Selbstannahme-Challenge

Global Picture – der Rettungsanker in der Informationsflut

global picture

Sie haben ein Fachbuch vor sich und müssen den Text verstehen, verinnerlichen, ihrem Chef präsentieren oder in einer Prüfung wiedergeben? Oder wollen Sie sich einfach nur weiterbilden, aber dafür nicht Stunden oder Tage investieren? 

In einer Welt, in der Wissen zunehmend vernetzter wird und auf Knopfdruck tausende Literaturquellen zeitgleich verfügbar sind, zählt eine Fähigkeit mehr denn je: den Überblick zu wahren. Dieser Überblick, das „Global Picture“, sind die wichtigsten Aussagen, Argumente und inneren Zusammenhänge des Textes. Wer dieses „große Ganze“ sieht, kann sich vom Text lösen, ihn leicht einordnen, nacherzählen und langfristig speichern.

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen zeigen, wie das leichter funktionieren kann und wie man Informationen effizient filtert. Denn was das Lesen normalerweise zu langatmig macht, ist unser perfektionistischer Anspruch: Man klammert sich an jedes Wort und möchte den Text zu 100 Prozent verstehen. Dies ist aber bei Fachliteratur gar nicht möglich! Um das zu verdeutlichen, sollen die Teilnehmer meines Speed-Reading-Seminars zum Beginn angeben, wie viel Prozent sie beim Lesen von Fachtexten direkt verstehen. Es sind selten mehr als 70 Prozent! Das heißt, selbst beim gründlichen Lesen können wir nicht perfekt verstehen – weil sich eben das „große Ganze“ erst nach dem Lesen, nach Kenntnis der wichtigsten Aussagen und Zusammenhänge erschließen lässt.

Der größte Lese-Irrtum

Der größte Fehler bei der Informationsaufnahme und dem Lesen ist wahrscheinlich ein lineares Konzept vom Lesen, also dass man ein Buch bzw. ein Kapitel immer von vorne bis hinten liest. Dieses „lineare“ Lesen vom Beginn bis zum Ende hat Nachteile, denn so beginnt oft eine ziellos-zähe Reise durch ein Buch. Man will alles verstehen. Bald ist der mentale Speicher voll, das Verständnis sinkt. Man hat das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Einen Text von vorn bis hinten gründlichst zu lesen ist daher keine gute Idee.

Dabei spreche ich nicht von einem Roman. Wenn Sie wissen, dass der Gärtner der Mörder ist, können Sie den Buchdeckel zuklappen. Aber wenn es um das Erarbeiten von Zahlen, Daten, Fakten oder um das Verständnis einer studien- oder praxisrelevanten Sache geht, dann ist das Buch nur Mittel zum Zweck. Es ist eine Verpackung, die wir so schnell loswerden wollen wie den Versandkarton, der den Weg zu den neuen, tollen Schuhen versperrt.

Und wenn man dann noch weiß, dass sowohl Lernstudien als auch die Alltagserfahrung zeigen, dass man sich bereits nach 24 Stunden ohnehin nur noch an 10 bis 30 Prozent des Inhalts erinnern kann, weiß man: Das gründliche Lesen ist oft Zeitverschwendung! Das Gehirn braucht ohnehin Wiederholungen, um sich Dinge einzuprägen. Besser, wir lesen den Text in mehreren Stufen: zunächst grob und flüchtig, dann zügig und filternd, dann betrachten wir nur noch die wichtigen Textstellen. Damit schaffen wir in der gleichen Zeit, in der wir sonst den Text einmal langsam und überperfektionistisch gelesen hätten, gleich drei Wiederholungen. Das Verständnis baut sich so Schicht für Schicht auf – der Text kann zudem besser und nachhaltiger gespeichert werden.

Statt linear hierarchisch lesen

Statt linear sollten wir den Text also lieber hierarchisch lesen. Das heißt, wir versuchen, zunächst die Kernaussagen und wichtigsten Informationen, Argumente oder Fakten zu bestimmen und dann erst die Details zu erschließen. Dies funktioniert über mehrere Lesedurchgänge. Dafür schlage ich folgende Schritte vor:

  1. Das erste Lesen (eher ein Blättern) dient dem Überblick und dem Vorstrukturieren der Inhalte, so dass die Details später leichter erfassbar sind. Denn unser Gehirn ist wie ein Kleiderschrank. Es passt zwar viel hinein, aber wenn wir alles einfach nur hineinstopfen, gibt es ein Chaos und wir finden nichts wieder. Lesende brauchen ebenfalls Haken, Bügel und Ablagefächer, um Informationen zu speichern. In diesem Leseschritt würde ich bereits mit einer Büroklammer die Seiten und Kapitel ausklammern, die nicht relevant erscheinen, und mit einem Bleistift einzelne Exkurse und unwichtige Passagen durchstreichen. Damit reduziert sich der Leseaufwand auch optisch sichtbar – die Motivation steigt.
  2. Im zweiten Durchgang liest man nun die relevanten Kapitel und Passagen zügig durch und markiert besonders wichtig erscheinende Textstellen. Statt dabei zurückzuspringen und lange nachzudenken, sollte man „vorwärtsorientiert“ lesen. Oft springen wir zurück, weil wir eine Aussage nicht verstehen. Doch die Erklärung findet sich oft weiter hinten im Text und man benötigt mehr Informationen und Kontext für das Verständnis. Das Zurückspringen nützt also nichts und ist reine Zeitverschwendung!
  3. Dadurch dass man in den ersten beiden Leserunden relevante Textpassagen gefunden und als solche markiert hat, sinkt die Menge des Stoffs, der nachzuvollziehen und zu lernen ist, beträchtlich. Deswegen kann man sich nun im dritten Durchgang etwas Zeit nehmen, um diese wirklich wichtigen Passagen in Ruhe zu durchdenken, diese übersichtlich zu notieren oder mit Kommilitonen bzw. Kollegen durchzusprechen. Diese Verarbeitung, Verdichtung und Visualisierung von Informationen trägt maßgeblich zum Gesamtverständnis und zur langfristigen Speicherung bei.

Folgende Fragen helfen beim Verstehen des Global Pictures  

Während wir den zweiten Leseschritt gewohnt sind und der dritte die Anwendung des Gelesenen bzw. das Notieren betrifft, fällt vielen der erste Schritt, das Vorstrukturieren schwer. Achten Sie deswegen besonders auf folgende drei Dinge:

  • Kontext (worum geht es? Zu welchem Überthema gehört dieser Inhalt? Wo und wann ist es passiert/einzuordnen? Wer sind wichtige Urheber/Vertreter/Akteure?)
  • grundlegendes Verständnis (warum ist etwas geschehen? Wie funktioniert die Sache? Was ist die logische Abfolge? Wozu braucht man diese Infos?)
  • wichtige Zusammenhänge und Teilaspekte (was sind die wichtigen Eckpfeiler, Komponenten, Aspekte und Inhalte eines Themas? Wie sind die inneren Zusammenhänge und Abhängigkeiten?)

8 Fundstellen wichtiger Informationen

In den folgenden Textstellen stecken meistens die Schlüsselinformationen, die maßgeblich zum Verständnis beitragen und sich schnell erschließen lassen:

  1. Klappentext, Vorwort und Autorenporträt vermitteln den Kontext des Buches und weisen auf Besonderheiten hin.
  2. Das Inhaltsverzeichnis ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Studieren Sie es genau! Was sind wichtige Themen? In welchem Verhältnis stehen sie? Ist ein Thema zentraler, länger, tiefer gegliedert? Was verraten die Unterpunkte?
  3. Lässt der Überblick schon eine Priorisierung zu? Gibt es Kapitel, die man gar nicht zu lesen braucht?
  4. Zentrale Dinge werden gern grafisch veranschaulicht. Blättern Sie also gern die einzelnen Kapitel wie eine Zeitschrift durch – lesen Sie all das, was Spaß macht und ins Auge springt: Überschriften, Grafiken, Bilder, Bildunterschriften. 
  5. Überfliegen Sie die Einleitungen und das Ende der Kapitel. Gibt es Zusammenfassungen?
  6. Kontrollfragen weisen auf wichtige Inhalte, Fakten und Zusammenhänge hin.
  7. Bei Fachartikeln geben Abstract, Einleitung und Diskussion, Überblick über das Ziel und die Ergebnisse der Studien. Die detaillierten Methodenbeschreibungen und Ergebnisberichte kann man sich meist sparen.
  8. In anderen Büchern, wo klare Kapiteltrennungen und Strukturen fehlen, findet man wichtige Aussagen meist dennoch entweder im ersten oder letzten Satz eines Absatzes. Im restlichen Teil eines Absatzes werden diese näher erläutert, mit Argumenten und Beispielen versehen. Wer also ein Buch durchblättert und nur jeweils den ersten oder letzten Satz eines Absatzes liest, bekommt oft einen guten Überblick über wesentliche Aussagen und den roten Faden.

Fazit

Je besser, schneller und feinmaschiger wir diese Struktur im Kopf bauen, desto mehr Details, Fakten und Verknüpfungen können wir beim zweiten Lesen daran aufhängen. Unser Textverständnis und die Erinnerung steigt damit deutlich – bei weniger Aufwand! So merkte einer meiner Studenten in meinem Schnelllese-Seminar, dass er von 300 Seiten eines englischen Fachbuchs nur 140 tatsächlich zu lesen braucht. Für die übrigen 160 Seiten Fachtext hätte er wahrscheinlich ohne dieses Vorstrukturieren beim normalen Lesetempo ungefähr 30 Stunden Lesezeit gebraucht. Stattdessen benötigte er lediglich 45 Minuten Zeitaufwand zum Vorstrukturieren und Erarbeiten des „Global Pictures“. Nicht schlecht, oder?

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Über Martin Krengel

Der Artikel beruht auf dem Buch „Bestnote: Lernerfolg verdoppeln, Prüfungangst halbieren“, in dem Martin Krengel erstmals Lernpsychologie mit praktischen Zeitmanagement- und Motivationsmethoden zu einem übersichtlichen 10-Schritt-Lernsystem fusioniert hat. Martin Krengel studierte Wirtschaft und Psychologie, ist Vortragsredner und Autor weiterer Ratgeber, z.B. der beliebten "Golden rules".
Martin Krengel gründete „Studienstrategie.de“ und möchte mit seiner Arbeit beweisen, dass es nicht Intelligenz oder Glück sind, die über unseren Erfolg entscheiden, sondern die richtigen Methoden.

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Kommentare

  • Interessanter Tip!
    Ich kenne das eher umgekehrt, wenn es darum geht, einen Text zu verfassen, der sich an eine inhomogene Gruppe von Menschen richtet, und der trotzdem fuer alle hilfreich sein soll.
    Mit einer Zusammenfassung beginnen, dann kurz skizzieren, welche Informationen im detaillierteren Teil enthalten sind, und dann erst ganz am Ende die Details, so dass sich jeder einfach das herauspicken kann, was fuer ihn wichtig ist.
    Fuer die Lektuere von Sachliteratur oder Handbuechern ist es bestimmt ein hilfreicher Ansatz, sich zunaechst die Grundlagen anzueignen, die das Verstaendnis der Details ueberhaupt erst ermoeglichen. Ein gutes Sachbuch sollte so aufgebaut sein, dass es diese Art des Lesens unterstuetzt.

  • Danke für den Artikel. Inhaltlich gibt es diese Ratschläge seit vielen Jahren, selbst vor 15 Jahren während meiner Schulzeit. Aus diesem Grund bin ich etwas enttäuscht, da ich annahm, dieser Artikel beinhaltet neue Erkenntnisse.

  • Prof. Dr. Kira Klenke schreibt am 28. Oktober 2013 Antworten

    Interessanter Artikel! Mir fehlt hier allerdings etwas, denn vor dem Lesen ist es sehr hilfreich sich ganz bewusst (s)ein Lese-Ziel setzen: „Was genau möchte ich wissen / lernen / erreichen durch das Lesen dieses Textes/ Buches / Artikels?“ Und dann kann & sollte man lesend natürlich im Text ganz gezielt dementsprechend selektieren.

  • Vielen Dank für diese tollen Tipps! Ich studiere Politikwissenschaften und habe wöchentlich mehrere hundert Seiten zu bewältigen. Ohne die richtige Strategie (so wie bisher bei mir) kommt man so ziemlich schnell in die Bredouille und schafft entweder das Pensum nicht oder verkümmert sozial.. Meist irgendwas dazwischen. Ich werde nun im neuen Semester die Tipps hier ausprobieren und bin sehr optimistisch, dass ich mein Zeitmanagement damit in den Griff kriege!

  • Sorry, habe ich da was nicht verstanden? Ihr empfehlt, einen Text dreimal durchzulesen (auch wenn es jedesmal weniger Seiten sind)?
    Damit hätte ich mein Studium heute noch nicht fertig.
    Ich lese jeden Text einmal – und schreibe mir das Wichtigste raus. Das ist effizient. Dreimal oder hundertmal lesen bringt da nicht so den großen Effekt bei mir.

  • Super Beitrag, vielen Dank!!! Passt wunderbar zu meiner Situation da ich gerade mit dem Studium begonnnen habe und auch stark dazu neige, ALLES zu lesen :)

  • …vielen Dank für diesen sehr guten und praxisorientierten Beitrag, der auf den ersten Blick nicht unbedingt zu zeitzuleben passt, aber eben auf den zweiten um so mehr. Klasse.

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