Das Brief-Experiment Teil 2: eine schwierige Beziehung loslassen

Der natürliche, schmerzfreie und vor allem erfolgreiche Weg zu deinem Ziel → Hier gehts lang!

„Du hast mich verletzt.“

„Ich bin enttäuscht von dir.“

„Ich bin dafür verantwortlich, dass es dir richtig schlecht ging.“

Was passiert, wenn ich jemandem ins Gesicht sage, was ich wirklich denke? Jemandem, der mich enttäuscht hat, den ich verletzt habe oder mit dem mich noch irgendetwas Unerledigtes verbindet? Was passiert, wenn ich mit jemandem Klartext rede, ohne höflich sein zu wollen oder den anderen oder mich zu schonen?

In vielen Fällen traut man sich das nicht. Und das hat oft auch sehr gute Gründe. Der andere soll nicht verletzt werden, ich will mir keine blutige Nase holen und irgendwie ist es ja auch in Ordnung, so wie es gerade ist.

Aber, wenn man all das, was passiert ist und wie man sich dabei gefühlt hat, mal in einem Brief aufschreibt, In einem Brief, den man auch gar nicht abzuschicken braucht?

Wenn man seinen Gedanken und Gefühlen Luft macht und dem anderen erzählt, was in einem selbst vorgeht?

Was geschieht dabei?

Du kannst deine Probleme lösen.

Aus eigener Kraft. Ohne Coach und Therapeut. Wie das geht, lernst du im Selbstcoaching-Programm.

Gelingt es mir dadurch womöglich leichter, mit unerledigten Konflikten, Enttäuschungen oder Schuldgefühlen abzuschließen?

Vor einigen Wochen habe ich hier angekündigt, zu dieser Frage ein Selbstexperiment zu starten. Mittlerweile habe ich mein Experiment erfolgreich durchgeführt. Die Auswertung erfolgt jetzt und hier.

Versuchsaufbau

Bevor ich Ihnen genauer erzähle, was ich mit meinem Brief-Experiment erlebt habe, hier nochmal kurz zum „Versuchsaufbau“: Folgendes hatte ich mir vorgenommen: Ich schreibe eine Liste mit 3 Personen. Personen, mit denen ich einen Konflikt hatte, von denen ich enttäuscht wurde oder die ich enttäuscht oder verletzt habe. Irgendetwas ist zwischen uns in der Vergangenheit passiert, das ich nicht mehr ändern kann, das mich aber immer noch ab und an belastet, wenn ich daran denke. Innerhalb der nächsten 2 Wochen möchte ich an alle diese 3 Personen einen Brief schreiben.  Diese Briefe sollten bestimmten Kriterien folgen.

  1. Ich beschreibe möglichst objektiv, was passiert ist. 
  2. Ich beschreibe die Gefühle, die ich dabei empfunden habe und vielleicht auch noch empfinde.
  3. Ich versuche, die Perspektive des anderen zu verstehen.
  4. Ich sage dem anderen, was ich mir jetzt wünsche.

Die Liste

Ich begann mit einer kurzen Liste. Drei Briefe wollte ich schreiben, drei Namen standen auf meiner Liste. So war es geplant. Aber Pläne funktionieren nicht immer so, wie man es sich wünscht.

So ging es mir auch mit meiner Liste. Sie wurde in den folgenden Tagen immer länger. Immer wieder fiel mir jemand ein, mit dem ich noch etwas offenhatte, den ich verletzt, der mich enttäuscht oder bei dem ich auf irgendeine andere Art das Gefühl hatte, dass noch etwas unerledigt war. Die Liste wächst auch jetzt noch weiter. Nicht mehr im gleichen Tempo, aber ab und zu fällt mir noch jemand ein. Dabei habe ich festgestellt, dass es nichtmal die großen, schweren Konflikte sind, die mich auch nach vielen Jahren noch umtreiben. Viel öfter sind es Missverständnisse, unter den Teppich Gekehrtes oder Runtergeschlucktes.

Erst habe ich mich etwas gescheut, wirklich alle Namen aufzuschreiben, die mir einfielen. Es wirkt nämlich, ehrlich gesagt, etwas beängstigend, wenn diese Liste wächst und wächst. Aber dann habe ich mich für meinen Mut entschieden und mir gesagt: „Okay, du ziehst das jetzt durch. Mal sehen, wo es dich hinführt.”

Diese offene Haltung führte mich zu den unterschiedlichsten Menschen in meinem Leben. Darunter waren kurze, aber durchaus schwierige Begegnungen, die mir immer noch mal nachgehen. Es gibt Personen, die mittlerweile verstorben sind, mit denen mich aber noch Unerledigtes verbindet. Aber auch Menschen, bei denen ich es bedauere, sie nicht näher kennen gelernt zu haben. Die ich vielleicht mit meiner Zurückweisung vor den Kopf gestoßen habe, bei denen ich mich heute frage: Was wäre geschehen, wenn ich mich auf denjenigen eingelassen hätte?

Die Briefe

Bislang habe ich drei Briefe geschrieben. Sie richteten sich an ganz unterschiedliche Personen auf meiner Liste. Darunter jemand, von dem ich sehr enttäuscht worden bin, jemand, den ich sehr verletzt habe, und auch eine Person, die schon nicht mehr lebt, mit der ich aber noch etwas zu klären gehabt hätte. Trotz der sehr unterschiedlichen Adressaten gab es einige Erfahrungen, die ich beim Schreiben aller drei Briefe gemacht habe. Statistisch relevant ist diese Häufung natürlich nicht. Ich habe aber die starke Vermutung, dass diese Erfahrungen gar nicht so selten sind und vielleicht ja auch auf viele Menschen zutreffen können. Vielleicht ja auch auf Sie, wenn Sie für sich selbst ein Brief-Experiment durchführen. Hier meine wichtigsten Erfahrungen:

1. Die Vielfalt der Gefühle erfahren

Hatte ich zu Beginn des Briefes ein bestimmtes Gefühl oder eine spezifische Situation vor Augen, so kam ich, während ich schrieb und schrieb, hin zu anderen Gefühlen und Erlebnissen. Ich schrieb z. B. von meiner Enttäuschung, benannte, was passiert war, wie ich mich dabei gefühlt hatte, und versuchte, das Verhalten des anderen zu verstehen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, war da eine tiefe, große Dankbarkeit für all das, was uns verbunden hatte, was wir miteinander geteilt hatten. Solche und ähnliche Gefühlsveränderungen habe ich in ganz unterschiedlicher Weise bei jedem Brief erlebt. Das Schöne daran war, dass ich mich überhaupt nicht gebeutelt oder durchgeschüttelt fühlte. Die Gefühle wechselten sich ab. Als ob jemand (ich?) mit ganz ruhiger Hand in meinem eigenen Inneren herumrührte und das gerade wichtige Gefühl nach oben holte. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich innerlich ruhiger und mehr im Frieden mit dem anderen und mit mir fühlte. => Fazit: Es lohnt sich, sich auf den Schreibprozess mit aller Offenheit einzulassen. Die Gefühle und Erinnerungen, die auftauchen, zuzulassen und dann auch zu beschreiben. Und den sich Brief entwickeln zu lassen, wie es sich ergibt.

2. Verletzung, Enttäuschung, Schuld: andere Ursachen entdecken 

Beim Schreiben wurde mir stärker bewusst, was eigentlich genau für meine Gefühle verantwortlich war. Welches konkrete Verhalten des anderen hat mich z.B verletzt? Oder was genau habe ich getan, dass ich mich so schuldig fühle? Zum Teil waren das andere Dinge, als ich eigentlich vermutet hatte. Eine Zurückweisung beispielsweise muss gar nicht die Ursache für eine tiefe Verletztheit sein. Vielleicht ist es eher die Heuchelei im Vorfeld, die im Nachhinein besonders schmerzt. Das finde ich aber erst heraus, wenn ich ganz genau hinschaue, beschreibe, was genau passiert ist und welche Gefühle das bei mir ausgelöst hat. Ich lerne mich dadurch besser kennen und die manchmal diffusen Gefühle werden greifbarer. Das macht es leichter mit den schwierigen Erfahrungen zu leben, eine Enttäuschung oder Schuld zu akzeptieren. => Fazit: Es macht Sinn, bei seinen Beschreibungen im Brief präzise zu formulieren, wie das Verhalten, die Gefühle und Gedanken zusammenhängen. Also möglichst konkret zu beschreiben: „Das und das hast du getan/habe ich getan. Und das hat dazu geführt, dass ich mich verletzt/kleingemacht/schuldig fühle.“

3. Gedanken und Gefühle finden den richtigen Platz

Es tat unendlich gut, einfach mal alles aufschreiben zu können, was ich schon lange sagen wollte. Keiner hetzte mich, vor niemandem musste ich mich rechtfertigen. Der andere konnte mich nicht unterbrechen. Und ich brauchte keine Angst zu haben, den anderen zu verletzen, ich brauchte ihn nicht zu schonen oder in Watte zu packen. Ich brauchte mich nicht davor zu fürchten, selbst verletzt zu werden. Auch, wenn das, was ich zu sagen hatte, nur auf dem Papier geschah: Ich richtete mich an den anderen. Den, den die ganze Situation auch anging. Seitdem fällt es mir leichter, an diese Personen zu denken. Ich lasse mich nicht immer wieder in eine Gedankenspirale ziehen, sondern kann das Alte leichter ruhen lassen. Und ich habe die Hoffnung, dass manch Unerledigtes mit Hilfe dieses Briefes auf den Stapel „Erledigtes“ wandern kann. => Fazit: In einem Brief kein Blatt vor den Mund zu nehmen, kann helfen, innerlich loszulassen. Einfach, weil das, was ich denke und fühle, dorthin kommt, wo es hingehört. Alles ist nun gesagt und ich kann aufhören, immer und immer wieder darüber nachzudenken.

 4. Alte Wunden brechen auf

Wir alle haben alte Wunden, die schon gar nicht mehr so frisch sind. Auf denen sich Schorf oder vielleicht sogar schon eine Narbe gebildet hat. Ich war über meine Schorfkrusten eigentlich sehr froh, wollte sie gar nicht so gerne wieder ankratzen. Dennoch haben meine Briefe die ein oder andere alte Wunde wieder aufgerissen. Einfach, weil sie doch noch nicht ganz sauber waren, weil dort noch etwas Wundflüssigkeit rauswollte. Es gab noch Unerledigtes mit diesen Menschen. Deswegen standen sie auf meiner Liste. Alte Wunden aufzureißen, war zum Teil ganz schön bitter. Es tat weh, den alten Schmerz zu spüren. Oder sich mit offenem Visier seiner Schuld zu stellen. Zugleich war es aber auch zutiefst befreiend. Ich konnte und wollte nichts mehr beschönigen oder bagatellisieren. Ich warf einen ehrlichen Blick auf das, was zwischen diesem Menschen und mir geschehen war. Und das führte erstaunlicherweise dazu, dass es sich weniger schlimm anfühlte. Das, was passiert war, stand auf dem Papier. Es war so, wie es eben war. Oder zumindest, wie ich die Situation empfunden hatte. Ja, ich war enttäuscht worden. Und das tat immer noch weh. Aber mehr war es auch nicht: eine Enttäuschung unter vielen, vielen Lebenserfahrungen. Ja, ich fühlte mich schuldig. Ich hatte wirklich Mist gebaut. Aber mit Hilfe des Briefes konnte ich das, was ich getan hatte, in einem größeren Zusammenhang sehen. Ich sah den Schmerz, die Verletzung und Wut des anderen. Gleichzeitig konnte ich besser nachvollziehen, wieso ich damals anscheinend nur so handeln konnte, wie ich es getan hatte. => Fazit: Alte Wunden aufzureißen, ist zwar sehr schmerzhaft, kann sich aber lohnen. Weil man die Chance hat, sich selbst gegenüber ehrlicher zu sein. Meine Erfahrung ist: Nur, wenn ich genau hinschaue, kann ich mich umdrehen und das Alte wirklich hinter mir lassen. Und das hilft mir, mit meinen Lebenserfahrungen entspannter umzugehen.

5. Jedes Ende ist ein neuer Anfang

Wie das mit Experimenten so ist. Man macht sie nicht, um endgültig an ein Ziel zu gelangen. In den allermeisten Fällen sind sie der Ausgangspunkt für weitere Versuchsreihen. Vielleicht geht es mir da ganz ähnlich wie einem Wissenschaftler. Ich frage mich, ob ich weiter experimentieren sollte? Ob ich vielleicht ein neues Experiment starte, bei dem ich den ein oder anderen Brief abschicke? => Fazit: Wenn man ein Experiment wagt, sammelt man neue Erfahrungen, die ein guter Ausgangspunkt für weitere Erfahrungen sein können.

Forschungsergebnisse für den Alltag

Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung lassen sich im Idealfall im praktischen Alltag verwenden. So auch meine Ergebnisse aus diesem Experiment. Meine Liste wird ein fester Bestandteil meines Alltags sein. Ich bin mir sicher, dass sie immer langsamer wachsen wird, aber sicher kommt auch der ein oder andere neue Name hinzu. Ich möchte weiter Briefe schreiben. Denn diese gute Erfahrung möchte ich in meinem Alltag nicht mehr missen. Es tut gut, Unerledigtes abzuschließen und Konflikten und Verletzungen eine Stimme zu geben. Davon möchte ich mehr und deswegen werde ich auch in Zukunft Briefe schreiben. Und ich bin selbst gespannt, ob ich den ein oder anderen Brief vielleicht sogar abschicken werde. Wie ist es bei Ihnen? Vielleicht haben Sie auch schon ganz ähnliche Briefe geschrieben? Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Es interessiert mich sehr zu erfahren, wie es Ihnen damit ging.

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Kommentare

  • Ich schrieb in den letzten Wochen viele Briefe um zu verarbeiten. An Menschen, die mir den Dialog verwehren. Ich glaube dass es mir darum geht, wahrgenommen zu werden. Möchte nicht schweigend hinnehmen/denken/mich entwickeln. Wie oft sagen Menschen “Warum hast Du mir das nie gesagt?”. Was ich schreibe oder sage hat nicht den Anspruch ‘richtig’ zu sein. Die Meinung anderer ist nicht ‘falsch’. Es sind einfach…meine Gedanken. Gefühle. Und es soll niemand sagen können, er oder sie habe es nicht gewusst. Positives wie negatives. Meiner Erfahrung nach kommt der Moment, dass man etwas nicht mehr sagen kann, unverhofft und ist dann eben auch mal final. Nur für mich schreibe ich Tagebuch. Einen Brief…den schreibe ich auch für den anderen. Und wie jemand 2015 bereits bemerkte: Kommunikation braucht 2. Wer nicht wissen will, wird auch einen Brief nicht lesen. Oder eine Postkarte. Aber meine Hand- die reichte ich.

  • Ich habe an eine Person, die mich sowohl seelisch als auch körperlich verletzt hat , in einem Brief meine Gedanken und Gefühle offenbart, erstmal ohne das Schreiben abzusenden.
    Ergebnis: Experiment fehlgeschlagen. Es geht mir nicht besser.

    Liebe Grüße
    Ulrike

    • Ellen

      Liebe Ulrike,

      ich antworte einfach mal.

      Das ganze ist als Prozess zu verstehen. Manchmal reicht ein Brief nicht, und/oder es geben auch noch andere DInge die passieren müssen, um loszulassen.
      Das sind so meine Erfahrungen dazu.

      Wichtig ist, ins tun zu kommen!

      Das ist Dir gelungen!

      Liebe Grüße

      Ellen

  • vielen Dank für diese reichen Kommentare!! Das Schreiben kann doch hilfreich sein, jedoch den Dialog mit dem Anderen nicht ersetzen. Dies kann auch brieflich geschehen.
    Mut zu sich selbst und Mut im Dialog zu stehen, dass ermöglicht Veränderungen, Entwicklung.
    Mehr will ich garnicht sagen, denn es ist schon so vielfältiges, wertvolles kommentiert worden. Mir haben diese Anregungen sehr gut getan!

  • Ich finde diesen Beitrag wirklich toll und habe damit auch Erfahrungen gemacht. Sowohl abgeschickt als auch nicht abgeschickt und wie eine Kommentatorin vor mir es auch schon geschrieben hat, geht es bei den Briefen wirklich immer um eine Klärung mit dem anderen? Der/die hat auch das Recht diese nicht zu wollen. Meiner Erfahrung nach geht es bei sehr vielen Dingen um eine Klärung mit uns selbst, die letzendlich dazu führt in einem oder mehreren Schritten mit anderen besser umgehen zu könnnen.

  • “Papa hat sich erschossen”, lautet der Titel eines Buchs das ich gerade lese. Mein Papa hat sich vergast. Und damit nicht genug. Ich (43) wurde ab meinem 13.Lebensjahr seelisch mißbraucht und mußte dadurch in meinem bisherigen Leben auf vieles verzichten was für andere selbstverständlich ist (z.B. Liebesbeziehungen oder eine Erwerbstätigkeit zu der man sich berufen fühlt). Während ich das Buch lese schreibe ich synchron meine Erfahrungen und augenblicklichen Gefühle auf. Ich weiß noch nicht ob ich der Autorin meine Notizen zukommen lasse. Subjektiv betrachtet glaube ich, daß ich es schwerer als sie hatte.
    Ich glaube aber auch, daß das Leid nicht umsonst war, daß mir noch eine ganz tolle Zeit bevorsteht und meine Träume war werden.

  • Hallo Nicole,

    ich finde deinen Mut Dir gegenüber klasse!

    Ob man Briefe abschickt oder nicht, das darf und sollte jeder für sich selber entscheiden dürfen. Es bedeutet auch nicht automatisch das der andere den Brief annimmt. So ist es mir passiert, Brief abgeschickt, und, kam ungeöffnet zurück…..

    Also, auch wenn man abschickt, manchmal vergisst man(Ich) dabei, das dazu 2 gehören!

    Ich habe beide Varianen in meinem Leben gemacht, und bin für die Erfahrung dankbar!

    Ich schreibe immer noch, abgeschickt habe ich nicht mehr, da ich das “ungeklärte” mit mir selber klären will!

    Einen schönen Sonntag
    Ellen

  • “Nur” sich in einem nicht abgeschickten Brief auszuko… ist so wie der alte “Sozi-Satz”der 90erJahre: “Gut, dass wir darüber geredet haben” = nichts ändert sich und schon gar nicht das Verhalten des anderen. Er hat gar keine Chance dazu…..es sei denn, er schreibt auch solche Briefe…

    Sich in Briefform, im Tagebuch oder auf den “Morgenseiten” die Seele zu reinigen ist unbedingt empfehlenswert, aber nur der erste Schritt. Damit ist der Dampf raus und man kann wohlüberlegt den wichtigeren Schritt zur Klärung und wirklichen Lösung vorbereiten und angehen: das direkte Gespräch.

    Alles andere bereitet nur den Boden für den nächsten Konflikt mit dem Anderen vor oder zum Ende der Beziehung. Nur zu schmollen und sich auszuheulen -früher bei Mamma, heute auf Papier- zeugt nicht von verantwortungsvollem, konfliktscheuendem Erwachsensein.

    Entweder ist es in gewissem Maße unfair dem anderen gegenüber, lässt es ihn doch im Dunkeln und bestärkt ihn in seinem Verhalten oder man stärkt seine eigene innere Haltung, dass man doch nicht recht hat in der Sache und man lieber sich nicht sich durchsetzen solle, weil das vielleicht Nachteile haben könnte, i.S. von: was denken denn Dritte darüber, wenn ich jetzt für mich eintrete ?

    • Petra B.

      Genau. Ich glaube auch nicht, dass der Sinn eines Briefes ist, dass der andere sich ändert. Sinn eines abschickten Briefes ist, den anderen über die eigenen Verhaltensgründe/eigenen Gefühle zu informieren.
      Um Situationen eskalieren zu lassen, braucht man zwei Seiten, die jeweils “Recht” haben wollen. Je doller eine Seite auf ihr Recht pocht, desto verfahrener die Situation. Durchsetzen heißt “unbedingt gewinnen” wollen, auch auf Kosten des “Verlierers”. Meiner Meinung nach sollte das Ziel jedoch eine Win-Win-Situation sein, denn letztendlich macht “Recht haben” einsam.
      Ich glaube, der Sinn im Briefeschreiben liegt darin, den eigenen Anteil an der Verfahrenheit der Situation erkennen zu können – insofern ist es wirklich egal, ob der Brief abgeschickt wird. Es gibt nur einen Menschen, den man ändern kann – und das ist man selbst.

      Die Wirksamkeit des Schreibens liegt wohl darin, dass der Verstand, der permanent Gefühle unterdrückt oder verdrängt, während des Schreibens abgelenkt bzw. mit Schreiben beschäftigt ist. So können unterdrückte Gefühle mal ins Bewusstsein kommen. Und bewusste Gefühle verlieren ihren Schrecken, denn sie wurden ja nur aus Angst unterdrückt….

      Viele Grüße
      Petra

  • Wie meistens spiegeln sich hier Aspekte, die alle für sich ihre Berechtigung haben. Einen unzensierten Brief schreiben, um “die Wucht” der Emotionen aus sich heraus zu bringen – und ihn dann nicht abzuschicken. Einen weiteren Brief schreiben, um nachzudenken, andere Perspektiven zu entdecken, innere und äußere Brücken zu bauen – und ihn nicht abzuschicken. Einen überlegten oder spontanen Brief zu schreiben, um ihn abzuschicken, in der Hoffnung, mit den formulierten Gedanken und Gefühlen zu “Ergebnissen” zu kommen.
    Bedenkenswert in diesem Zusammenhang sind auf alle Fälle die “Stolpersteine” auf dem Weg zu sich und “dem Anderen”. Stecken zu bleiben in der eigenen Projektion und somit den “Balken im eigenen Auge” nicht zu sehen und fühlen. Stecken zu bleiben im fehlenden Mut und der Angst vor Konsequenzen, wenn ich mich “ehrlich” äußere (welche wären das, was bedeuten sie für mich, womit kann ich “besser leben”?). Stecken zu bleiben in dem, was ich mir selbst antue, wenn ich mich nicht “gerade mache”, wenn ich die Selbstachtung in mir nicht aufrecht erhalten kann.
    All das spielt bei der jeweiligen Entscheidung eine Rolle. Das Wichtigste erscheint mir: es mir selbst recht zu machen – wie auch immer das aussieht – und mir so klar und konkret wie möglich, die sich daraus entwickelnden Konsequenzen vorzustellen. Dann bin ich auf “alles” bzw. sehr vieles vorbereitet.
    Grundsätzlich: sich hinzusetzen, einen Brief, Tagebuch o. ä. zu schreiben – zeugt schon von Respekt sich selbst – und damit dem Anderen gegenüber. Wie dieses “Experiment” dann tatsächlich ausgeht, kann ja zunächst offen bleben. Die Möglichkeit durch dieses TUN, innerlich und äußerlich “wo-anders” hin zu kommen ist gegeben, ein Plus an Begegnung garantiert, weitere Haltungen und Blickrichtungen einzunehmen > all das verschafft mehr Klarheit, “Distanz” und neue Handlungsspielräume ….. .
    Die verschiedenen Reaktionsweisen habe ich in meinem Leben zu spüren bekommen und für mich lohnt es sich stets, NICHT aus dem spontanen Impuls heraus zu handeln. Manchmal ist es einfach so – und dann ist dieses Wirklichkeit geworden > mit entsprechenden Konsequenzen, ein anderes Mal bin ich froh, dass sich mein Handeln auf dem Papier ausgelebt hat und/oder dann zu Aktionen im tatsächlichen Kontakt führt. Mein Zauberwort dazu: wie schaffe ich es, mit mir selbst im Reinen zu sein oder hinzukommen? Diese Verantwortung ist meine und dafür stehe ich und ein. Egal, wie das dann im Konkreten aussieht. Was ist es wirklich wert, um damit in den Konflikt, die Auseinandersetzung zu gehen? Was kann ich in mir klären und hat viel mehr mit mir selbst als mit dem Anderen zu tun usw. ….? Und dann noch die ganz vielen anderen Situationen, in denen “einfach das Leben” spielt ;-).

    Liebe Nicole – ich freue mich sehr über deinen Beitrag und finde ihn auch richtig gut. Eine Anregung für jede/n, sich Gedanken zu machen, wie gehe ich mit “Leichen in meinem Keller”, mit Verletzungen, Enttäuschungen, Ungerechigkeiten, Emotionen, Impulsen usw. um ….. . Gerne mehr davon: und auch genauso ehrlich und mit Tiefe.
    Einen schönen Sonntag und sehr liebe Grüße von Nele

  • Diesen Beitrag fandich sehr interessant.
    Ich selbst habe einen solchen Brief geschrieben und auch abgeschickt.
    Mir hat es in sofern weitergeholfen, darin besser zu erkennen was meine Beiträge in dem Gesamtwerk waren. Und diese auch darin dem anderen transparent zu machen.
    Und ganz viel war: ich hab es mit mir machen lassen, ich habe viel zu oft geschwiegen, ich habe nicht wirklich aufrichtig und gerade zu mir gestanden. Der andere konnte das in gewissem Sinne ausnutzen.
    Und mein Groll ist, das ich es mir selbst nur sehr schwer verzeihen kann, wie ich selbst mit mir umgegangen bin – in dem wie der andere sich mirgegenüber verhalten hat.
    So teile ich sehr die Auffassung, es geht nicht ums aufschreiben und die sich darin aufgehende Selbstbespiegelung. Es geht aus meiner Sicht um ein sich mit den anderen in Beziehung setzen, in dem ich ihn um mich und meine Angelegenheiten, Gefühle und Gedanken wissen lasse.
    Nur daraus kann etwas Neues erwachsen.
    Solange ich nur mich selbst, in mir selbst, um mich und meine Mitte Kreise habe ich -aus meiner Sicht- nichts für die Beziehung zu dem anderen produktives getan.

  • Danke für den artikel. Der kommt gerade so passend für mich. Mich quält seit Wochen eine Situation mit einer Freundin oder Kollegin, was auch immer Sie jetzt ist. Wir waren sehr gute Freunde und dann hab ich mich zurückgezogen, weil ich wegen so vielem verletzt war… ich frag mich, soll ich noch mal mit ihr reden oder besser nicht … einen Brief zu schreiben, mal nur für mich ist eine sehr gute Idee!!

    • Janette

      Hab grade so einen Brief an meine Nachbarin fertig gestellt: die hatte mich zuerst ganz dreist bei einer Sache angelogen und hat sich dann noch einen Haufen Gehässigkeiten einfallen lassen, als klar war, dass ich mitgekriegt habe, dass sie mich belogen hat. Wir wohnen Tür an Tür, aber so what?

      Das hab ich wirklich mein ganzes Leben lang noch nie gemacht: Demütigungen runtergeschluckt. War ich immer schon zu stolz für. In mir läuft dann so eine Argumentationskette ab, die mich so ganz eindringlich warnt: “Wenn du jetzt kneifst, wenn du dir das gefallen lässt und nicht reagierst, dann wird das Einfluss auf deine gesamte Persönlichkeit haben. Dann wird es dir beim nächsten Mal noch schwerer fallen, und beim übernächsten Mal noch schwerer. Und das wird dich klein und zum Spielball der anderen machen und du wirst dich selbst dafür verachten und immer wieder und wieder diese Situationen durchdenken, bis du richtig durch den Wolf gedreht bist. Und dann wirst du auch genau das und nichts Anderes verdient haben – dass sie alle auf dir rumtrampeln – Feigling der du bist!”
      Und dann denke ich: ich muss einfach. Kleinbeigeben ist keine Option. Augen zu und durch. In Wirklichkeit ist das nicht mutig – es ist nur alternativlos.
      Klingt pathetisch, wenn ich das selbst so lese, aber so ist der innere Dialog, mit dem ich mich aufstachele.

      Es haben übrigens schon einige Leute solche Briefe von mir bekommen, in denen ich ihnen ihre blinden Flecke und Bigotterien aufgezeigt habe. Zu denen allen besteht kein Kontakt mehr, aber ich habe kein bischen schlechtes Gewissen deswegen.
      Diese Ratgeberseite hier finde ich persönlich immer noch zu lasch. Im Grunde laviert sich Nicole auch um den wesentlichen Teil herum – durch das Nicht-Abschicken der Briefe.
      Man müsste sich sagen, dass man eh nie vorhat, den Brief auch wirklich abzuschicken – und ihn dann vollkommen gefühlsgeleitet mit aller Wucht schreiben. Und dann halt doch abschicken. Es hindert ja nichts, am Ende sinngemäß zu schreiben: “So fühlt es sich für mich an. Das ist die Basis auf der wir reden können.”
      Und eben nicht so wie die letzte Kommentatorin hier. Da stellen sich mir gleich die Nackenhaare auf. Die Kollegin auf n Kaffee einladen und dann mal alles zu (er-)klären versuchen? Nee. Stattdessen finden, dass einen Brief schreiben und nicht abschicken ne gute Idee ist… und die Kollegin tappt weiterhin völlig im Dunkeln, was mit der anderen überhaupt los ist und traut sich selber nicht, irgendwas anzusprechen.
      Es ist auch so ein typisches Weiberproblem, nicht den Mund aufzukriegen, wenn man verletzt wurde. Und gegen typische Weiberprobleme hab ich ja auch so eine innere Allergie. Da muss man sich mal selbst bischen überwinden und zu nem ehrlicheren offeneren Umgang mit Anderen erziehen.

  • Hallo Birgit,

    danke für deine Anregung. :-)

    Bislang sammle ich meine Briefe. Für mich passt es so. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass deine Ideen auch eine wohltuende Wirkung haben können.

    Lieben Gruß
    Nicole

  • Liebe Nicole,
    was für ein guter, mutmachender, mutiger und vor allem ehrlicher Artikel!! Vielen Dank für deine Offenheit und die guten Ideen!! Ich weiß um das befreiende Element beim Schreiben, sei es Tagebuch, Brief…., aber oft finde ich keinen Anfang, nehme mir nicht die Zeit und habe vielleicht auch Angst, was passiert!??
    Habe vor längerem meiner Mutter mal so einen Brief geschrieben, sprich einen nichtabgeschickten. Hat gut getan… Konnte alles reinpacken und Fragen stellen….
    Was machst du jetzt mit den Briefen, wenn du sie nicht abschickst? Verbrennen, in den Fluss werfen, fliegen lassen…. es gibt ja viele Möglichkeiten, um sich zu befreien :-)
    Liebe Grüße
    Birgit

  • Ja – Schreiben ist einfach richtig gut! Man kann aus sich heraussetzen, was man “auf dem Herzen” hat und kann es doch dann noch einmal mit Abstand betrachten. Anders als im direkten Gespräch…
    Vor Jahren habe ich einmal in einer sehr emotionalen Not zur selben Situation zwei! Briefe geschrieben. Den ersten voll emotional “geschrien” mit Schimpfworten und Kraftausdrücken, ohne Zensur. Dann war mir leichter ums Herz. Und dann konnte ich einen zweiten Brief schreiben (ich weiß nicht mehr. ob ich ihn wirklich abschickte), der ganz im Sinne des obigen Artikels war.
    Interessante Erfahrung!

 

Ralf Senftleben

Hallo! Schön, dass du da bist!

Ich bin Ralf und das hier ist meine Seite, Zeit zu leben. Seit 1998 schreibe und forsche ich darüber, wie wir unser Leben selbstbestimmt, kraftvoll und bewusst leben können. Wie wir herausfinden, was wir für unsere Zufriedenheit brauchen, und wie wir erreichen, was wir uns wünschen.

Aktuell lesen über 125.000 Menschen meinen wöchentlichen Newsletter, und rund 150.000 Menschen haben an meinen Selbstlernkursen und Online-Coachings teilgenommen.

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