Das Brief-Experiment Teil 2: eine schwierige Beziehung loslassen

„Du hast mich verletzt.“ „Ich bin enttäuscht von dir.“ „Ich bin dafür verantwortlich, dass es dir richtig schlecht ging.“ Was passiert, wenn ich jemandem ins Gesicht sage, was ich wirklich denke? Jemandem, der mich enttäuscht hat, den ich verletzt habe oder mit dem mich noch irgendetwas Unerledigtes verbindet? Was passiert, wenn ich mit jemandem Klartext rede, ohne höflich sein zu wollen oder den anderen oder mich zu schonen? In vielen Fällen traut man sich das nicht. Und das hat oft auch sehr gute Gründe. Der andere soll nicht verletzt werden, ich will mir keine blutige Nase holen und irgendwie ist es ja auch in Ordnung, so wie es gerade ist. Aber, wenn man all das, was passiert ist und wie man sich dabei gefühlt hat, mal in einem Brief aufschreibt, In einem Brief, den man auch gar nicht abzuschicken braucht? Wenn man seinen Gedanken und Gefühlen Luft macht und dem anderen erzählt, was in einem selbst vorgeht? Was geschieht dabei? Gelingt es mir dadurch womöglich leichter, mit unerledigten Konflikten, Enttäuschungen oder Schuldgefühlen abzuschließen? Vor einigen Wochen habe ich hier angekündigt, zu dieser Frage ein Selbstexperiment zu starten. Mittlerweile habe ich mein Experiment erfolgreich durchgeführt. Die Auswertung erfolgt jetzt und hier.

Versuchsaufbau

Bevor ich Ihnen genauer erzähle, was ich mit meinem Brief-Experiment erlebt habe, hier nochmal kurz zum „Versuchsaufbau“: Folgendes hatte ich mir vorgenommen: Ich schreibe eine Liste mit 3 Personen. Personen, mit denen ich einen Konflikt hatte, von denen ich enttäuscht wurde oder die ich enttäuscht oder verletzt habe. Irgendetwas ist zwischen uns in der Vergangenheit passiert, das ich nicht mehr ändern kann, das mich aber immer noch ab und an belastet, wenn ich daran denke. Innerhalb der nächsten 2 Wochen möchte ich an alle diese 3 Personen einen Brief schreiben.  Diese Briefe sollten bestimmten Kriterien folgen.

  1. Ich beschreibe möglichst objektiv, was passiert ist. 
  2. Ich beschreibe die Gefühle, die ich dabei empfunden habe und vielleicht auch noch empfinde.
  3. Ich versuche, die Perspektive des anderen zu verstehen.
  4. Ich sage dem anderen, was ich mir jetzt wünsche.

Die Liste

Ich begann mit einer kurzen Liste. Drei Briefe wollte ich schreiben, drei Namen standen auf meiner Liste. So war es geplant. Aber Pläne funktionieren nicht immer so, wie man es sich wünscht. So ging es mir auch mit meiner Liste. Sie wurde in den folgenden Tagen immer länger. Immer wieder fiel mir jemand ein, mit dem ich noch etwas offenhatte, den ich verletzt, der mich enttäuscht oder bei dem ich auf irgendeine andere Art das Gefühl hatte, dass noch etwas unerledigt war. Die Liste wächst auch jetzt noch weiter. Nicht mehr im gleichen Tempo, aber ab und zu fällt mir noch jemand ein. Dabei habe ich festgestellt, dass es nichtmal die großen, schweren Konflikte sind, die mich auch nach vielen Jahren noch umtreiben. Viel öfter sind es Missverständnisse, unter den Teppich Gekehrtes oder Runtergeschlucktes. Erst habe ich mich etwas gescheut, wirklich alle Namen aufzuschreiben, die mir einfielen. Es wirkt nämlich, ehrlich gesagt, etwas beängstigend, wenn diese Liste wächst und wächst. Aber dann habe ich mich für meinen Mut entschieden und mir gesagt: „Okay, du ziehst das jetzt durch. Mal sehen, wo es dich hinführt.” Diese offene Haltung führte mich zu den unterschiedlichsten Menschen in meinem Leben. Darunter waren kurze, aber durchaus schwierige Begegnungen, die mir immer noch mal nachgehen. Es gibt Personen, die mittlerweile verstorben sind, mit denen mich aber noch Unerledigtes verbindet. Aber auch Menschen, bei denen ich es bedauere, sie nicht näher kennen gelernt zu haben. Die ich vielleicht mit meiner Zurückweisung vor den Kopf gestoßen habe, bei denen ich mich heute frage: Was wäre geschehen, wenn ich mich auf denjenigen eingelassen hätte?

Die Briefe

Bislang habe ich drei Briefe geschrieben. Sie richteten sich an ganz unterschiedliche Personen auf meiner Liste. Darunter jemand, von dem ich sehr enttäuscht worden bin, jemand, den ich sehr verletzt habe, und auch eine Person, die schon nicht mehr lebt, mit der ich aber noch etwas zu klären gehabt hätte. Trotz der sehr unterschiedlichen Adressaten gab es einige Erfahrungen, die ich beim Schreiben aller drei Briefe gemacht habe. Statistisch relevant ist diese Häufung natürlich nicht. Ich habe aber die starke Vermutung, dass diese Erfahrungen gar nicht so selten sind und vielleicht ja auch auf viele Menschen zutreffen können. Vielleicht ja auch auf Sie, wenn Sie für sich selbst ein Brief-Experiment durchführen. Hier meine wichtigsten Erfahrungen:

1. Die Vielfalt der Gefühle erfahren

Hatte ich zu Beginn des Briefes ein bestimmtes Gefühl oder eine spezifische Situation vor Augen, so kam ich, während ich schrieb und schrieb, hin zu anderen Gefühlen und Erlebnissen. Ich schrieb z. B. von meiner Enttäuschung, benannte, was passiert war, wie ich mich dabei gefühlt hatte, und versuchte, das Verhalten des anderen zu verstehen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, war da eine tiefe, große Dankbarkeit für all das, was uns verbunden hatte, was wir miteinander geteilt hatten. Solche und ähnliche Gefühlsveränderungen habe ich in ganz unterschiedlicher Weise bei jedem Brief erlebt. Das Schöne daran war, dass ich mich überhaupt nicht gebeutelt oder durchgeschüttelt fühlte. Die Gefühle wechselten sich ab. Als ob jemand (ich?) mit ganz ruhiger Hand in meinem eigenen Inneren herumrührte und das gerade wichtige Gefühl nach oben holte. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich innerlich ruhiger und mehr im Frieden mit dem anderen und mit mir fühlte. => Fazit: Es lohnt sich, sich auf den Schreibprozess mit aller Offenheit einzulassen. Die Gefühle und Erinnerungen, die auftauchen, zuzulassen und dann auch zu beschreiben. Und den sich Brief entwickeln zu lassen, wie es sich ergibt.

2. Verletzung, Enttäuschung, Schuld: andere Ursachen entdecken 

Beim Schreiben wurde mir stärker bewusst, was eigentlich genau für meine Gefühle verantwortlich war. Welches konkrete Verhalten des anderen hat mich z.B verletzt? Oder was genau habe ich getan, dass ich mich so schuldig fühle? Zum Teil waren das andere Dinge, als ich eigentlich vermutet hatte. Eine Zurückweisung beispielsweise muss gar nicht die Ursache für eine tiefe Verletztheit sein. Vielleicht ist es eher die Heuchelei im Vorfeld, die im Nachhinein besonders schmerzt. Das finde ich aber erst heraus, wenn ich ganz genau hinschaue, beschreibe, was genau passiert ist und welche Gefühle das bei mir ausgelöst hat. Ich lerne mich dadurch besser kennen und die manchmal diffusen Gefühle werden greifbarer. Das macht es leichter mit den schwierigen Erfahrungen zu leben, eine Enttäuschung oder Schuld zu akzeptieren. => Fazit: Es macht Sinn, bei seinen Beschreibungen im Brief präzise zu formulieren, wie das Verhalten, die Gefühle und Gedanken zusammenhängen. Also möglichst konkret zu beschreiben: „Das und das hast du getan/habe ich getan. Und das hat dazu geführt, dass ich mich verletzt/kleingemacht/schuldig fühle.“

3. Gedanken und Gefühle finden den richtigen Platz

Es tat unendlich gut, einfach mal alles aufschreiben zu können, was ich schon lange sagen wollte. Keiner hetzte mich, vor niemandem musste ich mich rechtfertigen. Der andere konnte mich nicht unterbrechen. Und ich brauchte keine Angst zu haben, den anderen zu verletzen, ich brauchte ihn nicht zu schonen oder in Watte zu packen. Ich brauchte mich nicht davor zu fürchten, selbst verletzt zu werden. Auch, wenn das, was ich zu sagen hatte, nur auf dem Papier geschah: Ich richtete mich an den anderen. Den, den die ganze Situation auch anging. Seitdem fällt es mir leichter, an diese Personen zu denken. Ich lasse mich nicht immer wieder in eine Gedankenspirale ziehen, sondern kann das Alte leichter ruhen lassen. Und ich habe die Hoffnung, dass manch Unerledigtes mit Hilfe dieses Briefes auf den Stapel „Erledigtes“ wandern kann. => Fazit: In einem Brief kein Blatt vor den Mund zu nehmen, kann helfen, innerlich loszulassen. Einfach, weil das, was ich denke und fühle, dorthin kommt, wo es hingehört. Alles ist nun gesagt und ich kann aufhören, immer und immer wieder darüber nachzudenken.

 4. Alte Wunden brechen auf

Wir alle haben alte Wunden, die schon gar nicht mehr so frisch sind. Auf denen sich Schorf oder vielleicht sogar schon eine Narbe gebildet hat. Ich war über meine Schorfkrusten eigentlich sehr froh, wollte sie gar nicht so gerne wieder ankratzen. Dennoch haben meine Briefe die ein oder andere alte Wunde wieder aufgerissen. Einfach, weil sie doch noch nicht ganz sauber waren, weil dort noch etwas Wundflüssigkeit rauswollte. Es gab noch Unerledigtes mit diesen Menschen. Deswegen standen sie auf meiner Liste. Alte Wunden aufzureißen, war zum Teil ganz schön bitter. Es tat weh, den alten Schmerz zu spüren. Oder sich mit offenem Visier seiner Schuld zu stellen. Zugleich war es aber auch zutiefst befreiend. Ich konnte und wollte nichts mehr beschönigen oder bagatellisieren. Ich warf einen ehrlichen Blick auf das, was zwischen diesem Menschen und mir geschehen war. Und das führte erstaunlicherweise dazu, dass es sich weniger schlimm anfühlte. Das, was passiert war, stand auf dem Papier. Es war so, wie es eben war. Oder zumindest, wie ich die Situation empfunden hatte. Ja, ich war enttäuscht worden. Und das tat immer noch weh. Aber mehr war es auch nicht: eine Enttäuschung unter vielen, vielen Lebenserfahrungen. Ja, ich fühlte mich schuldig. Ich hatte wirklich Mist gebaut. Aber mit Hilfe des Briefes konnte ich das, was ich getan hatte, in einem größeren Zusammenhang sehen. Ich sah den Schmerz, die Verletzung und Wut des anderen. Gleichzeitig konnte ich besser nachvollziehen, wieso ich damals anscheinend nur so handeln konnte, wie ich es getan hatte. => Fazit: Alte Wunden aufzureißen, ist zwar sehr schmerzhaft, kann sich aber lohnen. Weil man die Chance hat, sich selbst gegenüber ehrlicher zu sein. Meine Erfahrung ist: Nur, wenn ich genau hinschaue, kann ich mich umdrehen und das Alte wirklich hinter mir lassen. Und das hilft mir, mit meinen Lebenserfahrungen entspannter umzugehen.

5. Jedes Ende ist ein neuer Anfang

Wie das mit Experimenten so ist. Man macht sie nicht, um endgültig an ein Ziel zu gelangen. In den allermeisten Fällen sind sie der Ausgangspunkt für weitere Versuchsreihen. Vielleicht geht es mir da ganz ähnlich wie einem Wissenschaftler. Ich frage mich, ob ich weiter experimentieren sollte? Ob ich vielleicht ein neues Experiment starte, bei dem ich den ein oder anderen Brief abschicke? => Fazit: Wenn man ein Experiment wagt, sammelt man neue Erfahrungen, die ein guter Ausgangspunkt für weitere Erfahrungen sein können.

Forschungsergebnisse für den Alltag

Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung lassen sich im Idealfall im praktischen Alltag verwenden. So auch meine Ergebnisse aus diesem Experiment. Meine Liste wird ein fester Bestandteil meines Alltags sein. Ich bin mir sicher, dass sie immer langsamer wachsen wird, aber sicher kommt auch der ein oder andere neue Name hinzu. Ich möchte weiter Briefe schreiben. Denn diese gute Erfahrung möchte ich in meinem Alltag nicht mehr missen. Es tut gut, Unerledigtes abzuschließen und Konflikten und Verletzungen eine Stimme zu geben. Davon möchte ich mehr und deswegen werde ich auch in Zukunft Briefe schreiben. Und ich bin selbst gespannt, ob ich den ein oder anderen Brief vielleicht sogar abschicken werde. Wie ist es bei Ihnen? Vielleicht haben Sie auch schon ganz ähnliche Briefe geschrieben? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Es interessiert mich sehr zu erfahren, wie es Ihnen damit ging.

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