiel mir der „Ausklang“ einer Erzählung ein … die die wahre Geschichte des „Langen Strumpfstrickers aus Eschbach“ erzählt:

    Im Abendstübchen des alten Junkernhofes zu Usingen schaut das Bild der Tochter des Strumpfstrickers und seiner mutigen Frau, liebevoll auf die Nachfahren nieder.

    „Gebt’s weiter, Kinder! Damit diese Schätze nicht verloren gehen!“

    • Theo Behringer schreibt am 25. August 2012

      Wunderbar, unvergesslich und bereichernd sind die „Kaiser“, die im Leben erscheinen. Bei uns (sieben Schäfersbuben) war es eine alte Frau, die allein in einem winzigen alten Häuschen lebte und für uns Großmutter-Ersatz war. Auf dem Weg von der Schule nach Hause durften wir bei ihr Tee trinken – und manchmal gab es Kekse dazu. Und das Ende der 50-er Jahre des letzten Jahrhunderts.
      Auch in dem Ort, in dem wir jetzt wohnen, gab es eine Frau in ärmlichen Verhältnissen. Als wir von ihr eines Abends heimgingen, sagte unsere damals achtjährige Tochter: „Gell, die Fanny ist zwar arm, aber da innen drin ganz reich.“
      Weiterer Worte bedarf es nicht!

  • Das Äußerliche zählt schon wieder viel zu sehr. Ich merke das, weil ich mich nicht nach der neuesten Mode kleide und nicht immer Zeit finde in all dem, was es zu tun gibt, meine Haare wie im Magazin zu stylen und manchmal sind meine Fuß- uns Fingernägel nicht top gefeilt und schon gar nicht lackiert. Da merke ich dann oft, wie mich Menschen in der Arbeit von Kopf bis Fuß und wieder zurück mustern und mir vermitteln, dass ich nicht gepflegt genug bin, die mit Ihrem perfekten Styling, als wäre das ein Wert auf den es wirklich ankäme! Und das in einem Arbeitsbereich, in dem es eigentlich kaum Kundenkontakt gibt, meist nur telefonisch.

    Ich finde das verrückt, diese Fixierung auf Äußerlichkeiten. Ist ja gut, wenn jemand daran Freude hat, aber als Standard?

    Ich hatte übrigens auch einen Herrn Kaiser in meiner Kindheit, einen alten Mann, der mir immer Geschichten erzählt hat von seinen Reisen und die Brosche, die er mir geschenkt hat, eine aus Email mit einer Blume gehört immer noch zu meinen schönsten Erinnerungsstücken.

    Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag und danke Nicole für diese wundervolle Geschichte

    Monika

  • Danke für diese wunderbare Geschichte. Wir kommen alle als Unikate auf die Welt – und sollten dies auch ohne wenn und aber leben und zum Ausdruck bringen. WIr werden in ein Schema eingepresst und merken nicht, wie viel Schönes an uns vorbei geht, erst durch solche Erfahrungen werden wir dann wieder „geweckt“. Frei zu sein, dankbar und zufrieden – ein wunderbares Gefühl.

  • Wunderschöne und sehr berührende Geschichte an der Du uns teilhaben läßt. Vielen lieben Dank dafür. Meine Erkenntnis wird auch immer klarer, daß „immer noch mehr haben wollen “ kein wirkliches Glück und auch keine Zufriedenheit bringt, doch das muß wohl jeder für sich selbst erkennen. Ich glaube fest daran, daß die Welt sich zu einem besseren Ort verwandelt, je mehr Menschen zu dieser Erkenntnis kommen.

    Herzliche Grüße

  • Mein Herr Kaiser hieß Pedro und war aus Ecuador.
    Er spielte jeden Tag in der Fußgängerzone eine Art Pan-flöte.

    Eines Mittag lernte ich ihn sogar persönlich kennen. Meine schrägen Eltern hatten ihn zum Essen eingeladen. Ich fand ihn zugleich gruselig und faszinierend aus demselben Grund:
    Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass ein Zigeunerleben durchaus erstrebenswert sein kann.
    Heute weiß ich, diese Erkenntnis war ein Geschenk.

    Danke für deine Geschichte Nicole, sie hat mich wieder an diese Erkenntnis erinnert!

  • Danke, dass du mit dieser Geschicht uns erinnerst, worauf es im Leben ankommt. Wir haben (materiell) zwar immer mehr, sind aber bei weitem nicht so glückich wie wir sein könnten, weil wir selten zufrieden sind.

  • Tolle Geschichte.
    Kein schwacher Trost,dieses „I did it may Way“ sondern eine in sich selbst ruhende Lebensbilanz.
    Die auch den anderen einschliessen mag mit: „he did it his Way“‚ oder „she dit it her Way“.
    In der Selbstachtung wurzelt die Achtung des Nächsten. Harmonisches Zusammenleben.

  • Und ich bin Dir Nicole dankbar für das Teilen dieser tollen und vor allem lehrreichen Geschichte von den zwei Kaisern. Zu erkennen, dass Glück, wahrer Reichtum und Wohlstand niemals irgendwo draussen zu finden ist, sondern immer bei einem selbst, ist ziemlich zentral in meiner Persönlichkeitsentwicklung.

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