Von Tania Konnerth
Stress kennen wir wahrscheinlich alle ganz gut – Stress auf der Arbeit, Stress zu Hause, Stress mit dem Partner, den Kindern und überhaupt. Aber was genau Stress ist und vor allem, was wir dagegen tun können, das wissen schon nicht mehr so viele Menschen.
Walter B. Cannon war der erste Wissenschaftler, der folgendes Phänomen im Zusammenhang mit Stress beschrieb: Unser Stammhirn oder das sogenannte "Reptiliengehirn" (das ist der stammesgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns, den evolutionstechnisch schon die ersten Reptilien hatten) reagiert reflexartig auf alles Neue. Es gibt uns die Wahl zwischen zwei Alternativen: Fliehen oder Kämpfen. Im Bruchteil einer Sekunde wird in diesem Gehirnteil eine Situation als gefährlich eingeschätzt und die Entscheidung zur Flucht oder zum Kampf getroffen. Genau hier entsteht z.B. auch der Reflex des Wegziehens unserer Hand, wenn wir uns verbrennen.
Unseren Vorfahren sicherten diese automatischen Reaktionen des Gehirns das Überleben. Wenn z.B. im Wald ein dunkler Schatten in den Augenwinkeln auftauchte, war keine Zeit mehr zu überlegen, ob es sich um ein gefährliches Raubtier handelte oder um ein harmloses Reh. Es musste sofort reagiert werden. Und auch heute erfüllt dieser Gehirnteil immer noch eine wichtige Funktion: Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden noch lange überlegen, wenn Ihnen ein Kind vors Auto läuft – im Normalfall reagieren Sie prompt mit dem Tritt auf die Bremse.
Was hat aber nun diese Gehirnreaktion mit Stress zu tun? Ganz einfach: Wenn unser Stammhirn eine Situation als gefährlich einstuft, kommt es zu einer körperlichen Stressreaktion: Herzschlag, Puls und Blutdruck erhöhen sich. Die Hände und Füße werden kalt, weil das Blut aus den Extremitäten hin in die Muskelbereiche strömt, um z.B. schneller rennen zu können. Das Gehör und das Sehvermögen werden schärfer. Zusätzlich steigt der Adrenalinspiegel im Blut, was z.B. Erneuerungs- und Wachstumsprozesse im Körper hemmt. Für solche Funktionen soll in der Gefahr keine Energie geopfert werden, sondern diese soll ganz für die Bewältigung der Situation zur Verfügung stehen. In einer ganz extremen Gefahrensituation entlehrt sich auch unser Darm, quasi um Balast abzuwerfen. Durch die Stressreaktion werden also sehr wichtige Körperfunktionen beeinflusst und auch gestört. Auf Dauer ist das nicht gesund.
Das Stammhirn kann leider wirkliche Gefahr und eine harmlose Situation nicht immer richtig unterscheiden. Alles was möglicherweise bedrohlich sein könnte, wird als Gefahr eingestuft und es kommt zu einer mehr oder weniger starken Stressreaktion. Und das genau passiert auch, wenn Sie überarbeitet sind, wenn Sie nicht wissen, wo Ihnen der Kopf steht und wenn Sie einfach zu viel zu tun haben. Genau das passiert also, wenn Sie gestresst sind.
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